September 28, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Dieser Artikel erschien ursprĂŒnglich in Resilience. Er wurde dem Buch POWER: Limits and Prospects for Human Survival (New Society Publishers, September 2021) von Richard Heinberg entnommen.

[Anmerkung der Übersetzerin: Auch wenn klar ist, dass der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten ist, da wir es bereits leben, bietet der Beitrag dennoch wertvolle Positionen, wie etwa die Illusion von technischen Lösungen, von denen selbst viele Anarchist_innen geblendet werden. Es fehlt allerdings eine Ausarbeitung der ökozidalen und kolonialen Komponente sogenannter technischer Lösungen.]

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Der Klimawandel wird oft fĂ€lschlicherweise als ein isoliertes Problem der Umweltverschmutzung dargestellt. Die Lösung besteht darin, die Energiequellen zu wechseln und genĂŒgend kohlenstoffsaugende Maschinen zu bauen, um die AtmosphĂ€re von umweltschĂ€dlichem CO2 zu befreien. Nur die politische Macht der Unternehmen fĂŒr fossile Brennstoffe hĂ€lt uns davon ab, diese Lösung anzunehmen und unsere existenzielle Umweltkrise zu beenden.

Aber technische Lösungen (d.h. Lösungen, die die Notwendigkeit persönlicher oder kultureller VerĂ€nderungen umgehen) haben bisher nicht funktioniert und werden es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht tun. Das liegt daran, dass fossile Brennstoffe nur schwer zu ersetzen sein werden und dass der Energieverbrauch fĂŒr unsere kollektive Wirtschaftskraft von zentraler Bedeutung ist.

Mit anderen Worten: Macht ist der SchlĂŒssel zur Lösung des Klimawandels — aber nicht unbedingt auf die Weise, wie viele Expert_innen behaupten. Echte Fortschritte beim Klimaschutz erfordern die Bereitschaft großer Teile der Bevölkerung, vor allem in den wohlhabenden LĂ€ndern, auf Formen der Macht zu verzichten, die sie derzeit genießen: Komfort und Bequemlichkeit, die Möglichkeit, schnell und weit zu reisen, und die Option, eine breite Palette von KonsumgĂŒtern zu erwerben, fĂŒr deren Herstellung viel Energie und natĂŒrliche Ressourcen benötigt werden.

Das ist keine frohe Botschaft, aber je lĂ€nger wir es hinausschieben, uns mit der Macht in diesem grĂ¶ĂŸeren Sinne auseinanderzusetzen, desto weniger Erfolg werden wir bei der BewĂ€ltigung der Klimabedrohung haben.

Warum kann es keine technische Lösung fĂŒr das Klima geben? Es gibt zwei Wege zu dieser Schlussfolgerung. Der erste schlĂ€ngelt sich durch die Geschichte der Menschen auf der Erde und zeigt, wie jede neue technologische oder soziale Innovation einigen Menschen mehr Macht verschaffte als anderen, wĂ€hrend sie oft mit langfristigen Umweltkosten verbunden war. Die EinfĂŒhrung der Landwirtschaft war ein Meilenstein auf diesem Weg: Sie ermöglichte es mehr Menschen, in einem bestimmten Gebiet zu leben, und fĂŒhrte zu StĂ€dten, Königen und Sklaverei; außerdem wurde durch das PflĂŒgen vielerorts der Mutterboden abgetragen oder zerstört, und die Stadtbewohnenden holzten die umliegenden WĂ€lder ab, was schließlich zum Zusammenbruch der Gesellschaft fĂŒhrte.

Der eigentliche Knackpunkt kam aber erst in jĂŒngerer Zeit. Die Nutzung fossiler Brennstoffe gab den Menschen den grĂ¶ĂŸten Schub an Macht, den es je gab: In nur zwei Jahrhunderten ist unsere Weltbevölkerung um das Achtfache gewachsen, und damit auch der Energieverbrauch pro Kopf. Unsere moderne Lebensweise — Autos, Flugzeuge, SupermĂ€rkte, Traktoren, Lastwagen, Stromnetze und Internet-Shopping — ist das Ergebnis.

