Mai 31, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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Diese 4 Text sind eigentlich getrennt hintereinander veröffentlicht worden.

quelle: criminals4freedom

Teil1: Von Moabit nach Wulkow: Tag der Verlegung

Kay wurde vor einigen Tagen, auf seinen Wunsch hin, aus dem Knast Moabit nach Wulkow verlegt. Die Verlegung beschreibt er folglich detailliert, sodass ein Eindruck davon entsteht, wie sie ablaufen kann.

Am 11.05.2021 ging ich mit anderen Schutzbefohlenen meiner Station TA1 C1/C2 der JVA Moabit auf die morgendliche Freistunde die um 07.20 Uhr stattfand. Draußen angekommen unterhielten wir uns und rauchten gemeinsam ein paar Zigaretten. Nach gut zwei Stunden Aufenthalt im Freien ging es unter dem BrĂŒller: „EinrĂŒcken“ wieder zurĂŒck auf Station. Ich machte mich bereit fĂŒr das Duschen. Nach einer Weile öffnete sich meine TĂŒr und ich wollte zum Duschen gehen. Die Schluse sagte: „Packen sie ihre Sachen, sie werden nach Wulkow verlegt, in dreißig Minuten komme ich wieder“. Ich trat ihm entgegen und erwiderte: „Nach 14 Monaten U-Haft geht dies nicht so schnell, ich habe viel zu packen“. Er erwiderte:“ beeilen sie sich“. Ich darauf: „Der Knasttransport wird schon nicht ohne mich fahren, außerdem bestĂŒnde der Transport nicht erst seit heute, sondern ist vermutlich seit lĂ€ngerem bekannt und wenn sich die Schlusen in Moabit nicht absprechen können und mir einen Tag vorher Bescheid geben hĂ€tten, so ist dies nicht mein Problem!“ So verging ca. eine Stunde mit Hilfe des lieb gewonnenen Hausarbeiters, bis ich fĂŒnf prall gefĂŒllte blaue SĂ€cke voll hatte. Es ging in die Hauskammer. Dort angekommen, erklĂ€rte mir der Herr:“ Alles muss aus den blauen SĂ€cken in die Kartons“. Ich dachte mir nur:“ Alter, echt jetzt, warum habe ich erst alles in die SĂ€cke gestopft, wenn es sowieso wieder ausgepackt werden muss“. Naja sei es drum. Nach ca. weiteren 45 Minuten auspacken, registrieren, einpacken und verplomben war alles in Kartons verstaut.

Zwischendurch keiften sich am Telefon meine TransportfĂŒhrerin der Berliner Fahrbereitschaft und die Hauskammer an, warum das alles so lange dauert. Die Hauskammer: „wir packen noch die Kisten mit dem Hab und Gut“. Die TransportfĂŒhrerin der Fahrbereitschaft: „es wird nur HandgepĂ€ck mitgenommen“. Die Hauskammer: „Nein, es geht alles mit“. Es ging ein paarmal so, hin und her, bis die Hauskammer wutentbrannt den Hörer aufs Telefon knallte. Ich stand da und dachte mir: „Tja das ist die Justiz, wenn die eine Abteilung die Andere nicht ab kann“. Der Hauskammerchef brachte mich persönlich zur Durchleuchtungsanlage, da mein HandgepĂ€ck durchleuchtet werden musste. Vor der TĂŒr wartend, standen dort ein Rudel Schlusen und unterhielten sich. Dazu stießen der stellvertretende Leiter der TA1 sowie Frau Martha Wedra Leiterin der TA1 der JVA Moabit. Sie schienen glĂŒcklich und erleichtert zu sein. Warum, das kann ich nicht nachvollziehen. 😉

