MĂ€rz 18, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Arthur Reiters
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 188 – Januar / Februar 2021

#FehlzĂŒndungen

Die Organisation »Ein Prozent« ist mittlerweile einer der maßgeblichen Produzenten von kulturpolitischen Inhalten der sogenannten »Neuen Rechten«. Im Jahr 2020 baute »Ein Prozent« die Bandbreite an Formaten insbesondere im digitalen Raum noch einmal aus. Eine Bestandsaufnahme.

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Jonas Schick

»Ich werde die Zeit jetzt nutzen, um sie stĂ€rker in den echten Widerstand, im wirklichen Leben zu stecken. Es gibt durchaus eine Gefahr, die in den digitalen Medien steckt, sich in einen digitalen Biedermeier zurĂŒckzuziehen, nicht mehr auf die Straße zu gehen (
). Es gibt die Gefahr von uns patriotischen Aktivisten, anstatt auf die Straße zu gehen, einfach die Kamera anzumachen«. Dies verkĂŒndete der fĂŒhrende Kader der »IdentitĂ€ren Bewegung Österreich«, Martin Sellner, am 20. Juli 2020 vor rund 800 Teilnehmer*innen auf einer Kundgebung der PEGIDA in Dresden. Hintergrund der großspurigen AnkĂŒndigung wird die Löschung seiner reichweitenstarken KanĂ€le auf YouTube gewesen sein. Geblieben ist davon wenig. Nicht nur, dass von der ehemals »grĂ¶ĂŸten Jugendbewegung« Europas kaum mehr etwas wahrzunehmen ist. 2020 ist ein deutlicher RĂŒckzug ins Mediale zu beobachten – nicht zuletzt bei der Organisation »Ein Prozent«. Der eingetragene Verein wird vom Vorstand Philip Stein vertreten. Stein, Pressesprecher der »Deutschen Burschenschaft«, ist auch Inhaber des ebenfalls in Dresden ansĂ€ssigen »Jungeuropa Verlags«.
Das selbsternannte »BĂŒrgernetzwerk« gestaltet, organisiert und produziert mittlerweile eine Vielzahl medialer Formate. AngekĂŒndigt wurde bereits Ende 2019, dass »in Zukunft die unterschiedlichsten Medien, Formate und Zielgruppen bespielt werden (mĂŒssen)«. Das YouTube-Format »Laut gedacht« der beiden »IdentitĂ€ren« Alexander Kleine und Phillip Thaler wird seit Dezember 2020 im durch »Ein Prozent« finanzierten professionellen »ersten patriotischen Film­studio« aufgenommen. Neu im Programm ist Alexander Kleines eigene Sendung »Kulturlabor«, in dem er alle zwei Wochen »patriotische Gegenkultur« bespricht. Im Laufe des Jahres 2020 war bereits die »Lagebesprechung. Der Podcast zur politischen Krise« als neues Format dazugekommen. In regelmĂ€ĂŸigen Sendungen, die »Ein Prozent« gemeinsam mit dem österreichischen »Magazin fĂŒr Selbstdenker« »Freilich«, der Zeitschrift »Sezession« sowie dem »Verlag Antaios« produziert, sind diverse Vertreter*innen der »Neuen Rechten«, vor allem auch der »Alternative fĂŒr Deutschland« (AfD), zu Gast und unterhalten sich mit dem Gastgeber Jonas Schick ĂŒber verschiedene Themen. Anfangs widmete man sich der Corona-Pandemie, inzwischen ist die Lage der AfD, jugendlicher Aktivismus oder tagespolitische Themen wie die Regierungskrise in Sachsen-Anhalt auf der Agenda.

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Buch ĂŒber das “Institut fĂŒr Staatspolitik” und die Faschist*innen des 21. Jahrhunderts
erschien 2020 und ist im Buchhandel erhÀltlich.

