August 31, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Via CrimethInc

Mit der copfreien Zone ist kein bestimmter HĂ€userblock, Kreisverkehr oder Park gemeint. Gemeint ist die kollektive Bereitschaft, einen Platz zu verteidigen und die Wirkungsweisen von Polizeiarbeit und Rassismus zu beseitigen. In den folgenden Texten erforschen wir die Erfahrungen einiger Leute, die versucht haben, an unterschiedlichen Orten in den Vereinigten Staaten polizeifreie, autonome Zonen zu schaffen.

Am 1. Juli 2020 hat die Polizei von Seattle die „Capitol Hill Autonomous Zone“ [kurz CHAZ – autonome Zone Capitol Hill], auch bekannt als „Capitol Hill Organized Protest“ [kurz CHOP – Organisierter Protest in Capitol Hill], gerĂ€umt und damit ein Autonomieexperiment beendet, das sich mit inspirierender KreativitĂ€t und herzzerreißenden Tragödien ĂŒber drei Wochen erstreckt hatte. Die Legende dieses Ortes hat sich jedoch weltweit verbreitet und es gab SolidaritĂ€tsaktionen zum Beispiel selbst in Tokio. Von Portland bis New York City und Washington, DC gab es Nachahmungsversuche. FĂŒr einen Überblick ĂŒber die Geschichte der Besetzung in Seattle beginne etwa hier.

Die Autonome Zone Capitol Hill / Auf dem Höhepunkt des organisierten Protests.

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Eine polizeifreie Zone einzurichten, ist ein Kraftakt – egal, ob sie einen einzigen Abend oder mehrere Jahre hĂ€lt. Sie kann die Gedankenwelt der Bevölkerung drastisch erweitern: So, wie die Abschaffung der Polizei undenkbar war, bis der Aufstand in Minneapolis zeigte, dass Randalierer_innen die Polizei in einer offenen Auseinandersetzung besiegen konnten, kann sogar die kurzlebigste autonome Zone Leuten ermöglichen, ihre Annahmen zur polizeilichen Überwachung zu ĂŒberdenken.

Vor allem bietet eine befreite Zone Raum fĂŒr Gedenken und Trauer. So wie Occupy Oakland den Platz, den sie zu Ehren von Oscar Grant 2011 besetzten, umbenannten, haben aktuelle copfreie Zonen mit Hilfe von atemberaubenden, partizipativen Kunstinstallationen als DenkmĂ€ler gedient fĂŒr jene, die durch Polizeigewalt ihr Leben verloren haben. Die wichtigsten kĂŒnstlerischen Versuche und Community-Treffen finden in den USA derzeit in diesen RĂ€umen statt.

Ein Denkmal in der CHAZ in den ersten Tagen ihres Bestehens.

In Richmond, in der autonomen Zone, die in „Marcus-David Peters Circle“ umbenannt wurde, verwandelten Demonstrierende ein Konföderiertendenkmal in ein bewegendes Gemeinschaftsdenkmal, wobei sie sich der Palette von Jean-Michel Basquiat bedienten.

Eine der Gedenktafeln am Fuß des neugestalteten Denkmals am Marcus-David Peters Circle in Richmond.

Ein Denkmal in einer copfreien Zone in Atlanta

Da die Polizei immer noch so mĂ€chtig ist und die herrschende Klasse, der sie dient, sich abmĂŒht, ihre Existenz in der öffentlichen Wahrnehmung zu legitimieren, birgt die Einrichtung einer Zone ohne Polizei Herausforderungen und Risiken. In Reaktion darauf, dass die Abschaffung der Polizei plötzlich so eine beliebte Idee ist, muss der Staat dringend Spektakel kreieren, die den Eindruck erwecken, dass die Abschaffung der Polizei noch grausamer als die anhaltende Gewalt der Polizei sei.

Der Versuch, festes Territorium zu kontrollieren, versetzt uns in die Defensive und macht uns zu einem stationĂ€ren Ziel fĂŒr Angriffe von Rassist_innen und anderen. Diese Angriffe reichen von tatsĂ€chlichen Schießereien, wie DeJuan Young in seinen Erfahrungen ĂŒber Seattle beschreibt, bis hin zu offensichtlich erlogenen Diffamierungen, die Fox News dort gegen die Besetzung durchfĂŒhrte. Gleichzeitig versuchen Polizei und andere staatliche Akteure, Gewalt und antisoziale AktivitĂ€ten in Bereiche zu bringen, die nicht von ihnen kontrolliert werden, um jene zu diskreditieren, die dort leben. In Griechenland hat die Polizei diese Taktik lange gegen unregierbare Stadtviertel wie Exarchia oder autonome Zonen an griechischen UniversitĂ€ten angewendet.

Die Kontrolle ĂŒber einen bestimmten Ort befĂ€higt uns nicht notwendigerweise, die VorgĂ€nge zu stören, die zu der antisozialen Gewalt fĂŒhrt, welche die Behörden benutzen, um Überwachung zu rechtfertigen. Die Polizei abzuschaffen bedeutet nicht, einer einzelnen Institution die Finanzierung zu entziehen, sondern unsere gesamte Gesellschaft zu verĂ€ndern: Die Ungleichheiten, durch die es ĂŒberhaupt notwendig wird, die herrschende Ordnung polizeilich zu bewahren, abzuschaffen. Innerhalb einer autonomen Zone können wir Schenkökonomie und andere Modelle gegenseitiger Hilfe praktizieren, aber das reicht nicht aus, um die Beteiligten vor dem Druck von Kapitalismus und Rassismus zu schĂŒtzen, der unsere Beziehungen zwangsweise weiterhin destabilisieren wird, bis wir großrĂ€umige soziale VerĂ€nderungen herbeifĂŒhren können.

Das bedeutet nicht, dass wir statt von „Autonomie“ lieber von „Besetzung“ oder „Organisation“ sprechen sollten, wie einige fordern. Wir mĂŒssen eher dafĂŒr sorgen, dass ein anderes VerstĂ€ndnis davon, was Autonomie ist, bekannter wird. So, wie wir das Konzept verstehen, bedeutet Autonomie nicht, eine rechtlich unabhĂ€ngige Zone einzurichten, so wie es der Staat macht. Autonomie stellt viel eher die Frage, wie viel Kontrolle alle Beteiligten an einem Ort darĂŒber haben, was sie tun können und was sie dort erleben. In diesem Sinne ist Autonomie nicht die Beschaffenheit eines festgelegten, physisch existierenden Ortes, sondern die Eigenschaft eines Beziehungsnetzwerks.

[Autonomie] bedeutet aber nicht zwangslĂ€ufig, all deine BedĂŒrfnisse unabhĂ€ngig zu erfĂŒllen. Denkbar wĂ€re etwa auch die Art von wechselseitiger AbhĂ€ngigkeit, in der du auf die Menschen, auf die du angewiesen bist, auch selbst Einfluss hast. Keine einzelne Institution sollte in der Lage sein, den Zugang zu Ressourcen oder soziale Bindungen an sich zu reißen. Eine Gesellschaft, die Autonomie anstrebt, braucht das, was ein Ingenieur als Redundanz bezeichnen wĂŒrde: eine breite Palette von Optionen und Möglichkeiten in allen Lebensbereichen.

From Democracy to Freedom

Die Macht ĂŒber eine autonome Zone in einer einzelnen FĂŒhrungs- oder Entscheidungsstruktur zu konzentrieren, ist kein Vorteil, sondern eine Belastung. Von Machtmonopolen profitieren normalerweise die vergleichsweise Privilegierten, die geĂŒbt darin sind, sich das Konzept der LegitimitĂ€t zunutze zu machen, um sich selbst vorteilhaft zu positionieren. WĂ€hrenddessen werden diejenigen, die am meisten von Rassismus und Klassenunterschieden betroffen sind, oft ausgeschlossen, obwohl diese Konzepte sie eigentlich ermĂ€chtigen sollen. Wenn es unser Ziel ist, Rassismus zu beenden, dann sollte es unsere obere PrioritĂ€t sein, die Stimmen und die Handlungen der am meisten entrechteten Schwarzen, PoC und queeren Personen zu unterstĂŒtzen – und nicht, AnfĂŒhrenden zu folgen, die bereits von irgendeinem Status profitieren. Ebenso begrenzt uns die ĂŒbermĂ€ĂŸige Betonung von Einheit, im Hinblick auf Taktiken und langfristige Ziele, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, was die Vielfalt und Unvorhersehbarkeit untergrĂ€bt welche Bewegungen brauchen, um ĂŒberhaupt autonome Zonen errichten zu können

Diese Überlegungen weisen darauf hin, dass wir unser Augenmerk auf offensive Aktionen in allen Teilen der Gesellschaft legen mĂŒssen, auch wenn unser Ziel nur darin besteht, einen bestimmten physischen Ort unter Kontrolle zu behalten. So zwingen wir unsere Gegner_innen, in der Defensive zu bleiben, wĂ€hrend wir unsere Energie in solche Aktionen stecken können, die Bewegungen und RĂ€ume aufbauen, anstatt uns auf die bloße Verteidigung von bestimmten Grenzen zu konzentrieren. Wir sollten besetzte Orte als Ergebnis unserer BemĂŒhungen betrachten und nicht als das zentrale Anliegen, das uns zusammenbringt.

Andere Bewegungen haben sich bereits in der Vergangenheit mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Von der Hausbesetzungsbewegung in Europa, dem Movimento sem Terra (MST) in Brasilien, der Occupy-Bewegung in den USA und anderen Beispielen weltweit können wir viel lernen. Wenn autonome Zonen fĂ€lschlicherweise als physische Orte missverstanden werden, statt als Ergebnis von Beziehungen und Tapferkeit, kann das im schlimmsten Fall dazu fĂŒhren, dass manche Beteiligten fatale Kompromisse mit den Behörden eingehen, in der Hoffnung, dieses Territorium behalten zu dĂŒrfen.

Letztendlich sind wir durch bei der Schaffung und Verteidigung von polizeifreien Zonen dazu gezwungen, eine belastbare Analyse davon zu entwickeln, was polizeiliche Überwachung bedeutet, um sicherzustellen, dass wir sie nicht selber nachahmen. In welchem Ausmaß wir an solchen Orten unsere Konflikte selbst lösen können wird einer der wichtigsten Faktoren fĂŒr ihren Erhalt sein und dafĂŒr, dass wir ein Autonomiemodell demonstrieren, das eine Weiterverbreitung verdient. Copfreie Zonen zu verteidigen heißt nicht, dass wir tödliche Gewalt anwenden sollten, wie die Polizei es tut. Wenn wir diesen Fehler machen, riskieren wir, die Dynamik bestehender Polizeisysteme zu reproduzieren, und diejenigen, die am meisten darunter leiden, werden wahrscheinlich junge schwarze MĂ€nner sein.

