Februar 15, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Lucius Teidelbaum
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 185 – Juli / August 2020

#Degussa

WĂ€hrend im innerparteilichen Machtkampf in der »Alternative fĂŒr Deutschland« (AfD) viele auf den faschistischen »FlĂŒgel« um Björn Höcke blicken, finden sich eher unbemerkt auch auf der anderen Seite Personen mit antidemokratischen Vorstellungen. Diese wurzeln in ihrer neoliberalen Marktlogik und sind vor allem von Autoritarismus, Elite-Denken und Sozialdarwinismus geprĂ€gt. Es sind einige vermögende Personen, die ĂŒber Geld Einfluss auf die Partei nehmen können. Die Spur fĂŒhrt auch zu einem mutmaßlichen Finanzier der AfD.

Antifa Magazin der rechte rand
Markus Krall am Stand der Zeitung »Junge Freiheit« zusammen mit Dieter Stein.

© NearEMPTiness (wikipedia CC BY 4.0)

Degussa als rechte Goldgrube
»Zum 200. Geburtstag von Otto von Bismarck: Gold und Silber von Degussa« hieß es in einer Anzeige in dem nationalneoliberalen Magazin »eigentĂŒmlich frei« im Juli 2015. Offensichtlich wandte sich Degussa damit an Bismarck-Fans und förderte wohl gleichzeitig auch das Magazin. Die »Degussa Sonne/Mond Goldhandel GmbH« ist ein 2010 gegrĂŒndetes Edelmetall-Handelshaus mit Sitz in Frankfurt/Main. Im Jahr 2010 erwarb die schwerreiche Bankiersfamilie von Finck um August von Finck Junior die Nutzungsrechte am Markennamen »Degussa« fĂŒr zwei Millionen Euro. Damit wird ein traditionsreiches Unternehmen simuliert – eine Tradition, in der »Degussa« unter anderem durch die Verwertung des Zahngolds ermordeter JĂŒdinnen und Juden am Holocaust beteiligt war. Trotzdem lief das GeschĂ€ft offenbar gut. Im Jahr 2016 beschĂ€ftigte die neu-alte Degussa etwa 130 Mitarbeiter*innen und erwirtschaftete einen Umsatz von circa 1,9 Milliarden Euro. Der Degussa-Namensinhaber Baron August von Finck Junior, auch als »Mövenpick-MilliardĂ€r« bezeichnet, ist seit 1992 HauptaktionĂ€r der schweizerischen Restaurant- und Hotelgruppe »Mövenpick« und lebt seit 1999 in der Schweiz. Sein Vermögen wurde 2013 auf rund 8,2 Milliarden US-Dollar geschĂ€tzt.

Es gibt Hinweise darauf, dass Finck Junior ein heimlicher Förderer der AfD sein könnte. So berichtete die schweizerische Wochenzeitung WOZ bereits im November 2018 davon, dass er ĂŒber seinen Vertrauten Ernst Knut Stahl auf der Suche nach einem Chefredakteur fĂŒr den »Deutschlandkurier« gewesen sein soll. Als Print-Ausgabe wurde das Blatt 2017 gezielt als AfD-Wahlkampfhilfe eingesetzt. Der zugehörige »Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bĂŒrgerlichen Freiheiten« schaltete darĂŒber hinaus in sechs LandtagswahlkĂ€mpfen 2016 und 2017 Anzeigen in WochenblĂ€ttern und veröffentlichte Plakate, die fĂŒr die Wahl der AfD warben. Expert*innen schĂ€tzen den Gesamtumfang dieser AfD-Wahlwerbung auf zehn Millionen Euro. Woher das Geld kam, ist zwar ungewiss, aber Finck Junior darf als vielversprechender Tipp gelten. Bereits dem ideologischen AfD-VorlĂ€ufer »Bund freier BĂŒrger« spendete er 6,8 Millionen DM.

Fincks »Degussa Goldhandel« war laut einer Recherche von »Der Spiegel« auch einer der Hauptlieferanten fĂŒr den lukrativen Gold-Handel der AfD. Dabei verkaufte die Partei an ihre AnhĂ€nger*innen Gold als KrisenwĂ€hrung und deklarierte den Verkauf als Parteispende. Ob das legal war, ist bis heute umstritten.