Schick – ehemaliger Aktivist der »IdentitĂ€ren« und Ex-Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten in der Bremer BĂŒrgerschaft Frank Magnitz – knĂŒpft dabei nahtlos an seine Bremer Zeit an, zu der er den Podcast »90 Grad« produzierte. Der »Oikos Verlag«, bei dem seit Mai 2020 die Zeitschrift »Die Kehre – Zeitschrift fĂŒr Naturschutz« erscheint, hat bei »Ein Prozent« seinen Sitz. Verantwortlich fĂŒr dieses Blatt zeichnet ebenfalls Jonas Schick. Im Dezember 2020 veröffentlichte »EP Musik« das Album des RechtsRockers »Sacha Korn«. Korn war bereits 2011 auf der »Schulhof-CD« der NPD im sachsen-anhaltischen Wahlkampf vertreten. Im selben Jahr hat ihn der ehemalige sĂ€chsische NPD-Landtagsabgeordnete Arne Schimmer fĂŒr das mittlerweile eingestellte Magazin »Hier & Jetzt« interviewt. Mit »Hydra Comics« verwirklichte der ehemalige »Junge Nationalisten«-Vorsitzende und »Ein Prozent«-Mitarbeiter Michael SchĂ€fer ein persönliches Projekt. FĂŒr eine limitierte Sonderauflage der ersten Ausgabe von »Hydra Comics« gestaltete »Wolf PM« die Titelseite. Der rechte KĂŒnstler gestaltete auch das neue Studio und seine Bilder sind im Onlineshop des neonazistischen Kampfsportevents »Kampf der Nibelungen« zu sehen.

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Martin Sellner
© Presseservice Wien

Der Hype
Die bekannteste Veröffentlichung aus dem Hause »Ein Prozent« war 2020 das Computerspiel »Heimat Defender: Rebellion«, das Mitte September veröffentlicht wurde. Spieler*innen ĂŒbernehmen die Charaktere rechter Akteur*innen und sollen die Welt vor sogenannten »Non-Player-Characters« retten. Das Spiel versucht an die Welt der Gamer anzuknĂŒpfen und reagiert damit auf einen wachsenden Stellenwert von Memes, Foren und Imageboards. Es vermittelt spielerisch und niedrigschwellig antisemitische und rassistische Ideologie. Und es soll die User*innen zu eigenen Taten anstiften. In der Besprechung des Comics zum Spiel bemerkt Martin Sellner sĂŒffisant: »In diesem Spiel sind die Figuren als das ĂŒberzeichnet, was sie heute schon fast in der RealitĂ€t sind. Von einer zentralen Intelligenz gesteuerte Roboter. Und Malenki (Alexander Kleine) tut das einzig mögliche, er wirft ihnen eine Axt ins Gesicht«.
Nach den Attentaten im OEZ in MĂŒnchen 2016, im neuseelĂ€ndischen Christchurch 2018 oder Halle 2019 dĂŒrften Gamingplattformen fĂŒr die extreme Rechte an Bedeutung gewonnen haben. Hier hatten sich die AttentĂ€ter vom OEZ in MĂŒnchen 2016, im neuseelĂ€ndischen Christchurch 2018 oder in Halle 2019 radikalisiert und die Videos ihrer Taten zur Nachahmung gestreamt. Mit dem Mörder von Christchurch stand Martin Sellner mindestens per Mail in Kontakt, nach dessen Spende in Höhe von 1.500 € fĂŒr die »IdentitĂ€re Bewegung«.