Der Klimawandel ist der Schatten dieses jĂŒngsten PhĂ€nomens, denn er entsteht durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, die die moderne Zivilisation erst möglich machen. Dennoch sind die rasant steigenden Bevölkerungs- und Verbrauchszahlen von Natur aus nicht nachhaltig und haben selbst dann katastrophale Auswirkungen auf die Umwelt, wenn wir die Auswirkungen der Kohlenstoffemissionen außer Acht lassen. Die zunehmende Ausbeutung der Ressourcen, die steigende chemische Verschmutzung und der rapide Verlust der wilden Natur sind Trends, die uns in Richtung ökologischer Kollaps fĂŒhren, wobei der wirtschaftliche und soziale Zusammenbruch zweifelsohne dicht dahinter liegt. Der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen kann diese Trends nur umkehren, wenn wir uns auch mit den Problemen der Bevölkerung und des Konsums auseinandersetzen.

Das ist das große Ganze. Die Suche nach einer technischen Lösung fĂŒr das Problem des Klimawandels scheitert jedoch auch an sich selbst, d. h. an der Frage, wie wir den Klimawandel abwenden und gleichzeitig unsere derzeitige industrielle Wirtschaft und Lebensweise aufrechterhalten können. Der Rest dieses Aufsatzes befasst sich mit dieser zweiten Spur von Beweisen und Logik, die eine ausfĂŒhrlichere Darstellung erfordert. Also: Schnall dich an. Los geht’s.

Warum Solarmodule den Konsumismus nicht retten können

Die meisten Energieanalyst_innen halten Solar- und Windenergie fĂŒr die besten Kandidaten, um fossile Brennstoffe bei der Stromerzeugung zu ersetzen (da die Atomkraft zu teuer und zu riskant ist und zu viel Zeit fĂŒr den Ausbau benötigen wĂŒrde; und die Wasserkraft an KapazitĂ€tsgrenzen stĂ¶ĂŸt). Aber diese „erneuerbaren Energien“ sind nicht ohne Probleme. Sonnenlicht und Wind sind zwar selbst erneuerbar, aber die Technologien, mit denen wir sie einfangen, sind es nicht: Sie bestehen aus nicht erneuerbaren Materialien wie Stahl, Silizium, Beton und seltenen Erden, die alle Energie fĂŒr den Abbau, den Transport und die Verarbeitung benötigen. Diese Materialien erschöpfen sich ebenfalls, und viele von ihnen lassen sich nur schwer oder gar nicht recyceln.

Sonnenlicht und Wind sind unregelmĂ€ĂŸig: Wir können nicht kontrollieren, wann die Sonne scheint oder der Wind weht. Um die stĂ€ndige VerfĂŒgbarkeit von Energie zu gewĂ€hrleisten, mĂŒssen diese Quellen daher mit vier Strategien kombiniert werden:

1. Energiespeicherung (z. B. mit Batterien) ist nĂŒtzlich, um die tĂ€glichen Schwankungen auszugleichen, aber fast nutzlos, wenn es um saisonale Schwankungen geht; außerdem kostet die Energiespeicherung Energie und Geld.
2. Die Redundanz von Stromquellen (der Bau von weit mehr StromerzeugungskapazitĂ€ten, als an „guten“ Tagen tatsĂ€chlich benötigt werden, und die Verbindung von weit verstreuten Solar- und Windparks ĂŒber riesige Supernetze) ist eine bessere Lösung fĂŒr saisonale Schwankungen, erfordert aber erhebliche Investitionen in die Infrastruktur.
3. ÜberschĂŒssiger Strom, der zu Spitzenzeiten erzeugt wird, kann zur Herstellung von synthetischen Kraftstoffen (wie Wasserstoff, Ammoniak oder Methanol) genutzt werden, vielleicht unter Verwendung von Kohlenstoff, der aus der AtmosphĂ€re abgeschieden wird, um Energie zu speichern; die Herstellung großer Mengen solcher Kraftstoffe erfordert jedoch wiederum erhebliche Investitionen in die Infrastruktur, und der Prozess ist von Natur aus ineffizient.
4. Nachfragesteuerung (Nutzung von Strom, wenn er verfĂŒgbar ist, und Drosselung des Verbrauchs, wenn er nicht verfĂŒgbar ist) ist der gĂŒnstigste Weg mit Schwankungen umzugehen, aber es erfordert oft VerhaltensĂ€nderungen oder wirtschaftliche Opfer.

