Juni 28, 2022
Von InfoRiot
282 ansichten

Interview | NebenklÀgeranwalt im Wachmann-Prozess

“Die Beteiligung am Mord verjĂ€hrt nicht”


Di 28.06.22 | 12:53 Uhr | Von Lisa Steger

FĂŒnf Jahre Haft wegen Beihilfe zur Ermordung von mehr als 3.000 Menschen lautet das Urteil gegen einen frĂŒheren Wachmann im KZ Sachsenhausen. Im Interview mit Lisa Steger spricht NebenklĂ€geranwalt Thomas Walther ĂŒber den Prozess.

rbb: Herr Walther, neun Monate hat der Prozess gedauert, das war am Anfang nicht zu erwarten. Wie geht es Ihnen jetzt?

Thomas Walther: Ich bin erleichtert. Ich bin froh und dankbar, dass das Gericht in so einer angenehmen und rechtsstaatlich einwandfreien Weise diesen aufwĂ€ndigen Prozess gefĂŒhrt hat.

Der Angeklagte war im FrĂŒhling zweimal wegen verschiedener Krankheiten in der Klinik. Er hatte Corona, er wurde operiert, zuletzt hat er noch mal eine Infektion bekommen, mit ĂŒber 39 Grad Fieber. Auch das hat er ĂŒberstanden. Aber er ist alt, ist hochbetagt. Hatten Sie manchmal das GefĂŒhl: Jetzt reicht es. Man sollte aufhören zu verhandeln.

Nein. Ich hatte das GefĂŒhl, dass die Störungen gesundheitlicher Art, die bei ihm aufgetreten sind, akute und keine chronischen Angelegenheiten sind. Und dass er entsprechend seiner allgemein stabilen gesundheitlichen Situation das Ganze dann auch gut ĂŒberstanden hat. Also ich habe nicht das GefĂŒhl, dass wir gegen einen insgesamt kranken Mann dort verhandelt haben. Das war nicht der Fall.

Ich berichte seit knapp neun Monaten ĂŒber dieses Verfahren und bin wĂ€hrend der ganzen Zeit immer wieder von Nachbarn, Bekannten, aber auch von Hörern und Hörerinnen angesprochen worden: Warum stellt man so einen alten Menschen noch vor Gericht, was bringt das? Was sagen Sie diesen Leuten?

Die Frage nach dem ‘Warum jetzt noch’ muss man verbinden mit der wesentlich wichtigeren Frage ‘Warum erst jetzt?’ Das Versagen der deutschen Justiz in den Jahrzehnten zuvor ist der Grund, warum jetzt ein sehr alter Mann vor Gericht gestellt werden muss. Die Beteiligung am Mord verjĂ€hrt nicht. Die deutsche Justiz ist gezwungen und gehalten, jeden, der an einer noch verfolgbaren Straftat beteiligt war, auch tatsĂ€chlich zu verfolgen. Man kann das Verfahren nur dann einstellen, wenn die gesundheitliche Situation das nicht mehr erlaubt. Und das war hier nicht der Fall

Die heutigen Angeklagten, das sind WachmÀnner oder wie zurzeit im Landgericht Itzehoe eine SekretÀrin. Hingegen konnten viele hochrangige Nazis nach dem Krieg unbehelligt leben. Die wurden also gar nicht belangt. Ist das nicht in der Tat eine Schieflage?

Das ist die Schieflage der deutschen Justiz. Und diese Schieflage mĂŒssen wir verĂ€ndern, dadurch, dass wir das wieder in die Balance bekommen. Das kann nicht dazu fĂŒhren, dass wir nun bei einem bestimmten Alter sagen: Hier wird keine Strafverfolgung mehr betrieben. Das erlaubt das Gesetz nicht.

Warum hat es die Nachkriegsjustiz den NS-TĂ€tern so leicht gemacht? Wir hatten im Prozess einmal das Beispiel des Henkers von Warschau: Heinz Reinefarth ließ nach dem Warschauer Aufstand als SS-GruppenfĂŒhrer mindestens 20.000 Zivilisten erschießen. Aber nach dem Krieg wurde er BĂŒrgermeister und Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein. Wie war es so etwas möglich?

Die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg war eben auch die Gesellschaft, die bis kurz vor Ende des Krieges dort existierte. Also die Menschen, die Beamten, die in der Justiz arbeiten konnten und wollten, waren eben auch Angehörige dieses deutschen Volkes, das diesen Krieg gefĂŒhrt hatte. Und so ist die Frage, wie weit man nun TĂ€ter und Beteiligte verfolgt, auch die Frage an sich selbst: Wie weit wĂŒrde ich gehen, und in meinen Beziehungen Verbrechen, Beteiligung an Verbrechen in der NS-Zeit anprangern? Das war eine Zeit, in der die deutsche Justiz von alten NS-Beteiligten durchdrungen war. Und die geistige Bereitschaft, dies in der Weise zu betreiben, wie es heute getan wird, war nicht vorhanden.

Sie waren Richter und Staatsanwalt in Bayern. Kurz vor der Pensionierung wechselten Sie zur Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur AufklÀrung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Sie wollten selbst was tun. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Weil ich meine Energie, die ich noch durchaus beruflich verspĂŒrte, in eine sinnvolle und weiterfĂŒhrende Angelegenheit einbringen wollte. Und da kam mir die Suche der Zentralen Stelle nach Ermittlern aus der aktiven Justiz durchaus recht. Es hat auch sicher etwas mit meiner eigenen Biografie zu tun. Da spielt meine Familiengeschichte eine große Rolle: Mein Vater war sehr engagiert, auch wĂ€hrend der NS-Zeit, um bestimmten Menschen zu helfen. Es war vor allen Dingen auch das GefĂŒhl: Es ist notwendig, dass sich etwas verĂ€ndert.