Strategie oder RĂŒckzug
Mit den verschiedenen medialen Formaten – vom klassischen RechtsRock ĂŒber das Ökologie-Magazin und Politik-Podcast bis hin zu YouTube, Comics und Computerspiel – liefert »Ein Prozent« Content fĂŒr viele Alters- und Interessengruppen, die im Kampf um die Köpfe erreicht und gebunden werden sollen.
Mit der Breite der Angebote einher geht eine Zentralisierung. Die ist Folge der unter dem Dach von »Ein Prozent« fortschreitenden Professionalisierung der Medienarbeit. Mitarbeiter*innen werden bezahlt, Technik finanziert, Zeit fĂŒr die Konzeptualisierung aufgewendet. »Ein Prozent« bietet sich – mit dem ĂŒblichen Maß an SelbstgefĂ€lligkeit – an als »Powerbude des patriotischen Widerstands« und wirbt um kreative Projekte. Das hat durchaus Strategie, fĂŒr die der Name »Ein Prozent« steht: Weg von der Massenorganisation, hin zu einer kleinen, professionalisierten Kadergruppe, welche die kulturelle Hegemonie zurĂŒckgewinnen soll. Die Zusammenarbeit mit weiteren Vertreter*innen dieses Ansatzes, wie den Verlagen »Jungeuropa« oder »Antaios«, ist naheliegend. So bildet sich rund um »Ein Prozent« eine Blase, in der sich jedes Projekt auf das andere bezieht: Martin Sellner bespricht »Heimat Defender« im »Kulturlabor«, Michael SchĂ€fer stellt »Hydra Comics« im Podcast von »Jungeuropa« vor, Jonas Schick wirbt in der »Sezession« fĂŒr seine »Kehre«. Im gemeinsamen Podcast »Lagebesprechung« kommen alle zu Wort. Auf allen KanĂ€len wird so ein selbstreferenzieller Rahmen geschaffen, der die Projekte grĂ¶ĂŸer wirken lĂ€sst, als sie in Wirklichkeit sind. Eine Ă€hnliche TĂ€uschung war den »IdentitĂ€ren« gelungen – durch medienwirksame Aktionen sollte der Eindruck erweckt werden, hier sei eine neue Jugendbewegung am Werk. Faktisch haben eine Handvoll Daueraktivist*innen mit hohem Output den Laden am Laufen gehalten. Diese Zentralisierung ist jedoch nicht allein freiwillig, sondern folgt auch aus dem Wegfall von Strukturen, wie dem Hausprojekt »Flamberg« in Halle (s. drr Nr. 182) und den Strukturen der »IdentitĂ€ren Bewegung« insgesamt. Vieles, was zuvor aus verschiedenen ZusammenhĂ€ngen und an verschiedenen Orten entstand, wird heute von »Ein Prozent« in Dresden initiiert, prĂ€sentiert und finanziert. Und auch sonst ist die Selbstreferenz unumgĂ€nglich, einfach weil gerade im Kultursektor nicht viel existiert, auf das sich »Ein Prozent« sonst beziehen könnte.

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Michael SchÀfer
© Kai Budler

In der kulturellen Sackgasse
Die Fokussierung auf kulturelle Themen hatte »Ein Prozent« Ende 2019 angekĂŒndigt: »Im Sommer 2019 haben wir mit unserer Großkampagne und der gewachsenen Wahlbeobachtung unseren Teil fĂŒr die parlamentarische Wende geleistet, nun muss der Fokus wieder auf dem Ausbau des patriotischen Umfeldes liegen.« Deshalb werde das »Jahr 2020 voll im Zeichen der patriotischen Gegenkultur stehen.« Aufgabe dieser sei es, einer politischen Bewegung Stil und Haltung zu verleihen und damit eine gemeinsame IdentitĂ€t zu stiften, wie es sonst nur politische AnlĂ€sse wie Wahlen, Demonstrationen und Großereignisse vermögen. Im Gegensatz zur Subkultur schaffe Gegenkultur jedoch keine Nische, sondern »will selbst herrschende Kultur werden«.
Ob sie mit den neuen Formaten allerdings diesem Anspruch gerecht werden, darf bezweifelt werden. Erst recht, nachdem im Dezember 2020 YouTube den »Ein Prozent« Kanal sperrte. Das Videospiel »Heimat Defender« ĂŒberlebte nur eine Woche im Store der Spieleplattform Steam.




Quelle: Der-rechte-rand.de