Heute verbraucht die Welt nur etwa 20 Prozent ihrer Endenergie in Form von Strom. Die anderen 80 Prozent der Energie werden in Form von festen, flĂŒssigen und gasförmigen Brennstoffen verbraucht. Eine Abkehr von fossilen Brennstoffen wird die Elektrifizierung eines Großteils dieser 80 Prozent des Energieverbrauchs mit sich bringen, darunter die meisten Transportmittel und wichtigen Industrieprozesse. Viele Energieanwendungen, wie die Luftfahrt und die Herstellung von Zement fĂŒr Beton, lassen sich jedoch nur schwer oder nur zu hohen Kosten elektrifizieren. Im Prinzip könnte das Problem der Elektrifizierung gelöst werden, indem man den Flugverkehr und industrielle Prozesse mit hoher WĂ€rmeentwicklung mit synthetischen Kraftstoffen betreibt. Allerdings wĂŒrde dies in großem Maßstab eine massive Infrastruktur aus Pipelines, Lagertanks, Kohlenstoffabscheidungsanlagen und chemischen Synthesewerken erfordern, die im Wesentlichen unser heutiges Erdgas- und Erdölversorgungssystem nachbilden wĂŒrde.

Die maschinellen Methoden zur Kohlenstoffabscheidung und -bindung funktionieren im Labor, wĂŒrden aber enorme Investitionen erfordern, um in großem Maßstab eingesetzt werden zu können, und es ist unklar, wer sie bezahlen wĂŒrde. Außerdem verbrauchen diese Methoden viel Energie, und wenn man die Emissionen ĂŒber den gesamten Lebenszyklus berechnet, stellt man fest, dass oft mehr Emissionen entstehen als abgeschieden werden.[1] Die besten Maßnahmen zur Kohlenstoffabscheidung und -bindung scheinen stattdessen verschiedene Methoden zur Wiederherstellung von Ökosystemen und zur Regeneration des Bodens zu sein. Diese Strategien wĂŒrden auch die Methan- und Distickstoffoxidemissionen reduzieren. Aber sie wĂŒrden ein fast vollstĂ€ndiges Umdenken in der Lebensmittelwirtschaft und der Landbewirtschaftung erfordern.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich zusammen mit meinem Kollegen David Fridley vom Energy Analysis Program am Lawrence Berkeley National Laboratory untersucht, was ein vollstĂ€ndiger Übergang zu einer Solar-Wind-Wirtschaft bedeuten wĂŒrde (das Ergebnis unserer Arbeit ist das Buch Our Renewable Future).[2] Wir kamen zu dem Schluss, dass dies eine enorme Aufgabe ist, die Investitionen in Höhe von mehreren Billionen Dollar erfordert. In der Tat könnte die Aufgabe fast unmöglich sein — wenn wir versuchen, das Gesamtniveau des gesellschaftlichen Energieverbrauchs beizubehalten oder es auszubauen, um weiteres Wirtschaftswachstum zu fördern.[3] David und ich kamen zu dem Schluss:

„Wir BĂŒrger_innen der Industrienationen werden unser Konsumverhalten Ă€ndern mĂŒssen. Wir werden insgesamt weniger verbrauchen und unsere Energienutzung an Zeiten und Prozesse anpassen mĂŒssen, die die Vorteile des schwankenden Überflusses nutzen. Die MobilitĂ€t wird leiden, so dass wir Aspekte der Produktion und des Konsums lokalisieren mĂŒssen. Und vielleicht werden wir auf einige Dinge sogar ganz verzichten. Wenn einige neue Verfahren (z. B. Solar- oder wasserstoffbetriebene Chemieanlagen) zu teuer sind, werden sie einfach nicht realisiert. Unsere wachstumsbasierte, globalisierte und konsumorientierte Wirtschaft muss grundlegend ĂŒberarbeitet werden.[4]“