Mein HandgepĂ€ck war fertig zur Abfahrt und wir gingen zum Hof wo der Transporter stand. Ich drehte mich noch kurz um und Ă€ußerte sinngemĂ€ĂŸ: „Frau Wedra, ich hoffe sie bearbeiten mein Schreiben und lassen die gesetzte Frist bis zum 14.05.2021 nicht wieder fruchtlos verstreichen- wo der Briefumschlag des Bundesverfassungsgericht geblieben ist, meine neue Adresse haben sie ja“. Es ging darum: Ich erhielt ein SchriftstĂŒck vom Bundesverfassungsgericht, allerdings ohne Briefumschlag. Nun wird gerĂ€tselt, ob das zuvor genannte SchriftstĂŒck via Brieftaube oder via der Eule Hedwig von Harry Potter den Weg von Karlsruhe in den Moabiter Postverteiler gefunden hat. Die Situation zwischen der Leitung Frau Anke Stein sowie Frau Martha Wedra und mir war seit Mai 2020 explosiv. Einhergehend mit der Weigerung und UnterdrĂŒckung des Artikel 5 GG sowie Artikel 10 EMRK (Presse- und Meinungs-freiheit) um die Nummer der Redaktion der Lichtblick frei geschaltet zu bekommen ĂŒber exorbi-tanten Telio Preisen, aufgedrĂŒckte ÜberprĂŒfungs-und Versiegelungskosten die der Sicherheit der JVA Moabit dienen, Augenzeugenbericht zum Mord an Ferhat Mayouf bis hin zu willkĂŒrlichen, repres-siven und menschenunwĂŒrdigen Maßnahmen mir gegenĂŒber. All dieses ließ ich nicht unbeantwortet und setzte mich fĂŒr gerechtfertigte Belange der Schutzbefohlenen ein, da auch diese mich betrafen! Beim Transporter angekommen, ging die Diskussion um mein Hab und Gut in die nĂ€chste Runde. Die junge TransportfĂŒhrerin der Justiz Fahrbereitschaft fuhr ihre Krallen aus vs. der Hauskammerchef von Moabit zog sich die Boxhandschuhe an. Gong, Ring frei.

WĂ€hrend lautstark diskutiert wurde unterhielt ich mich mit dem netten Fahrer und wir schĂŒttelten beide unsere Köpfe. Ich erhielt noch ein Lunchpaket mit zwei geschmierten Schnitten, ein Apfel und ein Liter Wasser. Der Fahrer startete den Motor, damit die Klimaanlage ihre volle Wirkung entfalten kann. Das Fahrzeug stand in der prallen Sonne und im Tacho erschien die 29 Grad Außentemperatur. Ich verspĂŒrte ein kleines HĂŒngerchen und aß den Apfel. Plötzlich stĂŒrmte die wĂŒtende Justizfurie hinein und pflaumte mich voll, warum ich in ihrem Transport kaue, Essen ist verboten und schaltete die Klimaanlage aus. Ich sagte sinngemĂ€ĂŸ: „Das Lunchpaket ist keine Deko und darf verzehrt werden, sehen sie lieber zu, dass mein Krempel an Bord kommt und wir loskönnen“. Der Fahrer schaltete erneut die Klimaanlage ein und grinste mich an. Das Resultat aus der dreißigminĂŒtigen Diskussion:“ Mein HandgepĂ€ck fand Platz sowie zwei von fĂŒnf Kartons“. Na Bravo. Der Rest wird via Transport nach geschickt. Soviel zum Thema die Behörde ist Klimafreundlich, CO2 neutral und Umweltbewusst. Mit Verlaub so wird das Nichts.

