MĂ€rz 14, 2021
Von Paradox-A
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Da ich ja zuletzt mit dem Syndikalismus gearbeitet habe, fĂŒhrte mich dies unter anderem auch dahin, einen Blick in den vergilbten Band Ökonomie und Revolution (Wien: Monte Verita-Verlag 1986, bzw. Karin Karmer-Verlag 1975) zu werfen. Den ersten Beitrag von Juan PeirĂł zu Syndikalismus und Anarchismus (1936) kann ich an dieser Stelle ĂŒberspringen, da im Wesentlichen Grundlagen des anarchistischen Syndikalismus zusammengefasst werden, welche sich ebenso zum Beispiel bei Rocker und anderen finden und daher hier nicht wiedergegeben werden mĂŒssen. Nett darin ist beispielsweise jedoch diese aufrĂŒttelnde Formulierung:

„„Die Welt erobert man nicht mit Worten, sondern mit Taten. [
] Bis jetzt ist der Anarchismus nicht mehr als ein Kompendium gesprochener Wahrheiten, ein moralischer und intellektueller Wert, ohne daß er die RealitĂ€t tatsĂ€chlich durchdringt – oder besser gesagt, Möglichkeiten und praktische Aufgaben realisiert, die eine kĂŒnftige Gesellschaft, und sei es auch nur prinzipiell, antizipieren. Es reicht nicht aus, von einer neuen Gesellschaft, die zunĂ€chst nur eine Minderheit will, immerzu nur zu reden. Wir mĂŒssen mit Taten zeigen, daß die von uns angestrebte Gesellschaft nicht ein Hirngespinst oder eine Utopie ist, was die Feinde einer wirklichen Gerechtigkeit behaupten.“ (40)

und darauf folgend:

„„Aus diesen und tausend anderen GrĂŒnden, die man hier noch auffĂŒhren könnte, meinen wir, daß jederevolutionĂ€re Tat steril bliebe, wenn sie nicht auf einer praktisch – materiellen Basis beruht, d.h. wenn nicht bereits vorher die Grundlage fĂŒr das neue ökonomisch-soziale GebĂ€ude gelegt worden ist, das dann durch die Revolution endgĂŒltig errichtet werden soll. Ein kurzer Blick auf die Gegenwart zeigt, daß der Anarchismus noch nicht das theoretische GebĂ€ude verlassen hat. Wir wagen sogar zu behaupten, daß der Anarchismus, was die praktische Verwirklichung angeht, (Wir wĂ€ren schon mit den einfachsten Versuchen zufrieden) sehr viel rĂŒckstĂ€ndiger ist, als jede andere politische oder philosophische Schule. Es gibt sicherlich vielfĂ€ltige GrĂŒnde dafĂŒr. Die Neigung diese Schwierigkeiten dieser praktischen Aufgabe zu ĂŒberwinden, ist allerdings groß.“ (41f.)

Schön, das in diesen Zeiten das Ziel noch so klar vor Augen stand und es um a) die organisierte Kraft ging, die Produktionsmittel und Grundbesitz aneignet und verteidigt; um b) die technische Vorbereitung fĂŒr die Übernahme der Produktion; und schließlich c) die Vorbereitung fĂŒr die FĂ€higkeit zur Verteilung der Produkte an die Verbraucher“ (43). In diesem Zusammenhang muss es darum gehen, derartige Strukturen vor der Revolution, also heute aufzubauen. Denn der

„Erfolg dieser Aufgabe hĂ€ngt von dem Beziehungssystem ab, das bereits vor der Revolution zwischen den Gewerkschaften der verschiedenen Industriezweige und Berufe errichtet wurde. Die vorherige Errichtung eines solchen Beziehungssystems mit vorrevolutionĂ€rem Charakter muß auf den Prinzipien einer sozialen Doktrin beruhen, die als Orientierung und Antrieb beim Ausbruch der Revolution dient.“ (44)

Schön ist auch diese Aussage, eine wirkliche, eigene Welt aufbauen zu mĂŒssen:

„Denn das Vertrauen, das wir in den proletarischen Massen wecken, steht in direkter Beziehung zu den Möglichkeiten, eine organisierte Kraft zu bilden, die den Grund und Boden, alle Produktionsmittel und Werkzeuge, den Konsum, den Transport und den Handel ĂŒbernimmt und verteidigt“ (46).