Das Problem einer technischen Lösung fĂŒr das Problem des Klimawandels ist folgendes: Fast alles, was wir tun mĂŒssen, um die globale ErwĂ€rmung zu bekĂ€mpfen (einschließlich des Baus neuer emissionsarmer StromerzeugungskapazitĂ€ten und der Elektrifizierung der Energienutzung), erfordert Energie und Geld. Aber die Gesellschaft verbraucht bereits so viel Energie und Geld, wie sie aufbringen kann, um die Dinge zu tun, die sie tun will und muss (Ressourcen abbauen, Produkte herstellen, Menschen und Materialien transportieren, Gesundheitsversorgung und Bildung bereitstellen und so weiter). Wenn wir diesen AktivitĂ€ten Energie und Geld entziehen, um eine rasche Energiewende in einem noch nie dagewesenen Ausmaß zu finanzieren, wird die Wirtschaft schrumpfen, die Menschen werden arbeitslos und viele Menschen werden unglĂŒcklich sein. Wenn wir hingegen all diese Dinge im derzeitigen Umfang beibehalten und gleichzeitig eine massive alternative Infrastruktur aus Solarpanelen, Windturbinen, BatteriebĂ€nken, Supernetzen, Elektroautos und -lastwagen, elektrifizierten Industrieanlagen und Fabriken fĂŒr synthetische Brennstoffe aufbauen, wird das Ergebnis ein großer Energieimpuls sein, der die Kohlenstoffemissionen kurzfristig (10 bis 20 Jahre) deutlich erhöhen wird, da der Großteil der Energie, die derzeit fĂŒr das Projekt zur VerfĂŒgung steht, aus fossilen Brennstoffen gewonnen werden muss.

Es braucht Energie, um Solarmodule, WindrĂ€der, Elektroautos und neue Generationen von Industrieanlagen aller Art herzustellen. Bei einem Auto mit Verbrennungsmotor fallen 10 Prozent des Energieverbrauchs in der Herstellungsphase an. Bei einem Elektroauto entfallen etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs auf die Herstellung, und die Emissionen in dieser Phase sind 15 Prozent höher als bei einem Verbrennungsmotor (ĂŒber die gesamte Lebensdauer eines E-Autos sind die Emissionen etwa halb so hoch wie bei einem Benzinschlucker). Bei Solarmodulen und Windturbinen werden der Energieeinsatz und die Kohlenstoffemissionen in Ă€hnlicher Weise in die Herstellungsphase verlagert; der Energieertrag und die Emissionsreduzierung (durch die Kompensation anderer Stromerzeugung) kommen spĂ€ter. Der schnelle Austausch eines sehr hohen Prozentsatzes unserer industriellen Infrastruktur und AusrĂŒstung wĂŒrde daher zu einem historisch hohen Anstieg des Energieverbrauchs und der Kohlenstoffemissionen fĂŒhren. Wenn wir eine schnelle Energiewende einleiten und gleichzeitig den derzeitigen Energieverbrauch fĂŒr den „normalen“ Zweck des Wirtschaftswachstums beibehalten oder sogar ausweiten, wĂŒrden wir unser Ziel, die Emissionen jetzt zu reduzieren, verfehlen — auch wenn wir auf das Ziel hinarbeiten, die Emissionen spĂ€ter zu reduzieren.

Viele Menschen geben sich der unbeschwerten Illusion hin, dass wir alles schaffen können — die Wirtschaft weiter wachsen lassen und gleichzeitig die Energiewende finanzieren -, indem sie davon ausgehen, dass das Problem nur das Geld ist (wenn wir einen Weg finden, es zu bezahlen, kann die Energiewende gefahrlos durchgefĂŒhrt werden). Diese Illusion kann nur aufrechterhalten werden, wenn wir uns weigern, die Tatsache anzuerkennen, dass alle AktivitĂ€ten, einschließlich des Baus alternativer Energieerzeuger und von Anlagen zur Kohlenstoffabscheidung, Energie benötigen.

