April 14, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 4 Minuten

Eine politische Philosophie des KairĂłs

Alexander Neupert-Doppler

KairĂłs bezeichnet den gĂŒnstigen Augenblick fĂŒr eine Entscheidung. Über eine Theorieschrift, die das mutige Engagement im Handgemenge vorbereiten soll.

Rezension auf: https://kritisch-lesen.de

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Nach seiner Dissertation zum Staatsfetischismus (2013), einem Buch zu Utopien (2015) und einem Sammelband zu konkreten Utopien (2018), möchte Alexander Neupert-Doppler mit seiner politisch-theoretischen BeschĂ€ftigung anhand einer Theoretisierung der „Gelegenheit“ eine BrĂŒcke zwischen Kritik und Utopie konzeptionalisieren, die er mit dem Begriff des KairĂłs bezeichnet. So wird die Erfahrung und das Bestreben beschrieben, in einem besonderen Moment und in einer bestimmten politischen Konstellation die Initiative zu ergreifen, um eine Situation auf eine gewĂŒnschte Weise zu beeinflussen. Dazu schĂŒrft Neupert-Doppler tief in den Werken von politischen Denkern und zeichnet drei Linien nach: Erstens jene von Immanuel Wallerstein, Paul Tillich und Aristoteles mit einem VerstĂ€ndnis von KairĂłs als historisches Vakuum in der Krise, welches situative Entscheidungen verlangt. Zweitens die von Giorgio Agamben, Walter Benjamin und Paulus, im Sinne einer Erfahrbarkeit des KairĂłs in der „Jetztzeit“, die zu einem (invertierten) prĂ€figurativen Handeln im Modus des „Als-ob-nicht“ fĂŒhrt. Und drittens die Linie von Michael Hardt/Antonio Negri, Spinoza und Machiavelli, in welcher die Gelegenheit zur GrĂŒndung des Neuen aus den utopischen Tendenzen in der Gegenwart herausgeschĂ€lt wird. Neupert-Doppler rahmt diese umfangreichen Darstellungen mit der Diskussion um den Kairoƛ in der deutschen Revolution 1918, wobei seine Sympathie bei revoltierenden rĂ€tekommunistischen Gruppen liegt, sowie dem berĂŒchtigten Mai 1968 in Paris, den er vor allem aus Perspektive der Situationisten begreift.

„Die Gelegenheit ergreifen“ ist fĂŒr Lesende zu empfehlen, die etwas ĂŒber die genannten Kernautoren erfahren möchten, deren Gedanken der aus der Kritischen Theorie kommende Autor kenntnisreich darstellt. Weiterhin kann das Buch als ein gelungenes Beispiel fĂŒr akribische und durchdachte Arbeit der politischen Philosophie gelten, die anspruchsvoll ist und einiges voraussetzt. Damit verlangt er den Lesenden phasenweise ab, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu denken. Der Tiefgang von Neupert-Dopplers BeschĂ€ftigung beeindruckt und verdeutlicht, dass er nicht lediglich darstellen, sondern den Begriff durchdringen möchte. Dabei scheut sich der Autor auch nicht, Kritik zu ĂŒben, wo sie ihm angemessen erscheint. Zweifellos ist KairĂłs schwer zu fassen, weil der Begriff im Unterschied zur chronologischen Zeit, nicht einen bestimmbaren Verlauf meint, sondern Situationen beschreibt, in der Zeit qualitativ anders erfahren wird. Dies beinhaltet unter anderem auch, mit dem Fortschrittsglauben der Moderne zu brechen, was beispielsweise Benjamin tue. Mit seinem Messianismus bringe er ein Dystopie- und Katastrophenbewusstsein zum Ausdruck, welches fĂŒr den KairĂłs ebenso wichtig sei, wie die Vorstellung einer konkreten Utopie.

Den KairĂłs als Faktor begreifen

Anstatt in bloße Beliebigkeit und PassivitĂ€t zu verfallen, kann die messianische Zeit – in der das ZukĂŒnftige bereits in Tendenz spĂŒrbar vorhanden ist – einerseits ins Hier und Jetzt geholt werden, um andererseits zugleich auf den Zeitpunkt vorbereitet zu sein, in welchem unĂŒbersichtliche Entwicklungen in einem kairologischen Moment kulminieren. Dies ist möglich, denn mit Spinoza gedacht ist die „Utopie [
] kein Vorauseilen in die Zukunft, sondern ein Vorgang der Gegenwart, die AnnĂ€herung an KairĂłs. Nicht ein unwirkliches Ideal soll verwirklicht, sondern eine wirkliche Triebkraft genutzt werden“ (S. 222). Demnach liegt es nahe, dass Neupert-Doppler sein Augenmerk nicht auf Akteur*innen richtet, die eine sozialdemokratische Vermittlung anstreben, sondern auf solche, die im Handgemenge handeln. So sei beispielsweise in Anschluss an Agamben der Anarchismus

