September 10, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Adam Weaver ist ein anarchistischer Kommunist aus San Jose,
Kalifornien. Der Text erschien ursprĂŒnglich auf Englisch im Magazin
„The Northeastern Anarchist“ Nr. 11 (http://nefac.net/node/2081). Er
kam spĂ€ter in abgeĂ€nderter Form als BroschĂŒre heraus, die bei
Anarmedia (http://www.anarmedia.info) auch auf Deutsch erschienen
ist. Diese Übersetzung wurde fĂŒr die vorliegende BroschĂŒre leicht
ĂŒberarbeitet.

Überall auf der Welt befindet sich die anarchistische Beteiligung an
Massenbewegungen sowie die Entwicklung von spezifisch anarchistischen
Organisationen im Aufschwung. Dieser Trend hilft dem Anarchismus, die LegitimitĂ€t als dynamische politische Kraft innerhalb von Bewegungen wiederzugewinnen. In diesem Zusammenhang bekommt auch der Especifismo, ein Konzept, das auf einer 50-jĂ€hrigen Erfahrung in SĂŒdamerika beruht, weltweit immer mehr Aufmerksamkeit.
Obwohl viele Anarchistinnen und Anarchisten mit den grundlegenden Ideen, die der Especifismo postuliert, bereits vertraut sein dĂŒrften, sollte er doch als ein originĂ€rer Beitrag zum Denken und zur Praxis des Anarchismus betrachtet werden.

Die erste Organisation, die das Konzept des Especifismo entwickelt hat – damals mehr eine Praxis als eine ausgebildete Ideologie – war die FederaciĂłn Anarquista Uruguaya (FAU), die 1956 von Anarchistinnen und Anarchisten gegrĂŒndet wurde, welche die Idee einer spezifisch anarchistischen Organisation umsetzen wollten. Die Diktatur in
Uruguay ĂŒberlebt, begann die FAU Mitte der 1980er-Jahre, Kontakte mit anderen sĂŒdamerikanischen anarchistischen RevolutionĂ€rinnen und RevolutionĂ€ren aufzunehmen und diese zu beeinflussen. Die Arbeit der FAU förderte die GrĂŒndung der Federação Anarquista GaĂșcha (FAG), der Federação Anarquista Cabocla (FACA) und der Federação Anarquista do Rio de Janeiro (FARJ) in den jeweiligen Regionen Brasiliens sowie der argentinische Organisation Auca (Rebell). Die SchlĂŒsselkonzepte
des Especifismo werden weiter unten genauer erklÀrt, doch sie können hier in den folgenden drei Punkten zusammengefasst werden:

  1. Die Notwendigkeit einer spezifisch anarchistischen Organisation, die auf einer Einheit von Ideen und Praxis aufgebaut ist.
  2. Den Gebrauch der spezifisch anarchistischen Organisation zur Entwicklung von Theorien und strategischer politischer und organisatorischer Arbeit.
  3. Aktive Einmischung in sowie die Bildung von autonomen und breiten sozialen Bewegungen, was als Prozess der “gesellschaftlichen EinfĂŒgung” bezeichnet wird.
    Ein kurzer historischer RĂŒckblick
    Obwohl sich der Especifismo erst in den letzten Jahrzehnten im lateinamerikanischen Anarchismus entwickelt hat, leiten sich die Ideen, auf denen das Konzept aufbaut, von einem historischen Faden ab, der sich durch die internationale anarchistische Bewegung zieht. Die bekannteste ist die plattformistische Strömung, die mit der Publikation der “Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union”
    begann. Dieses Dokument wurde 1926 von dem ehemaligen militanten
    KleinbauernanfĂŒhrer Nestor Makhno, Ida Mett und anderen Anarchistinnen und Anarchisten der Dielo Trouda (die Angelegenheit der Arbeiter) geschrieben, basierend auf der Zeitung mit demselben Namen (Skirda, 192-213). Als Exilantinnen und Exilanten der russischen Revolution kritisierte die Dielo Trouda in Paris die anarchistische Bewegung wegen ihres Mangels an Organisation, die ein gemeinsames
    Vorgehen gegen bolschewistische Machenschaften, Arbeitersowjets in ein Instrument der Einparteienherrschaft zu verwandeln, unmöglich machte. Als Alternative schlugen sie eine „Generelle Union der Anarchisten” vor, die auf anarchokommunistischen GrundsĂ€tzen, nach einer „theoretischen und taktischen Einheit” streben und sich auf den Klassenkampf und die Gewerkschaften konzentrieren sollte.