Man sei es den Leuten schuldig, nicht nur zu labern, sondern auch mal klare Ansagen zu machen, sagt er weiterhin aus, wenn er schreibt, das

„Proletariat darf weder Gerechtigkeit im Parlamentarismus erhoffen, noch auf Spekulationen von ‚Erlösern‘ oder auf die Kollaboration vertrauen. Aber das Proletariat hat ein Recht darauf zu wissen, wem es vertrauen kann – und es nicht nur zu erfahren, sondern auch Garantien darĂŒber zu bekommen, wie ihre unmittelbaren Interessen erfĂŒllt werden und wie eine kĂŒnftige Gesellschaft, zwar mehr oder weniger vorlĂ€ufig, aber positiv aussehen kann“ (48f.).

Hierbei gehe es um das adĂ€quate Zusammenwirken von Syndikalismus als gewerkschaftlicher Massenorganisation, der C.N.T. und Anarchismus, welcher sich als Organisation von ideologisch Überzeugten in der F.A.I. finde. Die Probleme des Proletariats könnten schließlich nicht alleine durch Klassenpolitik gelöst werden:

„Auch wenn wir Materialisten sind, glauben wir nicht so einfach, daß der Mensch von Brot allein lebt. Er braucht vielmehr auch Gerechtigkeit, geistige Nahrung von der Kultur und das Bewußtsein seines eigenen sozialen Wertes. Dies ist ein entscheidender Faktor. Der den grundlegenden VerĂ€nderungsprozeß der kapitalistischen Gesellschaft vorantreibt“ (49).

Nun gut, so viel zum Text von Peiró. Dabei wollte ich doch eigentlich zum Text Der ökonomische Organismus der Revolution von Diego Abad de Santilliån kommen, den er 1936, also zu Beginn der sozialen Revolution in Spanien, verfasst hatte. Ebenso werde ich dazu einfach einige Zitate als Splitter aneinanderreihen, mögen sie irgendjemanden interessieren oder nicht.

ZunĂ€chst wendet er sich – klassisch – gegen die politische Vertretung der Arbeiter*innenklasse, welche ihre Befreiung in die eigenen HĂ€nde nehmen solle. Die gĂ€lte auch, wenn irgendwelche Politiker nun meinen, „den“ Sozialismus ausrufen zu mĂŒssen:

„Das Parlament der zweiten spanischen Republik hat vielleicht ironischerweise in der PrĂ€ambel zu ihrer Verfassung die ‚Spanische Republik der Arbeiter‘ ausgerufen. Viele haben dies fĂŒr absurd gehalten und gemeint, der bessere Titel sei ‚Spanien, eine Republik der Polizei, oder der Arbeiter – im GefĂ€ngnis‘. Eine Republik der Arbeiter lĂ€ĂŸt sich nicht im Parlament schaffen und auch nicht ĂŒber ein staatliches Dekret einfĂŒhren. Sie kann nur von den Arbeitern selbst an ihren ArbeitsplĂ€tzen und nicht von außerhalb geschaffen werden“ (103f.).

Selbstorganisation und Autonomie statt staatliche Politik bleibt also die Devise. DafĂŒr brauche es eine „Organisation der Arbeit“, um die tĂ€glichen und unmittelbaren Probleme der Revolution zu lösen, welche nicht der Staat sein können und solle. Eine Koordination auf ĂŒberregionalem Level schließt dies keineswegs aus – diese richte sich vielmehr gerade gegen das kapitalistische Konkurrenzmodell. Ein gemeinsames Gremium zur Koordinierung von Produktion und Verteilung sei möglich, ohne, dass damit die Freiheit der Einzelnen und lokalen RĂ€te eingeschrĂ€nkt werde. Und ohne den Staatskapitalismus als vermeintlichen „Zwischenschritt“ einfĂŒhren zu mĂŒssen. DafĂŒr brauche es aber eine umfassende Organisierung der Gesellschaft entlang von ProduktionsstĂ€tten und -ketten.

