Februar 22, 2021
Von InfoRiot
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Herr Conze, Sie sitzen im Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Garnisonkirche, obwohl Sie den Wiederaufbau durchaus kritisch begleiten. Warum beteiligen Sie sich dennoch?

Der Wiederaufbau braucht kritische Begleitung – und dafĂŒr  stehe nicht nur ich, sondern der Beirat insgesamt. Das ist die zentrale Funktion dieses Gremiums.

Wozu ist das denn nötig?

Der Wiederaufbau des Garnisonkirchturms ist ein Projekt von enormer erinnerungskultureller und damit politischer und gesellschaftlicher Bedeutung – was sich ja in seiner Umstrittenheit spiegelt. Und er braucht sowohl die kritische, die kontroverse öffentliche Auseinandersetzung als auch die Diskussion in den Gremien der Stiftung. Nicht erst der abgeschlossene Bau, sondern schon der Weg dahin ist Teil einer demokratischen Erinnerungs- und Geschichtskultur. Und die Debatte wird hoffentlich nach Vollendung des Turmbaus nicht aufhören.

Von Kritikern wird die Kirche stets mit Militarismus und Demokratiefeindlichkeit in Verbindung gebracht. Geht die Stiftung mit dieser Herausforderung bisher angemessen um oder sehen Sie Defizite?

Es gibt ĂŒberhaupt keinen Zweifel, dass die Garnisonkirche in der preußischen und preußisch-deutschen Geschichte fĂŒr die Verbindung von monarchischer Staatsmacht mit Kirche und MilitĂ€r steht. Auch deswegen wurde sie schon frĂŒh zu einem Symbolort fĂŒr Militarismus und, spĂ€testens seit 1918, fĂŒr Demokratiefeindlichkeit. Sie kann daher kein positiver Bezugspunkt sein, zu dem man sich bekennt. Mit dieser Geschichte angemessen und auch im Lichte gegenwĂ€rtiger GefĂ€hrdungen der Demokratie umzugehen, ist eine zentrale Herausforderung fĂŒr das Projekt, der auf unterschiedlichen Ebenen – von der Architektur ĂŒber die geplante Ausstellung bis hin zum Bildungsprogramm – begegnet werden muss. Sie darf kein Identifikationsort fĂŒr alte und neue Rechte werden.

Warum sehen Sie denn diese Gefahr?

Weil die Geschichte der Kirche und nicht zuletzt ihre Nutzung im 20. Jahrhundert das nicht ausschließen. Und weil gerade die FrĂŒhgeschichte der Wiederaufbauinitiative zeigt, dass nicht alle ihre UnterstĂŒtzer darin ein demokratisches Projekt sehen wollen. Das reicht von unkritischem Borussismus bis zu Revanchismus und neuem Nationalismus. Das bleibt eine Herausforderung.

Und noch einmal die Frage: Geht die Stiftung damit bisher angemessen um?

Die Problematik ist der Stiftung in allen ihren Gremien klar bewusst. 
Das Projekt wĂ€re gescheitert, wenn es von Feinden von Demokratie und Frieden benutzt werden könnte. Daran gibt es doch ĂŒberhaupt keinen Zweifel. Und deswegen sind Kritik, Mahnungen und Warnungen so wichtig. Nicht die Kritiker oder Skeptiker sind das Problem des Vorhabens, sondern seine falschen Freunde.

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Wo sollte sich der Kampf gegen das Image des Ortes  in der praktischen Arbeit – auch des wissenschaftlichen Beirats – noch mehr niederschlagen?

Das schlĂ€gt sich seit langem nicht nur in der Arbeit des  Beirats, sondern beispielsweise auch in den Veranstaltungen der Nagelkreuzgemeinde nieder. Auch die vom Beirat begleitete Entwicklung des Ausstellungskonzepts sowie des kĂŒnftigen Bildungsangebots trĂ€gt dieser Herausforderung Rechnung. Eine vom Wissenschaftlichen Beirat organisierte Tagung wird sich in diesem Jahr mit dem Thema „Kirchen als Erinnerungsorte“ beschĂ€ftigen, wohl wissend, dass die Garnisonkirche nicht irgendeine Kirche ist.

Die Stiftung hĂ€lt ja öffentlich weiter am Wiederaufbau auch des Kirchenschiffs fest, obwohl der Verzicht auf den originalgetreuen Wiederaufbau eine Bedingung fĂŒr die Darlehen von der Evangelischen Kirche war. MĂŒsste sich der Bruch mit der Geschichte baulich manifestieren?

