Mai 31, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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quelle: criminals4freedom

Ibi hatte sich entschlossen, eine Geldstrafe wegen eines blockierten Uranzuges im Knast abzusitzen. Wie alle NeuzugĂ€nge in Schleswig Holstein musste sie 2 Wochen in QuarantĂ€ne. Der folgende Text von ihr stammt aus dieser Zeit, weshalb sie vor allem den Umgang des Knastes mit dem Virus beschreibt aber auch darauf eingeht, was es bedeutet, 23 Stunden am Tag allein in einer Zelle zu hocken – und was hilft, um die Zeit ertrĂ€glicher zu gestalten.

„Aktuell bin ich im Jugendknast Schleswig in 14-tĂ€giger QuarantĂ€ne und erlebe, was das so heißt. Hier bin ich, weil ich mich entschieden habe eine Geldstrafe von 30 TagessĂ€tzen nicht zu zahlen, nicht nur weil die Verurteilung absurd ist, sondern auch weil ich wollte, dass Knast nicht eine diffuse Angst bleibt, sondern etwas, wo ich weiß, wogegen ich KĂ€mpfe.

Verurteilt wurde ich wegen einer Ankettaktion gegen einen Atomtransport aus dem Jahr 2014 im Hamburger Hafen – mein Tatbeitrag zu Nötigung und Störung öffentlicher Betriebe war es eine Person gefĂŒttert und ein Transparent gehalten zu haben und das ich das nicht bereut habe hat vermutlich dazu gefĂŒhrt, dass sie das ĂŒber 3 Instanzen durchgezogen haben.

Nun bin ich hier, seid 10 Tagen. Geladen zum Haftantritt hatten sie mich in die JVA LĂŒbeck (fĂŒr Frauen), weil die Staatsanwaltschaft in Hamburg wohl nicht wusste, dass QuarantĂ€ne fĂŒr Frauen und Jugendliche in Schleswig Holstein in Schleswig stattfindet, also auf meine Ă€lteren Tage, ab in den Jugendknast. Vorab hatte ich im Internet nach Regelungen zu Corona und Knast in SH recherchiert und nichts gefunden bis auf den vagen Hinweis, dass es 14 Tage QuarantĂ€ne gĂ€be. Infos zu Bedingungen waren auch telefonisch kaum zu erfragen. Was sich ĂŒbrigens vor Ort fortsetzt: Direkt am Montag nach meiner Ankunft hier beantragte ich die AushĂ€ndigung der geltenden QuarantĂ€ne-Regelungen/ Verordnung fĂŒr den Justizvollzug – heute, 8 Tage spĂ€ter habe ich sie weder durch die Anstalt bekommen, noch eine Entscheidung ĂŒber den Antrag. Alles was es hier an Regeln gibt, wird (manchmal) mĂŒndlich mitgeteilt.

Die QuarantĂ€ne dauert 14 Tage. Da mittlerweile die Regelungen zur Einreise [Anmerkung C4F: Einreise nach Deutschland] anders sind (10 Tage und VerkĂŒrzung auf 5 Tage mit Test) hab ich mal beantragt, das zu verkĂŒrzen, was abgelehnt wurde weil „Gefangene auf begrenztem Raum mit fĂŒr sie fremden Mitgefangenen zusammen leben mĂŒssen“. Was das mit der LĂ€nge der QuarantĂ€ne zu tun hat erschließt sich mir zwar nicht, aber Grund ist wohl eher, dass sie es mit Gefangenen halt machen können. TatsĂ€chlich gibt ihnen das dumme Vollzugsgesetz auch sowieso das Recht, Gefangene in den ersten zwei Wochen komplett zu isolieren. Gesetze sind eben Teil des Problems, nicht der Lösung.

Was ich echt absurd finde ist, das wenn es tatsĂ€chlich ums Corona- Virus bekĂ€mpfen ginge, die Logik dahinter nicht zu finden ist. Ich habe hier noch keinen einzigen Corona-Test machen dĂŒrfen/ mĂŒssen. Weder vor noch nach dem Transport aus LĂŒbeck nach Schleswig, noch ĂŒberhaupt, Fieber gemessen wurde zweimal (weil das nichts kostet? ) – bei Einlieferung hier und einmal am Montag beim Arztbesuch. Und ein Drogentest wurde gemacht, scheint wohl die grĂ¶ĂŸere Bedrohung als Corona zu sein. Ein mir postalisch zugeschickter Schnelltest wurde natĂŒrlich beschlagnahmt.

Dann ist da noch die Sache mit den Hygiene-Bestimmungen und den Masken. Hergebracht wurde ich von Schließer*innen in SchutzanzĂŒgen (deren Kapuzen sie allerdings nicht aufsetzten) und wĂ€hrend der Fahrt trug sie auch keine Masken. Ich bekam eine FFP-2 Maske, Anweisung hier ist die aufzusetzen, sobald wer die Zelle betritt (was gar nicht so einfach ist, weil selbstverstĂ€ndlich niemand vorher klopft) und wenn ich mich im GebĂ€ude bewege (also faktisch beim Weg zum Hofgang).