Nach ca. sechzigminĂŒtiger Fahrt via Kreuz Oranienburg und Nassenheide Ankunft in der JVA Nord-Brandenburg Teilanstalt Neuruppin Wulkow im wunderschönen Bundesland Brandenburg. Mir wurde freundlich eröffnet, da ich Strafgefangener bin besteht die Pflicht des Tragens von Anstaltskleidung. Bin darĂŒber nicht sehr erfreut aber naja. Meine Klamotten sind braun gehalten und ich sehe nun aus wie ein brauner, knuddeliger TeddybĂ€r. Nach ca. einer Stunde in der Hauskammer und Dokumentationsarbeit ging es auf die Station. Dort angekommen war ich jedoch ĂŒberrascht wie sauber, aufgerĂ€umt und großzĂŒgig die Haftsuite ist im Gegensatz zu Moabit, wo selbst schon der Betonboden bröckelte. Dies hier Ă€hnelt leicht einer KajĂŒte der FĂ€hren die ĂŒber die Ostsee schippern. Separate Nasszelle mit WC und Waschbecken abgegrenzt durch einer TĂŒr sowie einem großen Fenster. Ich fragte, ob ich meine Angehörigen anrufen könnte, dass ich sicher angekommen bin. FĂŒnfzehn Minuten spĂ€ter stand die Sozialtante vor meiner TĂŒr und bat mich zum Telefonat. Die SpĂ€tschicht gab mir auf Nachfrage sĂ€mtliche AntrĂ€ge sowie Schreibutensilien. Diese ratterte ich ab und sie wurden sogar noch bearbeitet. So erhielt ich innerhalb von ca. einer Stunde die ersehnte Teliocard um spĂ€ter mit meinen Angehörigen zu telefonieren. In Moabit nach Lust und Laune der Schlusen drei bis vierzehn Tage Bearbeitungszeit/ AushĂ€ndigung. (
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Teil 2: Von Moabit nach Wulkow: Ring frei – Knastvergleich

Heute: Kay ist, nachdem er fast ein Jahr in Moabit sitzen musste, im Knast Wulkow angekommen. Folglich ein Vergleich der KnĂ€ste. Keine Sorge: es geht Kay und uns nicht darum, Knast schön zu reden. Der Bericht spiegelt allerdings sehr gut wieder, wie sehr sich die Rahmenbedingungen innerhalb der KnĂ€ste unterscheiden können, was sich natĂŒrlich auf die LebensqualitĂ€t der Gefangenen auswirkt.

Morgen folgt ein Bericht der Eltern ĂŒber ihr erstes Wiedersehen mit Kay seit langem.

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Am 12.05.2021 hatte ich ein GesprĂ€ch mit dem Stationsleiter. Nach ca. dreißig Minuten kamen wir Beide auf einen Nenner: “Leben und leben lassen“. So sollte es unter Schlusen und Schutzbefohlenen in einer Zwangsgemeinschaft laufen. Auf meiner Suite steht ein großer Benq LED Monitor und dieser ist wiederum gekoppelt an eine Teliobox via HDMI Kabel. Die Fernbedienung ist auf einer Seite stinknormal und auf der anderen Seite befindet sich eine Computertastatur. Der Schutzbefohlene hat die Wahl zwischen drei TV Sendern und ein paar Radiosendern, dies ist kostenlos und bedarf keiner 16,43 TV Miete sowie Signal wie in Moabit. Kleinpaket fĂŒr 12,95€ ( 10 TV Sender sowie 40 Radiosender) oder das Gesamtpaket fĂŒr 15,95 € ( 50 TV Sender sowie 40 Radiosender). Die zwei kostenpflichtigen Pakete haben eine Laufzeit von 30 Tagen. Dieses Paket kann sich auch ein Schutzbefohlener mit Taschengeld leisten. Im Startbildschirm hat der Schutzbefohlene die Wahl zwischen folgenden Apps: TV/ Radio, AnkĂŒndigungen, Dokumente, Telefonie, Einstellung, Pakete und Abmeldung. Unter AnkĂŒndigungen findet der Schutzbefohlene neue Informationen ĂŒber den Vollzug. Unter Dokumente sind Informationen die den Vollzug betreffen hinterlegt. Bspw. Einkaufsliste, Protokolle der Interessenvertretung der Gefangenen, der letzten Sitzung, VergĂŒtungstabelle, Informationsblatt zur Einrichtung von Skype und vieles mehr.