    Eine Ă€hnliche Entwicklungen war der “Organisatorische Dualismus”, der in historischen Dokumenten der italienischen anarchistischen Bewegung der 1920er-Jahre erwĂ€hnt wird. Die italienischen Anarchistinnen und Anarchisten verwendeten diesen Begriff, um die Beteiligung sowohl an anarchistischen politischen Organisationen als auch in der ArbeiterInnenbewegung (FdCA) zu fördern. In Spanien grĂŒndeten sich die „Freunde von Durruti”, eine Gruppe, die gegen die allmĂ€hliche RĂŒckgĂ€ngigmachung der Spanischen Revolution von 1936 agitierten (Guillamon). Im Dokument „Hacia una nueva revoluciĂłn“ („In Richtung einer neuen Revolution“) griffen sie einige Ideen der
    Plattform auf, kritisierten den Reformismus der CNT-FAI und deren Kollaboration mit der republikanischen Regierung, welche, so behaupteten sie, zur Niederlage der antifaschistischen und revolutionÀren KrÀfte beigetragen hatte. Einflussreiche Organisationen in der anarchistischen Bewegung Chinas zwischen 1910 und 1920, etwa Wuzhengfu-Gongchan Zhuyi Tongshi Che (Gesellschaft anarchistischkommunistischer Genossen), schlugen Àhnliche Ideen vor (Krebs). Obwohl diese
    unterschiedlichen Strömungen alle spezifische Merkmale haben, die aus den jeweiligen Bewegungen und LĂ€ndern heraus entstanden sind, teilen sie doch alle die gleichen Ideen, die Bewegungen, Zeiten und Kontinente ĂŒberqueren.
    Especifismo ausgearbeitet
    Die Especifistas sehen ihre Politik auf drei Hauptpfeilern ruhend, wobei die zwei ersten im Bereich der Organisation liegen. Mit der Betonung der Notwendigkeit, eine spezifisch anarchistische Organisation mit Einheit in Theorie und Praxis aufzubauen, machen die Especifistas klar, dass sie gegen eine Synthese-Organisation1 von RevolutionÀrinnen und RevolutionÀre oder eine lose Verbindung von verschiedenen
    anarchistischen Strömungen sind. Sie sehen diese Form von Organisation als eine ĂŒbertriebene Suche nach einer notwendigen Einigung von Anarchistinnnen und Anarchisten, die bis zu dem Punkt gehen kann, wo Einigkeit auf Kosten von klaren Positionen, Ideen und VorschlĂ€gen hergestellt wird. Das Ergebnis dieser Arten von Vereinigungen sind libertĂ€re Kollektive, die nicht viel mehr gemeinsam haben, als sich
    als Anarchistinnen und Anarchisten zu bezeichnen. (En La Calle)
    Obwohl diese Kritiken von den sĂŒd-amerikanischen Especifistas ausgearbeitet wurden, haben nordamerikanische Anarchisten und Anarchistinnen ebenso ihre Erfahrungen mit synthetischen
    Organisationen aufgezeigt, denen es aufgrund von verschiedenen und sogar widersprĂŒchlichen politischen Tendenzen an jeglichem Zusammenhalt mangelt. Oft fĂŒhren die Vereinbarungen solcher Gruppen dazu, dass nur eine vage Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners entsteht, die nur wenig Spielraum fĂŒr gemeinsame Aktionen oder
    entwickelte politische Diskussionen zwischen Anarchistinnen und Anarchisten zulÀsst.
