April 15, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Von CrimethInc

  1. April 2021, Brooklyn Center, ein Vorort von Twin Cities: Der 20-jĂ€hrige Schwarze Daunte Wright wird von einem Cop wegen angeblich abgelaufener Kennzeichen kontrolliert und ermordet. Mitten im Prozess gegen den Polizisten, der im vergangenen Mai George Floyd in Minneapolis ermordet hat, zeigt dieser Mord, dass sich die Situation fĂŒr Schwarze Menschen, die von Polizeigewalt bedroht sind, seit Mai 2020 kaum verĂ€ndert hat. Daraus lassen sich wichtige SchlĂŒsse ziehen.

Kim Potter, die Polizistin, die Daunte Wright ermordet hat, war die PrĂ€sidentin der Brooklyn Center Police Officer’s Association; sie arbeitet seit fast 25 Jahren fĂŒr die Abteilung. Obwohl der BĂŒrgermeister von Brooklyn Center versucht hat, den Mord als Unfall darzustellen, ist auf den Aufnahmen der Body Cam zu sehen, wie sie mehrere Sekunden lang mit der Waffe hantiert, bevor sie ihn erschießt. Der Mord an Daunte Wright ist nicht das Ergebnis eines Mangels an Training, Erfahrung oder richtigen Protokollen. Es ist das vorhersehbare Ergebnis der Entsendung bewaffneter Söldner_innen, die ungestraft Gemeinschaften terrorisieren.

Officer Kim Potter und der Polizeichef von Brooklyn Center, Tim Gannon, sind heute zurĂŒckgetreten, aber das Ă€ndert nichts an der Wahrscheinlichkeit, dass sich solche Morde wiederholen werden. Es handelt sich hier nicht lediglich um einige faule Äpfel.

Die Demonstrationen des letzten Sommers gegen Polizeimorde wurden teilweise durch die Versprechen von Politiker_innen entschĂ€rft, Mittel fĂŒr die Polizei zu kĂŒrzen. Keines dieser Versprechen hat zu einer wirklichen VerĂ€nderung gefĂŒhrt. Heute mĂŒssen diejenigen, die sich gegen Polizeimorde wehren, erkennen, dass der lehrreiche PrĂ€zedenzfall der Bewegungen von 2020 die tatsĂ€chliche Zerstörung des Dritten Reviers durch die Bewegung von unten war, nicht irgendeine der reformistischen BemĂŒhungen, die folgten. Die Abschaffung der Polizei wird nicht ĂŒber die gleichen KanĂ€le erfolgen, die die Polizei ĂŒberhaupt erst aufrechterhalten.

Die anarchistische Nachrichtenquelle It’s Going Down (deutsche Übersetzung hier) bietet einen Überblick ĂŒber die SolidaritĂ€tsdemonstrationen, die im ganzen Land als Reaktion auf den Mord an Daunte Wright stattgefunden haben. WĂ€hrend sich die unmittelbaren Bedingungen, die Zehntausende dazu veranlassten, im Mai und Juni 2020 in den offenen Kampf gegen die Polizei zu ziehen, mit dem Ende der Trump-Administration und dem RĂŒckgang der Pandemie verschoben haben, hat sich die konfrontative Herangehensweise, die die Menschen im letzten Sommer anwandten, normalisiert und die Bandbreite der Taktiken, die weithin als legitim angesehen werden, erweitert. Dies stellt eine neue Basis fĂŒr KĂ€mpfe gegen weiße Vorherrschaft und Polizeigewalt dar.

Im folgenden Bericht aus Minneapolis lassen wir die Ereignisse der letzten 48 Stunden Revue passieren, darunter auch die Mahnwache zum Gedenken an Daunte Wright.


Ein kalter, regnerischer FrĂŒhling in Minnesota. Ein junges Paar geht aus, eine Verkehrskontrolle, ein Leben. Daunte Wright, 20 Jahre alt, angehalten wegen abgelaufener Kennzeichen, ermordet vom Staat. Auf der offiziellen Pressekonferenz, zusĂ€tzlich zur Veröffentlichung der Bodycam-Aufnahmen, behauptet Mike Elliot, der erste afroamerikanische BĂŒrgermeister des Vororts Brooklyn Center, dass die Beamtin, Kim Potter, einen „tragischen“ Fehler gemacht hat, indem sie beabsichtigte, ihren Taser abzufeuern, aber stattdessen ihre Pistole in einer „versehentlichen Entladung“ abfeuerte. Ein weiterer Unfall fĂŒr die Polizei – und ein weiterer Tod fĂŒr die Bevölkerung.

Jamar Clark, 16. November 2015
Philando Castile, 6. Juli 2016
George Floyd, 28. Mai 2020
Daunte Wright, 12. April 2021

Alles junge Schwarze MĂ€nner, alle aus Minnesota, alle aus Hennepin County, alle von der Polizei ermordet.