Wir mĂŒssen beiderseitig befriedigende [Konflikt-]Lösungen finden oder unter den Konsequenzen des andauernden Konflikts leiden. Das ist ein Anreiz dafĂŒr, die BedĂŒrfnisse und Sichtweisen aller Parteien ernst zu nehmen und FĂ€higkeiten zu entwickeln, die uns helfen, Spannungen abzubauen und Rival_innen zu versöhnen. Es muss nicht jede_r einverstanden sein, aber wir mĂŒssen Wege finden, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen, die nicht zu Hierarchien, UnterdrĂŒckung oder sinnloser Feindschaft fĂŒhren.

From Democracy to Freedom

So gesehen ist die erste Verteidigungslinie der copfreien Zone nicht die Gewalt, mit der sie verteidigt wird, sondern die Art und Weise, wie die Beteiligten FĂŒrsorge zu einer transformativen Kraft machen.

Die Gasse hinter dem dritten Bezirk in Minneapolis, durch die sich die Polizei vor den Demonstrierenden zurĂŒckzog, die sie als Antwort auf den Mord an George Floyd niederbrannten.

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In den folgenden Berichten aus New York City, Portland und anderen Teilen der USA reflektieren Beteiligte autonomer Zonen ihre Erfahrungen.

New York City: Die autonome Zone am Rathaus

Ich ging am Montagabend [29. Juni, 2020] zur Besetzung am Rathaus und erwartete eine RĂ€umung. Ich plante, ĂŒber Nacht zu bleiben. Mir war klar, dass ich vielleicht nicht zum Schlafen kommen wĂŒrde.

Auf dem Platz kamen mehrere Demonstrationen gleichzeitig zusammen. Der Abschnitt des Parks, der von der Polizei verbarrikadiert und mit Demonstrierenden gefĂŒllt war viel grĂ¶ĂŸer, als der Zuccotti-Park, wo Occupy Wall Street stattfand. Trotzdem reichte der Platz nicht fĂŒr die schnell anwachsende Menge aus. Wir mussten expandieren.

Zuerst schien es der bessere Plan zu sein, sich tiefer in den Park hinein auszubreiten. Das sĂŒdliche Ende des Parks wurde nur von ein paar Cops bewacht, die an den RĂ€ndern herumlungerten. Die Erweiterung in diese Richtung wĂŒrde eine kleine Konfrontation bedeuten, aber eine, die wir definitiv gewinnen konnten. Die Leute, die die Barrikaden im SĂŒden hielten, zögerten jedoch, die Linie zu verschieben. Anstatt zu streiten, ging die Menge den Weg des geringsten Widerstands und strömte in die Straßen an der nordöstlichen Ecke. Die Center Street einzunehmen bedeutete, den Zugang zur Brooklyn Bridge fĂŒr Autos zu blockieren. Die Besetzung der Chambers Street gab den Demonstrierenden Gelegenheit, das GerichtsgebĂ€ude mit Graffiti zu schmĂŒcken. Die Expansion nach außen auf die Straße sorgte wohl oder ĂŒbel fĂŒr einen Konflikt. Bei der Anzahl von Menschen konnten wir den Platz leicht halten – zumindest bis zum frĂŒhen Morgen. Bis dahin wĂŒrden die meisten Menschen verschwunden sein und die Polizei könnte ihn problemlos stĂŒrmen. Dieser Ausgang war schmerzhafterweise offensichtlich.

Trotzdem geschah es. Ich machte mich schnell an die Arbeit und versuchte, der Ausweitung der Besetzung so gut wie möglich zum Erfolg zu verhelfen.

Besetzte Zone vor dem Rathaus in New York City, 1. Juli.

Besetzte Zone vor dem Rathaus in New York City, 2. Juli.

Die Besetzer_innen versammelten sich auf der Chambers Street fĂŒr ein spontanes Teach-in. Es fanden stets mehrere Diskussionen, PrĂ€sentationen und Versammlungen gleichzeitig statt. Leute trugen Tische auf die Straßenkreuzung und beluden sie mit kostenloser Pizza. Nach Monaten der Unruhen waren große Teile von Lower Manhattan voll mit Absperrgittern. Zusammen mit Material von nahegelegen Baustellen wurden diese schnell einem neuen Zweck zugefĂŒhrt, um unsere PrĂ€senz vor Ort zu stĂ€rken.

Im ganzen Park teilten Leute Nahrung, Kleidung, persönliche SchutzausrĂŒstung, Bettzeug und andere lebenswichtige Dinge miteinander. Es gab KĂŒhlboxen fĂŒr GetrĂ€nke, sortiert und beschriftet: Wasser, Sprudelwasser, Saft, Gatorade. Eine generatorbetriebene Handyladestation ermöglichte es den Leuten, lĂ€nger zu bleiben und gleichzeitig mit der Außenwelt zu kommunizieren. Eine kostenlose Bibliothek – ohne SĂ€umnisgebĂŒhren! – wurde schon frĂŒh eingerichtet und mit den Worten Schwarzen RevolutionĂ€r_innen und Dichter_innen gefĂŒllt. Ab 1. Juli wurden in der Besetzung auch kostenlose Covid-19-Tests angeboten. Ich war erstaunt darĂŒber, wie schnell und geschickt die Menschen zusammen eine sinnvolle Infrastruktur errichteten. Einmal hörte ich eine Person fragen, wie er bei der Verteilung von Lebensmitteln helfen könne. Eine Freiwillige antwortete, dass er auf die andere Seite des Tischs kommen könne, um bei der Verteilung von Pizza zu helfen, und das tat er dann.

Eine Versammlung in der besetzten Zone vor dem Rathaus in New York City, 1. Juli.

Als die Spannungen mit der Polizei gegen halb Drei morgens eskalierten, fragte ich die Leute am Versorgungstisch nach allen Regenschirmen, den sie hatten. Ich wollte sie an der Front verteilen, als Schutz gegen Pfefferspray. Die Leute, die VorrĂ€te verteilten, waren so ruhig und gesammelt. Ich erinnere mich, dass ich mir wĂŒnschte, wir hĂ€tten ihre Besonnenheit auf den Barrikaden.

Als die Nacht anbrach, begann die Menge auseinanderzufallen. Obwohl das Lager tage- und nĂ€chtelang von Barrieren umgeben gewesen war, beschlossen einige Leute plötzlich, dass die Barrikaden uns einsperrten, anstatt Polizeiangriffe abzuhalten. Sie sagten Dinge wie „Wir brauchen einen Fluchtweg“ oder „Die Barrikaden geben der Polizei eine Ausrede, um den Park zu ĂŒberfallen.“ In Wirklichkeit hatten die Cops schon alle Ausreden, die sie brauchte, um den Park zu rĂ€umen, Barrikaden hin oder her, und die New Yorker Polizei hat nie Ausreden gebraucht, um uns anzugreifen. Barrikaden halten die Polizei davon ab, hineinzustĂŒrmen und nach dem Zufallsprinzip Leute zu verhaften. Barrikaden fĂŒhlen keinen Schmerz, wenn sie von Schlagstöcken getroffen werden. Barrikaden mĂŒssen nicht auf Kaution aus dem Knast geholt werden.

Und was die Frage nach Fluchtwegen betrifft: Merkt euch, jeder Ausgang ist auch ein Eingang. Da das eigentliche Ziel der Besetzung eher die Sicherung von Raum war, statt MobilitĂ€t, machen starke Grenzen an allen Außenseiten Sinn. Ja, Grenzen werden zum Inhalt von Konflikten. Das wird immer der Fall sein, egal wie groß oder klein die Zone ist. In der Geometrie sehen wir: Je grĂ¶ĂŸer das besetzte Gebiet, desto mehr Polizei wird benötigt, um es zu umzingeln. Die schiere GrĂ¶ĂŸe der autonomen Zone am Rathaus machte es möglich, dass eine kleine Gruppe von Menschen sie ĂŒber Nacht verteidigen konnte. Die Polizei brauchte zwei Stunden, um am frĂŒhen Mittwochmorgen die unbewachten Barrikaden zu demontieren. HĂ€tte sich die Menge entschlossen, wĂ€hrend des Polizeiangriffs aus dem Park zu flĂŒchten, wĂ€re mehr als genug Zeit fĂŒr alle gewesen, um ihn auf der anderen Seite zu verlassen.

Graffiti schmĂŒcken das Rathaus von New York City, 2. Juli.

Wir konnten das am Montagabend (Dienstagmorgen) beobachten. Da einige Leute die Barrikaden auf der Nordostseite des Parks abbauten, verstĂ€rkten Demonstrierende die auf der Nordwestseite. Absperrungen waren ĂŒber die Straße verteilt, als dichte Blockade miteinander verbunden. Trotz zahlreicher Versuche war die Polizei nicht imstande, auf der Nordwestseite durchzudringen, solange Demonstrierende sie bewachten. Doch wĂ€hrend die Leute die mittlerweile ikonische Front des ErsatzgerichtsgebĂ€udes bemalten, gelangte die Polizei durch die LĂŒcke im Nordosten hinein und konnte Verhaftungen vornehmen. GlĂŒcklicherweise wurden sie schnell an die RĂ€nder zurĂŒckgedrĂ€ngt, wo sie bis zum frĂŒhen Morgen darauf warteten, dass wir weniger wĂŒrden. Am frĂŒhen Morgen strömten sie von Nordosten ein und trieben alle zurĂŒck in den Park. Dies zeigt, wie wichtig die Barrikaden fĂŒr die Sicherung des Gebiets und unsere eigene Sicherheit sind.

Um es klar auszudrĂŒcken: Wenn die autonome Zone am Rathaus eins ist, dann chaotisch. Vom ersten Tag an gab es heftige Auseinandersetzungen ĂŒber das Megaphon zwischen den Organisator_innen, ganz zu schweigen von den Streits, mit denen alle anderen beschĂ€ftigt waren. Das ist bei derart vielfĂ€ltigen Zielen und Ideologien zu erwarten. Einige Anarchist_innen lehnen die Besetzung als Produkt des „non-profit industrial complex“ (NPIC) ab. Es gab sogar das GerĂŒcht, dass einige der ursprĂŒnglichen Organisator_innen eine mĂŒndliche Vereinbarung mit der Polizei getroffen hĂ€tten, dass sie bis zum 1. Juli bleiben könnten, wenn sie friedlich bleiben und dann gehen wĂŒrden. Unnötig zu erwĂ€hnen, dass wir diesen Punkt ĂŒberschritten haben.