Damit nun niemand ein falsches Bild vom Anarcho-Syndikalismus bekommt und etwa meint, hierbei handle es sich um ein bloßes Modell, fĂ€hrt De SantilliĂĄn nun damit fort, alle 18 Sektionen bzw. Branchen der C.N.T. aufzulisten – angefangen beim „Rat der Nahrungsmittelbranche“, ĂŒber den „Rat der Metallindustrie“ bis hin zum „Rat fĂŒr Verlagswesen und kulturelle AktivitĂ€ten“. SpĂ€testens danach weis man, dass Selbstorganisation wirklich Arbeit macht, weswegen sie ja so oft gescheut und leider oftmals lieber als Vertretung an hierarchische Instanzen abgetreten wird. Interessant wird es nun etwas, wenn es um „Ökonomie und Freiheit“ geht und de SantillĂĄn hierbei von einem langfristigen Transformationsprozess ausgeht, welcher Freiwilligkeit voraussetzt und in welchem durchaus verschiedene Formen nebeneinander her existieren könnten. Was den Dogmatiker*innen als Larifari erscheint, ist vielleicht am Ende tatsĂ€chlich die revolutionĂ€re Herangehensweise, an diese Problematik:

„Wenn man den Anarchismus im Sinne von Freiheit versteht, ist er mit höchst unterschiedlichen ökonomischen VerhĂ€ltnissen vereinbar – unter der Voraussetzung, daß diese nicht die Freiheit selbst negieren, wie das unter der kapitalistischen Monopolwirtschaft geschieht. Der Anarchismus tritt fĂŒr die freie Entfaltung von jedermann ein und ist in keiner ökonomischen Situation monopolistisch. Der Menschen kann ĂŒber sich selbst bestimmen und soll seinen eigenen Willen ohne Beeinflussung von außen ausdrĂŒcken können“ (133).

Erheiternder wird es aber gleich im Anschluss, wo de Santillån ganz ohne Zweifel festhÀlt:

„Wenn wir das Prinzip der Herrschaft des Menschen ĂŒber den Menschen ablehnen, dann heißt das nicht gleichzeitig, daß wir ein vorbestimmtes ökonomisches Niveau nicht erreichen wollen. Unsere Ablehnung wendet sich vielmehr gegen den Marxismus, der ein System zu verwirklichen sucht, das im Grunde der kapitalistischen Entwicklung nur folgt. Um Anarchist sein zu können, muß man ein bestimmtes kulturelles Niveau erreichen, ein Bewußtsein ĂŒber die Macht haben und die FĂ€higkeit zur Selbstverwaltung. Idioten können nicht Anarchisten werden. Die Gesellschaft muß sich um sie kĂŒmmern, genauso wie um die Kranken und ArbeitsunfĂ€higen“ (133f.).

Dahinter steht fĂŒr ihn die Annahme – man mĂŒsste wohl eher fast sagen: die Überzeugung – dass die menschliche Psyche und Ethik durch seine materiellen Lebensgrundlagen bestimmt sind. Wo materielle und soziale Sicherheit bestĂŒnden, wĂ€ren die Menschen großzĂŒgig, wo sie hungern egoistisch. In Hinblick auf diese Überlegung bin ich zwiegespalten. Einerseits glaube ich durchaus, dass Menschen kooperativer, sozialer und freundlicher sind, wenn ihre Lebensgrundlagen gesichert sind. Keineswegs gehe ich davon aus, dass Menschen „natĂŒrlicherweise“ zu Konkurrenz und arschlochmĂ€ĂŸigen Verhalten neigen. Allerdings macht mich daher umso mehr das Verhalten der Menschen in den westlichen Postindustriegesellschaften stutzig. Ja, dort ist lĂ€ngst nicht alles da. Viele leben auch in sozialer Unsicherheit. Dennoch gibt es auch einen ungeheuren Reichtum, weswegen zur rein materiellen Komponente glaube ich doch noch andere Faktoren hinzutreten. Dies heißt jedoch nicht, die umfassende Angleichung der materiellen Lebensbedingungen zu verwerfen, denn die Zeiten

