Mai 7, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Original von Crimethinc

Wir leben in turbulenten Zeiten. Schon jetzt gehören Blockaden, Demonstrationen, AufstĂ€nde und Clashes zum Alltag. Es ist Zeit sich gegen die bevorstehenden UmbrĂŒche zu organisieren.

Sich zu organisieren heißt aber nicht, sich einer schon existierenden Institution anzuschließen und Befehle entgegenzunehmen. Es sollte nicht bedeuten euer Aktionspotential und eure Intelligenz aufzugeben um ein Zahnrad in einer Maschine zu werden. Von einer anarchistischen Perspektive sollten organisatorische Strukturen sowohl Freiheit als auch freiwillige Koordination auf jedem Level und jeder Skala, von Kleinstgruppen bis hin zur Gesamtgesellschaft, maximieren.

Du und deine Freund*innen stellt bereits eine Bezugsgruppe dar, den essentiellsten Baustein dieses Modells. Eine Bezugsgruppe ist eine Gruppe von Freund*innen, die sich selbst als autonome politische Kraft verstehen. Die Idee dahinter ist, dass Menschen die sich bereits kennen und sich vertrauen zusammenarbeiten um schnell, intelligent und flexibel auf neue Situationen reagieren zu können.

Dieses Format ohne FĂŒhrungsperson hat sich bereits fĂŒr verschiedenste Guerilla AktivitĂ€ten als effektiv erwiesen, ebenso in etwas was die „RAND corporation“ (ein politischer Thinktank) „swarming„–Taktik nennt: viele unvorhersehbare autonome Gruppen ĂŒberwĂ€ltigen eine*n zentralisierte*n Gegner*in. Ihr solltet zu jeder Demonstration in einer Bezugsgruppe gehen, mit einem geteilten VerstĂ€ndnis eurer Ziele und Möglichkeiten. Wenn ihr in einer Bezugsgruppe unterwegs seid, die viel Erfahrung darin hat gemeinsam Aktionen zu bestreiten, werdet ihr auf etwaige NotfĂ€lle viel besser vorbereitet sein und könnt das meiste aus unerwarteten Möglichkeiten ziehen.

Bezugsgruppen können im VerhĂ€ltnis zu ihrer kleinen GrĂ¶ĂŸe eine unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig starke Wirkung erzielen. Im Gegensatz zu traditionellen top-down Strukturen sind sie frei darin sich jeder Situation anzupassen, ihre Entscheidungen mĂŒssen nicht durch komplizierte Ratifizierungsprozesse gehen und all ihre Teilnehmer*innen können sofort agieren und reagieren ohne auf Befehle warten zu mĂŒssen – und das trotzdem mit einer klaren Vorstellung zu den Erwartungen und Vorstellungen der Anderen. Die gegenseitige Bewunderung und Inspiration auf der sie aufgebaut sind macht sie sehr resistent dagegen demoralisiert zu werden. Im starken Kontrast zu kapitalistischen, faschistischen und sozialistischen Strukturen funktionieren sie ohne Hierarchien oder Nötigung. Das Teilnehmen in einer Bezugsgruppe kann erfĂŒllend und spaßig, sowie auch effektiv sein.

Das wichtigste von allem: Bezugsgruppen sind motiviert von geteilten WĂŒnschen und LoyalitĂ€t, im Gegensatz zu Strukturen die auf Profit, Pflicht oder andere Kompensationen oder Abstraktionen aufbauen. Es ist nur ein kleines Wunder, dass ganze Polizeieinheiten von Bezugsgruppen aufgehalten wurden, die mit nichts bewaffnet waren als den TrĂ€nengaskanistern, die auf sie geschossen wurden.

Manche Bezugsgruppen sind formell und umfassend: Die Teilnehmer*innen leben gemeinsam, teilen alles gemeinsam. Aber eine Bezugsgruppe muss kein permanentes Abkommen sein. Sie kann auch als zweckmĂ€ĂŸige Struktur dienen, zusammengestellt aus einem Pool an interessierten und vertrauten Menschen fĂŒr die Dauer eines Projekts.