Die Wahrheit ist, dass die Autonome Zone des New Yorker Rathauses – NYCHAZ – bei weitem die konfliktreichste Sache ist, die es derzeit in New York gibt. WĂ€re es nur ein Camp von Radikalen mit langjĂ€hriger Erfahrung und makelloser politischer Einstellung, wĂ€re es viel kleiner und weit weniger interessant. Die Schönheit liegt im Prozess, nicht in der Besetzung. Obwohl die Polizei nach mehreren NĂ€chten der Konfrontation die Straßen erfolgreich von den Barrikaden befreit hat, aus dem GedĂ€chtnis all derer, die dabei waren, kann sie sie nicht rĂ€umen. Was jetzt stattfindet, wird eine neue Generation von Radikalen hervorbringen, so wie es Occupy vor einem Jahrzehnt getan hat. Große Menschenmengen können in nur ein paar NĂ€chten so viel lernen. Ein Teil davon kann online kommuniziert werden. Das meiste davon muss man einfach erleben.

Obwohl ich dem Vorschlag, die Barrikaden zu beseitigen, ĂŒberhaupt nicht zustimmte, hielt ich es fĂŒr das Beste, nicht darĂŒber zu streiten. Es ist sowohl Segen als auch Fluch, dass keine Fraktion ĂŒber die Besetzung bestimmt. Im NYCHAZ herrscht eine AtmosphĂ€re, in der manche Demonstrierende vor einem Zoom-Chat sitzen und Politiker_innen anfeuern können, wĂ€hrend andere ACAB auf die GerichtsgebĂ€ude in der Innenstadt malen und Baumaterial auf den Straßen stapeln. Alles hat seinen Platz und seine Zeit. Wenn sich einige Taktiken oder Ideen an einem Ende des Parks nicht durchsetzen, besteht eine gute Chance, dass sie am anderen Ende trotzdem funktionieren. Die Dynamik der Menge Ă€ndert sich stĂ€ndig. Wenn du etwas ausprobierst und nicht die erhoffte Reaktion bekommst, versuch es mit etwas anderem – oder warte einfach ein wenig und versuch es dann erneut. Montagabend stritten sich die Leute ĂŒber Barrikaden. Am Dienstag verstĂ€rkten die Leute sie mit 6 Meter BaustahlstĂŒcken und errichteten Schilde im Park.

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Mittwochmorgen. Meine zweite Nacht in Folge auf den Barrikaden und ohne Schlaf. Ich stehe mit Freund_innen und Fremden, wir halten einander, wĂ€hrend wir gegen die Polizeischilde drĂŒcken. Auch in dieser Nacht bin ich beinahe sicher, dass wir verhaftet werden. Egal, es gibt wirklich keine andere Möglichkeit, als uns zu behaupten und es auszuhalten. Nach stundenlanger Konfrontation, Pfefferspray und PrĂŒgeln erhĂ€lt die Polizei endlich den Befehl, sich zurĂŒckzuziehen. Erleichterung ĂŒberkommt mich, und Bewunderung fĂŒr alle, die sich entschieden haben, die Nacht durchzuhalten.

Wir nehmen uns einen Moment Zeit, um zu feiern und Wasser zu trinken. Es ist ungefĂ€hr 9 Uhr morgens. Ich ziehe mich um und verlasse den Park mit ein paar Freund_innen, in der Hoffnung, vor meiner RĂŒckkehr ein wenig zu schlafen.

Eine_r von ihnen schreibt mir ein paar Stunden spĂ€ter: „FĂŒhlt sich gut an, lebendig zu sein.“

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Willkommen am schönen Marcus-David Peters Circle in Richmond, befreit durch die Menschen im Jahr 2020.

Der Marcus-David Peters Circle, wo die steigende Flut der Revolte bald das Konföderiertendenkmal hinwegfegen wird.

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Bericht aus der Area X

Das Folgende ist ein Bericht aus erster Hand ĂŒber das, was wir Area X nennen werden. Area X ist ein erfundener Name fĂŒr einen realen Ort, der keinen Namen hat. Um den Ort zu schĂŒtzen, werden identifizierende Details unkenntlich gemacht. Area X ist eine polizeifreie Zone irgendwo in den USA. Die Zone befindet sich dort, wo ein GebĂ€ude niederbrannte, nachdem ein schwarzer Mann ermordet wurde. Area X dient sowohl als Denkmal fĂŒr die Gefallenen als auch als Versammlungsort – ein Stadtteil, in dem die Polizei das Gesetz nicht durchsetzen und mit dem sie nicht verhandeln kann.

So hat es fĂŒr mich angefangen. Wir kamen weniger als eine Stunde nach dem Mord am Tatort an. Unser_e GefĂ€hrt_in hatte alles miterlebt und uns genau berichtet, was passiert war. GlĂŒcklicherweise konnte unser_e GefĂ€hrt_in die Situation sicher verlassen.

Als wir ankamen, fanden wir eine kleine aber verĂ€rgerte Menge vor, Auge in Auge mit einer Reihe Cops. Die Menge bestand grĂ¶ĂŸtenteils aus Schwarzen, was die Nachbarschaft widerspiegelt, in der der Mord stattfand. Die Leute schrien die Polizei und den Bezirksstaatsanwalt an, der herauskam, um die Leute zu beruhigen. Untereinander besprachen sie, was passiert war, und hielten die Stellung auf den Straßen bis spĂ€t in die Nacht. Am nĂ€chsten Tag war der Platz meistens voll mit Menschen. Bei Sonnenuntergang waren die Cops gezwungen worden, den Bereich zu verlassen, weil Leute sie mit Flaschen beworfen und ihre Autos angegriffen hatten. Die Cops schossen mit TrĂ€nengas- und Blendgranaten und zogen sich dann hinter einer Rauchwolke zurĂŒck. Entlang eines nahegelegenen Highways blieb die Polizei jedoch in Position, mit Bearcats, Einsatzfahrzeugen und allem drum und dran.

Kurz nachdem die Polizei vom Tatort geflohen war, formierte sich eine Demo, die Kurs auf den Highway nahm und den Verkehr blockierte. Im Nachhinein betrachtet, war dies ein entscheidender Moment. Die Leute sperrten den Freeway und blockierten den Verkehr und dann, 30 Minuten spĂ€ter, waren Aktivist_innen durch ihre Megafone zu hören, die den Leuten sagten, sie sollten sich unterhaken; sich darauf vorbereiten, verhaftet zu werden. Ich wusste nur, dass ich da nicht dabei sein wollte, meine Bezugsgruppe verließ also den Highway. Der Verkehrsfluss wurde fĂŒr einen Moment gestoppt, da die Menschen auf der Autobahn uns Respekt zollten, aber zu lange auf der Autobahn zu bleiben macht uns nur zu Verkehr und wir mĂŒssen wie Wasser sein. Als wir den Highway verließen, begegneten wir noch mehr Friedensstifter_innen mit Martinshörnern und ließen sie an einer anderen Auffahrt in ihren Ecken stehen.

Die Gasse hinter dem dritten Revier in Minneapolis, das als Antwort auf den Mord an George Floyd niedergebrannt wurde.

Wir gingen hinunter zu der Stelle, wo die Schießerei in der Nacht zuvor stattgefunden hatte. Das war der Ort, an dem der Kampf stattfand. Es war niemand da, der versuchte zu befrieden, nur eine gemischte Menge, die alle nur eines wollten: das GebĂ€ude niederbrennen. Interessant ist, dass die Menge das GebĂ€ude nur deshalb in Ruhe angreifen konnte, weil sich alle Aktivist_innen und NGO-Leute auf den Freeway konzentrierten, in einiger Entfernung von dem, was Area X werden sollte.

Der erste Schritt bei der Schaffung von Area X war die Zerstörung des GebĂ€udes. Medienteams wurden gezwungen, sich aus dem Gebiet zurĂŒckzuziehen, als das GebĂ€ude Feuer fing. Die Menge hielt einen auswĂ€rtigen/außenstehenden SanitĂ€ter auf, der versuchte, das Feuer zu löschen. Als das GebĂ€ude in Flammen aufging, versuchte ein Cop die Straßen vor Area X zu rĂ€umen, indem er ziellos durch die Straße fuhr, auf der sich Dutzende von Menschen versammelt hatten. Sein Ziel war es, eine Route fĂŒr die Feuerwehrfahrzeuge zu öffnen, was aber scheiterte, da das Polizeifahrzeug wiederholt mit Ziegelsteinen angegriffen wurde. Nach ein paar Runden auf der Straße war er gezwungen, sich zurĂŒckzuziehen. Als er den Ort des Geschehens verließ, erschienen die Feuerwehrautos; auch sie wurden von einer kleinen Gruppe von Menschen blockiert, die ihre Arme miteinander verschrĂ€nkten und sich weigerten, sich zu bewegen. Die Fahrer_innen waren gezwungen, ihre Fahrzeuge zu wenden.

An diesem Punkt spaltete sich eine große, randalierende Menge ab, um sich einer militanten, von Schwarzen angefĂŒhrten Demo anzuschließen, die zu einem nahegelegenen Polizeirevier fĂŒhrte. Die Polizei war an diesem Tag auf dem Highway und anderswo in der Stadt gebunden, und nun bewegte sich eine neue Formation zu einem nahegelegenen Viertel, was ihre Aufmerksamkeit weiter aufteilte. Zu diesem Zeitpunkt war es schon weit nach Einbruch der Dunkelheit, aber das hielt einige Leute nicht davon ab, mit ihren Kindern ganz nach vorne zu laufen. Die Demo wurde durch Barrikadenbau und SteinwĂŒrfe geschĂŒtzt. Die Polizei wurde angriffen, als diese versuchte, an der Menge vorbeizufahren. Als die Menge am Polizeirevier ankam, kam es zu Meinungsverschiedenheiten darĂŒber, ob man „eine kollektive Anzeige gegen die Polizei einreichen“ oder „den ganzen Scheiss auseinandernehmen“ sollte, wĂ€hrend Leute mit Megaphonen die Menge vor „Agitator_innen“ warnte und sie versuchte zu befrieden. Das funktionierte auch deshalb nicht, weil die Polizei anfing, TrĂ€nengas und Blendgranaten auf die Menge zu feuern und die Leute mit Flaschen, Steinen, Feuerwerkskörpern und Lasern antworteten.

Diese Demo von Area X zum Revier legte die geographischen Koordinaten der Revolte in den nĂ€chsten zwei Tagen fest, mit einer Reihe von DemozĂŒgen, die zu verschiedenen Orten in der Gegend liefen.

Das Target in Minneapolis, das wĂ€hrend eines Protestes gegen den Mord an George Floyd geplĂŒndert wurde.

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Area X ist eine bewaffnete Demonstration, die fast ausschließlich von Schwarzen Menschen getragen wird. Weil sie bewaffnet ist, meiden Liberale und NGOs, offizielle BLM-Organisator_innen, Politiker_innen, WahlkĂ€mpfende und andere Aktivist_innen den Raum weitgehend. Nachrichtenagenturen wurde fast einstimmig der Zutritt zu Area X verwehrt. Das soll nicht heißen, dass es keine Ordnung oder Organisation gibt, wie der Raum aufrechterhalten wird. Es ist durch und durch generationenĂŒbergreifend — Ă€ltere Menschen sind dort ebenso anzutreffen wie Kinder, Teenager_innen und junge Erwachsene. Viele Menschen in Area X haben eine sehr klare Vision und sie teilen diese Vision mit denen, die danach fragen. Eines der ersten Dinge, die wir als organisierte GefĂ€hrt_innen herausfinden mussten, war, wie wir an der Seite der Kraft kĂ€mpfen können, die hier bereits existiert.