WĂ€hrend Daunte Wright seinen Tag verbrachte, ohne zu wissen, dass es sein letzter sein wĂŒrde, verfolgten Menschen im ganzen Land den Prozess gegen den Mörder von George Floyd. Als die Polizistin ihn anhielt, war die Staatsanwaltschaft unter der Leitung des Generalstaatsanwalts von Minnesota, Keith Ellison, gerade dabei, ihren Fall vor den Geschworenen abzuschließen.

Als erster Muslim, der in ein nationales Amt gewĂ€hlt wurde, reprĂ€sentiert Keith Ellison das Bestmögliche, was das Wahlrecht zu bieten hat und gehört zum progressivste Teil der Demokratischen Partei. Sein Sohn, Jeremiah Ellison, fĂŒhrt die Forderung im Stadtrat von Minneapolis an, der Polizei die Mittel zu kĂŒrzen; seine Ex-Frau sitzt im Schulausschuss und setzt einen neuen Plan durch, um die LeistungslĂŒcke in Minnesota anzugehen. Ellison ist ein Freund der Arbeiter_innenschaft und wird von der Farmer Labor Partei, Minnesota DFL, unterstĂŒtzt. Die Democratic Socialists of America unterstĂŒtzten ihn bei seiner Bewerbung um den Vorsitz der Demokratischen Partei im Jahr 2017.

Die Gemeinschaft erhob sich als Reaktion auf den Mord. Viele Menschen gingen am Sonntagabend auf die Straße, allen voran OrtsansĂ€ssige und junge Leute. Die Polizei reagierte mit harter Hand: Sie griff die Demonstrierenden mit TrĂ€nengas, Gummigeschossen und Schlagstöcken an und feuerte wahllos in Richtung der Wohnungen und einkommensschwachen HĂ€user rund um die Polizeistation in Brooklyn Center. Die Anwohnenden wehrten sich, wĂŒtend ĂŒber diese eklatante Missachtung ihrer Sicherheit. Bis in die Nacht hinein tobten erbitterte KĂ€mpfe, die örtlichen GeschĂ€fte brannten. Am nĂ€chsten Morgen verbreitete sich die Nachricht, dass die Familie von Daunte Wright eine Mahnwache fĂŒr 19 Uhr am Montagabend an der Kreuzung Kathrene Drive und 63rd einberufen hatte, wo die Polizei Daunte vor den Augen seiner Freundin niedergeschossen hatte.

Der Staat reagierte mit einer Ausgangssperre, die um 19 Uhr begann und bis 6 Uhr morgens dauerte. Die Mahnwache wurde auf 18 Uhr verlegt.

Seit 2020 haben Gegner_innen von Polizeigewalt eine autonome Zone am George Floyd Square aufrechterhalten. In den Tagen nach der Ermordung von George Floyd errichteten Menschen eine hölzerne Skulptur einer erhobenen Faust auf dem Platz, als dieser der Brennpunkt des Widerstandes war. Seitdem wird die George Floyd Square Autonomous Zone von der Community und anderen Gruppen als Raum fĂŒr die Organisierung vor Ort und in ganz Minnesota verteidigt. Die Verteidiger_innen der George Floyd Square Autonomous Zone brachten die Skulptur der Faust zur Mahnwache in Erinnerung an Daunte Wright mit, die fĂŒr die kollektive Verteidigung aller Schwarzen Leben und den Widerstand gegen das System, das sie nimmt, steht.

Die Faust vom George Floyd Square.

Trauernde versammelten sich aus dem gesamten Großraum der Twin Cities und strömten zur Polizeistation in Brooklyn Center. Anwohner_innen, die ĂŒber die TrĂ€nengaseinsĂ€tze der Polizei und die Beschießung ihrer HĂ€user mit Gummigeschossen wĂŒtend waren, gingen trotz des eisigen Regens zu Hunderten auf die Straße. Der Protest schwoll bis 20 Uhr auf ĂŒber 1000 Teilnehmende an; das Polizeirevier wurde umstellt. Hunderte weitere Demonstrierende umkreisten das Gebiet in ihren Autos, hupten, blockierten den Verkehr und behinderten die Polizei beim Aufmarsch ihrer KrĂ€fte. Die Menge zĂŒndete Feuerwerkskörper; die Behörden befĂŒrchteten einen weiteren totalen Kontrollverlust.

Der BĂŒrgermeister Mike Elliot forderte den demokratischen Gouverneur von Minnesota auf, die Nationalgarde und Beamt_innen aus anderen lokalen ZustĂ€ndigkeitsbereichen hinzuzuziehen. Im Vorfeld des Urteils im Mordprozess um George Floyd war ein Notfallplan ausgearbeitet worden, der den Einsatz von ĂŒber 1000 Soldat_innen der Nationalgarde vorsah. Nun, als die Nacht herein brach und die Bewohner_innen der ĂŒberwiegend Schwarzen Gemeinschaft mit niedrigem Einkommen ihrer Trauer und Wut Luft machten, beschlossen die progressiven Staatsdemokrat_innen, die volle Macht und Wut der Nationalgarde und einer Armee von lokalen Beamt_innen zu entfesseln.

