Juni 15, 2022
Von Lower Class Magazine
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Von A-KĂŒche

Am 27.04.2022 verstarb Marcel K. an den Folgen des Polizeieinsatzes vom 20.04.2022 in Berlin Schöneweide. Die Polizei lĂŒgt und leugnet die Tat. Marcel war 39 Jahre und krank. Er hatte KrĂ€tze, oft KrampfanfĂ€lle und eine offene Wunde am Bein. Marcel trank Alkohol seitdem er 6 Jahre alt war. Er lebte auf der Straße. Oft war er in sozialen Einrichtungen untergebracht, die er aber schnell wieder verließ und in sein Kiez, nach Schöneweide, zurĂŒckehrte. Hier hatte er Freunde und fĂŒhlte sich zu Hause. Er war im Kiez bekannt, Feuerwehr, RettungskrĂ€fte und die Polizei kannten seine Krankheiten, wussten von seinem Schmerzen. NotunterkĂŒnfte mochte er nicht, hier wurde er beklaut oder durch kleine Tiere gebissen.

Sein letztes Lebensjahr begann am 22.12.21 im Krankenhaus. Wenige Tage spĂ€ter wurde er mit seiner offenen Beinverletzung aus dem Krankenhaus geschmissen. Er ging zurĂŒck in den Kiez in eine Filiale der Deutschen Bank. Dort war es warm, da waren seine Freunde. Aktivist:innen kamen vorbei, brachten warmes Essen und versorgten sein Bein. Die Wochen vergingen und oft kamen die Cops und warfen die Menschen aus der Filiale. Das Ă€rgerte ihn, denn danach war sein ganzes hab und Gut meist weg. Oft musste er auf Grund der KrampfanfĂ€lle ins Krankenhaus, das er nach einigen Tagen wieder verlassen musste. Dann beschloss die Deutsche Bank, ihre Filiale aus SicherheitsgrĂŒnden fĂŒr ihre Kund:innen ĂŒber den Winter zu schließen. Marcel saß nun tagsĂŒber in der KĂ€lte auf einer Bank und schlief mal auf einen Dachboden, in einen Hauseingang oder in einen Hinterhof. In eine Notunterkunft wollte er nie wieder, nachdem sich die Wunden der Tierbisse von dort entzĂŒndeten.

Den Aktivist:innen fiel es immer schwerer, seine Wunden auf offener Straße zu versorgen. Ins Krankenhaus wollte er nicht, denn da wurde ihm nie geholfen. In den folgenden Wochen kam es immer wieder zu kurzen Krankenhausaufenthalten, sein Bein entzĂŒndete sich immer schlimmer und er konnte kaum noch laufen. Die Polizei ging eines Nachts durch den Kiez, um obdachlose Menschen zu vertreiben. Es wurden immer weniger um ihn herum. Ende MĂ€rz 2022 saß er mit Freund:innen auf einer Bank und sie hörten im Radio einem Fußballspiel zu. Sie freuten sich schon auf warmes Essen, das, wie jeden Freitag, von Menschen aus dem Umland gekocht wurde. Plötzlich flogen Eier aus dem Wohnhaus gegenĂŒber und verfehlten Marcel nur knapp. Kurze Zeit spĂ€ter kam die Polizei und ermahnte Marcel und die anderen wegen Ruhestörung. Er war wĂŒtend, dass die Cops nicht zum Wohnhaus sind, denn man wollte ihnen mit den Eiern wehtun. Marcel hatte Hunger und die Menschen mit dem Essen kamen zum Verteilen. Doch die Bullen gingen dazwischen und erklĂ€rten ihnen “sie möchten doch bitte wo anders Essen verteilen, die wĂŒrden ja hier drauf warten und so wĂŒrde man sie ja nicht los“. Außerdem wĂ€re das jetzt eine polizeiliche Maßnahme und da wĂ€re es „eh nicht drin”. Die Menschen drehten mit dem Essen um und Marcel musste hungrig einschlafen.

Am 16.04. gab es dann eine Kundgebung gegen die VerdrĂ€ngung obdachloser Menschen in Schöneweide auf Grund dieser VorfĂ€lle. Marcel genoss den Tag, es gab warmes Essen und gute Musik, fĂŒr ihn war es eine Party. Er bedankte sich bei den Organisator:innen, besorgte eine Schachtel Pralinen fĂŒr alle. Seinen Freund:innen erzĂ€hlte er noch einen Tag spĂ€ter, dass es der schönste Tag seines Lebens war. Noch nie hatte es so eine Party fĂŒr ihn gegeben.

Am 20.4 suchte er am Abend mit zwei Freunden einen Schlafplatz. Diesmal wollten sie im Innenhof der BrĂŒckenstr.1 hinter dem Waschcenter schlafen. Sie legten sich hin, Marcel trank noch ein Schluck Bier, stellte seine Flasche hin und schlief ein. Gegen 23 Uhr, wurde er durch lautes GebrĂŒll wach. Er und seine Freunde sprangen auf. Es war die Polizei. Marcel verspĂŒrte starken Schmerz am verletzen Bein, er schrie vor Schmerz, schmiss dabei seine Flasche Bier um. Es war ein Cop, der an sein Bein zog. Seine Freunde rannten weg. Sie konnten nur aus der Ferne zusehen wie immer mehr Cops auf Marcel einschlugen, sie setzen Pfefferspray ein. Marcel lag leblos am Boden, ein Krankenwagen wurde gerufen. Marcel wurde reanimiert und ins Krankenhaus gebracht.

In der Pressemittelung der Polizei vom 21.04.2022 stand spĂ€ter: “Der alkoholisierte 39-JĂ€hrige versuchte weiter, sich den polizeilichen Maßnahmen zu entziehen, litt dann aber plötzlich unter Atemnot und verlor das Bewusstsein. Die Beamtinnen und Beamten leiteten umgehend Reanimationsmaßnahmen ein und alarmierten einen Rettungswagen. So konnte er stabilisiert werden und kam mit dem Rettungswagen zur weiteren Behandlung und stationĂ€ren Aufnahme in ein Krankenhaus.“

Aktivist:innen versuchten spÀter seinen Verbleib ausfindig zu machen. Bei Anrufen in KrankenhÀusern wurde Marcels Aufenthalt stehts verneint. Der Rettungsdienst behauptete, es hÀtte keinen Transport in ein Krankenhaus aus Schöneweide gegeben. Beim Versuch, die Tat öffentlich zu machen, wurden Aktivist:innen von der Polizei kriminalisiert. Am 2.6 erfuhren dann seine Freund:innen, dass Marcel tot ist. Er starb am 27.4.2022 an den Folgen des Polizeiangriffs vom 20.04.2022. Marcel ist Tod, die Polizei hat ihn ermordet.

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#Titelbild: Malteser Obdachlosenhilfe




Quelle: Lowerclassmag.com