„der Entbehrungen und der Armut schaffen ein Klima der BrutalitĂ€t, moralischer Regression. Jeder kĂ€mpft gegen jeden um das tĂ€gliche Brot. Dementsprechend ist es klar, daß die ökonomischen Bedingungen das Leben des einzelnen und dessen soziale Beziehungen beeinflussen. Deshalb wollen wir die bestmöglichen ökonomischen Bedingungen schaffen, die als Garantie fĂŒr gleichberechtigte Beziehungen der Menschen untereinander dienen sollen. [
] Wir streben ein ökonomisches System an, in dem Wohlstand, Wohlergehen und Genuß fĂŒr alle verwirklicht werden kann. In diesen Zielen unterscheiden wir uns nicht von anderen RevolutionĂ€ren. Wohlergehen als Ideal ist allen sozialen Bewegungen gemein. Was uns von anderen unterscheidet, sind die GrĂŒnde, weshalb wir Anarchisten sind. Sie stellen wir sogar noch vor das Wohlergehen. [
] [Und daher ist unser Ziel [
] ein ökonomisches System mit gleichen Rechten und Gerechtigkeit fĂŒr alle, in dem gleichzeitig eine Überflußproduktion möglich ist. Die angemessene Befriedigung materieller BedĂŒrfnisse schafft allein gĂŒnstige soziale Bedingungen, ohne die Freiheit und SolidaritĂ€t nicht garantiert werden können“ (134f.).

De SantilliĂĄn argumentiert allerdings weiter, zur Klassenpolitik kĂ€men noch andere Faktoren hinzu, welche die Anarchist*innen und den Kommunist*innen unterscheide, beziehungsweise erstere eine spezifischere AusprĂ€gung von Letzteren wĂ€ren. Dabei fĂŒhrt er das etwas merkwĂŒrdig anmutende Argument an, Anarchismus sei auch ohne „Überfluss“ möglich – ergo zum einen eine Frage des Bewusstseins und zum anderen, eine Frage der vorgefundenen gesellschaftlich-ökonomischen Bedingungen. Dies fĂŒhre notwendigerweise (zum Horror fĂŒr alle Leninisten,) zum Experiment und zur Vielfalt:

„Wir wollen also die Zukunft ökonomisch neu organisieren, frei von allen vorgefaßten Meinungen, bereits fixierten Systemen und Dogmen. Kommunismus wird dann natĂŒrliches Ergebnis des Überflusses sein, ohne dieses wird er nur ein Ideal bleiben. Die unterschiedlichen Formen des Kommunismus, des Kollektivismus und der SolidaritĂ€t hĂ€ngen jeweils von den vorgefundenen Bedingungen ab. Warum sollten wir Regeln aufstellen? Wenn wir Freiheit auf unsere Fahnen schreiben, können wir sie nicht einfach in der Wirtschaft abschaffen. Deshalb muß es Möglichkeiten geben, frei zu experimentieren, Initiativen zu entwickeln, VorschlĂ€ge zu unterbreiten und Organisationsformen frei zu bilden“ (136).

Damit gehe es de SantilliĂĄn zu Folge aber gerade nicht darum, dass alle ihr eigenes SĂŒppchen kochen sollen, vielmehr sei die Fabrik „weder ein isolierter Organismus, noch kann sie isoliert funktionieren. Sie ist Teil eines komplizierten Netzwerkes, das seine Basis in den einzelnen Orten hat, sich ĂŒber die Region und Nation bis ĂŒber die Grenzen hin ausstreckt“ (137). In einer modernen Gesellschaft sei es nicht erstrebenswert zum wirtschaftlichen Lokalismus zurĂŒckzukehren. Es brauche eine ĂŒberregionale Koordination, anstatt lĂ€ndliche „freie Kommunen“, welche vielleicht KollektiveigentĂŒmer werden, jedoch das Privateigentum als Struktur nicht abschaffen wĂŒrden.

Damit aber zur Höflichkeit von de SantilliĂĄn, die der AufhĂ€nger fĂŒr mich war, diese Schrift knapp zusammen zu fassen. Unter der Überschrift „Die libertĂ€re Revolution“ offenbart er eine meiner Wahrnehmung nach sehr realisierte und reflektierte Haltung hinsichtlich der eigenen Position. So schreibt er:

„Als Individuen und als Bewegung zeichnen wir uns vor allem durch eine kritische Haltung gegenĂŒber dem Prinzip der AutoritĂ€t und durch den Respekt vor der Freiheit von allem und von jedem aus. Von den Methoden einmal abgesehen, können wir in ökonomischen Fragen mit anderen KrĂ€ften zusammenarbeiten. Auf der politischen Ebene wollen wir die Prinzipien der AutoritĂ€t und ihre Verkörperung – den Staat und die UnterdrĂŒckungsmaschinerie – durch freie Vereinbarung der sozialen Gruppen ersetzen. In dieser Frage sind wir Anarchisten allerdings sehr isoliert und werden sogar wĂ€hrend einer siegreichen Revolution eine Sonderstellung einnehmen“ (139).