    Ohne eine Strategie, die sich aus einer gemeinsamen politischen Vereinbarung ergibt, sind revolutionĂ€re Organisationen dazu verurteilt, lediglich auf Manifestationen von UnterdrĂŒckung und Ungerechtigkeit reagieren zu können und einem Kreislauf von unfruchtbaren Aktionen hĂ€ngen zu bleiben, welche immer wieder wiederholt werden, ohne je deren Konsequenzen zu analysieren oder zu verstehen (Featherstone et al). Weiter kritisieren die Especifistas an dieser Tendenz, dass sie von SpontaneitĂ€t und Individualismus geprĂ€gt ist und nicht zu seriöser, systematischer Arbeit fĂŒhrt, die nötig wĂ€re, um revolutionĂ€re
    Bewegungen aufzubauen. Die lateinamerikanischen RevolutionÀrinnen und
    RevolutionĂ€re betonen, „dass Organisationen mit einem Programm, dass sich jeglicher kollektiver Disziplin widersetzt, sich weigert, sich selbst zu definieren oder sich anzupassen, direkt aus dem bĂŒrgerlichen Liberalismus entspringt, der nur auf starke Anreize reagiert, nur in extremen Situationen kĂ€mpft und darauf verzichtet, fortgesetzt zu arbeiten, besonders in den vergleichsweise ruhigen Phasen zwischen KĂ€mpfen.“ (En la Calle)
    Ein wichtiger Punkt in der especifistischen Praxis ist die Rolle der anarchistischen Organisation, die auf der Basis einer gemeinsamen Politik beruht, als ein Raum fĂŒr die
    1 Das Konzept der Synthese-Anarchismus entstand wie die Plattform Mitte der 1920er-Jahre in
    Frankreich. Im Gegensatz versucht er, die organisationswilligen Teile der anarchi-individualistischen,
    anarcho-kommunistischen und anarcho-syndikalistischen Strömungen zu föderieren. Heute wird
    dieses Konzept durch die Internationale der anarchistischen Föderationen (IAF/IFA) vertreten.

    Erarbeitung einer gemeinsamen Strategie und die Reflexion ĂŒber die
    Organisierungsarbeit der Gruppe. GestĂŒtzt durch kollektive Verantwortung gegenĂŒber den PlĂ€nen und der Arbeit der Organisation wird ein Vertrauen zwischen den Mitgliedern und Gruppen aufgebaut, welches eine tiefgrĂŒndige, auf hohem Niveau gefĂŒhrte Diskussion der Aktionen zulĂ€sst. Das erlaubt der Organisation, kollektive Analysen durchzufĂŒhren, kurzfristige und langfristige Ziele zu entwickeln und
    kontinuierlich ihre Arbeit aufgrund von Erfahrungen und UmstÀnden zu reflektieren und zu redigieren.
    Aufgrund dieser Praktiken und aufgrund der Basis ihrer ideologischen Prinzipien, sollten revolutionÀre Organisationen versuchen, ein Programm zu entwickeln, das ihre kurz- und mittelfristigen Ziele definiert und das auf ihre langfristigen Ziele hinarbeitet:
    Das Programm muss sich von einer genauen Analyse der Gesellschaft und von den ZusammenhĂ€ngen der KrĂ€fte, die ein Teil davon sind, herleiten. Das Fundament muss die Erfahrung der KĂ€mpfe der UnterdrĂŒckten und deren Bestrebungen sein, und von diesen Elementen her mĂŒssen Ziele und Aufgaben formuliert werden, die von der revolutionĂ€ren Organisation verfolgt werden, um nicht nur im Endziel, sondern auch in den Etappen Erfolge zu erzielen. (En La Calle) Der letzte Punkt, der in der Praxis des Especifismo zentral ist, ist die Idee der “gesellschaftlichen EinfĂŒgung”.2
    Sie wurzelt im Glauben, dass die UnterdrĂŒckten der revolutionĂ€rste Teil der Gesellschaft sind und dass der Samen der zukĂŒnftigen revolutionĂ€ren Transformation der Gesellschaft schon in diesen Klassen und sozialen
    Gruppierungen liegt. Gesellschaftliche EinfĂŒgung meint anarchistische Einmischung in die alltĂ€glichen KĂ€mpfe der UnterdrĂŒckten und der ArbeiterInnenklasse. Sie bedeutet nicht die Arbeit in Ein-Themen-Interessenkampagnen, in der die ĂŒblichen politischen
    Aktivistinnen und Aktivisten tĂ€tig sind, sondern innerhalb von Bewegungen jener Menschen, die um eine Verbesserung ihrer Situation kĂ€mpfen, die nicht immer nur aus materiellen Nöten zusammenkommen, sondern auch aus sozialen und geschichtlich verwurzelten GrĂŒnden, um gegen die Attacken des Staates und des Kapitalismus Widerstand zu leisten. Diese beinhalten die ArbeiterInnenbewegungen der breiten
    Masse, Bewegungen von Immigrantinnen und Immigranten, die eine Legalisierung ihres Status fordern, Nachbarschaftsorganisationen, die gegen Polizeigewalt und Polizeimorde aufstehen, Studierende der ArbeiterInnenklasse, die gegen BudgetkĂŒrzungen antreten, und die armen und erwerbslosen Menschen, die gegen ZwangsrĂ€umungen und LeistungskĂŒrzungen kĂ€mpfen.
