Mai 25, 2022
Von Lower Class Magazine
14 ansichten

Thomas, 29 ist Mechaniker aus Berlin und Mitglied des Vorbereitungskreises des
internationalistischen Jugendfestivals, das am 28.05. in LĂŒtzerath stattfindet. Im GesprĂ€ch erzĂ€hlt er vom Festival, Klimaschutz und warum und wie das mit der Revolution in Rojava zusammenhĂ€ngt.

Als Initiative habt ihr euch mit einem offenen Brief an die Klimabewegung in Deutschland
gewendet und wollt am 28. Mai ein internationalistisches Jugend- und Kulturfestival im nordrheinwestphĂ€lischen LĂŒtzerath veranstalten. Stellt euch und die Idee dahinter zu Beginn doch einmal kurz vor. Was wollt ihr in LĂŒtzerath machen und warum genau dort?


Wir sind eine seit mehreren Monaten bestehende Initiative aus Aktivist*innen der
ökologischen Kampagne „Make Rojava Green Again“ und „LĂŒtzerath lebt“. Unser Festival steht
unter der Idee unsere KĂ€mpfe zu verbinden, denn nur so kann dem Kapitalismus und der
ökologischen Katastrophe etwas entgegengesetzt werden. Es geht auch darum, die Revolution in
Kurdistan mit dem hier in Deutschland und ĂŒberall auf der Welt stattfindenden Kampf der
Klimabewegung zu verbinden, weil wir davon ĂŒberzeugt sind, dass diese KĂ€mpfe das gleiche Ziel
teilen. Das Festival soll ein Ort des Austausches, des gegenseitigen Kennenlernens und des
gemeinsamen Kampfes werden.
LĂŒtzerath ist ein Ort in Deutschland, in dem in den vergangenen Jahren der Kampf fĂŒr das 1,5 Grad
Ziel besonders intensiv gefĂŒhrt wurde. Es ist ein kleines Dorf direkt an der Abrisskante eines
Braunkohletagebaus des Energiekonzerns RWE. Die WidersprĂŒche der Ausbeutung und der
Zerstörung der Umwelt einerseits und das VerdrĂ€ngen von Menschen aus ihren Lebensorten fĂŒr die
Interessen eines Konzerns werden hier besonders deutlich. Überall auf der Welt sehen wir Ă€hnliche
Mechanismen. Die Interessen von Menschen werden unter die von Konzernen untergeordnet, aber
in Deutschland treten diese WidersprĂŒche nur im gewissen Maße zum Vorschein. Viel mehr sind es
nĂ€mlich die LĂ€nder des globalen SĂŒdens, in denen vornehmlich westliche Unternehmen Raubbau an
der Natur betreiben und die Lebensgrundlage der Menschen dort zerstören, um Profit zu generieren
und den schnelllebigen Konsuminteressen Futter zu liefern. Davon bekommen hier zu Lande viele
Menschen nichts mit, da die Lebensgrundlage von den sich verschĂ€rfenden Krisen grĂ¶ĂŸtenteils
unangetastet bleibt. LĂŒzerath ist dabei einer der Orte, an dem den Menschen auch in Deutschland
die Lebensgrundlage durch die Interessen großer Konzerne genommen wird und das fĂŒr einen
Zweck, der in Zeiten der Klimakrise schlichtweg verantwortungslos ist.

Die Klimabewegung ist in den letzten Jahren wieder gewachsen, das Thema findet sich in
vielen Medien wieder, weltweit gibt es Widerstand gegen die mörderischen Folgen des Kapitalismus. Auch FridaysForFuture war ein großer Bezugspunkt. Welche Themenbereiche wollt ihr
konkret einbringen, welche Akzente wollt ihr innerhalb der Klimabewegung setzen?