Worum es geht, ist die Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung der Bevölkerung insgesamt, welche erforderlich sei, um eine soziale Revolution in einem umfassenden Sinne durchzufĂŒhren. Ihr entgegen steht zweifellos die verbreitete Unwissenheit der Menschen, ihre negative Beeinflussung durch die staatlich-kirchliche Erziehung und ihre mangelhafte Sensibilisierung, die geringe AusprĂ€gung ihres „Freiheits-, UnabhĂ€ngigkeits- und Gerechtigkeitssinn[s]“ (140). So mag die Revolution

„in vielen Menschen den Befreiungswillen auslösen, der bisher in der tĂ€glichen Routine und durch die erdrĂŒckende Umwelt in Lethargie erstarrt war. Aber die Revolution kann nicht durch KunststĂŒcke oder Zauber die anarchistische Minderheit in eine absolute soziale Mehrheit verwandeln. Und selbst wenn wir morgen eine Mehrheit wĂŒrden, bliebe noch immer eine andersdenkende Minderheit, die unseren Zielen mißtraut und sich ihnen widersetzt, weil sie unsere Experimentierfreudigkeit fĂŒrchtet“ (140).

Anschließend verliert de SantillĂĄn noch einige Ă€ußerst kluge Worte zum Umgang mit Gewaltanwendung, die selbstverstĂ€ndlich im Kontext der Zeit zu sehen sind, in welchem die Faschisten der Spanischen Bevölkerung einen BĂŒrgerkrieg aufzwang. Gewalt darf nicht zur Durchsetzung der eigenen Position dienen. Mit ihr darf nicht gegen Menschen vorgegangen werden, weil sie andere Meinungen haben. Gewalt ist legitimerweise ausschließlich gegen den Feinde anwendbar (und als diese können nicht irgendwelche Kritiker oder gar politische Konkurrenten gelten wie fĂŒr die Bolschewisten). Hinsichtlich konkurrierender Fraktionen muss „unser Respekt vor der Freiheit auch die Freiheit unserer Gegner mit einschließen, ihr eigenes Leben zu leben – allerdings immer unter der Bedingung, dass sie nicht aggressiv vorgehen und die Freiheit der anderen zu unterdrĂŒcken suchen“ (140). Sicherlich wĂ€re mit der Mehrheit des eigenen Lagers (welche die Anarchist*innen seinerzeit ja phasenweise sogar hatten) die Umsetzung der eigenen Vorhaben wesentlich leichter. Doch auch in diesem Falle gĂ€lte es Minderheiten zu respektieren und sich mit ihnen zu verstĂ€ndigen. Nur eine Mehrheit zu sein, verschaffe kein Recht ĂŒber andere zu urteilen oder zu bestimmen, was nicht ausschließt, von der eigenen Position ĂŒberzeugt zu sein:

„Als historische Minderheit hĂ€tten wir Anarchisten den gleichen Anspruch auf die Freiheit, zu experimentieren, und diese Freiheit mit aller Kraft gegen jede Partei und gegen jede Klasse zu verteidigen, die versucht, sie zu zerstören. Jede totale Lösung trĂ€gt faschistische ZĂŒge, selbst wenn man sie im Namen der Revolution und des Proletariats verteidigt. Die neue Lebensweise ist eine soziale Hypothese, die nur durch praktische Erfahrung bewertet werden kann. Wir sind davon ĂŒberzeugt, daß Recht und Gerechtigkeit auf unserer Seite sind, obwohl wir gleichzeitig die Rechte und Ziele anderer sozialer Bewegungen anerkennen. Wir meinen zwar, daß unsere Konzepte geeigneter sind, in die RealitĂ€t umgesetzt zu werden, aber wir halten uns nicht fĂŒr unfehlbar, noch bestreiten wir die Ernsthaftigkeit und guten Absichten anderer Auffassungen“ (141).