Menschen versammeln sich zur Mahnwache fĂŒr Daunte Wright.

Mit Schlagstöcken marschierend, griff die Polizei Trauernde und Presse gleichermaßen an, feuerte Gas und Gummigeschosse ab und schlug Köpfe mit methodischer Wut ein, um die Demonstrierenden zu zerstreuen, wĂ€hrend gepanzerte Fahrzeuge eine Absperrung errichteten. Hunderte wurden auseinandergetrieben. Demonstrierende in ihren Autos wurden verfolgt und verhaftet. Immer , wenn die Polizei ein Auto anhielt, umzingelten sie es und richteten Sturmgewehre in das Gesicht des Fahrers*der Fahrerin.

Inmitten des Chaos tauchten gegen 23 Uhr BĂŒrgermeister Mike Elliot und Generalstaatsanwalt Keith Ellison auf, um sich an die Menge zu wenden.

Flankiert von Gardist_innen, Bereitschaftspolizist_innen und privaten bewaffneten Sicherheitsleuten, wandten sich die Vertreter des Staates an die Demonstrierenden. „Wir hören euch, bitte geht nach Hause“, flehte BĂŒrgermeister Mike Elliot, der einen Helm in MilitĂ€rqualitĂ€t trug und im eiskalten Regen schwitzte.

„Schafft eure Schweine von den Straßen!“, antworteten wĂŒtende Trauernde.

„Das geht nicht, wir mĂŒssen – alle mĂŒssen – nach Hause gehen. Wir hören euch!“, flehte Elliot.

Keith Ellison schaltete sich ein. „Ihr wisst, wo ich heute war. Ihr wisst, dass der Gerechtigkeit GenĂŒge getan werden wird.“

„So wie die Gerechtigkeit, die du fĂŒr Floyd bekommst? Wir haben hier draußen gerade einen weiteren Mann verloren!“, kam die Antwort.

„Hört zu, der Gerechtigkeit wird GenĂŒge getan, die Ausgangssperre wurde ausgerufen und ihr mĂŒsst alle wieder nach Hause gehen! Wir wollen keine weiteren Opfer, wir wollen keine weiteren MĂ€rtyrer_innen, wir wollen nicht, dass hier draußen heute Nacht noch jemand verletzt wird!“ Ellison zog sich hinter die Polizeikette zurĂŒck.

„Wir brauchen nicht noch mehr MĂ€rtyrer_innen.“ Eine subtile Drohung von Generalstaatsanwalt Keith Ellison.

Wir brauchen nicht noch mehr MĂ€rtyrer_innen. In diesem Austausch hat Generalstaatsanwalt Ellison alles gesagt, was man ĂŒber elektoralen Reformismus und den Staat wissen muss. Er möchte uns glauben machen, dass er selbst als Generalstaatsanwalt, der an der Seite des BĂŒrgermeisters steht, keine AutoritĂ€t ĂŒber die Polizei oder die Nationalgarde hat. Seine Aussage war eine Drohung, die andeutete, dass tödliche Gewalt angewandt werden wĂŒrde, um die Ausgangssperre durchzusetzen, wenn es nötig ist und dass er nichts tun kann, um es zu stoppen – oder aber, dass er sich entscheidet, es nicht zu tun.


Dies hilft zu erklĂ€ren, warum Demonstrierende weiterhin Taktiken anwenden, die selbst im Angesicht von koordinierter staatlicher Gewalt Druck ausĂŒben können. Am Abend des 11. April waren mindestens 52 GeschĂ€fte im gesamten Gebiet der Twin Cities von Vandalismus oder PlĂŒnderungen betroffen. In der Nacht zum 12. April wurden erneut Dutzende von GeschĂ€ften verwĂŒstet und geplĂŒndert, darunter eine Target-Filiale, ein Handyladen, ein Dollar Tree in einer Strip Mall, in der alle LĂ€den geplĂŒndert wurden, sowie mehrere andere Ziele in Uptown Minneapolis und weitere Strip Malls.

Am Ende sind nur wir die Gerechtigkeit. Wir sind diejenigen, die bestimmen mĂŒssen, womit die Polizei davonkommt und welche Konsequenzen sie und die Regierung, die sie bezahlt, zu tragen haben – nicht die Gerichte, die von demselben System geleitet werden, das sie aussendet, um uns anzugreifen.

Wir erheben uns in Brooklyn Center. Wir erheben uns auf dem George Floyd Square. Wir erheben uns ĂŒberall.

Das Urteil im Mordfall George Floyd ist gefallen – genau wie im Fall von Jamar Clark, Philando Castile und Daunte Wright. Dies waren keine UnfĂ€lle, sondern das unvermeidliche Ergebnis der rassistischen Gewalt im Kern der regierenden Institutionen dieser Gesellschaft. Wir mĂŒssen diese Institutionen und die Ordnung, die sie aufrechterhalten, abschaffen. Jede Person, die sich dem in den Weg stellt, macht sich mitschuldig am Mord.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de