„weniger als ferne Utopie, die in einem zukĂŒnftigen KairĂłs zu verwirklichen wĂ€re, sondern KairĂłs als Zeitpunkt, in der Herrschaft unterbrochen wird [zu verstehen], um Freiheit genussvoll zu erfahren. Es ist Umkehrung: Wenn der Staat nacktes Leben setzen kann, kann das Leben den Staat absetzen“ (S. 123, Anm. J.E.).

Hierbei ist allerdings anzumerken, dass der zeitgenössische Anarchismus sich ohnehin nicht als ferne Utopie versteht. Zugleich geht der Anarchismus zumindest potenziell ĂŒber die Umkehrung (und ihre Konsequenz: die Mikropolitik) hinaus. Er stellt mit der Ausdehnung von Erfahrungen der multiplen Krise auf weite Bevölkerungsschichten (durch Prekarisierung, Klimawandel, Digitalisierung und psychische Probleme) inzwischen auch wieder Fragen nach realen konkreten Utopien. Das einer solchen Vision entgegen strebende sozial-revolutionĂ€re Projekt wĂ€re allerdings gegen allerhand liebgewonnene Dogmen, pseudo-radikale Phrasen und akademische SelbstbezĂŒglichkeit der gesellschaftlichen Linken gerade in der BRD erst noch zu erfinden. Einer der HauptgrĂŒnde dafĂŒr liegt darin, dass man sich mit dem Nutzen des KairĂłs durchaus die Finger schmutzig machen kann. Eine Machtpolitik, wie sie etwa von Machiavelli vorgedacht wird, wird hĂ€ufig verworfen, als gĂ€be es eine reine, gute oder richtige Politik. Machtpolitik kann auf jeden Fall kritisiert oder abgelehnt werden. Dann stellt sich jedoch die Frage, wie sich als politisch verstehende Akteur*innen dennoch Wirkungsmacht entfalten können. Denn die Furcht ist berechtigt, sich im KairĂłs-Moment mit ReaktionĂ€r*innen, die ihn ebenfalls schĂ€tzen, gemein zu machen. Die Lösung des Dilemmas kann gleichwohl nicht darin bestehen, diesen die Gelegenheit zu ĂŒberlassen. Daher lohnt sich die Aneignung von „genĂŒgend Erfahrung“, das „kollektive Handeln“ und nachtrĂ€gliche „Konstitution“ einer vorherigen plötzlichen „Transformation“ (S. 266), wie Neupert-Doppler schreibt.

Sich organisieren, um den KairĂłs zu nutzen

Der KairĂłs

„soll eine LĂŒcke fĂŒllen. Inhaltlich ĂŒberbrĂŒckt er einen Abgrund, indem er die politischen Haltungen des ewigen Abwartens besserer Zeiten und des hektischen Aktivismus vermeidet. Ähnliches gilt auch heute fĂŒr die LĂŒcke zwischen der Unzufriedenheit vieler Menschen mit den bestehenden VerhĂ€ltnissen und der gleichzeitigen Angst vor der Zukunft, die allein VerĂ€nderungen bringen könnte“ (S. 30).

Somit sind die Wahrnehmung und Interpretation von Krise, Handlungsmöglichkeiten, Utopie und KairĂłs selbst von den komplexen Bedingungen der jeweiligen Zeit geprĂ€gt; die verschiedenen Geschichten, Organisationsformen und Praktiken links-emanzipatorischer oder sozial-revolutionĂ€rer Akteur*innen bilden diesbezĂŒglich keine Ausnahme. Im Nachdenken ĂŒber den KairĂłs können diese Bedingungen nicht einfach ignoriert oder geĂ€ndert werden. Es erlaubt jedoch zu ĂŒberdenken, was wir als möglich und was wir als gesetzt erachten. Unsere historisch gewordenen Annahmen ĂŒber vermeintliche Tatsachen und Möglichkeiten in Frage zu stellen, bedeutet ein Element des Willens stark zu machen, um sich von vermeintlichen Notwendigkeiten zu verabschieden und HandlungsfĂ€higkeit im Sinne des qualitativ Anderen zu werden.




Quelle: Paradox-a.de