Gewalt schaffe eben keine Wahrheit. So wĂ€re auch die Vernichtung der Anarchist*innen wĂ€hrend des russischen BĂŒrgerkriegs (1917-1921) kein Beleg dafĂŒr, dass die anarchistischen Positionen falsch gewesen seien. Dies betrifft ebenfalls die Konflikte im eigenen Lager. Daher wollten die ĂŒberzeugten Anarcho-Syndikalist*innen

„vor allem die Rechte aller sozialer Bewegungen auf freie Experimente in unserer Revolution hervorheben. Deshalb wird es keine neue Tyrannei geben, sondern hier wird Freiheit und Wohlergehen herrschen. Alle KrĂ€fte können sich frei entwickeln, alle Initiativen können ausprobiert und alle fortschrittlichen Tendenzen in die Praxis umgesetzt werden. Gewalt ist gerechtfertigt, um die alte Gewaltherrschaft zu zerstören, sie ist aber konterrevolutionĂ€r und anti-sozial, wenn sie als Methode gebraucht wird, eine andere Gesellschaft aufzubauen“ (143).

Wie bei der vorangegangen sozialistischen Revolution in Asturien schließt dies keineswegs aus, mit anderen Sozialist*innen zusammen zu arbeiten und sich zu verstĂ€ndigen, auch wenn die Anarchist*innen dezidiert fĂŒr einen libertĂ€ren Kommunismus eintreten. So ist die Ablehnung der totalitĂ€ren Methoden der Bolschewisten im Grunde genommen analog zur Ablehnung staatlicher Herrschaft zu sehen. Wobei es mir interessant erscheint, dass de SantilliĂĄn dies auf der politischen Ebene begrĂŒndet. Er meint:

„Politisch mĂŒssen wir selbstverstĂ€ndlich die Vorherrschaft eines Komitees, einer Partei oder einer vorgegebenen Richtung ablehnen. Das heißt, wir mĂŒssen auch den Staat als eine Einrichtung darin einschließen, die Gehorsam von allen – mit deren Zustimmung oder auch nicht – verlangt. Ohne diesen Staat und die von ihm diktierten Gesetze abzulehnen, kann es keine wahre Revolution und sozialen Wohlstand geben“ (143).

Dennoch gĂ€lte es auch anderen Sozialist*innen eine Art Vertrauensvorschuss zu geben und ihnen respektvoll zu begegnen. Hierbei geht es jedoch nicht um de SantilliĂĄn persönliche Befindlichkeit, sondern um klare strategische Überlegungen, die jedoch mit der anarchistischen Ethik verknĂŒpft werden:

„Diesen guten Willen vorausgesetzt, muß eine Einigung erfolgen – ungeachtet aller politischen und sozialen Unterschiede, die die Partner trennen. So ist es möglich, ein großes Netzwerk an Beziehungen auf nationaler Ebene aufzubauen, ohne daß eine Fraktion die Herrschaft ĂŒbernimmt, das Leben und die Produktion monopolartig regiert.

Seit ĂŒber einem halben Jahrhundert spaltet der Marxismus die Reihen der Arbeiterbewegung, weil er dogmatisch an der totalitĂ€ren Staatskonzeption festhĂ€lt. Wir aber haben die Einheit der Arbeiterbewegung zum Ziel. Denn ohne diese Einheit werden Arbeiter Kanonenfutter oder Lasttiere zum Wohle der privilegierten Klassen bleiben. Wir wollen, daß diese Einheit dem allgemeinen Interesse aller entspringt und dazu dient, die Freiheit des einzelnen im Kollektiv zu garantieren. Unsere gemeinsame VerstĂ€ndigungsgrundlage ist die Anerkennung unserer unterschiedlichen Charaktere, Temperamente und Erziehungen. Gemeinsam sollte uns außerdem gegenseitiges VerstĂ€ndnis auf der Basis von Respekt sein. Unser gemeinsames Ziel ist: die Abschaffung des Kapitalismus und des totalitĂ€ren Staates, um der Revolution zum Sieg zu verhelfen“.