Die Errichtung eines Kirchenschiffs liegt, wenn ĂŒberhaupt, in weiter Ferne. Bereits der Wiederaufbau des Turms bedeutet eine gewaltige, nicht nur finanzielle Anstrengung. Einen originalgetreuen Wiederaufbau des Schiffs kann ich mir ĂŒberhaupt nicht vorstellen. Schon der Turmbau enthĂ€lt ja Elemente des Bruchs, wenn auch in zurĂŒckhaltender Weise: in der modernen Innenarchitektur, im GebĂ€udesockel mit dem mehrsprachigen Bibelvers und seiner Friedensbotschaft sowie in der Integration von Spolien in den Bau, also beschĂ€digten Originalteilen. Doch wenn man schon ĂŒber das Kirchenschiff nachdenkt, dann scheint es mir klar, dass hier Bruch und Distanzierung gerade angesichts der weitgehend originalgetreuen Rekonstruktion des TurmĂ€ußeren einen noch stĂ€rkeren Imperativ darstellen mĂŒssten.

Immer wieder geht es  auch um das Rechenzentrum neben dem Turm. Potsdams OberbĂŒrgermeister Mike Schubert (SPD) will das möglichst erhalten und vielleicht einen Libeskind-Bau dazwischen als verbindendes Element. Können Sie sich so etwas vorstellen?

Das ist ein interessanter Gedanke. Garnisonkirche und Rechenzentrum gegeneinander auszuspielen, halte ich fĂŒr problematisch. Ich selbst kann der Idee eines Gesamtensembles viel abgewinnen, nicht zuletzt auch angesichts der dadurch sichtbar werdenden Überlagerung und Verbindung unterschiedlicher historischer Zeitschichten. Deswegen lohnt es sich, darĂŒber nachzudenken, das nach der Sprengung der Kirchenruine errichtete Rechenzentrum in ein architektonisches und erinnerungskulturelles Gesamtkonzept einzufĂŒgen. Die historische AuthentizitĂ€t des Ortes wĂŒrde das stĂ€rken.

Aber wÀre so ein Ansinnen im Kuratorium auch mehrheitsfÀhig?

Warum denn nicht? Es geht doch nicht um einen originalgetreuen Wiederaufbau um jeden Preis, sondern um die Garnisonkirche als Gesamtkomplex, als Lern- und Erinnerungsort in ihrem spezifischen Ambiente, zu dem heute als Ergebnis historischer Entwicklungen auch das Rechenzentrum gehört. Die KomplexitĂ€t des Ortes wĂŒrde dadurch unterstrichen, die Idee des Lernorts könnte dadurch nur gewinnen.

Zwei Beiratsmitglieder sind ausgestiegen. Kritiker bemĂ€ngeln, dass diesem Beirat die polnische, internationale und jĂŒdische Perspektive fehle. Sehen Sie da Bedarf?

Das Ausscheiden von Susan Neiman und Jerzy Marganski, dem ĂŒbrigens nach meiner Wahrnehmung keine Auseinandersetzungen im Beirat oder mit anderen Stiftungsgremien vorausgingen, ist in der Tat bedauerlich. Sie waren wichtige Stimmen. Ich bin aber sicher, dass die entstandene LĂŒcke rasch geschlossen werden kann. Und weil es sich bei der Garnisonkirche um einen – historisch wie gegenwĂ€rtig – Symbolort von nicht nur nationaler, sondern auch internationaler Strahlkraft handelt, sollte sich das auch in der Zusammensetzung des Wissenschaftlichen Beirats widerspiegeln. Genau deswegen gehörten Frau Neiman und Herr Marganski dem Gremium ja an. Wichtig ist der im Beirat versammelte kritische Sachverstand, den das Projekt genauso braucht wie die kontinuierliche, durchaus kontroverse öffentliche Debatte. Sie hilft dem Vorhaben.

Die Fragen stellte Henri Kramer.

Zur Person: Eckart Conze ist Professor fĂŒr Neuere und Neueste Geschichte an der UniversitĂ€t Marburg. Seit 2018 ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Garnisonkirchenstiftung. Er ist außerdem im wissenschaftlichen Beirat des Zentrums fĂŒr MilitĂ€rgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam tĂ€tig. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er das Buch “Schatten des Kaiserreichs. Die ReichsgrĂŒndung 1871 und ihr schwieriges Erbe”.




Quelle: Inforiot.de