In der Klimabewegung sehen wir eine der grĂ¶ĂŸten Bewegungen der jĂŒngeren Vergangenheit, die vorrangig von Jugendlichen ausgeht. Darin liegt die wesentliche StĂ€rke. Viele junge Menschen nehmen wahr, wie sich die Welt verĂ€ndert und nehmen die kommenden Auswirkungen der Klimakrise ernst, da sie am stĂ€rksten davon betroffen sein werden.
In diesem Punkt ruht nun aber auch die Gefahr, sich durch vermeintliche Lösungen, welche der
Liberalismus predigt, vereinnahmen zu lassen. Und diese Muster sehen wir leider bei Teilen der
Klimabewegung, welche beispielsweise durch etablierte Parteien oder Stiftungen vereinnahmt
werden und von dort an Kompromiss statt Lösung predigen. Trotz dieser Tatsache ist es aber auch
kein Geheimnis, dass der staatliche Umgang mit der Klimakrise vielen Menschen die Augen
geöffnet und gezeigt hat, fĂŒr welche Interessen der bĂŒrgerliche Staat in die Bresche springt.
Das sind dann eben nicht die Interessen von Menschen wie der in LĂŒzerath, sondern die der
UnternehmensvorstĂ€nde und GroßaktionĂ€re von RWE und Co, die den Bagger lĂ€chelnd Richtung
Abgrund steuern.
Und eben darum, wie ihr es passend formuliert habt, beginnen viele Menschen die mörderischen
Folgen des Kapitalismus zu sehen und ihren Widerstand dahingehend zu organisieren. Um den
Diskurs aber weiter in die Richtung zu lenken, wie eine Alternative zu diesem System aussehen
kann, möchten wir auf die Errungenschaften der Revolution in Kurdistan verweisen. Denn eine
Kritik am Bestehenden kommt schlecht ohne die Entwicklung eigener Perspektiven auf die
Probleme aus. Insbesondere ein Blick auf den Nord-Osten Syriens, auch als Rojava bekannt, zeigt
dabei, wie eben jene Alternative aufgebaut sein könnte. In dieser Region jÀhrt sich am 19. Juli
diesen Jahres das zehnjĂ€hrige Bestehen der Revolution und damit der Kampf fĂŒr ein
Gesellschaftssystems, das auf radikaler Demokratie, Geschlechterbefreiung und sozialer Ökologie
fußt. Eben in dem Vorschlag dieser Alternative und in der revolutionĂ€ren Linie liegen die Aspekte,
die wir einbringen wollen.

Mit der neuen Ampelkoalition gibt es mit den GrĂŒnen erneut eine Partei innerhalb der
Regierung, die sich den Kampf gegen den Klimawandel als Hauptlosung auf die Fahnen
schreibt und die teilweise in der Klimabewegung viel Zuspruch und Hoffnung erfÀhrt.

Wie seht ihr die Rolle dieser Partei?

Wenn wir uns die aktuelle Situation angucken, dann sehen wir, dass die Art der deutschen
Außenpolitik nicht davon abhĂ€ngt, ob gelb, grĂŒn oder schwarz in den Ministerien sitzen. Trotz
zahlreicher Unterschiede zwischen den deutschen Parteien, eint sie die Außenpolitik im Bezug auf
die TĂŒrkei. Eine enge militĂ€rische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem tĂŒrkischen Staat
dient nÀmlich dem Interesse jeder Kapitalfraktion. So ist es nicht verwunderlich, dass die jetzige
Außenministerin Annalena Baerbock zwar sĂ€mtliche russische Kriegsverbrechen anprangert, wenn
es aber um die eigenen Nato-BĂŒndnispartner geht, kein Wort ĂŒber die Kriegsverbrechen der zweit
grĂ¶ĂŸten Nato-Armee verliert. Seit Jahren ist bekannt, dass der tĂŒrkische Staat in SĂŒdkurdistan
Giftgas einsetzt, durch unbemannte Drohnen Menschen hinrichtet und mit dem Abschneiden der
Wasserzufuhr Wasser als Waffe einsetzt. All das toleriert aktuell die grĂŒne Außenpolitik, wie es
zuvor die der SPD getan hat. Wer also im Programm der GrĂŒnen nach Klimagerechtigkeit sucht,
wird enttĂ€uscht werden. Im Grunde genommen hat es die grĂŒne Partei in den letzten Jahren am
besten geschafft die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung mit Versprechungen einer ökologischen
Wende zu absorbieren. Jetzt stellt sich aber heraus, dass wirtschaftliche und militÀrische Interessen
den absoluten Vorrang vor ökologischer Politik besitzen.
Im Gegensatz dazu begrĂŒĂŸen wir die seit einigen Jahren vermehrt im Sinne der Klimagerechtigkeit
aufgekommenen gesellschaftlichen Debatten, in denen globale AusbeutungsverhÀltnisse
thematisiert werden. Die Frage nach Klimagerechtigkeit ist nÀmlich eine internationale Frage, da
die Hauptverursacher der Krise international agieren. Ebenso wie unsere Perspektive auf politische
Probleme der heutigen Zeit eine ist, die durch den Begriff Internationalismus gekennzeichnet ist, so
trifft das auch auf auf unsere Perspektive auf die sich verschÀrfende Klimakrise zu. Eine solche
Politik der Klimagerechtigkeit die es braucht widerspricht vollends dem heutigen Charakter der
grĂŒnen Partei.