Der anarcho-syndikalistische Revolution schließt seinen Aufsatz mit Überlegungen zur aktuellen revolutionĂ€ren Situation in Spanien. Die Krise im Land sei umfassend, wobei viele den Fetischen neuer Herrschaftsordnungen, also Hitler, Mussolini und Stalin anhingen. Dies ließe sich nicht einfach durch die UnterdrĂŒckung und Grausamkeit dieser totalitĂ€ren Gesellschaftssysteme erklĂ€ren. Vielmehr mĂŒsse ebenfalls gesehen werden, dass viele Menschen sich verdorben durch eine jahrhundertelange „perverse Erziehung“ freiwillig unterordnen wĂŒrden. So haben der „Samen geistiger Sklaverei [
] FrĂŒchte getragen und lediglich die Anarchisten haben sich gegen alle Störungen ihren Glauben an sich selbst erhalten“ (145). Zugleich hĂ€tten die Zeichen der Zeit aber noch nie so gĂŒnstig dafĂŒr gestanden, die gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse grundlegend in eine libertĂ€r-sozialistische Richtung zu verschieben. Auch der Glaube an den modernen Staat sei stark erodiert – nicht allein, weil er tyrannisch sei, sondern auch, weil er viel zu viel kosten wĂŒrde „und seine Hauptaufgabe dem sozialen Fortschritt entgegensteht“ (147). Dieses Problem werde auch nicht in totalitĂ€ren Staaten gelöst. Im Gegenteil gĂ€be es dort eine viel ausgeprĂ€gtere Vetternwirtschaft und BĂŒrokratie. Daher möchte de SantilliĂĄn

„gegenĂŒber jenen, die immer noch an eine proletarische Regierung glauben, noch einmal hervorheben, daß der Staatskapitalismus nicht den Kapitalismus abschafft, ihn vielmehr hintenherum wieder aufleben lĂ€ĂŸt. Die proletarische Regierung ist wie jede andere Regierung – nur viel schlechter, denn sie weckt die Hoffnungen der Arbeiter auf vermeintliche Lösungen und bindet sie damit an die staatlichen Institutionen“ (148).

Stattdessen gĂ€lte es selbstorganisierte Arbeiterorganisationen zu schaffen, welche von religiösen, politischen und sozialen Ideen unabhĂ€ngig seien. In diesem Gedanken drĂŒckt sich freilich ein Grundproblem des Anarcho-Syndikalismus aus, da dessen eigene Vorstellungswelt ja ebenfalls eine spezifische ist und Interessen zwar „objektiv“ bestimmbar sind, ihre Interpretation und Schlussfolgerungen daraus jedoch divergieren und nicht zwangslĂ€ufig sind.

In der Russischen Revolution jedenfalls zeigt sich ĂŒberdeutlich, wie falsch der Glaube an die politische Revolution sei. Denn die

„Politik des Staates hat den Sozialismus zerstört und nach ein paar Jahren hörte dieses große Land auf, ein Symbol fĂŒr Freiheit zu sein. Es wurde zu einem Idealbild fĂŒr BĂŒrokraten. Heute ist es eine imperialistische Macht unter anderen MĂ€chten, die sich auf den Krieg vorbereitet, wie andere MĂ€chte auch und die so wenig mit Sozialismus und den Idealen des Proletariats zu tun hat wie jeder andere Staat auch. Diese Entwicklung mag manchen ĂŒberraschen, uns aber nicht, denn wir haben stĂ€ndig durch Kritik auf diese Gefahr verwiesen. Einmal mehr bestĂ€tigt die Geschichte unsere Ansichten. Die Politik des Staates lĂ€ĂŸt sich mit Sozialismus so wenig vereinbaren wie Wasser mit Feuer. Wenn eines den Sieg davontrĂ€gt, unterliegt das andere und umgekehrt. Sozialismus kann nur geschaffen werden, wenn gleichzeitig der Staat zerstört und Institutionen des Volkes errichtet werden, die die direkte Kontrolle ĂŒber Produktion und Verteilung ĂŒbernehmen“ 149).