Die Zentrale Stelle recherchiert die FĂ€lle und gibt es dann weiter an die Staatsanwaltschaften vor Ort. Wie kooperativ waren dort die Kolleginnen und Kollegen?

Am Anfang wurden meine Gedanken etwas belĂ€chelt. Aber schließlich bekam ich den Auftrag, den Fall Demjanjuk zu recherchieren und zu ermitteln. Und das war dann der Durchbruch.

Sie haben elf hochbetagte Überlebende oder auch Angehörige von Menschen, die ermordet wurden, in diesem Prozess vertreten. Warum haben sich diese Menschen an Sie gewandt? Warum möchten die das ĂŒberhaupt auf sich nehmen?

Der Grund fĂŒr dieses Engagement in einem sehr fortgeschrittenen Lebensalter hat damit zu tun, dass sie all das, was sie dort an schrecklichen, fĂŒrchterlichen Dingen ĂŒber Jahre erlebt haben, vor einem deutschen Gericht niemals artikulieren konnten. Und die Möglichkeit, vor einem deutschen Gericht wirklich zu sprechen und angehört zu werden, ĂŒber all diese Ereignisse, das Leben, den Tod in diesem Lager zu berichten, das ist die Motivation fĂŒr diese Menschen. Das riesengroße Unrecht, was ihnen angetan worden ist, vor einem deutschen Gericht zu erzĂ€hlen und auch angehört zu werden.

Im November sagte der Israeli Emil Farkas aus. Als Jugendlicher war er in das KZ verschleppt und dann gezwungen worden, 40 Kilometer am Tag zu marschieren, um Schuhe zu testen fĂŒr die deutsche Industrie. Am Schluss sagte er: Danke, dass ich hier sprechen durfte. Er ist fast umgebracht worden. Jetzt bedankt er sich bei uns. Wie kann das sein?

Diese Verbindung zum eigenen Leben und Leiden haben diese Menschen nie aus ihren Gedanken und GefĂŒhlen entfernen können. Und jetzt hat die deutsche Justiz gesagt: Ja, du wirst eingeladen und darfst darĂŒber sprechen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass hier ein Mann ist, der an deinem Leiden mitgewirkt hat. Und deswegen ist diese Dankbarkeit bei ihm ein GefĂŒhl, dass die deutsche Justiz, das, was sie ĂŒber viele Jahrzehnte versĂ€umt hat, nun nachholt. Das war fĂŒr ihn ein Grund, sich zu bedanken.

Ein anderer Überlebender, Leon Schwarzbaum, ein hochbetagter Mann von 101 Jahren, hatte sich minutiös auf seine Aussage vorbereitet. Es ist aber nicht mehr dazu gekommen, dass er sie persönlich vortragen konnte. Er ist sehr kurz vorher gestorben. Sie haben dann das Manuskript verlesen. Woher nimmt so ein alter Mensch die Kraft her, sich das anzutun? Vor allem, wenn er sieht, dass der Angeklagte völlig uneinsichtig ist.

Leon Schwarzbaum war ein ganz besonderer Mann und hat sich ĂŒber viele Jahre sehr, sehr intensiv mit seiner Zeit in Auschwitz und in den anderen Lagern, in denen er dann noch war, befasst. Es gibt ĂŒber ihn einen sehr interessanten Film, an dem er mitgewirkt hat. FĂŒr ihn war diese Befassung mit seinem Leben auch ein Teil Lebenselixier. Diese Menschen nehmen sehr viel Kraft daraus mit, dass sie weiterhin reflektieren und das auch der Mitwelt zur Kenntnis bringen. Er war viel in Schulen unterwegs und hat VortrĂ€ge gehalten. Ihm war daran gelegen, daran mitzuwirken, dass eine Welt vielleicht auch eine bessere sein kann.

Sie sind 79 Jahre alt, wie geht es denn jetzt fĂŒr Sie weiter? Wollen Sie noch weitere Hinterbliebene vertreten? Wollen Sie sich diesen Stress wirklich noch antun?

Es kann durchaus sein, dass ich noch in einem Verfahren, welches am Horizont sich entwickelt, nochmal mitwirke. Dies ist nach meiner jetzigen Vorstellung aber tatsĂ€chlich das letzte, was ich noch begleiten möchte. FĂŒr mich ist es eine große Befriedigung, dass es ĂŒberhaupt dazu gekommen ist, dass so ein Umdenken möglich geworden ist, und auch einigermaßen stabil bestehen bleibt. Ich denke, dass es fĂŒr die Zukunft auch in anderen SachzusammenhĂ€ngen, in anderen KonfliktfĂ€llen oder KriegszustĂ€nden ein Zeichen dafĂŒr ist, dass die Verbrechen, an denen Menschen mitwirken und anderen Menschen dieses Leid zufĂŒgen, dass das von der Gerechtigkeit wieder eingeholt werden kann und Justiz auch wieder Recht sprechen kann.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

Mit Thomas Walther sprache Lisa Steger fĂŒr rbb24 Inforadio. Das OriginalgesprĂ€ch können Sie mit Klick auf das Audiosymbol oben im Artikel nachhören.

Sendung: rbb24 Inforadio, 28.06.2022, 08:50 Uhr

Beitrag von Lisa Steger




Quelle: Inforiot.de