    Durch die alltĂ€glichen KĂ€mpfe werden die UnterdrĂŒckten zu einer bewussten Kraft. Die Klasse an sich, oder mehr noch die Klassen an sich (als Definition, die ĂŒber die reduktionistische Sichtweise des stĂ€dtischen Proletariats hinausgeht, um alle unterdrĂŒckten Gruppen in der Gesellschaft zu umfassen, die ein materielles Interesse
    an einer neuen Gesellschaft haben), werden durch diese tĂ€glichen KĂ€mpfe, in denen es um unmittelbare Notwendigkeiten geht, zu stĂ€rkeren, kampferprobten, und 2 Obwohl der Begriff “gesellschaftliche EinfĂŒgung”, der direkt aus den Texten des Especifismo kommt, Organisationen beeinflusst hat, sind einige meiner Genossinnen und Genossen mit ihm nicht einverstanden. Bevor man diesen Begriff also voreilig und unkritisch verwendet, sollte er vielleicht diskutiert werden.
    restituierten Klassen an sich. D.h., sie entwickeln sich von sozialen Klassen und Gruppierungen, die objektiv und aufgrund gesellschaftlicher Beziehungen existieren, zu einer tatsĂ€chlichen sozialen Kraft. ZusammengefĂŒhrt durch natĂŒrliche Methoden, und vielfach durch ihren eigenen selbst organisierten Zusammenhalt, werden sie zu
    selbstbewussten Akteurinnen und Akteuren, die sich ihrer Macht, Stimme und ihrer wahren Feinde – fĂŒhrende Eliten, die Kontrolle ĂŒber die Machtstrukturen der modernen sozialen Ordnung ausĂŒben – bewusst sind.
    Beispiele fĂŒr gesellschaftliche EinfĂŒgung, welche die FAG angibt, sind ihre Arbeit in Nachbarschaftskomitees in stĂ€dtischen Gemeinden und Slums (die populĂ€re Widerstandskomitees genannt werden), Allianzen mit einfachen Mitgliedern der Landlosenbewegung MST, und innerhalb der AbfallsammlerInnen. Aufgrund des massiven Anteils temporĂ€rer und abhĂ€ngiger Arbeit, UnterbeschĂ€ftigung und Arbeitslosigkeit in Brasilien ĂŒberlebt ein wichtiger Anteil der ArbeiterInnenklasse nicht primĂ€r durch Lohnarbeit, sondern durch Subsistenzwirtschaft und im informellen
    Wirtschaftssektor, wie etwa Gelegenheitsjobs auf dem Bau, Strassenhandel oder das Sammeln von Abfall und recyclebaren GegenstĂ€nden. Aufgrund von einigen Jahren Arbeit hat die FAG eine starke Beziehung zu stĂ€dtischen AbfallsammlerInnen, die catadores, aufgebaut. Mitglieder der FAG haben diese unterstĂŒtzt, ihre eigenen nationalen Organisationen zu grĂŒnden, welche AbfallsammlerInnen mit ihren Interessen national mobilisieren und Geld sammeln, um einen kollektiv organisierten
    Recyclingbetrieb aufzubauen.3 Die especifistische Konzeption sieht nicht vor, dass seine Theorie durch eine FĂŒhrerschaft, eine „Massenlinie“ oder durch Intellektuelle den Massenbewegungen aufgezwungen wird. Anarchistische Aktivistinnen und Aktivisten sollten nicht
    versuchen, soziale Bewegungen zu anarchistischen Proklamationen zu bewegen, sondern ihren genuin anarchistischen Charakter (Selbstorganisation, Kampf fĂŒr die eigenen Interessen) bewahren. Das setzt die Perspektive voraus, dass soziale Bewegungen ihre eigene Logik finden, oder eine Revolution machen, die nicht notwendigerweise voraussetzt, dass sie sich selber als Anarchistinnen und Anarchisten
