Dezember 13, 2020
Von Graswurzel Revolution
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Peter Samol: Die Leistungsdiktatur. Wie der Konkurrenzdruck unser Leben zur Hölle macht.Black Books, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2021, 231 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 3-89657-196-6

Peter Samol hat als Leistungsdiktatur ein PhĂ€nomen beschrieben, das das Leben in den hochindustrialisierten LĂ€ndern so sehr beherrscht, dass es inzwischen schon zum Mythos und somit unsichtbar geworden ist. Samol verfolgt in seinem Buch unter diesem Aspekt das Leben der durchschnittlichen Deutschen von der Wiege bis zur Bahre. Seine Darstellung der fortdauernden Konkurrenzsituation ist bedrĂŒckend, sie hebt manches ans Licht, was viele Menschen hinnehmen, ohne es zu hinterfragen. Dazu gehört das sattsam bekannte Thema des Wettbewerbs unter Eltern bei der Entwicklung ihrer kleinen Kinder. FĂŒr die Schulzeit ist das besonders die Notengebung nach dem Schema der sogenannten Gaußschen Normalverteilung. „Im Bildungssystem wird diese Verteilung missbrĂ€uchlich angewendet, indem sein Verteilungsschema als Ziel gesetzt wird, dass erreicht werden muss.“ Es wird also nie die objektive Leistung gemessen, sondern immer nur der Vergleich zwischen den SchĂŒlern und SchĂŒlerinnen einer einzigen Klasse angestellt, wodurch diese in eine fortdauernde Konkurrenz gezwungen werden. Diese Denkungsart setzt sich in UniversitĂ€t und Arbeitswelt fort, wenn dort etwa Ranglisten am Schwarzen Brett veröffentlicht werden. Durch eine immer weiter sich steigernde Arbeitsverdichtung wird den Mitarbeitenden das Letzte abgezwungen bis hin zum Zusammenbruch. Die Drohung des Rausschmisses schwebt ĂŒber allen, auch den Erfolgreichen. Wer aber einmal raus ist, fĂ€llt schnell in die Sozialhilfe, sprich Hartz IV, und muss sich von ihrerseits unterbezahlten und ĂŒberlasteten Mitarbeiter*innen des Jobcenters runterputzen lassen. Aber die meisten derjenigen, die es bis zum Ende der verordneten Arbeitszeit im Alter von 67 Jahren durchhhalten, haben inzwischen nur noch eine minimale Rente zu erwarten: Menschen, die nichts mehr leisten, zĂ€hlen nicht.

Samol wirft ein grelles Licht auf verschiedene Erscheinungsformen unserer Gesellschaft, wie etwa die Castingshows: Er stellt Leute wie Dieter Bohlen oder Heidi Klum als Charaktermasken dar, die ihr zynisches Spiel nur spielen können, weil der Sender es so will. Wertvoll und informativ sind u. a. der Exkurs ĂŒber die Entstehung des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland und Österreich (S. 31), die Darstellung der GrĂŒnde fĂŒr die EinfĂŒhrung des TvÖD (Tarifvertrag Öffentlicher Dienst, S. 78) sowie das Kapitel „Die Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung“ (S. 173). Dagegen ist das Hartz IV-Kapitel etwas zu lang und detailreich geraten.

Der Autor, der den sogenannten Wertkritikern nahesteht, einer Gruppe von Marx inspirierter Wissenschaftler (es ist keine Frau dabei), nutzt deren analytische Werkzeuge eigentlich nicht, er bleibt im Allgemeinen bei einer Beschreibung der PhÀnomene. Es scheint, dass er die marxistischen Deutungen inzwischen als hohl empfindet. Nur ganz kurz widmet er im Schlusskapitel dem Leistungsbegriff einige SÀtze, in denen er darlegt, dass dieser Begriff inhaltslos ist und auf einem Zirkelschluss beruht.

In einem Punkt Ă€hnelt sein Buch aber dann doch dem 1. Band des „Kapital“ von Karl Marx: Am Ende beider BĂŒcher hat man den Eindruck, dass die UnterdrĂŒckung derartig systematisch und umfassend funktioniert, dass sie keinerlei Schlupfloch mehr lĂ€sst. Ist die Lage wirklich so hoffnunglos?

Zu den Ursachen fĂŒr die deprimierende Lage könnte neben der allfĂ€lligen Reflexion auf die Mechanismen des Kapitalismus beispielsweise dargelegt werden, wie die deutsche Wirtschaft durch die systematische Senkung der Löhne die von Samol beschriebene Konkurrenzsituation auf die internationale Ebene verlagert hat: Frankreich und andere LĂ€nder sind nur deshalb „nicht mehr konkurrenzfĂ€hig“, weil Deutschland sich durch die Knechtung der eigenen Arbeiterschaft alle Vorteile gesichert hat. GefĂ€hrlich ist die weltweite Hinneigung weiter Teile der Bevölkerung zum faschistoiden Denken aufgrund der erfahrenen Perspektivlosigkeit. Dabei fragt man sich nach einem wichtigen Aspekt, nĂ€mlich dem des Widerstandes. Gibt es noch KrĂ€fte, die dem Druck zur Selbstoptimierung widerstehen, Leistungsverweigerer, die arbeiten wollen, um zu leben, statt dass sie leben, um zu arbeiten? Erinnert werden soll an Initiativen der Selbstorganisierung, nicht nur bei Hausbesetzungen. (1) Erinnert werden soll auch an Bewegungen kollektiven Widerstands gegen die Sanktionen von Jobcentern in verschiedenen StĂ€dten, die durchaus Erfolge zeitigten und bewiesen, dass die betreffenden Behörden eine große Angst vor der Veröffentlichung ihrer menschenunwĂŒrdigen Praktiken haben. Nicht zuletzt gehört zur Kultur des Widerstandes die Punk- und Rapmusik oder die Belletristik, in der sarkastisch oder in Dystopien die Zwangslage der Arbeitslosen angesprochen wird. (2) Alle diese Fragen fordern eigentlich einen zweiten Band heraus, in dem ĂŒber Ursachen und die weitere Entwicklung nachgedacht werden mĂŒsste.




Quelle: Graswurzel.net