Ein bestimmtes Team kann gemeinsam wieder und wieder als Bezugsgruppe agieren, die Teilnehmer*innen können sich aber auch in kleinere Bezugsgruppen aufteilen, in anderen Bezugsgruppen mitmachen, oder außerhalb der Struktur Bezugsgruppe agieren. Die Freiheit teilzunehmen und sich entlang der eigenen FĂ€higkeiten und Vorstellungen zu organisieren ist ein fundamentales anarchistisches Prinzip; es bestĂ€rkt Redundanz, so ist keine Einzelperson oder Einzelgruppe essentiell fĂŒr das Funktionieren des Ganzen, und verschiedene andere gruppen können sich rekonfigurieren wie es gebraucht wird.

Die Bezugsgruppe ist ein flexibles Modell.

Eine Bezugsgruppe kann zwei bis vielleicht fĂŒnfzehn Individuen umfassen, abhĂ€ngig vom Ziel. Wie auch immer, keine Bezugsgruppe sollte so groß sein, dass eine informelle Konversation ĂŒber dringende Themen unmöglich wird. Ihr könnt euch immer auf zwei oder mehr Gruppen aufteilen, wenn nötig. In Aktionen die Fahrten erfordern, ist das einfachste System immer eine Bezugsgruppe pro GefĂ€hrt zu haben.

Lernt die StĂ€rken, SchwĂ€chen und HintergrĂŒnde der anderen kennen, so dass ihr wisst auf was ihr euch bei anderen verlassen könnt. Diskutiert eure Analysen von verschiedenen Situationen in die ihr hineingeratet und was ihr bereit seid zu geben oder was ihr erreichen wollt – identifiziert wo sich eure Vorstellungen ĂŒberschneiden, wo sie sich ergĂ€nzen und wo sie sich unterscheiden, sodass ihr bereit seid in Sekundenbruchteilen Entscheidungen zu treffen.

Ein Weg politische IntimitĂ€t zu entwickeln ist es gemeinsam Texte zu lesen und zu diskutieren, nichts aber schlĂ€gt gemeinsame Erfahrungen. Startet langsam, sodass ihr nichts ĂŒberspannt. Sobald ihr eine gemeinsame Sprache und gemeinsame interne Dynamiken entwickelt habt, seid ihr bereit die Ziele zu identifizieren, die ihr gemeinsam erreichen wollt, einen Plan zu erstellen und in Aktion zu gehen.

Bezugsgruppen sind resistent gegen Unterwanderung, da alle Teilnehmer*innen eine gemeinsame Geschichte und IntimitĂ€t miteinander teilen und niemand außerhalb der Gruppe ĂŒber PlĂ€ne oder AktivitĂ€ten informiert werden muss.

Sobald zusammengestellt, kann eine Bezugsgruppe ein geteiltes Set and Sicherheitspraktiken erstellen und sich daran halten. In manche FĂ€llen könnt ihr es euch erlauben öffentlich und transparent ĂŒber AktivitĂ€ten aufzutreten. In anderen FĂ€llen sollte nichts was innerhalb der Gruppe besprochen wird, die Gruppe verlassen, selbst dann wenn alle AktivitĂ€ten bereits abgeschlossen sind. In manchen FĂ€llen sollte niemand außer den Teilnehmer*innen wissen, dass diese Gruppe ĂŒberhaupt existiert. Du und deine Genoss*innen können Aktionen bereden und vorbereiten, ohne dass außenstehende wissen, dass ihr eine Bezugsgruppe darstellt. Denkt daran, es ist einfacher von einem Hochsicherheitsprotokoll herab- als zu einem hinaufzustufen.

Bezugsgruppen arbeiten in der Regel konsensbasiert: Entscheidungen werden kollektiv gemacht, abhĂ€ngig von den BedĂŒrfnissen und WĂŒnschen von jedem involvierten Individuum. Demokratisches Abstimmen, in welcher die Mehrheit bestimmt und der Rest sich der Entscheidung beugen muss, sind ein Anathema fĂŒr Bezugsgruppen – wenn eine Gruppe schön funktionieren soll und unter Stress zusammenhalten muss, muss jedes involvierte Idividuum zufrieden sein. Vor jeder Aktion sollten sich alle Teilnehmer*innen der Gruppe gemeinsam klar werden, was die persönlichen und kollektiven Ziele sind, welche Risiken sie bereit sind gerne auf sich zu nehmen und was die Erwartungen an die anderen sind. Sobald diese Angelegenheiten bestimmt sind, kann ein Plan formuliert werden.