Dies ist alles digitalisiert hinterlegt. Telefonie zum Telefonieren, sowie Einstellungen, Pakete und Abmeldung. Wenn der Schutzbefohlene auf dem Startbildschirm ist, blinkt oben ein großes I fĂŒr Information bzw. Benachrichtigung. Dort wird unter anderen angezeigt, was das letzte Telefonat gekostet hat, mit wem ich telefoniert habe, was die Taktung 60/60 kostet sowie mein neuer Konto-stand. So behĂ€lt der Schutzbefohlene stĂ€ndig sein Guthaben, Transaktion und Abbuchung wie das Teliokundenkonto umfasst im Blick. Einfache und simple Sache. Die Telefonie findet auch via Fernbedienung und TV GerĂ€t statt. Ich drĂŒcke das grĂŒne Telefonsymbol, gebe meine PIN sowie Rufnummer ein und telefoniert wird mittels Headset. Wie im Cockpit eines Airliners, zum Abheben. Sogar das Weltsymbol fĂŒrs Internet ist sichtbar und in greifbarer NĂ€he. Die Telefonpreise sind wie folgt: 0,04€ Deutschland Festnetz sowie 0,13€ Deutschland Handy. Zum Vergleich Moabit: 0,07- 0,10€ Deutschland Festnetz sowie 0,23€ Deutschland Handy. Das lĂ€ppert sich gewaltig. Gegessen wird hier in sogenannten Menagen. Übersichtliche Portionen aber abwechslungsreich. In Moabit gab es alle 14 Tage das Gleiche. Nur die Hauptbeilage wurde mal verĂ€ndert und geswitcht zwischen Kartoffel, KartoffelpĂŒree, Nudeln und Reis. Die QualitĂ€t in Wulkow ist deutlich besser als in Moabit. Um auf die Haftsuite zurĂŒckzukommen, so sind hier die WĂ€nde in Wulkow frei von Graffities, Tags, Schmierereien und der Putz sowie Beton bröckelt nicht wie es in Moabit der Fall ist. Moabit gleicht nun mal doch einer mittelalterlichen Festungshaft. So gibt es hier unter anderen einen vollwertigen Wasserkocher, in Moabit lediglich einen Tauchsieder. Die Dusche in Wulkow ist baulich wie in Moabit, nur frei von Schwarzschimmel und es gibt tĂ€glich heißes Wasser. Auf der anderen Seite wiederum glĂ€nzt Moabit mit drei Freistunden zu Wulkow mit lediglich einer Freistunde. Auch kann ein Strafgefangener ohne Arbeit in Moabit bis zu 140€ im Monat einkaufen, in Wulkow nur fĂŒr 40€ in Höhe des Taschengeldes. Im Gegensatz zu Moabit bietet Wulkow KĂŒhlschrĂ€nke fĂŒr alle Schutzbefohlenen und eine vollumfĂ€ngliche ausgestattete KĂŒche auf Station ist auch vorhanden. Trotz der paar negativen Punkte, die die JVA Wulkow mit sich bringt, schlĂ€gt sie dennoch eindeutig um Welten die JVA Moabit in Punkto MenschenwĂŒrde, Bediensteten Freundlichkeit sowie Kompetenz, Antragsbearbeitung, Vernetzung mit der Außenwelt und der Hygiene.

Dennoch ist nicht alles Gold was glÀnzt.

GrĂŒĂŸe aus dem staatlich geförderten Ferienlager der JVA Wulkow

Seine Angehörigen schickten noch folgende Zeilen nach:

Seine Suite hat Fussbodenheizung. Durch die Mediaanlage ist Kay in der Lage das TV Programm drei Tage zurĂŒck zu spulen und kann sich einiges nochmal ansehen. Alle verbalen Benachrichtigungen werden ĂŒber die Gegensprechanlage durch eine Melodie angekĂŒndigt. Das Essen ist abwechslungsreich und ausgewogen. Es gibt Obst, GemĂŒse, Joghurt und Magarine satt!!! Letztens bekam er am Sonntag Post gereicht. Im Jahr darf er drei Pakete erhalten. Reinigungs-und Hygieneartikel werden je nach Bedarf aufgefĂŒllt und ausgetauscht. (SpĂŒlmittel, Duschbad, Rasierer, Rasierschaum,Handseife, ZahnbĂŒrste, Zahnpasta und drei GeschirrhandtĂŒcher werden auch getauscht. Handtuch und Duschtuch sowieso). Die Schlusen sind dort entspannter, kompetenter, geschulter und sind menschlich. Sie nehmen sich Zeit!!! Alles zuvor genanntes hat und wird es niemals in Moabit geben. Es sind Welten dazwischen, obwohl es nur ein anderes Bundesland ist. Zu jeden der HĂ€user gehört ein Sportplatz und auf diesen werden nun neue festinstallierte SportgerĂ€te gebaut. Auf den VolleyballplĂ€tzen gibt es sogar einen Tartanbelag.