Wir sind seit der Schießerei jeden Tag zur Area X gekommen, haben Leute getroffen, geredet, die Straßen mit Autos blockiert, NebenschauplĂ€tze angeschaut und so weiter. An einem Punkt und aus gutem Grund, erlaubte Area X keinen Weißen, den Raum zu betreten. Als eine Gruppe von GefĂ€hrt_innen, die nicht nur weiß ist, aber mehrere Weiße umfasst, stellte dies eine HĂŒrde fĂŒr uns dar. Es verweist auf ein allgemeines Problem bezĂŒglich der Grenzen von BĂŒndnispolitik.

Wir organisierten uns, um materielle UnterstĂŒtzung verschiedener Art anzubieten: Teller mit Essen, enteignete Bau-Barrikaden, um den Raum zu sichern, BĂ€nke, Tonnen von VorrĂ€ten. Eine der Herausforderungen beim Organisieren mit anderen dort war, dass wir als Anarchist_innen „informell“ organisiert sind, das heißt, auf eine Art und Weise, die chaotisch und absichtlich undurchsichtig ist. Das kann die formale Kommunikation zwischen Gruppen kompliziert machen. SelbstverstĂ€ndlich haben wir mit einigen Leuten auf einer persönlichen Ebene AffinitĂ€t aufgebaut, aber mit anderen war der Prozess eine Herausforderung.

Wie ein GefĂ€hrte es ausdrĂŒckte, ist das Dilemma weniger eine Frage der Reibung zwischen formeller und informeller Organisierung und mehr ĂŒber den Unterschied zwischen memetischen und synthetischen Modi der Organisierung. Im memetischen Rahmen stellt sich die Frage, wie eine Rebellion Gruppen und Netzwerke reproduzieren kann, die auf AffinitĂ€t basieren, so dass sie sich teilen und vermehren, was es dem Antagonismus ermöglicht, sich ĂŒber soziale und politische Grenzen hinweg auszubreiten. Im synthetischen Rahmen ist die Frage, wie diese Bestrebungen in Einklang gebracht und potentiell kohĂ€renter gemacht werden können.

Unserer Erfahrung nach stieß die memetische Form der Organisierung an ihre Grenzen, als es ihr nicht gelang, neben der Besetzung der Area X eine Dynamik aufrechtzuerhalten. WĂ€hrend in den ersten NĂ€chten randalierende Demos von jungen Frontliner_innen und Menschen aus der Area X mit der Polizei auf dem nahegelegenen Revier kĂ€mpften, verpufften diese schließlich. Könnten wir etwas Synthetischeres schaffen, das ĂŒber die altbackenen Modelle der formalen Organisation hinausgeht, mit denen wir bereits vertraut sind? Wir haben uns in die synthetische Richtung bewegt, indem wir uns angewöhnt haben, immer VorrĂ€te oder materielle UnterstĂŒtzung mitzubringen. Wir wollen, dass die Leute wissen, dass wir stark sind, dass wir fĂ€hig sind zu kĂ€mpfen, aber wir tun das nicht nur durch Konflikt und Militanz. Ein großer Teil unserer Macht besteht darin, dass wir unsere Macht zu geben, zu teilen und uns zu kĂŒmmern demonstrieren. Anarchist_innen, die mit den Grenzen der BĂŒndnispolitik konfrontiert sind, könnten in Betracht ziehen, sich auf diese Bereiche zu spezialisieren. In vielerlei Hinsicht tun das bereits viele von uns.

Wir haben unsere persönlichen AffinitĂ€ten mit mehreren Personen aus Area X ausgebaut, als wir sie eingeladen haben, an einem illegalen Rave gleich um die Ecke der Besetzung teilzunehmen. Dieser Wechsel des Schauplatzes, die Erweiterung der unkontrollierbaren Bereiche in der NĂ€he von Area X, fĂŒgte unseren Freundschaften auch eine neue Dimension hinzu.

Es ist noch zu frĂŒh, um zu sagen, was hier in Area X passiert, aber es ist etwas MĂ€chtiges, etwas, das sich vor zwei Monaten niemand hĂ€tte vorstellen können. Wir haben noch so viele Fragen. Wie können wir so etwas wie das Red Warrior Camp aufbauen? Wie können wir neue Fronten eröffnen, um die Polizei daran zu hindern, den alten Status Quo wiederherzustellen? Wie verhandeln wir politische und strategische Unstimmigkeiten mit anderen Teilnehmenden?

Das Target in Minneapolis.

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Portland

Drei Berichte von verschiedenen Teilnehmenden bei drei Versuchen, autonome Zonen in Portland zu schaffen.

Erster Versuch

Die Leute hatten sich schon seit einigen Tagen im Justice Center versammelt, als sich die Nachricht verbreitete, dass sie in dieser Nacht „Übernachtungszeug mitbringen“ sollten. Zuerst war es nur Mundpropaganda und Nachrichten in Signalgruppen. Dann, als es spĂ€ter am Abend wurde, erschien es in den sozialen Medien und verbreitete sich. Eine behelfsmĂ€ĂŸige Barrikade wurde errichtet, aber die Menge wurde fast sofort durch Gas und Geschosse der Polizei zerstreut. Über Mundpropaganda und Textnachrichten verbreitete sich dann die Nachricht, „es abzubrechen“. In dieser Nacht wurde kein weiterer Versuch unternommen, eine autonome Zone zu schaffen.

Konflikt vor dem Justice Center in Portland.

Zweiter und dritter Versuch

Es gab schon zahlreiche GerĂŒchte ĂŒber Versuche, autonome Zonen in Portland zu schaffen, die aber bis zu den tatsĂ€chlichen Versuchen, an denen ich teilnahm, GerĂŒchte blieben.

Der erste fand vor dem schicken Apartment von BĂŒrgermeister Ted Wheeler in einem der nobelsten Teile unserer Stadt statt. Zuvor hatte ein lokales abolitionistisches Chapter von Care Not Cops, einer Untergruppe von Critical Resistance, einen Protest am selben Ort organisiert, um Druck auf den BĂŒrgermeister und den Stadtrat auszuĂŒben, damit sie gegen die vorgeschlagene BudgetkĂŒrzung fĂŒr das Portland Police Bureau stimmen, da es sich um eine unzureichende KĂŒrzung handelte — es war nur eine 3%ige KĂŒrzung bei einem eigentlich erhöhten Budget. Die versuchte Besetzung an diesem Abend sollte dazu dienen, den Druck auf die gewĂ€hlten Vertreter_innen aufrecht zu erhalten.

Als ich ankam, schloss ich mich einer Gruppe von ein paar hundert Leuten an, die skandierten und gegen Lichtmasten hĂ€mmerten. Wir hatten etwa einen halben Block fĂŒr uns allein, die Leute bauten die ganze Nacht ĂŒber aufwendige Blockaden. Die Stimmung war fröhlich, dezentralisiert und manchmal chaotisch. Wir nannten dies die Patrick Kimmons Autonome Zone (PKAZ), um einen Schwarzen Mann zu ehren, der 2018 von der Polizei getötet wurde. Der Name wurde spontan gewĂ€hlt, nachdem eine Mahnwache fĂŒr ihn eingerichtet wurde. FĂŒr den Großteil der Nacht gab es ein paar Zelte, aber nicht genug, um uns ein GefĂŒhl der Sicherheit zu geben.

Wir fragten uns, wann die Cops auftauchen wĂŒrden. Es gab ein paar Fehlalarme. Die Menge lichtete sich gegen 2 Uhr morgens, was uns anfĂ€llig fĂŒr Angriffe machte. Die Polizei wartete bis 5:30 Uhr, als wir unsere GefĂ€hrt_innen rufen hörten und bereits ĂŒber die Lautsprecher „Hier ist das Portland Police Bureau“ hörten.

Ich glaube, dass sie uns zutrauten, ĂŒber Nacht zu bleiben, weil wir am Anfang eine große Menge waren, als Liberale von anderen Demos dazu kamen. Diese anfĂ€ngliche Gruppe war sehr energiegeladen und trotzig und verstĂ€rkte unsere Position mit Barrikaden. Die Polizei wartete mit dem Angriff, bis unsere Zahl auf unter 100 geschrumpft war.

Portland.

Der zweite Versuch ereignete sich eine Woche spĂ€ter, auch wenn es ursprĂŒnglich nicht beabsichtigt war, eine autonome Zone zu schaffen. Eine Demo endete am nördlichen Polizeirevier, das in einem unserer historisch Schwarzen, aber jetzt stark gentrifizierten Viertel liegt. Ich schloss mich an, nachdem die Leute einen ganzen Block eingenommen hatten; die Polizei hatte sich von der Verteidigung der Vorderseite des Reviers zurĂŒckgezogen, um auf der RĂŒckseite und auf dem Dach Position zu beziehen. Dieses Mal schien es mehr organisierte Gruppen zu geben, darunter viele SanitĂ€ter_innen, Teams, die Barrikaden bauten und Leute, die mit Lasern auf die Cops auf dem Dach zielten, um ihre BemĂŒhungen, uns zu filmen, zu behindern. An einem Punkt fuhr ein Auto, das unsere Barrikade durchbrochen hatte, in die Menge, traf niemanden, rammte aber mehrere andere Autos.

Im Laufe der Nacht, rieten uns einige Schwarze Organisator_innen, Schichten zu ĂŒbernehmen, damit wir die Position ĂŒber Nacht halten konnten. Doch es wurden keine Zelte aufgebaut. Meine eigenen GefĂ€hrt_innen debattierten: auf der einen Seite wurden wir aufgefordert, neben den Schwarzen Organisator_innen und Gemeindemitgliedern dort zu bleiben; auf der anderen Seite wurden wir von Schwarzen GefĂ€hrt_innen, die von zu Hause aus zusahen, aufgefordert, zu gehen. Sie drĂŒcktenihre Sorge aus, dass die Besetzung mehr Polizeigewalt in diesem historisch Schwarzen Viertel provozieren wĂŒrde.

Ein paar Stunden spĂ€ter griff die Polizei die Menge an schoß mit weniger lethaler Munition auf uns. Ich ging zu diesem Zeitpunkt, aber andere setzten den Widerstand fort, benutzten Barrikaden, als sie sich zurĂŒckzogen und hielten die Linie fĂŒr viele Stunden in der Nacht.