Der einzige Ausweg aus dem Dilemma, das sich aus den Energie- und Emissionskosten der Energiewende ergibt, besteht darin, die Energiemenge, die wir fĂŒr „normale“ wirtschaftliche Zwecke — Ressourcengewinnung, Produktion, Transport, Heizung, KĂŒhlung und industrielle Prozesse — verbrauchen, erheblich zu reduzieren, damit wir diese Energie fĂŒr die Energiewende nutzen können (Bau von Solaranlagen und Elektrofahrzeugen) und nicht so viel neue Infrastruktur bauen mĂŒssen. Eine höhere Energieeffizienz kann dazu beitragen, den Energieverbrauch zu senken, ohne auf Energiedienstleistungen verzichten zu mĂŒssen, aber viele Maschinen (LED-Leuchten, Elektromotoren) und industrielle Prozesse sind bereits hocheffizient, sodass weitere große Effizienzsteigerungen in diesen Bereichen unwahrscheinlich sind. Wir wĂŒrden eine Effizienzsteigerung erreichen, wenn wir direkte Stromerzeuger (Sonne und Wind) durch ineffiziente WĂ€rme-zu-Strom-Erzeuger (Erdgas- und Kohlekraftwerke) ersetzen wĂŒrden; aber wir wĂŒrden auch neue Ineffizienzen in das System einfĂŒhren, indem wir batteriegestĂŒtzte Stromspeicher und die Produktion von Wasserstoff oder synthetischen Kraftstoffen einsetzen. Letztendlich ist die Schlussfolgerung unausweichlich: Eine tatsĂ€chliche Reduzierung der Energiedienstleistungen wĂ€re erforderlich, um von den fossilen Brennstoffen wegzukommen, ohne dass es kurzfristig zu einem erheblichen Anstieg der Emissionen kommt. Andere Energie- und Klimaanalyst_innen als David Fridley und ich — wie Kevin Anderson, Professor fĂŒr Energie und Klimawandel an der UniversitĂ€t Manchester — sind unabhĂ€ngig voneinander zu diesem Schluss gekommen[5].

Energie ist untrennbar mit Leistung verbunden. Wenn die Gesellschaft also freiwillig ihren Energieverbrauch deutlich reduziert, um die Auswirkungen auf das Klima zu minimieren, werden viele Menschen dies wahrscheinlich als Machtverzicht empfinden — sei es physisch, sozial oder wirtschaftlich.

Man kann es nicht oft genug betonen: Energie ist fĂŒr alle wirtschaftlichen AktivitĂ€ten unerlĂ€sslich. Eine Wirtschaft kann nur dann kontinuierlich wachsen, wenn sie mehr Energie einsetzt (es sei denn, die Energieeffizienz kann erheblich gesteigert werden und jedes Jahr werden weitere Effizienzgewinne erzielt — was auf lange Sicht fast unmöglich ist, da Investitionen in effizientere Prozesse in der Regel mit der Zeit abnehmen). Die Staats- und Regierungsbosse fordern mehr Wirtschaftswachstum, um Arbeitslosigkeit und andere soziale MissstĂ€nde zu bekĂ€mpfen. Jede_r rechnet also damit, dass wir in Zukunft mehr Energie haben werden, nicht weniger.

Einige wohlmeinende Analyst_innen und Expert_innen versuchen, das Klima-Energie-Wirtschafts-Dilemma zu umgehen, indem sie Szenarien entwerfen, in denen erneuerbare Energien den Tag retten, indem sie einfach dramatisch billiger werden als Energie aus fossilen Brennstoffen; oder indem sie die realen Kosten fĂŒr den Umgang mit der unsteten Energieerzeugung aus Sonne und Wind ignorieren. Einige argumentieren, dass wir den Klimawandel bekĂ€mpfen mĂŒssen, indem wir noch mĂ€chtiger werden, als wir es ohnehin schon sind — indem wir die AtmosphĂ€re und die Ozeane durch Geo-Engineering verĂ€ndern und so die volle Kontrolle ĂŒber den Planeten ĂŒbernehmen und uns wie Götter auffĂŒhren.[6] Und einige fĂŒhrende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik leugnen einfach, dass der Klimawandel ein Problem ist; deshalb besteht kein Handlungsbedarf. Ich wĂŒrde sagen, dass all diese Menschen sich selbst und anderen etwas vormachen.