Beim Spitzen-Personal der »Degussa« stolpert man ĂŒber zwei alte Bekannte: Dr. Thorsten Polleit und Markus Krall. Der Ökonom Dr. Thorsten Polleit ist seit 2012 Chefvolkswirt. Der »Wanderprediger in Sachen Edelmetall«, wie ihn die WOZ 2018 bezeichnete, ist Honorarprofessor fĂŒr Volkswirtschaftslehre an der UniversitĂ€t Bayreuth. Gleichzeitig ist er auch PrĂ€sident des »Ludwig von Mises Instituts Deutschland«, benannt nach einem der Vordenker der »Österreichischen Schule der Ökonomie«. Das »Ludwig von Mises Institut Deutschland« in MĂŒnchen teilt sich mit der lokalen Filiale der »Degussa Goldhandel« die Adresse. Auf den Herbst-Konferenzen des Instituts in MĂŒnchen geben sich Nationalneoliberale die Klinke in die Hand. Polleit selbst griff gelegentlich fĂŒr die »Junge Freiheit« (JF) zur Feder, aktuell schreibt er regelmĂ€ĂŸig fĂŒr »eigentĂŒmlich frei«.

Markus Krall, bĂŒrgerlicher Antidemokrat
Im September 2019 wurde Markus Krall neuer Chef-GeschĂ€ftsfĂŒhrer der »Degussa«. Die »Junge Freiheit« nannte ihn einen »wertkonservativen LibertĂ€ren«, aber Krall ist ein anschauliches Beispiel eines autoritĂ€ren Nationalneoliberalen. Sein Interview im Online-Format »JF-TV« vom 18. MĂ€rz 2020 erzielte bisher ĂŒber 440.000 Klicks. Auch der JF-Printausgabe 13/2020 stand er fĂŒr ein Interview zur VerfĂŒgung. Darin bekennt sich der Krisenprophet Krall dazu, AnhĂ€nger der Österreichischen Schule zu sein: »NatĂŒrlich habe ich eine Position: die eines LibertĂ€ren in der sozialphilosophischen Tradition der â€șÖsterreichischen Schuleâ€č, wie sie von den Ökonomen Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises entwickelt wurde.« Auf die Frage: »Herr Dr. Krall, Sie rufen in Ihrem neuen, gleichnamigen Buch nach einer â€șbĂŒrgerlichen Revolutionâ€č. Meinen Sie das ernst oder ist das nur ein Vermarktungstrick?« antwortet Krall: »Nein, wir brauchen eine Revolution der inzwischen sozialistischen VerhĂ€ltnisse hier, um wieder die freie Republik zu werden, die wir waren und gemĂ€ĂŸ Grundgesetz sein mĂŒĂŸten.«

Den Sozialstaat oder jegliche UmverteilungsansĂ€tze als »Sozialismus« und »Planwirtschaft« zu sehen, ist typisch fĂŒr ĂŒberzeugte Neoliberale wie Krall. Probleme mit dem Höcke-»FlĂŒgel« hat Krall vor allem auf Grund dessen wirtschaftspolitischer Vorstellungen: »Und der rechte AfD-Rand ist sozialistisch, also ebenso gefĂ€hrlich wie linke Sozialisten.« Das erinnert stark an die neoliberale »Kritik« am Nationalsozialismus, weil dieser angeblich vor allem ein »Sozialismus« gewesen sei. Krall hat seine eigene antidemokratische Version. So fordert er die politische EntmĂŒndigung großer Bevölkerungsteile: »Deshalb mein Vorschlag: Entweder man erhĂ€lt Transfers oder man ĂŒbt sein Wahlrecht aus – jeder BĂŒrger muß sich entscheiden.« Denn: »Das System wĂŒrde also die Bequemen und Faulen von den Schwachen, fĂŒr die der Sozialstaat ja eigentlich nur da sein soll, trennen und erstere anleiten, sich, erzogen von der RealitĂ€t, von LeistungsempfĂ€ngern zu StaatsbĂŒrgern zu entwickeln. Die schließlich ihre neue SelbstĂ€ndigkeit genießen und kĂŒnftig lieber wĂ€hlen, statt ihr Wahlrecht zu verkaufen. Es wĂ€re die BĂŒrgergesellschaft, die sich das Grundgesetz eigentlich wĂŒnscht!« Dasselbe fordert er in seinem neuen Buch »Die bĂŒrgerliche Revolution« oder als Referent bei der AfD. In einem YouTube-Mitschnitt eines Auftritts von Krall am 23. Januar 2020 bei der sĂ€chsischen AfD verspricht deren Fraktionsvorsitzender Jörg Urban ĂŒber den Entzug des Wahlrechts fĂŒr TransferempfĂ€nger*innen nachzudenken.
Dem Soziologen Andreas Kemper kommt das Verdienst zu, darauf hingewiesen zu haben, dass neben den Vertreter*innen von »Der FlĂŒgel« auch die Nationalneoliberalen um und in der AfD – die die Partei maßgeblich mitgegrĂŒndet haben – eine zweite große antidemokratische Strömung darstellen. Wie Kemper nachweist, wurde der Entzug der Wahlberechtigung fĂŒr bestimmte Bevölkerungsteile bereits lange vor der AfD-ParteigrĂŒndung in bĂŒrgerlichen BlĂ€ttern wie Die Welt offen zur Diskussion gestellt.