Wiederum konnte die Polizei diesen Versuch vereiteln, da die Anzahl der Menschen gering war und sie sich aufteilten. Sie zielen darauf ab, uns zu schlagen, wenn wir am schwĂ€chsten sind, bevor wir wirklich Fuß fassen können. FĂŒr neue Leute, die sich der Bewegung anschließen, kann es schwer sein zu entscheiden, wohin sie gehen oder wem sie folgen sollen. Beide Besetzungen wurden in SolidaritĂ€t mit dem George-Floyd-Aufstand und den Anti-Polizeiprotesten organisiert. Wenn man keine nuancierte Analyse darĂŒber hat, wie man sich dem Staat widersetzt, ist es leicht, im Gleichschritt hinter die liberale Protestpolizei zu fallen, die auf direkte Konfrontation mit der Polizei mit reaktionĂ€ren Denunziationen reagiert. Ohne gemeinschaftliche Beziehungen und Vertrauen kann es schwer sein, zu wissen, wie man sich am besten mit denjenigen solidarisiert, die bei diesen Aktionen verletzt werden. Dennoch ist die wahre Ursache des Schadens die Polizei, die jede Nacht des Jahres Menschen terrorisiert, nicht nur wenn es Besetzungen gibt.

WĂ€hrend die Portlander_innen Nacht fĂŒr Nacht auf die Straße gehen, lernen einige von uns, sich gegenseitig zu vertrauen. Wir lernen, wie wir Menschen befreien können, wenn die Polizei versucht, sie zu schnappen, wie wir ihre Angriffe und chemischen Waffen ertragen können. Das ist der Ort, an dem die autonome Zone aufgebaut wird — jede Nacht sind wir hier draußen und lernen, wie wir zusammen sein und einander vertrauen können und uns gegenseitig Verantwortung fĂŒreinander ĂŒbernehmen können, wĂ€hrend wir eine Welt ohne Polizei aufbauen.

Dritter Versuch

Es begann mit einer Demo Ich wusste, dass wir uns auf dem Weg zum Revier machten und dass es ein vorlĂ€ufiges Ziel gab, „den Platz zu besetzen, bis er stillgelegt ist“, aber dass dies nur stattfinden wĂŒrde, wenn wir zahlenmĂ€ĂŸig dazu in der Lage wĂ€ren. DafĂŒr waren unsere Zahlen zu gering. Irgendwann sprach sich in der Menge herum, dass wir nur hingehen, den Raum besetzen und uns „Gehör verschaffen“ und dann wieder gehen wĂŒrden.

Als wir ankamen, versammelten wir uns vor dem Revier und lauschten den Lautsprechern auf der LadeflĂ€che eines Trucks. Es wurde schnell verwirrend. Alle Redner_innen schienen widersprĂŒchliche Botschaften zu verkĂŒnden; wir sahen, wie sie sich untereinander an der Seite stritten. Die Polizei war inzwischen herausgekommen und hatte sich in unserer NĂ€he aufgestellt.

Ein Redner sagte, dass wir die Polizei dazu bringen mĂŒssen, die Geschichten der Schwarzen zu verstehen, wĂ€hrend er uns dafĂŒr schimpfte, die Polizei zu trollen, weil es uns alle unnötig in Gefahr bringt. Ein anderer Redner stand auf und sagte, dass wir uns „das zurĂŒckholen, was uns gehört“ und dass wir fĂŒr die Nacht dort bleiben und kein GebĂ€ude in der Gegend außer dem Revier zerstören sollten — eine Botschaft, die leicht falsch gehört oder missverstanden werden konnte, wĂ€hrend sie sich durch die Menge bewegte. Ein Redner sagte „es gibt keine schlechten Demonstrierenden!“ und bekrĂ€ftigte die Vielfalt der Taktiken, wĂ€hrend der nĂ€chste schrie, dass „wenn es keine Schwarze Person neben dir macht, du es falsch machst“ und dass „ACAB nicht die PrioritĂ€t ist, BLM ist es“ — ebenfalls eine verwirrende Botschaft, die unter den UmstĂ€nden leicht falsch interpretiert werden konnte.

Portland.

WĂ€hrend dies geschah, brachten die Leute Paletten und behelfsmĂ€ĂŸiges Barrikadenmaterial und trugen es auf die Seite, die dem Revier zugewandt war. Ein kleines Lagerfeuer wurde auf dem GrundstĂŒck neben dem Revier gemacht — dies ist eine bundesweit anerkannte Form des Indigenen Protestes/der Versammlung, wie ein Schild neben dem Feuer erklĂ€rte. Die Leute markierten auch das GebĂ€ude des Reviers. Einige Redner_innen schrien die Tagger_innen an, sie sollen damit aufhören, wĂ€hrend andere sie ermutigten.

Nach einer angespannten und verwirrenden Stunde verkĂŒndete ein Redner, dass diese Redner_innen gehen wĂŒrden und dass jede Person, die friedlich gehen möchte, ihnen folgen könne, wĂ€hrend jede Person, die „aus eigenem Antrieb“ bleiben wolle, dies tun könne. Einige Redner_innen gingen, wĂ€hrend einige blieben.

Meine Gruppe entschied sich, nach Hause zu gehen, weil die Botschaften und die Richtung gemischt waren und die Gruppe sich als Ganzes nicht sicher fĂŒhlte, und die Anzahl viel zu gering war, um es fĂŒr uns sicher zu machen, zu bleiben — es waren vielleicht 50 Leute da.

Ein generelles Problem bei allen drei Versuchen, autonome Zonen in Portland zu schaffen, war, dass sie frĂŒhestens am Vortag angekĂŒndigt wurden und dann wurden die PlĂ€ne weit und breit in den sozialen Medien verbreitet, was sowohl das Überraschungsmoment als auch den Vorteil, eine große Anzahl anzuziehen, ruinierte. Um erfolgreich zu sein, muss eine autonome Zone zu einem gĂŒnstigen Zeitpunkt und an einem gĂŒnstigen Ort entstehen. Dieser Moment ist in Portland noch nicht eingetreten und wir können ihn nicht mit Gewalt schaffen.

Portland.

***

Eine Nacht der Freiheit

ANWALT WEINGLASS: Wo wohnen Sie?

ABBIE HOFFMAN: Ich lebe in Woodstock Nation.

ANWALT WEINGLASS: Können Sie dem Gericht und den Geschworenen sagen, wo das ist?

ABBIE HOFFMAN: Ja. Es ist eine Nation von entfremdeten jungen Menschen. Wir tragen es als Geisteszustand mit uns herum, so wie die Sioux-Indigenen die Sioux Nation mit sich herum trugen. Es ist eine Nation, die sich der Kooperation im Gegensatz zum Wettbewerb verschrieben hat, der Idee, dass Menschen bessere Mittel des Austausches haben sollten als Eigentum oder Geld, dass es eine andere Basis fĂŒr menschliche Interaktion geben sollte. Es ist eine Nation, die sich der


DER GERICHTSHOF: Nur wo es ist, das ist alles.

DER ZEUGE: Es ist in meinem Geist und im Geist meiner BrĂŒder und Schwestern. Sie besteht nicht aus Eigentum oder Material, sondern vielmehr aus Ideen und bestimmten Werten. Wir glauben an eine Gesellschaft-

DER GERICHTSHOF: Nein, wir wollen den Wohnort, wenn er einen hat, den Ort der GeschĂ€ftstĂ€tigkeit, wenn Sie ein GeschĂ€ft haben. Nichts ĂŒber Philosophie oder Indien, Sir. Nur wo Sie leben, wenn Sie einen Ort zum Leben haben. Jetzt haben Sie Woodstock gesagt. In welchem Bundesstaat liegt Woodstock?

DER ZEUGE: Es ist im Zustand des Geistes, im Geist von mir und meinen BrĂŒdern und Schwestern. Es ist eine Verschwörung. GegenwĂ€rtig wird die Nation gefangen gehalten, in den ZuchthĂ€usern der Institutionen eines verfallenden Systems.

***

Unser Staatskapitol ist nicht fĂŒr seine aktivistische Szene bekannt. Traditionell ziehen die Leute in die nahegelegene College-Stadt und ihre kleinere Schwesterstadt, um politisch aktiv zu werden, oder sogar, um gelegentlich einen kleinen Riot zu erleben. Wann immer wir im Kapitol mobilisieren mĂŒssen — z.B. wenn weiße Nationalist_innen in die Stadt kommen — ist das klassische Stöhnen in der Kommunikation untereinander in unserer Gegend: „Also, gibt es dort irgendjemanden, der den Grundstein legen kann?“ Normalerweise bleibt es eine Frage ohne Antwort, aber vier NĂ€chte nach dem Mord an George Floyd wurde mir klar, dass wir die ganze Zeit die falsche Frage gestellt hatten.

Ohne eine große aktivistische oder Protesttradition hatte die Menge in dieser Nacht kein Schema, dem sie folgen konnte. Alles war möglich, und es war verdammt chaotisch. Man konnte sehen, dass die Leute mit allen möglichen widersprĂŒchlichen Erwartungen ĂŒber das, was passieren wĂŒrde, dort waren. Es gab Leute, die dachten, dass der Höhepunkt eines sinnvollen Protestes darin bestand, die Polizeilinie zu finden und sich einfach davor zu setzen. Es gab eine Friedenspolizei, die jede Person anschrie, die auch nur einen Papierflieger in Richtung der Cops fliegen ließ — das ist tatsĂ€chlich passiert. Aber es gab auch eine Gruppe von Kindern, die mit BaseballschlĂ€gern in der Hand auftauchten. UngefĂ€hr die HĂ€lfte der Menge war Schwarz, und sie war ĂŒberwĂ€ltigend jung. Zwei weiße Patrioten liefen frei herum und musterten die Leute; seltsamerweise wurde ihnen weniger Misstrauen entgegengebracht als weißen Demonstrierenden in Black-Bloc-Kleidung. Erst am Tag zuvor waren in den sozialen Medien Verschwörungstheorien ĂŒber weiße anarchistische „Agitator_innen von außen“ aufgekommen, die die Demonstrationen gekapert hatten.

Mein Kumpel und ich passten definitiv in dieses Profil. Noch bevor die Medien uns zum SĂŒndenbock machten, hatten wir uns entschieden, eher eine verteidigungsorientierte UnterstĂŒtzungsrolle zu spielen als irgendetwas Antagonistisches — oder besser gesagt, Protagonistisches. Ich kam vorbereitet, um eine Methode zur Löschung von TrĂ€nengas auszuprobieren, die ich nur aus Videos von AufstĂ€nden in anderen LĂ€ndern kannte. Als ich ankam, schien es jedoch unwahrscheinlich, dass ich die Chance bekommen wĂŒrde, meine Werkzeuge zu testen. Sicher, da waren die Kinder mit den SchlĂ€gern, aber die Menge selbst tat nicht viel, sie skandierte nur endlos auf dem GelĂ€nde des Kapitols. Ich dachte nicht, dass etwas passieren wĂŒrde. Wie sich herausstellte, hatte das Narrativ von den Agitator_innen von außen sogar mich erwischt — ich hatte den Fehler gemacht, zu denken, dass die Polizei einen Vorwand brauchte, um auf uns los zugehen. Im Gegenteil, ohne jegliche Provokation begannen die TrĂ€nengaskanister vom Himmel zu regnen.