Du bist schon auf die Bedeutung der Revolution in Kurdistan fĂŒr die KĂ€mpfe
in Deutschland eingegangen. Kannst du diese Ansicht noch einmal etwas detaillierter beschreiben? Was
hat der Kampf in Kurdistan mit uns hier, aber auch konkret mit unseren KĂ€mpfen gegen den
Klimawandel zu tun?


Die Revolution in Kurdistan hat eine weltweite Bedeutung, da sie exemplarisch fĂŒr den Kampf fĂŒr
Klimagerechtigkeit und damit fĂŒr den Kampf um Selbstbestimmung und gegen Kolonialismus
steht. Eben aus diesem Grund greifen verschiedenste Staaten die Revolution mit aller HĂ€rte an. In
der Revolution in Kurdistan liegt nÀmlich die Zuspitzung der Konflikte zwischen denjenigen, die
fĂŒr eine lebenswerte Welt kĂ€mpfen und denen, deren Macht und Profit auf der Ausbeutung von
Mensch und Natur basiert. Um das Ruder herumzureißen und die verheerenden Folgen des
Klimawandels abwenden zu können, braucht es große Schritte und ein Umdenken und eben das
kann nur in revolutionÀren Prozessen verwirklicht werden. Die Frage nach ökologischer Politik ist
im großen und ganzen eine Systemfrage und im System des Kapitalismus kann diese nicht
gewÀhrleistet werden. Wer innerhalb dieses Rahmens nach Lösungen sucht wird sich schnell den
Kopf stoßen oder landet eben bei den GrĂŒnen.

Als Initiative Make Rojava Green Again, seid ihr seit einigen Jahren in Deutschland prÀsent.
Was sind eure konkreten Ideen fĂŒr die Klimabewegung in Deutschland und was ist in der aktuellen Situation zu tun?

Wir versuchen mit unsere Perspektive neue DenkanstĂ¶ĂŸe zu geben. Bereits jetzt gibt es eine breite
Debatte in der Klimagerechtigkeitsbewegung, wie man weiter in die Zukunft gehen kann. Nach
Jahren des Protestes, der Aktionen und Kampagnen stellt sich in immer breiteren Kreisen die
Einsicht ein, dass nur eine grundlegende VerÀnderung des existierenden Systems eine Ausweg aus
der ökologischen Katastrophe aufzeigen kann. Die Revolution in Kurdistan und die Ideen Abdullah
Öcalans halten in dieser Frage sehr wichtige und aktuelle VorschlĂ€ge bereit. Wir möchten allen
nahe legen, sich mit diesem Kampf auseinanderzusetzen und zu sehen, was wir alles von diesem
Kampf lernen können. Am 17. April hat der tĂŒrkische Staat auch einen erneuten Angriffskrieg gegen
die kurdischen Gebiete im Norden des Iraks begonnen. Im Schatten des Kriegs in der Ukraine
weitet die TĂŒrkei ihren Krieg auf immer weitere Gebiete aus. Ohne RĂŒcksicht auf Verluste
bombardieren tĂŒrkische Flugzeuge, Kampfdrohnen und Artillerie, zivile Wohngebiete und zum
Überleben notwendige Infrastruktur. Und aus den Bergen SĂŒdkurdistans erreichen uns Berichte,
dass die tĂŒrkische Armee, wie schon im vergangenen Jahr, chemische Waffen und Giftgase gegen
die Guerilla einsetzt. Auch im Norden Syriens, in Westkurdistan, bombardieren tĂŒrkische
Truppen jeden Tag StÀdte und Dörfer und terrorisieren die Zivilbevölkerung.
Die Klimagerechtigkeitsbewegung sollte klar Stellung beziehen und sich an die Seite der Menschen in
Kurdistan und an die der revolutionĂ€ren KrĂ€fte stellen. Demonstrationen können unterstĂŒtzt,
Stellungnahmen verfasst und kleine SolidaritÀtsbotschaften vorbereitet werden. Manchmal
können auch schon symbolische Gesten großes auslösen. Wichtig ist nur, dass wir es schaffen die
Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, auf diesen verschwiegenen Krieg zu lenken.




Quelle: Lowerclassmag.com