    sehen, sondern wenn sie als Ganzes (oder zumindest mit ĂŒberwĂ€ltigender Mehrheit) ein Bewusstsein ihrer eigenen Macht erlangt haben und diese Macht im alltĂ€glichen Leben ausĂŒben, also in ihrer Weise anarchistische Ideen adaptieren. Eine zusĂ€tzliche Rolle der anarchistischen Aktivistinnen und Aktivisten innerhalb der sozialen Bewegungen ist, so glauben die Especifistas, sich an die vielfĂ€ltigen politischen Strömungen, die innerhalb der Bewegungen existieren werden, zu wenden und aktiv
    gegen opportunistische Elemente wie Avantgardismus und Wahlpolitik vorzugehen.
    Especifismo im Kontext des nordamerikanischen und
    westeuropÀischen Anarchismus

    Innerhalb der aktuellen Strömungen des revolutionĂ€ren, organisierten Anarchismus in Nordamerika und Westeuropa weist vieles auf die Inspiration und den Einfluss der Plattform hin, die weltweit den grössten Anteil am momentanen AufblĂŒhen der am
    3 Eduardo, damals SekretĂ€r fĂŒr externe Beziehungen der brasilianischen FAG. “Saudacoes Libertarias
    dos E.U.A.” E-mail an Pedro Ribeiro. 25. Juni 2004
    Klassenkampf orientierten anarchistischen Organisationen hat. Viele sehen die Plattform als ein historisches Dokument, welches die Fehler des organisierten Anarchismus innerhalb der globalen revolutionĂ€ren Bewegungen dieses Jahrhunderts anspricht, und verorten sich selbst in dieser „plattformistischen Tradition”. Aus diesem
    Grund verdienen Especifismo und der Plattformismus einen Vergleich und eine GegenĂŒberstellung.
    Die Autorinnen und Autoren der Plattform waren Veteranen der Russischen Revolution. Sie unterstĂŒtzten den Guerillakrieg der KleinbĂ€uerinnen und -bauern gegen die westeuropĂ€ischen Armeen und spĂ€ter gegen die Bolschewiki in der Ukraine, deren BĂŒrgerinnen und BĂŒrger eine vom russischen Imperium unabhĂ€ngige Geschichte
    hatten. Deshalb sprachen die Autoren der Plattform mit Sicherheit aus einer FĂŒlle von Erfahrungen und innerhalb ihres historischen Kontextes von einem der zentralsten KĂ€mpfe. Aber das Dokument fĂŒhrt seine AnkĂŒndigung, Klassenkampfanarchistinnen und -anarchisten zu vereinen, kaum aus und ist sehr still in der Analyse oder dem VerstĂ€ndnis von zahlreichen SchlĂŒsselfragen, welche RevolutionĂ€rinnen und
    RevolutionĂ€re dieser Zeit beschĂ€ftigt haben, etwa die UnterdrĂŒckung von Frauen oder der Kolonialismus.
    Obwohl die meisten heutigen anarchokommunistisch orientierten Organisationen behaupten, von der Plattform beeinflusst zu sein, kann diese im RĂŒckblick nur als ein pointiertes Statement gesehen werden, das aus dem Sumpf heraus entstanden ist, in den der Anarchismus nach der Russischen Revolution gefallen ist. Als ein historisches Projekt werden die VorschlĂ€ge und Grundideen der Plattform von individualistischen
    Tendenzen innerhalb der anarchistischen Bewegung zum grössten Teil abgelehnt, werden aufgrund von Sprachbarrieren missverstanden, wie manche behaupten (Skirda, 186), oder hat nie ihm wahrscheinlich zugeneigte Elemente oder Organisationen erreicht, die sich um dieses Dokument herum hÀtten vereinen können.