Ich eilte hinĂŒber, um eine rauchende Patrone mit meinem Lederhandschuh aufzuheben und tauchte sie in meinen Eimer mit Wasser und Natron. Augen nach oben gerichtet. Wieder untersuchen.

„Bewegen sie sich vorwĂ€rts?“

„Da ist noch einer!“ rief mein Kumpel.

Ich war in einem trĂ€nenreichen Wimpernschlag da, um einen weiteren einzutunken. Das fĂŒhlte sich gut an! Es war, als wĂ€re ich wieder ein Left Fielder [Position im Baseball, Anm. d. Übers.]. Als ich ĂŒber meinem Eimer kniete, ihn schĂŒttelte und den Deckel vorsichtig festhielt, damit nur ein wenig Rauch am Rand des Deckels austreten konnte, fing eine Gruppe junger Schwarzer Frauen an, mich anzuschreien: „Was ist das? Hey! Wer ist das? Was machst du da?!“ Ich weiß nicht sicher, ob das Narrativ der Agitator_innen von außen zu ihnen durchgedrungen ist, aber ich weiß nicht, wie sonst die Musterung eine einzelne Person auf der Straße zu erklĂ€ren wĂ€re, wĂ€hrend eine Armee von Cops vorrĂŒckte und Geschosse abfeuerte.

Ich drehte mich um, die Hand immer noch auf meinem Eimer, um zu erklĂ€ren, dass ich TrĂ€nengas lösche, aber hinter meiner COVID-Maske kam meine Stimme nicht sehr weit. Ich zog die Maske ab und sie kamen nĂ€her. Ihr Verhalten Ă€nderte sich, als es mir endlich gelang, zu erklĂ€ren, was ich tat. Sie riefen mir direkt in mein Gesicht: „Hell yeah! Das ist es, was los ist.“ So viel zur sozialen Distanzierung! Wenigstens hatte ich zu etwas mehr gegenseitigem Vertrauen in der Menge beigetragen, hoffte ich.

Minneapolis.

Der anfĂ€ngliche TrĂ€nengasangriff geschah, als die Sonne noch hoch stand, und die Szene blieb im Grunde stundenlang dieselbe. Alles, was wir taten, war skandieren und herumstehen. Schließlich begann die Sonne unterzugehen. Wir hatten es bis zur goldenen Stunde vor der Nacht geschafft. Meiner Erfahrung nach ist das der Zeitpunkt, an dem die Magie passiert. Egal was tagsĂŒber passiert, wenn du die Menschen und die Energie bis zum Sonnenuntergang aufrechterhalten kannst, kann etwas Gutes passieren.

Als die Dunkelheit herein brach, schaltete mein Kumpel die tragbare Boombox ein, die wir mitgebracht hatten, und fing an, Boosie zu schmettern. Der Tenor der Demonstration hatte sich vorher nicht richtig angefĂŒhlt und wir wollten nicht den Ton fĂŒr alle anderen vorgeben, aber nach stundenlangen Sprechchören wurde die Menge ruhiger und etwas musste her, um die Energie aufrecht zu erhalten. Die Leute liebten es. Die Schilder hĂŒpften und alle fingen an auf der Straße zu feiern. Die Cops zogen sich zurĂŒck und das machte alle noch ĂŒberdrehter. Die Leute fingen an, WĂŒnsche zu Ă€ußern, hauptsĂ€chlich „Fuck The Police“ von NWA. Ich war ĂŒberrascht. War dieser Song nicht ein Hit, als ihre Eltern noch Kinder waren? Aber andererseits, was hat sich in den letzten 30 Jahren an den Cops geĂ€ndert?

Schließlich tauchte die Polizei mit VerstĂ€rkung wieder auf. Zeit, unser drittes Verteidigungsmittel der Nacht einzusetzen, den Laser. Mein Kumpel richtete ihn auf die Cops; als er sie damit scannte, sah ich, wie ein Cop einen zweiten Cop mit einer großen Schusswaffe packte und direkt in die Richtung des Lasers auf uns zielte. Oh shit. [1] Dieses Mal regnete das TrĂ€nengas nicht vom Himmel — es kam direkt auf uns zu. Tragt alle Schutzbrillen und Helme. Die Menge rannte. Die Leute waren verĂ€ngstigt. Wir rannten alle zu einer Kreuzung an der anderen Ecke des KapitolgelĂ€ndes, ein paar Blocks von der vorrĂŒckenden Polizeilinie entfernt.

Minneapolis.

Die Stimmung kippte wieder. Wir schalteten die Boombox aus; es fĂŒhlte sich unpassend an, Musik laufen zu lassen, wĂ€hrend die Leute versuchten, sich zu orientieren. Die Polizei nahm das GelĂ€nde um das Kapitol und ĂŒberließ uns die Straßen etwa 100 Meter von ihnen entfernt. Die verstreute Menge begann sich wieder zu versammeln, ihre Angst wich der Wut, und jemand stellte eine weitere Anfrage nach NWA. Hell yeah. Wir schmetterten es und sangen mit allen anderen mit: „Fuck the police! Fuck the police!“ Wir waren nun gefestigt. Es war offensichtlich, dass die Cops sich in erster Linie an das Kapitol und die anderen RegierungsgebĂ€ude halten wĂŒrden und uns die Kreuzung ĂŒberlassen wĂŒrden. Ein guter Beat kann einen langen Weg gehen, um einer Menge das GefĂŒhl zu geben, einen Raum zu besitzen. Wir haben die Melodien am Laufen gehalten.

Ich suchte auf meinem iPod nach Songs, als dieser weiße Uni-Aktivist im sozialdemokratischem Look auf meinen Kumpel zukam und sagte: „Hey, können wir reden?“

„Ja man, sicher.“

„Die Leute haben gesagt, dass dein Laser der Grund ist, warum die Cops TrĂ€nengas auf uns geschossen haben und alle auseinander getrieben haben.“

Mein Kumpel und ich tauschten einen „Meint diese Person das verdammt noch mal ernst?“-Blick aus.

„Nein, ich weiß. Wir können sie nicht kontrollieren, aber die Leute fĂŒhlen sich durch den Laser ziemlich unwohl.“ Dann zeigte er auf die Boombox: „Das ist aber toll! Ich wollte das nur weitergeben, weil ich nicht weiß, ob jemand auf euch zugekommen wĂ€re, so ganz in schwarz gekleidet — was fĂŒr mich auch okay ist. Ich verstehe schon!“ Es war schwer, den Jungen nicht charmant zu finden. Er versuchte sein Bestes, um die Politik der guten VerbĂŒndeten mit seinem offensichtlichen Glauben, ĂŒber friedlichen Protest hinauszugehen, unter einen Hut zu bringen, aber eben strategisch. Mein Kumpel sagte, er wĂŒrde mit dem Laser chillen und ich sagte dem Jungen, dass ich es schĂ€tze, dass er auf uns zukommt und mit uns redet und nicht aggressiv wird.

Mehr TrĂ€nengas. Noch mehr Zerstreuung — aber dieses Mal dauerte es nicht lange, bis die Leute wieder zusammen kamen. An der Kreuzung beim Kapitol waren wir immer noch in Sichtweite der Cops geblieben, ein Überbleibsel der frĂŒheren Strategie des Tages, einfach dorthin zu gehen, wo die Cops waren und gegen sie zu demonstrieren. Diesmal hatten wir uns jedoch in der Einkaufszone in der Innenstadt neu gruppiert und die Cops waren nirgends zu sehen.

Richmond.

Wir waren frei. Keine echte Freiheit, aber es war trotzdem eine Art von Freiheit. FĂŒr eine so kurze Zeit und ein so begrenztes Gebiet wie es war, waren wir frei von der Polizei. Jede_r konnte spĂŒren, dass sie in diesem Moment nicht hinter uns her waren. Und all die Wut, die frustrierten Emotionen, die zurĂŒckgehalten wurden, als die Polizei uns frĂŒher an diesem Tag herum geschubst hat, frĂŒher in unserem Leben — die letzten paar Jahrhunderte — all das explodierte
 und mit ihm die Fenster jedes nahe gelegenen GeschĂ€fts.

Zuerst gab es ein paar Ausrufe wie: „Schaut euch diese weißen Wichser an, die hier die Scheiße kaputt machen!“ Aber es brauchte nur einen kurzen Scan der Gegend, um zu sehen, dass es kaum Weiße waren, die sich an der Zerstörung beteiligten. In diesem Raum wurde die WĂ€hrung der Gesellschaft auf den Kopf gestellt — es spielte keine Rolle, ob es sich bei dem Laden um eine Unternehmenskette wie Target oder Subway handelte,[2] ob es glĂ€nzende Glasfenster, eine ausgefallene Dekoration und eine komplizierte und interessante Beschilderung hatte — es wurde angegriffen. Auf der anderen Seite wurde jeder Laden, der etwas heruntergekommen aussah oder einen mĂŒden Schwarzen Wachmann hatte, der fĂŒr die Sicherheit zustĂ€ndig war, ignoriert. „Der Mann arbeitet doch nur“, riefen die Leute, als der Sicherheitsmann den Mob anlĂ€chelte und anerkennend zurĂŒck winkte.

Die Cops waren immer noch nicht da. Mein Kumpel und ich hielten uns zurĂŒck, als die zerstörerische Demo am GerichtsgebĂ€ude vorbeizog. Nationalgarde und Polizei umzingelten das GerichtsgebĂ€ude, aber wie Videospiel-Bösewichte, deren Programmierung ihnen nur erlaubt, sich von einem bestimmten Punkt aus zu bewegen, rĂŒhrte sich die Polizei nicht von ihren Posten. Als wir eine Pause machten, sahen wir eine zweite Welle von PlĂŒnder_innen durchziehen. Wir sahen, wie eine Familie in ein Restaurant eintrat und mit einer Waage herauskam. „Oh Scheiße“, sagte mein Freund, „das ist wundervoll!“ Ich sah zwei Obdachlose, die lĂ€ssig ein anderes Restaurant betraten, dessen Fenster eingeschlagen worden waren. Ich erinnerte mich an sie von vorhin, denn als wir vertrieben wurden, standen sie auf dem BĂŒrgersteig, sahen sich das Spektakel an und kommentierten gegenseitig, wie die Polizei die ganze Situation unter Kontrolle hatte und dass man sich nicht mit den Cops anlegen sollte. Der dogmatische marxistische Teil meines Gehirns zĂŒchtigte sie dafĂŒr, dass sie die Polizei aufwerteten: „Wisst ihr nicht, dass das gegen eure materiellen Interessen ist?“ Aber jetzt traten sie vorsichtig aus den zerbrochenen Fenstern des Restaurants, mit einem großen Fernseher, den sie beide tragen mussten. Gute Reise. „Die Letzten werden die Ersten sein, und die Ersten werden die Letzten sein.“

Minneapolis.