Da Aktionssituationen immer unvorhersehbar sind und PlĂ€ne selten wie erwartet vonstatten gehen, könnte es helfen einen dualen Ansatz zu wĂ€hlen. Auf der einen Seite können verschiedene Szenarien geplant werden: Wenn A passiert, informieren wir uns ĂŒber X und Ă€ndern auf Plan B; wenn X als Kommunikationsmittel unmöglich ist, treffen wir uns um Q Uhr an Platz Z. Auf der anderen Seite können Strukturen vorbereitet werden, die hilfreich sind, auch wenn das passiert nicht in den vorbereiteten Szenarios liegt. Das kann das vorbereiten von Ressourcen bedeuten (wie zum Beispiel Banner, medizinische Mittel oder offensive AusrĂŒstung), das aufteilen interner Rollen (zum Beispiel Scouting, Kommunikation, Erste Hilfe, Medienverbindung), das Einrichten von Kommunikationssystemen (burner phones, kodierte Phrasen die zur sicheren Kommunikation gerufen werden können), das Vorbereiten genereller Strategien (um sich selbst in stressigen Situationen gegenseitig im Blick zu behalten, zum Beispiel), Markieren von Notwegen oder Rechtshilfe bereitstellen, falls jemand verhaftet wird.

Nach einer Aktion trifft sich eine aufgesplittete Gruppe wieder (wenn notwendig an einer sicheren Stelle ohne elektronische GerĂ€te) um darĂŒber zu diskutieren was gut lief, was besser hĂ€tte laufen können und was als nĂ€chstes kommt.

In chaotischen Protest-Situationen ist es sicherer als engmaschige Bezugsgruppe zu agieren.

Eine Bezugsgruppe antwortet nur sich selbst – das ist eine ihrer StĂ€rken. Bezugsgruppen steht nicht die BĂŒrde von Protokollen anderer Organisationen zur Last, nicht die Schwierigkeiten mit fremden ein Übereinkommen treffen zu mĂŒssen und auch nicht die Limitation einer Institution Rechenschaft stehen zu mĂŒssen, die nicht direkt in einer Aktion beteiligt ist.

Zur stelben Zeit, so wie die Teilnehmer*innen einer Bezugsgruppe auf einen gemeinsamen Konsens bestrebt sind, sollten sie auch danach streben gute Beziehungen zu anderen Individuen und Gruppen zu pflegen – oder zumindest die AnsĂ€tze anderer zu ergĂ€nzen, selbst wenn andere den Wert des Beitrags nicht anerkennen. Im Idealfall sollte Jede*r froh sein ĂŒber die Teilnahme oder Intervention eurer Bezugsgruppe, statt sie wegzuschicken oder gar zu fĂŒrchten. Sie sollten den Wert des Bezugsgruppen-Modells anerkennen lernen und es selbst beginnen anzuwenden, nachdem sie den Erfolg bei euch gesehen haben und selbst einen Vorteil durch diesen Erfolg erhalten haben.

Eine Bezugsgruppe kann mit anderen Bezugsgruppen in einem sogenannten „Cluster“ zusammenarbeiten. Die Cluster Formation erlaubt einer großen Menge an Individuen mit dem selben Vorteil einzelner Bezugsgruppen zusammen zu agieren. Wenn Geschwindigkeit oder Sicherheit gefragt sind, kann jede Gruppe eine*n Delegierte*n (Deli) vorschicken, statt einem Zusammenkommen der Gesamtmenge aller Gruppen; Wenn Koordination von entscheidender Bedeutung ist, können die Gruppen oder Delis Methoden zur Kommunikation in der Hitze der Aktion arrangieren. Wenn verschiedene Bezugsgruppen ĂŒber Jahre gemiensam kollaborieren, können sie sich gegenseitig genausogut kennen lernen, wie sie sich selbst kennen, werden dadurch gemeinsam komfortabler und fĂ€higer.

Wenn verschiedene Cluster von Bezugsgruppen sich koordinieren mĂŒssen, besonders in Massen-Aktionen – zum Beispiel vor großen Demonstrationen – können sie Deli-Plena abhalten, an dem sich verschiedene Bezugsgruppen oder Cluster gegenseitig (soweit sinnvoll und gewollt) von ihren Vorhaben informieren können. Deli-Plena produzieren selten Einstimmigkeit, aber sie können die Teilnehmer*innen von den verschiedenen WĂŒnschen und Perspektiven unterrichten, die mit in die Aktion ziehen. Die UnabhĂ€ngigkeit und SpontanitĂ€t die DezentralitĂ€t bereitstellt sind fĂŒr gewöhnlich unser grĂ¶ĂŸter Vorteil im Kampf mit besser ausgerĂŒsteten Feinden.