Insgesamt ist es besser, aber Knast ist Knast und dies finde ich immernoch Scheiße.


Teil 3: Von Moabit nach Wulkow: „Unser erster Besuch unseres Sohnes“

Heute folgt ein Bericht der Angehörigen, welche das erste Mal seit langem wieder ihren Sohn sehen konnten. Auch, wenn wir nicht alle Aussagen teilen wĂŒrden, wie beispielsweise die Unschuldsbeteuerung, veröffentlichen wir an dieser Stelle den Brief im Original und unverĂ€ndert, weil wir diese hier beschriebene EmotionalitĂ€t nicht schneiden wollen:

Um fĂŒnf Uhr morgens klingelte der Wecker und die Nacht war zu Ende, trotz unseres Urlaubs. Der ersehnte Besuch bei Kay stand bevor. Unseren KĂ€mpfer endlich mal live sehen, nach ĂŒber 14 Monaten. In der JVA Moabit klemmten wir uns die Besuche, die Voraussetzungen waren/sind dort erbĂ€rmlich und auf die Covidverordnungen nahmen/nehmen sie keine RĂŒcksicht.

Wir (mein Mann und ich) fuhren frĂŒher los, da wir die Verkehrslage um diese Zeit nicht kannten. Unsere Strecke fĂŒhrte uns durch das schöne Land Brandenburg, vorbei an satten grĂŒnen Wiesen, gelben Feldern voll Rapspflanzen. Das Wetter spielte mit, die Sonne schien und der Himmel war hellblau. Wir fuhren durch verschlafene Nester, in diesen will kein Hund begraben sein. Ich bin nun mal ein Großstadtkind und werde es bleiben. Ich schaute vertrĂ€umt aus dem Fenster vom
Beifahrersitz und ließ meine Gedanken freien Lauf. Die BĂ€ume huschten an mir nur so vorbei, ich wurde ruhiger und genoss diese EindrĂŒcke.

Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit nahmen die Baumreihen ein jĂ€hes Ende und ich sah nur grauen Beton. Die Mauern schienen mir höher zu sein, als die der damaligen Mauer um Westberlin. Meine Ruhe war dahin und in mir stieg die Wut und der Hass empor. Scheiß Knast!!
Wir verweilten noch eine knappe Stunde auf dem Parkplatz, hieß es doch wir sollten um 8.00 Uhr erst vor Ort eintreffen. Vor Ort gingen einige Menschen in den Personaleingang und grĂŒĂŸten uns freundlich. Überrascht verschlug es und die Sprache, wir nickten nur. Was ist hier los??? Von Kay seinen ErzĂ€hlungen wussten wir ja schon, dass die Schlusen dort anders ticken und noch ein Herz haben.

Nun betraten wir den Knast, kurzes GesprĂ€ch und dann hinein in die Schleuse. Krankheitsbedingt darf ich eine Begleitperson mitnehmen. Vorher bekamen wir noch InfoblĂ€tter zu Covid19 die wir ausfĂŒllen mussten und Einmalhandschuhe. Danach der Sicherheitscheck und alle verbotenen Sachen einschließen. Bei der Körpertemperaturmessung gab es ein kleines Hallo. Ich hatte erhöhte Temperatur, konnte es aber durch die gestrige Covidimpfung erklĂ€ren. Am Automat zogen wir fĂŒr Kay GetrĂ€nke und Naschzeug. Eine MĂŒnze blieb stecken und der Mitarbeiter schloss den Automaten auf und setzte diesen wieder in Gang. Die MĂŒnze bekamen wir wieder zurĂŒck und setzten unseren Einkauf fort. In Moabit den selben Vorfall damals gehabt und die dortigen Schlusen sagten uns nur, wir mĂŒssen uns an den Betreiber wenden. Handynummer steht am Automaten, wie immer geist- und sinnlos von denen. Wir mussten ja alles abgeben und hatten kein Stift und Papier bei uns. Moabit halt.