Wir schlenderten umher und bewunderten die Graffitis und die Zerstörung, die unsere Stadt zierten. „Unsere Stadt!“ So hatte es sich noch nie wirklich angefĂŒhlt. Irgendwann wanderten wir auf einen Parkplatz, auf dem ein lauter Rave wummerte, ĂŒberall flackerten Laser. Fuck! HĂ€tten wir nur unseren Laser nicht weggeschmissen! Nach Monaten der QuarantĂ€ne fĂŒhlte sich das wippen im Rhythmus mit hunderten anderen Menschen wie Medizin fĂŒr meinen Geist und mein Herz an. FĂŒr ein paar Minuten schloss ich einfach meine Augen und verlor mich in der Musik. War das echt? Wie lange war es her, dass die Polizei uns mit Gift und Schmerz vertrieben hatte? Stunden, richtig? Jahrhunderte. War das Freiheit? Ich hatte das Wort gekannt, aber nur selten hatte ich das GefĂŒhl gespĂŒrt. Was ist Freiheit ĂŒberhaupt? Ist meine Freiheit anders als das, was alle anderen hier als Freiheit betrachten? Mein Verstand raste und fragte sich und wanderte, wĂ€hrend der Beat meine FĂŒĂŸe einen nach dem anderen antrieb. Ich war schon vorher erschöpft gewesen, aber jetzt konnte ich keinen Beat mehr verpassen. „Alter, ich bin HIGH“, rief ich meinem Freund zu, aber ich hatte nichts geraucht oder eine Pille geschmissen. Die Musik kam zum Stillstand, als eine junge Schwarze Frau auf den Subwoofer kletterte und schrie: „Das ist nicht das, wofĂŒr ihr hier seid! Es ist an der Zeit, das zu tun, weswegen ihr hierher gekommen seid!“

Sie hatte Recht und die Menge strömte zurĂŒck zum Kapitol, um die Polizei zu konfrontieren. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob sich der Abend so frei angefĂŒhlt hĂ€tte, wenn er mit einer Party in einem Parkhaus geendet hĂ€tte. Eine der wenigen Möglichkeiten, wie wir Freiheit erfahren können, man könnte es eine vulgĂ€re Freiheit, ist, wenn die Behörden dich stoppen wollen, es aber nicht können. HĂ€tten wir einfach weiter getanzt und sie hĂ€tten uns das erlaubt, um die Zerstörung zu stoppen, hĂ€tte es sich nicht so gut angefĂŒhlt. Aber als Unterbrechung in der Mitte einer ganzen Nacht des Aufruhrs gegen die Polizei, gegen die ganze Welt, war es genau das, was ich brauchte, und es verĂ€nderte die Stimmung fĂŒr den Rest der Nacht. Wir waren nicht nur gegen die Polizei, wir waren gemeinsam da.

Am Kapitol haben uns die Cops wieder auseinander getrieben. Mehr TrĂ€nengas — und sie hielten ihre Posten, wĂ€hrend wir uns zerstreuten. Mein Freund und ich trafen auf eine weitere Gruppe von etwa 50 Leuten, eine andere Gruppe als die, mit der wir zuvor auf dem Rave gewesen waren. „Wie viele Gruppen wie diese gibt es in der Stadt?“

Diese Gruppe war die am wenigsten eindeutig „politische“, die ich den ganzen Abend gesehen hatte. Die Leute trugen zum Beispiel kaum Schilder. Es war das erste Mal in dieser Nacht, dass mein Freund und ich die einzigen Weißen dort waren. Die Stimmung war ausgelassen. Die Leute scherzten herum, warfen MĂŒlltonnen auf die Straße, fackelten sie ab und zĂŒndeten ihre Zigaretten an den Barrikaden an. Ohne die Polizei, die ihre Kontrolle ĂŒber unsere kleine Zone ausĂŒbte, entstand eine neue Art der Ordnung. Privatautos waren tabu, egal wie wertvoll sie aussahen — jede_r kannte den Wert einer Mitfahrgelegenheit und viele gut aussehende Autos rollten durch die Gegend, schmetterten Musik und hielten Schilder in SolidaritĂ€t hoch. Wenn jemand ein Fenster einschlagen wollte, nahmen sich die Freund_innen die Zeit, den Bereich zu rĂ€umen, damit niemand durch splitterndes Glas oder einen abprallenden Stein verletzt wurde. Wenn jemand mit einem Argument kam, warum das GeschĂ€ft nicht angegriffen werden sollte — es war in Schwarzem Besitz, oder unterstĂŒtzte die Bewegung, oder was auch immer — bekam es einen Freibrief. Bei den PlĂŒnderungen, die ich gesehen habe, hat sich niemand um die Waren gestritten, und ich habe auch viele Übergaben gesehen. Der Verkehr war meist blockiert, aber die Demonstrierenden leiteten die Autos mit Kindern durch.

Das Gebiet, das wir kontrollierten, war nicht festgelegt. Es dehnte sich aus und zog sich im Laufe der Nacht zusammen. Es hatte nichts, was Fox News als „Grenze“ bezeichnen könnte, so wie sie es taten, als sie die Capitol Hill Autonomous Zone schlecht machten. Aber das war in Ordnung fĂŒr mich. Die Verantwortung, ein festes Territorium aufrechtzuerhalten, vor allem im Angesicht der stĂ€ndigen Bedrohung durch die Behörden, kann zu einer Last werden, die Möglichkeiten zum Experimentieren eher verschließt, als sie zu öffnen. Als Anarchist versuche ich nicht, das Territorium zu kontrollieren. Ich versuche, es zu befreien.

Nicht, dass irgendjemand dort meine Hilfe gebraucht hĂ€tte! Alle waren nur lĂ€ssig am Taggen und MĂŒll verbrennen. Ein weiterer Boxenmagier tauchte auf und schließlich war er an der Reihe, um zum fĂŒnfzigsten Mal in dieser Nacht NWA und Lil Boosie zu spielen. Jemand bemerkte, dass an den Laternenmasten amerikanische Flaggen hingen und ohne jegliche Debatte oder Diskussion arbeiteten alle zusammen, um eine herunterzuholen und sie zu verbrennen. „Wir sind kein Teil dieser sogenannten Nation.“ In diesem Moment war das Gesetz, wie wir es kannten, nicht vorhanden. Die einzigen, die darĂŒber entschieden, wie und wer was bekam, waren wir selbst. Trotzdem war ich zu meiner Schande ein wenig nervös, als der hart aussehende Typ mit den Boxen auf meinen Kumpel zuging, die LautstĂ€rke senkte, alle Blicke auf uns lenkte und sagte: „Jo, du bist der Typ, der den Laser hatte, richtig?“

Oh Scheiße, ist das einer der Leute, die vorhin ernsthafte Meinungsverschiedenheiten mit dem Laser hatten und meinen, dass er sie jetzt Ă€ußern kann, wo wir von der Polizei weg sind? Was auch immer die Konsequenzen sein wĂŒrden, ich hatte nicht vor zu lĂŒgen. Dieser Raum war Freiheit, und obwohl es schwer ist, Freiheit zu definieren, ist die naheliegendste Definition, die mich in meinem Kampf um sie geleitet hat — durch verschiedene politische Etiketten wie sozialistisch oder anarchistisch — die FĂ€higkeit, dein Leben ehrlich zu leben: nicht lĂŒgen zu mĂŒssen. „Ja, das waren wir“, antwortete ich.

Wenn er uns bereits misstraute, wegen dem, was die Medien ĂŒber weiße Anarchist_innen sagten, oder weil mein Freund den Fehler gemacht hatte, einen Laser fĂŒr ein unschuldiges Werkzeug in diesem Kontext zu halten, wollte ich ihm nicht noch mehr Grund geben, uns zu misstrauen, indem ich darĂŒber log. Was auch immer als nĂ€chstes kommen wĂŒrde — und es könnte eine Auseinandersetzung werden — wĂŒrde zumindest in Freiheit stattfinden. Freiheit ist nicht immer schön, aber sie ist wĂŒrdevoll. Wie auch immer dieser Typ ĂŒber den Laser dachte, wir wĂŒrden es ohne die verdammten Cops regeln.

„Bro, du bist der Grund, warum sie TrĂ€nengas auf uns geschossen haben.“

„Ich weiß, jemand anderes hat mir gesagt, dass die Leute das so sehen. Hör zu, es tut mir leid, ich wusste nicht, dass sie-„

„Was? Was soll dir denn leid tun? Dieser Scheiß macht SPAáșž. Danke, Mann.“

„Äh, gern geschehen
“ Aber wir waren diejenigen, die dankbar waren.

Das war das Freieste, was ich je in „Amerika“ gefĂŒhlt habe. Aber der Staat kann nicht zulassen, dass Beispiele dafĂŒr, wie es ist, unter einer anderen Art von Ordnung zu leben, gedeihen. Wie aus dem Nichts schĂ€lte sich eine Bearcat voller Sturmtruppen um die Ecke. Das harmonische Feuer, das wir gemeinsam entfacht hatten, zerplatzte in fliehenden Kometen in jeder Gasse und Seitenstraße. MOVE!

Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich wusste, dass es ein Fehler war, die Beziehungen in diesem Raum mit dem Raum selbst zu vereinen, aber der Boden, auf dem wir standen, war mir heilig geworden. Der Free State of Jones.

Sobald sie mich in Handschellen hatten, hörten die Cops auf, Befehle zu schreien und begannen Fragen zu stellen. Eine Diskussion kann nur zu ihren Bedingungen stattfinden. Warum war ich so ein Waschlappen? Warum war ich in eine Stadt gekommen, aus der ich nicht stammte, um zu protestieren? Habe ich jemals darĂŒber nachgedacht, was passieren wĂŒrde? Aber ich hatte genug eigene Fragen, die mir im Kopf herumschwirrten. Wie wĂŒrde die Anklage lauten? War ich im Begriff, meinen Job zu verlieren? Ich brauche diesen verdammten Job. WĂŒrde ich geoutet werden? Meine Familie sagte, dass sie die Bewegung unterstĂŒtzten, aber was wĂŒrde passieren, wenn sie anfangen wĂŒrden, Todesdrohungen wegen verrĂŒckter Verschwörungstheorien ĂŒber meine Verhaftung zu bekommen? WĂŒrde meine Verhaftung als weiterer „Beweis“ fĂŒr weiße anarchistische Agitator_innen von außen verwendet werden, trotz der Tatsache, dass ich buchstĂ€blich nur dagestanden hatte? Die Zukunft.