    1927 organisierte die Gruppe Dielo Trouda in Frankreich eine kleine internationale Konferenz fĂŒr ihre UnterstĂŒtzerinnen und UnterstĂŒtzer in Frankreich, die aber schnell von den Behörden aufgelöst wurde.
    Im Vergleich dazu ist die Praxis des Especifismo eine lebendige, entwickelte Praxis und eine viel relevantere und aktuellere Theorie, die sich aus 50 Jahren anarchistischer Organisation heraus entwickelt hat. Entsprungen am sĂŒdlichen Ende Lateinamerikas, aber mit einem weitreichenden Einfluss darĂŒber hinaus, leiten sich die Ideen des
    Especifismo nicht von einem einzelnen Dokument ab, sondern haben sich von selbst aus den Bewegungen des globalen SĂŒdens heraus entwickelt, welche den Kampf gegen den internationalen Kapitalismus anfĂŒhren und Beispiele fĂŒr die weltweite Bewegungen setzen. Die Especifistas rufen zu einer viel weniger prononcierten anarchistischen Organisation als die Plattform mit ihrer “theoretischen und ideologischen Einheit” auf, aber ein strategisches Programm, welches auf Analysen basiert, leitet die Aktionen der RevolutionĂ€rinnen und RevolutionĂ€re. Sie zeigen uns
    lebendige Beispiele revolutionÀrer Organisation auf, die auf der Notwendigkeit gemeinsamer Analyse, geteilter Theorie und einer festen Verwurzelung innerhalb der sozialen Bewegungen basieren.

    Ich glaube, dass uns die Tradition des Especifismo viel Inspiration geben kann, nicht nur auf einer globalen Ebene, sondern auch und vor allem fĂŒr nordamerikanische Klassenkampfanarchistinnen und -anarchisten und fĂŒr multiethnische RevolutionĂ€rinnen und RevolutionĂ€re innerhalb der USA. WĂ€hrend die Plattform leicht so verstanden werden kann, dass sie die Rolle der Anarchistinnen und Anarchisten eng und vor allem innerhalb der Gewerkschaften sieht, zeigt uns der Especifismo lebendige Beispiele auf, die anschaulich sind und die uns mehr fĂŒr unsere Arbeit der Bildung
    einer heutigen revolutionĂ€ren Bewegung bieten können. Ich hoffe ausserdem, dass uns dieser Artikel, wenn wir all das bedenken, helfen kann, konkreter zu reflektieren, wie wir uns als Bewegung definieren und unsere Traditionen und EinflĂŒsse ausbilden können.
    Bibliografie
    En La Calle (Unsignierter Artikel). “La Necesidad de Un Proyecto Propio, Acerca de la importancia
    del programa en la organizacion polilitica libertaria” oder “The Necessity of Our Own Project,
    On the importance of a program in the libertarian political organization.” En La Calle,
    publiziert von der Argentinischen OSL (OrganizaciĂłn Socialista Libertaria) Juni 2001. 22. Dez.

  4. Übersetzung von Pedro Ribeiro. Original Portugiesisch oder Englisch
    Featherstone, Liza, Doug Henwood und Christian Parenti. “Left-Wing Anti-intellectualism and its
    discontents” Lip Magazine 11 Nov 2004. 22 Dec 2005 .
    Guillamon, Agustin. The Friends of Durruti Group: 1937-1939. San Francisco: AK Press, 1996.
    Krebs, Edward S. Shifu, the Soul of Chinese Anarchism. Landham, MD: Rowman & Littlefield, 1998.
    Northeastern Anarchist. The Global Influence of Platformism Today von The Northeastern
    Federation of Anarchist Communists (Johannesburg, South Africa: Zabalaza Books, 2003),
  5. Interview with Italian Federazione dei Comunisti Anarchici.
    Skirda, Alexandre. Facing the Enemy:
    A History of Anarchist Organization
    from Proudhon to May 1968.
    Oakland, CA: AK Press 2002.



Quelle: Schwarzerpfeil.de