Tu das Richtige — auch wenn es schwer ist

Probleme, die ignoriert werden, verschwinden in der Regel nicht. Und nicht alle Probleme können ohne Opfer gelöst werden. Wenn die EindĂ€mmung des Klimawandels tatsĂ€chlich eine erhebliche Reduzierung des weltweiten Energieverbrauchs erfordert, sollten die politischen EntscheidungstrĂ€ger_innen darĂŒber diskutieren, wie dies auf faire Weise und mit so wenig negativen Auswirkungen wie möglich geschehen kann. Je lĂ€nger wir diese Diskussion hinauszögern, desto weniger angenehme Optionen werden ĂŒbrig bleiben.

Es könnte kaum mehr auf dem Spiel stehen. Wenn die Emissionen weitergehen, wird dies zum Zusammenbruch der Ökosysteme, zu massiven Auswirkungen auf die Wirtschaft, zu weitverbreitetem menschlichem Elend und Migration sowie zu unvorhersehbaren Störungen der politischen Systeme fĂŒhren. Die RĂŒckkehr von Hungersnöten als vertrautes Merkmal der menschlichen Existenz ist eine sehr reale Möglichkeit.[7]

Es ist leicht zu verstehen, warum die Menschen es vermeiden wollen, ihre soziale, politische, wirtschaftliche und physische Macht in dem Maße aufzugeben, wie es fĂŒr die BewĂ€ltigung des Klimawandels notwendig ist. Der Kampf gegen festgefahrene MachtverhĂ€ltnisse ist eine umstrittene und oft gefĂ€hrliche Angelegenheit. Menschen mit Macht mögen es nicht, wenn sie bedroht werden, und sie schlagen oft zurĂŒck.

Deshalb suchen sich UmweltschĂŒtzer_innen ihre Schlachten gerne aus. Die Industrie der fossilen Brennstoffe ist reich und mĂ€chtig, aber zumindest ist sie ein leicht zu identifizierender Feind, und viele Menschen stehen den Öl- und Gasunternehmen aus verschiedenen GrĂŒnden kritisch gegenĂŒber (Benzin ist zu teuer, Ölpipelines verursachen Umweltverschmutzung und so weiter).

Aber nicht alle Hindernisse, die einer Lösung des Klimaproblems im Wege stehen, sind auf die Ölfirmen zurĂŒckzufĂŒhren. Auch wir anderen sind daran beteiligt, wenn auch in sehr unterschiedlichem Maße, je nachdem, wo wir leben und wie viel wir konsumieren. Unsere gesamte moderne konsumorientierte Lebensweise, der Kern unseres Wirtschaftssystems, ist daran schuld. Wenn wir nicht bereit sind, einen Teil unserer Macht ĂŒber die Natur aufzugeben — unsere Macht, Ressourcen abzubauen und umzuwandeln und die GĂŒter zu liefern, auf die wir uns verlassen —, dann werden wir von einer Katastrophe in die nĂ€chste schlittern, bis unsere schlimmsten BefĂŒrchtungen wahr werden.

Es ist verstĂ€ndlich, warum die meisten UmweltschĂŒtzer_innen die globale ErwĂ€rmung so darstellen, wie sie es tun. So scheinen Lösungen leichter zu erreichen zu sein. Aber was nĂŒtzt es, wenn wir uns nur selbst beschwichtigen, ohne die Katastrophe abzuwenden oder unsere Probleme richtig zu verstehen?