Es war nicht meine erste Verhaftung. Ich habe Jahre meines Lebens auf BewÀhrung verbracht oder stand vor einer Anklage wegen eines Verbrechens. Die Vergangenheit. Meiner Erfahrung nach ist die erste Nacht, in der man sich mit dem GefÀngnis und der Eintragung beschÀftigt, der schlimmste Teil eines Strafverfahrens. Das ist der Sprint. Die endlosen, oft andauernden Gerichtstermine und Wendungen im Prozess sind der Marathon. Wenn du es durch den Sprint schaffst, hast du spÀter Zeit, deinen Rhythmus zu finden.

ZurĂŒck im Jetzt nahm ich einen tiefen, tiefen Atemzug, und als ich ausatmete, schwor ich mir, dass ich, unabhĂ€ngig von ihren Drohungen, egal wie die Dinge ausgingen, mir die Dinge nicht schwerer machen wĂŒrde, indem ich mir Sorgen darĂŒber machte, was kommen wĂŒrde. Ich wusste, wer ich war und ich wusste, dass ich auf keinen Fall die Chance verpassen wĂŒrde, bei einer Rebellion wie dieser am Ground Zero zu sein. Und ich war glĂŒcklich mit diesem Teil von mir.

Anerkennung ist fĂŒr sich genommen nicht viel wert, aber selbst in diesem Moment erkannte ich das Maß an Privilegien, das es mir ermöglichte, volles Zen zu gehen — ich habe zum Beispiel glĂŒcklicherweise nie im GefĂ€ngnis gesessen. Dennoch haben mehr als einer der Gefangenen, mit denen ich korrespondiert habe, einen Refrain betont, der mich an diesem Abend wirklich getroffen hat: Du magst nicht immer in der Lage sein, deinen Körper zu verteidigen, aber du musst immer deinen Geist verteidigen.

Nun in meinem Selbst geerdet, schaute ich zu den Cops, die mich festhielten. Ihre Gesichter waren lang und mĂŒde. Ich musste an diesem Tag dort sein, weil ich so war, wie ich war; sie mussten dort sein, weil sie ihren Chef hatten. Ich hatte fast Mitleid mit ihnen. Fast. Sie waren nicht wirklich aufgeregt. Ich erkannte in ihnen den gleichen biologischen Adrenalinschub, den ich die ganze Nacht ĂŒber abgefeuert hatte, aber er kam von einem anderen Ort. Ich genoss es, Wege zu finden, mit allen anderen dort zusammen zukommen, ich genoss es, Risiken einzugehen, auch wenn das gelegentlich ein schwieriges GesprĂ€ch bedeutete. Die Freude, die die Polizei erlebte, kam daher, dass sie mich erniedrigten oder andere vor mir erniedrigten. Sie zogen keine Freude aus den Risiken, die sie eingehen wollten. WĂ€hrend ich die ganze Nacht ĂŒber meine Motive, meine Emotionen und mein Selbst hinterfragte, ließen sie ihr Selbst durch belangloses Schulterklopfen darĂŒber bestimmen, wer andere am besten einschĂŒchtern kann.

FĂŒr die Polizei bedeutet Freiheit Straffreiheit, Freiheit davon, sich mit den Konsequenzen der Art und Weise, wie sie andere behandeln, auseinandersetzen zu mĂŒssen — genau das Gegenteil der Verantwortlichkeit, die wir anstreben. Ich dachte an die dunklen Orte, zu denen sie in ihrem persönlichen Leben fĂŒhren mĂŒssen, und plötzlich ĂŒberkam mich Mitleid mit all ihren Opfern, ob im Job oder im Privatleben. Nein, ich konnte kein Mitleid mit ihnen haben. Sie verdienen alles, was sie bekommen, wenn sie mit den Konsequenzen fĂŒr ihre Taten konfrontiert werden. Aber ich wusste, wenn sie erleben könnten, was ich in dieser Nacht gefĂŒhlt habe, wĂŒrden sie nie wieder in der Lage sein, ihre WĂŒrde gegen eine Waffe und einen Gehaltsscheck einzutauschen.

Dein Herz kann eine polizeifreie Zone sein. Verteidige es.

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Coda: Die Geburt der Capitol Hill Autonomous Zone, 7. Juni

Am Ende des ersten Kapitels dieses Zyklus erinnern wir uns an die Siege, die zur Entstehung der copfreien Zone in Seattle fĂŒhrten.

Die letzte Nacht auf dem Capitol Hill in Seattle war eine wunderbare Demonstration der Vielfalt der Taktiken. Es gab eine Mahnwache bei Kerzenlicht, um diejenigen zu ehren, die seit Beginn dieses Aufstandes von Polizei und BĂŒrgerwehr getötet wurden. So viele Blumen und herzzerreißende, herzerwĂ€rmende Kunst. Die Mahnwache fand an zwei verschiedenen Orten statt, einer auf der Straße und einer auf einem BĂŒrgersteig. Eine Live-Band spielte auf einer nahegelegenen Straße und die Menschen tanzten. Andere verteilten tonnenweise kostenloses Essen — eine warme Mahlzeit, aber auch Snacks, Wasser, Saft und medizinische Versorgung. Es gab eine ganze SanitĂ€tsstation im Innenhof eines Restaurants. Kunst und Wandmalereien bedeckten alles, Menschen sprĂŒhten frei auf der Straße und an den WĂ€nden. Tausende waren unterwegs, viele Leute hingen einfach im Cal Anderson Park ab, direkt neben dem Ganzen. Es hingen Schilder mit der Aufschrift „Emotionaler Support -> hier entlang“.

In einem anderen Block waren die Cops und die Nationalgarde auf allen vier Seiten in der NĂ€he des Reviers blockiert. Sie waren im Grunde genommen in einem Kessel. Im Laufe von ein paar Stunden wurde die Barrikade, die sie errichtet hatten, langsam um fast einen ganzen Block, fast bis zum Revier geschoben. Die Cops setzten TrĂ€nengas ein und schossen spĂ€ter in der Nacht eine Menge Pfefferkugeln und Blendgranaten in die Menge. Die Leute gruppierten sich immer wieder neu und kamen mit ihren Regenschirmen, MĂŒllcontainern, Plastikkisten und allem, was sie sonst noch finden konnten, um sich zu schĂŒtzen, zurĂŒck und warfen jedes Mal Dinge auf die Cops zurĂŒck, wenn diese angriffen. In der Zwischenzeit fand an einer anderen Kreuzung ein MĂŒllcontainerfeuer epischen Ausmaßes statt, mit Schwarzen Menschen drum herum, die jeder Person sagten, sie solle sich amĂŒsieren und das Feuer nicht löschen, sondern woanders hingehen, wenn es nicht ihr Ding sei, und die Leute daran erinnerten, dass Minneapolis gerade beschlossen hat, ihr Budget der PolizeikrĂ€fte nach vielen BrĂ€nden zu kĂŒrzen und sich weigerten, auf die „richtige, legale Weise“ zu protestieren. Am Ende blieb ich bis 2 Uhr morgens. Es war so schwer, gehen zu wollen! So inspirierend und energetisierend.

Graffiti in einem besetzten Zentrum in der Kleinstadt Kavala, Griechenland, fotografiert im Jahr 2016.

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[1] Im Nachhinein betrachtet, haben der Laser und die laute Musik ein audiovisuelles Ziel fĂŒr die Polizei dargestellt. Wie die meisten Taktiken, um sich der Polizei zu widersetzen, können Laser die Sicherheit erhöhen, wenn viele Leute sie benutzen, aber wenn es nur wenige sind, können sie das Risiko erhöhen, besonders fĂŒr diejenigen, die sie benutzen.

[2] Anmerkung des Autors: Einige Tage spĂ€ter war ich wieder am Staatskapitol in der ersten Nacht der Proteste ohne Riots. Ein weißes Paar aus der Mittelschicht in den Dreißigern verteilte ein Flugblatt, auf dem stand: „Fuck Trump! Von Emmit Till bis George Floyd, STOPPT DIE ZERSTÖRUNG. Wenn du jemanden siehst, der Fensterscheiben einwirft oder örtliche GeschĂ€fte plĂŒndert, STOPPT SIE. Bleibt friedlich, bleibt wachsam. Es ist an der Zeit, dass die Geschichte aufhört, sich zu wiederholen. Eure Kinder und Enkelkinder mĂŒssen in Zukunft nicht mehr hier draußen sein.“ Normalerweise wĂŒrde ich mir einfach den Stapel Flyer schnappen und dem Paar sagen, dass sie sich mit ihrem herablassenden, paternalistischen Bullshit verpissen sollen, aber in der Menge wurde so viel Wert darauf gelegt, friedlich zu bleiben, dass ich befĂŒrchtete, ich wĂŒrde ĂŒberfallen werden, wenn ich etwas anfangen wĂŒrde. Also erklĂ€rte ich geduldig und akribisch, dass niemand George Floyds Namen kennen wĂŒrde, wenn es nicht zu den PlĂŒnderungen und BrĂ€nden in Minneapolis gekommen wĂ€re. Ich war ĂŒberrascht von der Antwort, die ich bekam: „Nun, ja, aber das war ein Target, ich sage nur, dass die Leute keine lokalen GeschĂ€fte plĂŒndern sollten. Wie das Pfandhaus, das letzte Nacht ĂŒberfallen wurde, das gehört zwei muslimischen Jungs und ich habe frĂŒher in dieser Nachbarschaft gelebt, ich kenne diese Jungs.“ Offensichtlich habe ich nicht mit jemandem gesprochen, der jemals etwas verpfĂ€nden musste, um zu ĂŒberleben. Eine der Verschiebungen, die ich in der Politik dieser Revolte bemerkt habe, ist, dass es jetzt fast ein allgemeiner Konsens ist, dass wir nicht ĂŒber die PlĂŒnderung von Firmenketten weinen mĂŒssen. Es gibt Meinungsverschiedenheiten darĂŒber, ob das PlĂŒndern an sich strategisch ist, aber fast jede_r akzeptiert das Argument, dass keine TrĂ€nen fĂŒr die Filialketten vergossen werden mĂŒssen, weil ihre Versicherung sie abdeckt. In Wirklichkeit ist das ein konterrevolutionĂ€res Argument, fast ein perverser Remix der Unternehmensphilanthropie. Wenn unsere Antwort auf Unruhen eine militaristische EinschĂ€tzung der „Ziele“ ist, verpassen wir die fundamentale Beziehung zwischen Reichtum und Macht, die an der Wurzel der UnterdrĂŒckung in unserer Gesellschaft liegt. Wie das Beispiel des weißen Gutmenschenpaares zeigt, das die luxuriösen Wohnkomplexe in der Innenstadt als ihre „Gemeinschaft“ bezeichnete, werden selbst die wohlmeinendsten Weißen auf irgendeine Form von Anti-Blackness, Rassismus, weißer Vorherrschaft — wie auch immer du es nennen willst — zurĂŒckgreifen, wenn ihre PrioritĂ€t der soziale Frieden und die Bewahrung der LegitimitĂ€t von Privateigentum ist.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de