Dann ging es in den Besucherraum und dort saß unser Bengel. Wir begrĂŒĂŸten uns aus der Ferne und setzten uns hin. Innerlich zerriss es mich, Wechselbad der GefĂŒhle. Eine Mutter will ihren Sohn in den Armen halten/nehmen dĂŒrfen und ihn mal richtig knuddeln. TrĂ€nen ließen wir nicht zu, haben die Schlusen nicht verdient. Körperbeherrschung pur und nicht leicht. Er musste sich nun beeilen die mitgebrachten Waren aus dem Automaten innerhalb von einer Stunde zu verzehren. Also Speedessen und GetrĂ€nke kippen. Wir bestellten ihm liebe GrĂŒĂŸe von Allen. Er erhielt auch schon kĂ€mpferische und solidarische Post von einigen Vereinen und
Orgas. Die Typen aus Moabit schafften es sogar seine Post nachzusenden, meine war nicht dabei, warum? Keine Ahnung. War denen bestimmt zu weit links. Penner dort.

Aber wir kÀmpfen weiter gegen Guantanamo Moabit. Auch wenn Kay nicht mehr dort drinnen um sein Leben bangen muss, ist sein Kampf noch nicht vorbei. Wir beenden den Kampf und nicht der Knast!

Kay trank und stopfte sich die GummibĂ€rchen und Kekse in sich hinein und kippte seine Cola. Auf gut deutsch, fressen und saufen bis der Arzt kommt. Er darf die restlichen Artikel nicht mit in seine Suite nehmen. Zum Ende der Besuchszeit sprachen wir noch die ModalitĂ€ten fĂŒr den nĂ€chsten Besuch ab. Zum Abschied berĂŒhrten sich unsere Finger, getrennt durch die Plexiglasscheibe. Mein Mann nahm dann mal gleich die Faust. Zufrieden trennten sich unsere Wege und ich gab Kay noch mit auf dem Weg sauber zu bleiben. Nach dem Motto Leben und leben lassen. Gilt fĂŒr beide Seiten im Knast.

Alle Mitarbeiter trugen MNS oder FFP2 Maske und mein Mann bekam sogar eine neue FFP2 Maske gereicht. Beim Verlassen des GebĂ€ude war ich erst in der Lage mir diesen Knast richtig anzusehen. Eigentlich abartig darĂŒber jetzt positive Wörter zu verlieren, aber was ich sah, sah sehr gepflegt aus. WC ́s sauber, Treppenhaus und RĂ€umlichkeiten ebenso. Nichts abgewracktes wie in Moabit! Die Anlage macht einen gepflegten Eindruck, werden ja durch die Insassen gepflegt. Dennoch ist es ein Knast und auch der muss weg.

In Moabit hatte man tagtĂ€glich das GefĂŒhl, man mĂŒsse sich bei den Schlusen entschuldigen dass man lebt und ein Kind gebar, welches nun dort einsitzt. Dort spĂŒrte man, dass die Schlusen keinen Bock hatten und nur genervt waren. Auch wir als Angehörige bekamen den geballten Frust von denen ab. Zum GlĂŒck ist Kay dort raus und kann nun wieder freier atmen. Mal sehen wie sich dann dort die
Stimmung gegen ihn verÀndert wenn seine Akte aus Moabit dort eintrifft.

Auf dem RĂŒckweg grĂŒbelte ich dann nur, wie man das alles hĂ€tte verhindern können. Sein Prozess war der absolute Hammer, nur Unwahrheiten und Hirngespinste von den Richtern und dem Staatsanwalt. Wie schnell es doch geht, wenn die Justiz einen greift und dann verurteilt. Deutschland ist voll mit JustizirrtĂŒmern.

Nach wie vor bin ich der Meinung, dass die KnĂ€ste nicht mal im Ansatz die hoch gelobte Resozialisierung durchfĂŒhren. KnĂ€ste desozialisieren und zerstören Leben. Die Resozialisierung mĂŒsste namentlich in Wiederherstellung umbenannt werden und der Inhalt auf den Alltag in Freiheit angepasst werden.