Erst seit 2018 tritt Markus Krall nachweislich in rechten Kreisen auf. Seine antidemokratische Einstellung dĂŒrfte aber schon Ă€lteren Datums sein. Seit dem Jahr 2014 veröffentlicht Krall unter dem Pseudonym »Diogenes Rant«. Dieser Name dĂŒrfte an Ayn Rand (1905-1982) angelehnt sein, die Predigerin einer entsolidarisierten absoluten Konkurrenzgesellschaft. Seit 2019 bastelt Krall an einer eigenen Bewegung, der »Atlas-Initiative« mit Sitz in Frankfurt. Deren Name erinnert an den 1957 veröffentlichten Roman »Atlas Shrugged«, in dem die Autorin Ayn Rand beschreibt, wie Reiche verschwinden und dadurch die Gesellschaft erschĂŒttert wird (s. @derrechterand 148). Der Titel bezieht sich wohl auf den Atlas der griechischen Mythologie, der die Welt auf seinen Schultern trĂ€gt. In eben dieser Rolle sehen Krall und Rand die Vermögenden dieser Welt.
Angeblich hatte Kralls Initiative im MĂ€rz 2020 bereits 2.000 Mitglieder. Ob der marktradikale Antidemokrat tatsĂ€chlich eine Massenbewegung initiieren kann, bleibt aber fraglich. Zu groß dĂŒrfte die Distanz zwischen dem GroßbĂŒrger Krall und einer möglichen bewegungsfĂ€higen AnhĂ€nger*innenschaft sein. Zumal der elitĂ€re (National-)Neoliberalismus untere Gesellschaftsschichten abschrecken dĂŒrfte, denen ein »Sozialpatriotismus« Ă  la Höcke sehr viel mehr zusagt. Auch der sehr textlastige Newsletter »Adpunktum« nimmt sich nur wenig massentauglich aus. GefĂ€hrlicher und einflussreicher als die Bewegung dieser »bĂŒrgerlichen RevolutionĂ€re« auf der Straße, dĂŒrften die Bewegungen von ihren Bankkonten in Richtung AfD und Co. sein, ebenso wie ihre Netzwerke. Am 28. April 2020 zum Beispiel hĂ€tte Krall eigentlich sein Buch »Die bĂŒrgerliche Revolution« in SaarbrĂŒcken bei der FDP-nahen »Liberalen Stiftung Saar« in deren »Villa Lessing« vorstellen sollen. Als GesprĂ€chspartner war Roland Tichy vorgesehen, doch die Corona-Pandemie verhinderte den Auftritt.
Die autoritĂ€ren und nationalistischen Neoliberalen unterschiedlicher Partei-Couleur finden sich fĂŒr ihr Projekt einer »bĂŒrgerlichen Revolution« zusammen. In Wahrheit ist es aber der Versuch einer bĂŒrgerlichen Konterrevolution der Besitzstandswahrer*innen.




Quelle: Der-rechte-rand.de