Um die soziale Revolution voranzutreiben brauche es keine patriotische Einstellung, also keine Glorifizierung des eigenen Landes. Immerhin gĂ€be es in Spanien keine Gerechtigkeit, sondern „Elend und Sklaverei“. Der Kapitalismus bringe hingegen den allermeisten Menschen dort nichts, sondern nutze lediglich einer reichen Oberschicht. Nicht mit ihm oder aus ihm heraus, sondern ohne und gegen ihn, gĂ€lte es die neue Gesellschaft aufzubauen. Etwas blumig formuliert, hĂ€lt de SantilliĂĄn fest:

„Wir streben ein libertĂ€res System an, in dem wir anstelle der Gesetze und der AutoritĂ€t freie Föderationen und SolidaritĂ€t setzen werden. Wir können nach unseren GrundsĂ€tzen leben, und wir glauben, daß auch alle jene, die vom autoritĂ€ren Virus angesteckt sind, sich bald gerne dem Leben und er Arbeit auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe anschließen werden, genau dem, was wir anstreben. Wir sind fest davon ĂŒberzeugt, daß die Welt nur dann glĂŒcklich sein kann, wenn sie frei ist, wenn sie sich von ihren alten Institutionen und Ideen befreit hat: von der Herrschaft und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ (150f.).

SelbstverstÀndlich brauche es einen Zusammenschluss, insbesondere, weil die Bedrohung durch den Faschismus immer weiter zu nimmt. Doch diese

„Einheit kann nur auf dem Boden der Freiheit der Vereinbarung und des gegenseitigen Respekts entstehen – in der Gegenwart und in der Zukunft. Wenn dies unter der PrĂ€misse geschieht, daß der Staat erobert werden muß, dann wĂŒrde notwendigerweise wieder die Macht des Gesetzes fĂŒr persönliche Ziele eingesetzt. [
] Die reaktionĂ€re, antisoziale und anti-proletarische Tendenz des Staates zu leugnen, kĂ€me einem Selbstmord gleich. [
]

Eine Revolution kann keine Wunder vollbringen. Aber sie kann vom gegenwĂ€rtigen System paralysierte Energien freisetzen und alle Anstrengungen zum Nutzen aller einsetzen.“

Daher gÀlte es eine wirkliche Alternative aufzubauen, an welcher sich an andere LÀnder orientieren könnten.

Nach einem Gewerkschaftsbericht und dem Konzept des libertĂ€ren Kommunismus, als Rahmenprogramm der C.N.T., wie es – mit der deutlichen Handschrift von Isaak Puente – 1936 auf dem Kongress von Zaragossa angenommen wurde, ist noch eine Zwischenbilanz der Revolution von Diege Abad de SantilliĂĄn zu lesen. Darin geht er einerseits auf die Schwierigkeit der aktuellen Lage ein, welche die Anarchist*innen paradoxerweise dazu zwang, an der republikanischen Regierung teilzunehmen, um an Waffen und Informationen zu kommen. Andererseits betont er darin die Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung von neuen Mitgliedern der CNT. Der rasche Aufschwung, den die revolutionĂ€re Gewerkschaft nahm, war natĂŒrlich sehr erfreulich. Er zeigt jedoch auch, wie wichtig es ist, dass die eigenen Grundlagen und Überzeugungen ĂŒbermittelt werden, wenn mit wachsender Mitgliederzahl auch das eigene Vorhaben vorangebracht werden soll. Anschaulich weist er darauf hin:

„Ein Anarchist zu sein ist nicht dasselbe wie Mitglied einer Partei zu sein. Man tritt nach einigem Papierkrieg in eine Partei ein und verlĂ€ĂŸt sie auch genauso wieder. Anarchist wird man aber nicht plötzlich, sondern man entwickelt sich mĂŒhsam in einem Prozeß der Reflexion und des Studiums, der Jahre dauern kann. Eine zweite Natur ersetzt die erste und leitet spĂ€ter unsere Gedanken und Aktionen, wo immer wir uns auch befinden mögen. Ich habe nie verstanden, wieso uns Kameraden verlassen haben, die wir fĂŒr Genossen hielten. Wenn Leute in andere Parteien gehen, dann wird es offenkundig, daß sie nie tatsĂ€chlich Anarchisten waren: Wir können jemanden verstehen, die sich aus den Reihen der Militanten zurĂŒckzieht, denn menschliche KrĂ€fte sind begrenzt. Aber es ist unverstĂ€ndlich, wie jemand seine Ansichten völlig aufgeben kann, die Bestandteile seines eigenen Lebens und seines eigenen Wesens geworden waren“ (195).




Quelle: Paradox-a.de