Das heißt natĂŒrlich aber noch lange nicht, dass die Wachen ihre Masken tragen, tun sie wenn sie in die Zelle kommen, aber untereinander oft nicht, auch wenn sie Mindestabstand unterschreiten und auch nicht wenn ich zwischen ihnen durch muss auf dem Weg nach draußen. Aber sie Rauchen ja auch im GebĂ€ude unten, das geht nicht mit Maske


Meine erste neue Maske bekam ich ĂŒbrigens nach einer Woche. Infektionsschutz? Yeah!

Im Erlass des Ministeriums ist es ĂŒbrigens auch so geregelt, dass Schließer*innen FFP-2 Masken bekommen. Gefangene OP-Masken. Selbst da, Klassengesellschaft.

Eigentlich gibt es Wachen, die nur fĂŒr QuarantĂ€ne zustĂ€ndig sind. Wenn ich das richtig interpretiert habe, gibt es eine Tagschicht, die immer eine Woche da ist und dann 10 Stunden Schicht hat (also eine Woche immer die gleichen 2,3 Personen die uns einschließen). Trotzdem gibt es immer mal wieder Justiz-Leute die vorbeikommen und mit denen quatschen und das mit dem Mundschutz mal mehr, mal weniger genau nehmen.

Dann noch was zu den konkreten Haftbedingungen: Kein Aufschluss, Essen wird mit Plastik-Einwegbesteck und Tellern auf die Zelle gebracht, 3mal tĂ€glich. Einmal am Tag die Stunde Hofgang bekomm‘ ich, allerdings alleine, Isolation halt [
] Ich warte also immer unwahrscheinlich lange auf die eine Stunde, in der ich mal aus der Zelle komme. Sonst gibt es ein paar Dinge, welche die Isolation abmildern, die ich ehrlicherweise auch erwĂ€hnen will: Fernseher, Radio und 99 Stunden freie Telefonie aufs Festnetz mit Telefon in der Zelle. Das mit Festnetz-Nummern zu organisieren war gar nicht so einfach aber mittlerweile ist es ziemlich gut, einfach mal 4 Stunden telefonieren zu können. So ein bisschen Vor und Nachteile hat es, dass hier nichts so richtig durchorganisiert ist. So war es z.B. relativ einfach, Zeug in die Zelle zu bekommen wie BĂŒcher, aber auch Kuscheltier und Blumen und Nachschub an Marmelade oder Toilettenpapier ist recht einfach zu bekommen aber andererseits muss ich auch nach allem fragen, und sei es frische UnterwĂ€sche. In QuarantĂ€ne gibt’s nĂ€mlich nur Anstaltskleidung [
]. Sowas ist eben auch nervig. Privatkleidung darf ich nicht haben, weil die nach QuarantĂ€ne-Regelungen vernichtet werden mĂŒsste, wenn ich nach LĂŒbeck komme. Die Schließer*innen tragen schließlich auch merkwĂŒrdige blaue Einmalkleidung. Wenn‘s kalt ist, ziehen sie aber auch ihre normalen Uniformjacken an und die anderen Wachen, die vorbei kommen, haben auch normale Kleidung. Alles mehr Show und Schikane als ernst gemeinter Infektionsschutz.

Nochwas nerviges ist, das Duschen in QuarantĂ€ne nicht erlaubt ist (sagen die Schließer*innen, hab ich im mir von draußen zugeschickten Erlass aber nicht gefunden). Ich habe einen Antrag gestellt, mich duschen zu lassen, vor etwa einer Woche. Keine Reaktion bisher, ich habe also beim Vollstreckungsgericht beantragt, den Knast zu verpflichten mich duschen zu lassen. Das fĂŒhlt sich ziemlich absurd an. Besuch gibt’s natĂŒrlich auch nicht.

Wenn wer hier tatsĂ€chlich Covid-19 hĂ€tte, wĂ€r das schon sehr gut möglich, dass das lange nicht bemerkt wird und sich ĂŒber die WĂ€rter*innen ĂŒbertrĂ€gt (wobei natĂŒrlich eh wahrscheinlicher ist, das die es reintragen). WĂ€hrend ĂŒberall anders getestet wird ohne Ende, scheint es fĂŒr Tests fĂŒr Gefangene nicht zu reichen. Nur ein weiterer Beweis dafĂŒr, wie wenig die Gesellschaft das Leben von Eingesperrten schĂ€tzt. Mit „Kriminellen“ darf der Staat das eben machen. GrĂŒndlich menschenverachtend.

Hilft wohl nur: Freiheit fĂŒr alle!

Ibi, Mai 2021 Jugendknast Schleswig, QuarantĂ€neabteilung.“

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Quelle: Abc-wien.net