Die einzige wirkliche langfristige Lösung fĂŒr den Klimawandel besteht darin, die physische, soziale und wirtschaftliche Macht des Menschen drastisch einzuschrĂ€nken, aber auf eine Weise, die seine WĂŒrde, Autonomie und SolidaritĂ€t bewahrt. Das ist eine grĂ¶ĂŸere Herausforderung als jede technische Lösung. Aber dieser Weg hat den einzigartigen Vorteil, dass wir, wenn wir ihn intelligent und beharrlich verfolgen, eine ganze Reihe von sozialen und ökologischen Problemen auf einmal angehen können. Letztendlich ist das der einzige Weg in eine bessere und sicherere Zukunft.

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[1] June Sekera und Andreas Lichtenberger, „Assessing Carbon Capture: Public Policy, Science, and Societal Need“. Biophysical Economics and Sustainability Band 5, Artikelnummer: 14 (2020); https://link.springer.com/article/10.1007/s41247-020-00080-5

[2] Richard Heinberg und David Fridley, Our Renewable Future: Laying the Path for 100 Percent Clean Energy. Washington D.C.: Island Press, 2016. Volltext verfĂŒgbar unter www.ourrenewablefuture.org. Zugriff am 2. September 2020.

[3] Andere Forscher_innen sind zu Ă€hnlichen Ergebnissen gekommen. So argumentiert Tim Morgan (ehemaliger Forschungsleiter bei Tullett Prebon), dass es die ĂŒberschĂŒssige Energie ist — die Energie, die ĂŒbrig bleibt, nachdem sie fĂŒr energieerzeugende AktivitĂ€ten benötigt wurde —, die das Wirtschaftswachstum angetrieben hat, und dass ein Übergang zu erneuerbaren Energien zwangslĂ€ufig zu einem RĂŒckgang der ĂŒberschĂŒssigen Energie fĂŒhren wird (siehe Tim Morgan, Surplus Energy Economics Website https://surplusenergyeconomics.wordpress.com/ Zugriff am 2. September 2020). Carey King vom Energy Institute der University of Texas, Austin, zeigt in einem kĂŒrzlich erschienenen Artikel die UnzulĂ€nglichkeiten der derzeitigen wachstumsbasierten Wirtschaftsmodelle fĂŒr die Umstellung auf erneuerbare Energien auf und schlĂ€gt ein neues Modell vor, das datengestĂŒtzte Beziehungen zwischen Energienutzung, Ressourcengewinnung und Wirtschaftswachstum berĂŒcksichtigt. Er kommt zu dem Schluss, dass die Umstellung auf erneuerbare Energien zu Konflikten mit dem Verbrauch, der Bevölkerung und den Löhnen fĂŒhren wird; diese Konflikte hĂ€ngen von dem eingeschlagenen Weg ab (hohe oder niedrige Investitionsrate). Carey King, „An Integrated Biophysical and Economic Modeling Framework for Long-Term Sustainability Analysis: Das HARMONY-Modell“. Ecological Economics, Vol. 169, MĂ€rz 2020. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2019.106464 Zugriff am 2. September 2020.

[4] Heinberg und Fridley, Our Renewable Future, S. 140

[5] Kevin Anderson und Alice Bows-Larkin, „Avoiding Dangerous Climate Change Demands De-Growth Strategies from Wealthier Nations“. KevinAnderson.Info, November 2013. https://kevinanderson.info/blog/avoiding-dangerous-climate-change-demands-de-growth-strategies-from-wealthier-nations/. Abgerufen am 2. September 2020. Siehe auch Patrick Moriarty und Damon Honnery, „Can Renewable Energy Power the Future?“ Energy Policy Vol. 93, Juni 2016, S. 3-7. www.sciencedirect.com/science/article/pii/S030142151630088X. Abgerufen am 2. September 2020.

[6] Rachel Kaufman, „The Risks, Rewards and Possible Ramifications of Geoengineering Earth’s Climate“. Smithsonian, MĂ€rz 11, 2019. https://www.smithsonianmag.com/science-nature/risks-rewards-possible-ramifications-geoengineering-earths-climate-180971666/. Zugriff am 3. September 2020.

[7] Christopher Flavelle, „Climate Change Threatens the World’s Food Supply, United Nations Warns.“ New York Times, 8. August 2019. https://www.nytimes.com/2019/08/08/climate/climate-change-food-supply.html Zugriff am 3. September 2020.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de