Ihr zerstört Leben und vernichtet Existenzen. Leute werden in den Selbstmord getrieben oder sogar von euch gefoltert und getötet. Die medizinische Versorgung ist eh das Letzte in den KnĂ€sten, fĂŒr alles gibt es Iboprofen und damit ist es getan.
Ich hasse die Justiz, den Knast und das System!!!
Sich in andere Menschenrechtsverletzungen weltweit einmischen, ja das kann der Deutsche! Schaut lieber mal hinter diesen dicken Mauern und seht was in deutschen KnÀsten abgeht.

Mal sehen was der Knast Wulkow noch zu bieten hat und wie sich die Schlusen dort Kay gegenĂŒber verhalten. Bis jetzt um Welten besser als der Knast Moabit.
Dennoch UNSCHULDIG inhaftiert.
GrĂŒĂŸe an Alle von Kay.


Von Moabit nach Wulkow: „Die Waffen der Inhaftierten sind nun mal ein Stift und Papier.“

Heute der letzte Teit der Serie „von Moabit nach Wulkow“. Die Eltern von Kay schildern sehr offensiv ihre GefĂŒhle aus der Zeit, in der Kay in Moabit sitzen musste – was es bedeutet, eingepserrt zu sein, was es bedeutet, den Sohn nicht mehr sehen zu können, was Angehörige fĂŒhlen und wie sich der Knast auf Beziehungen auswirken kann. Und was es bedeutet zu kĂ€mpfen.

Letztes Jahr im MĂ€rz wurde unserem Sohn die Freiheit genommen. Ab sofort entschieden andere Menschen fĂŒr und ĂŒber ihn. Einen normalen Alltag gab es fĂŒr ihn und auch fĂŒr uns nicht mehr. Ab sofort ein fremdbestimmtes Leben fĂŒr den Sohn.

Die Welt, wie wir sie kannten, war zerstört.

Wir lebten aneinander vorbei und jeder von uns staunte nur, was ein Elternteil doch so aushalten kann und muss. Wir versuchten fĂŒr unseren Sohn stark zu bleiben. Aus unserer Verzweiflung entwickelte sich zum GlĂŒck sehr schnell Wut und Hass. Vertrauen in die deutsche Justiz war und ist unendlich zerrĂŒttet und wird in diesem Leben nicht mehr zu kitten sein. Wir wollen es auch nicht!

Er musste sich jeden Morgen bei uns melden, damit wir wussten er lebt noch. Makaber, aber in diesem Knast leider zur Routine geworden. Ich beendete den letzten Anruf immer mit den Worten: “ Pass auf dich auf!“

Die Insassen nennen die morgendliche Runde der Schlusen „Lebendkontrolle“, lass ich mal so unkommentiert stehen. Gedanken sind frei.

Wir suchten uns zeitnah zuverlĂ€ssige Ansprechpartner und fanden sie in Criminals for Freedom. Dort bekamen wir sehr schnell freundliche, solidarische und aufmunternde Worte. Ab diesem Zeitpunkt war uns klar, wir gehen den steinigen Weg gemeinsam und fĂŒhlten uns angenommen und wohl. Wir sind die Generation die sich schon immer behaupten und fĂŒr alles kĂ€mpfen musste. Die Chemie stimmte und wir legten los.

Zu wissen, dass unser Sohn nun 23 Stunden am Tag in einer verschlossenen Zelle ĂŒberleben muss, war fĂŒr uns kaum auszuhalten. Sehr schnell kam die hĂ€ssliche Fratze der Justiz und seinen Handlangern zum Vorschein.

Viele reden zur jetzigen Zeit ĂŒber die EinschrĂ€nkungen der Grundrechte, dabei wissen die Wenigsten, dass es diese fĂŒr die Inhaftierten im Knast kaum noch gibt. Diese Freiheiten leben die Mitarbeiter der JVA nach ihrem eigenen Ermessen aus. Sprich sie haben einen Freibrief um die Gefangenen zu sanktionieren, willkĂŒrliche repressive Maßnahmen an den Tag zulegen. Ermessensspielraum nennen sie es. Viele seiner Briefe wurden vernichtet und seine Vormelder, die er schrieb waren spurlos verschwunden. Teilweise sogar mit Ansagen der Schlusen. Wer der deutschen Sprache nicht mĂ€chtig war und ist, hat sowieso verloren. Es wird und wurde im Knast geschlagen, gefoltert und im schlimmsten Fall verlieren die Gefangenen ihr Leben.