Damit Bezugsgruppen und grĂ¶ĂŸere Sturkturen, die auf Konsens und Kooperation basieren, funktionieren, ist es essentiell, dass sich alle aufeinander verlassen können und Versprechungen eingehalten werden. Wenn einem Plan zugestimmt ist, sollte sich jedes Individuum in einer Gruppe, oder jede Gruppe in einem Cluster, einen oder mehr kritische Aspekte der Vorbereitung und AusfĂŒhrung des Plans aussuchen und anbieten diesen zu bottomlinen (den Aspekt mitverfolgen). Das Bottomlining fĂŒr die Beschaffung einer Ressource oder VervollstĂ€ndigung eines Projekts heißt zu garantieren, dass es unter allen UmstĂ€nden vervollstĂ€ndigt wird. Wenn du die Rechtshilfe fĂŒr deine Gruppe wĂ€hrend einer Demonstration betreibst, schuldest du es ihnen es zu machen, auch wenn du krank wirst; wenn deine Gruppe verspricht Banner fĂŒr eine Aktion vorzubereiten, gehst du sicher, dass sie bereit sind, auch wenn das bedeutet, dass du die ganze Nacht aufbleiben musst, weil der Reist deiner Bezugsgruppe nicht kommen konnte. Mit der Zeit weden ihr Lernen mit Krisen umzugehen und auf wen du in Krisen vertrauen kannst – genauso wie andere lernen weden wie sehr sie auf dich vertrauen können.

Hör auf dich zu wundern was passieren wird, oder warum nichts passiert. Schließe dich mit deinen Freund*innen zusammen und entscheidet was passieren wird. Geh nicht durch’s Leben in einem passiven Beobachtermodus, darauf wartend gesagt zu bekommen, was du zu tun hast. Mach es zu einer Angewohnheit darĂŒber zu diskutieren, das du sehen willst – und mach diese Ideen RealitĂ€t.

Ohne Struktur die Ideen bestĂ€rkt in Aktion ĂŒberzugehen, ohne Genoss*innen mit denen du brainstormen, durchs Land ziehen und ein Momentum aufbauen kannst, wirst du viel eher paralysiert sein (oder bleiben), abgeschnitten von einem Großteil deines Potentials; mit ihnen kannst du dein Potential um zehn, oder zehntausend, multiplizieren. „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe von aufmerksamen und hingebungsvollen Menschen die Welt Ă€ndern kann,“ schreibt Margaret Maed, „es die einzige Sache die sie je verĂ€ndert hat.“ Sie hat sich, ob sie es wusste oder nicht, auf Bezugsgruppen bezogen. Wenn sich jedes Individuum in jede Aktion gegen den Staat und den status quo als Teil einer engmaschigen, engagierten Bezugsgruppe begibt, wĂ€re die Revolution in wenigen kurzen Jahren erfolgreich.

Eine Bezugsgruppe könnte ein NĂ€hkreis oder Radreparatur-Kollektiv sein, sie könnte zusammenkommen um Essen fĂŒr eine Besetzung zu bereiten oder multinationale Unternehmen durch vorsichtig orchestrierte Sabotage aus dem GeschĂ€ft zu bringen. Bezugsgruppen haben GemeinschaftsgĂ€rten bepflanzt und verteidigt, GebĂ€ude gebaut, besetzt und niedergebrannt, Kinderbetreuungen und unangemeldete Streiks organisiert; individuelle Bezugsgruppen initiieren regelmĂ€ĂŸig Revolutionen in den visual arts und der Pop-Musik. Deine Lieblingsband war eine Bezugsgruppe. Eine Bezugsgruppe hat das Flugzeug erfunden. Eine andere betreibt diese Website.

Lass sich fĂŒnf Menschen treffen die sich dem Blitz der Aktion hingeben, statt dem Schmerz des (Über-)lebens – von diesem Moment an endet Verzweiflung und Taktik beginnt.

Dieser Guide ist eine adaptierte Version des Werkes Recipes for Disaster: An Anarchist Cookbook.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de