Er fing an sich zu wehren und fĂŒr uns war dies eine Verpflichtung ihn zu unterstĂŒtzen. Gemeinsam kĂ€mpften und kĂ€mpfen wir Seite an Seite mit den unterschiedlichsten Orgas und Vereinen. Er erhielt dadurch eine Stimme nach außen. Trotz Repressionen, Folter und Sanktionen blieb er stark. Hast sich nicht biegen und brechen lassen. Seine Art und Weise machte uns stark und nun gingen und gehen wir diesen Weg gemeinsam. Durch die gelebte, lautstarke SolidaritĂ€t von den Leuten jenseits der Knastmauern schöpfte er neue Kraft und kĂ€mpfte weiter. Mit dem Knast Moabit ist er noch nicht durch, es sind noch einige Probleme, die er abarbeitet. [Anmerkung C4F: wir werden berichten]

Besuche fanden unserseits nicht statt, er sollte lieber mit seiner Freundin skypen. Die Coronainfektionsschutzverordnung wurden eh im Knast nicht eingehalten und wir hatten keine Lust uns zu infizieren. Pforte 7 ist vergleichbar mit dem Eingang zur Hölle. Dort bekamen wir jedes mal das GefĂŒhl wir mĂŒssen uns entschuldigen fĂŒr unser Kind. Der WĂ€schewechsel war dort immer spannend, man wusste nie wie die Launen der Typen dort waren und was sie sich wieder einfallen lassen wĂŒrden. Ewig stehen lassen vor dem Ausgang im Hof war das kleinere Übel. Einfach nur abartig. Beschwerden per Mail wurden seitens der Leitung immer ignoriert.

WĂ€hrend seiner 14 Monate in diesem Knast musste er erleben, wie zwei Menschen ihr Leben verloren haben. (Dunkelziffer könnte höher sein) WĂ€re die deutsche Justiz und ihre Mitarbeiter ihrer Arbeit anstĂ€ndig nachgegangen, hĂ€tten Beide noch leben können. Dank seiner Ausbildungen war er in der Lage die Rettungskette beim Versuch Ferhat M. zu retten zu erkennen. Durch GesprĂ€che mit Inhaftierten kam dann das Unvorstellbare ans Tageslicht. Der SolidaritĂ€t der Gefangenen untereinander ist es zu verdanken, dass das grausame Erlebnis an die Öffentlichkeit gelangte. Die Repressalien danach ertrug er mit Stolz und WĂŒrde.

Er hat diesen tödlichen Knast mit erhobenem Haupt verlassen und wir sind stolz auf ihn.

Sein Kampf geht weiter und er weiß, er ist nicht alleine!
Dieses gibt ihm Kraft zum Durchhalten und dadurch stÀrkt er uns. Wir sind im Herzen mit ihm verbunden.

So haben wir unseren Bengel erzogen, er gibt uns aus dem Knast die Kraft weiter durchzuhalten. Er hat in diesen Knast Moabit seine Spuren hinterlassen und die anderen Gefangenen haben mitbekommen und erkannt, wie man sich wehren kann.
Die Waffen der Inhaftierten sind nun mal ein Stift und Papier.

Wir danken dir, deine Eltern.

Anmerkung C4F: Auch wir wollen uns an dieser Stelle bei den Eltern und natĂŒrlich bei Kay bedanken! Ohne euch wĂ€re einiges nicht möglich gewesen, viele Informationen, Dreistigkeiten des Knastes und Taten, die sie verschweigen wollen, wie die Ermordung von Ferhat Mayouf, hĂ€tten den Knast niemals verlassen. Wir werden weiterhin Seite an Seite, gegen KnĂ€ste und den Staat, kĂ€mpfen!

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Quelle: Abc-wien.net