Januar 18, 2022
Von Autonomie Magazin
165 ansichten

SchlĂŒsselmomente der Geschichte

Von PĂĄdraic Mac Coitir

Übersetzung Vidar Lindström

Als ich aufwuchs ermutigten mich meine Eltern BĂŒcher zu lesen und als ich ungefĂ€hr neun oder zehm Jahre alt war, wurde ich Mitglied der örtlichen Bibliothek in Andersonstown. Einige der BĂŒcher, die im Haus waren, begeisterten mich nicht, obwohl ich ein gewisses Interesse an GeschichtsbĂŒchern hatte. Hungerstreiks haben mich immer fasziniert, und ich ahnte nicht, dass ich als ich Ă€lter wurde, einige MĂ€nner kennenlernen wĂŒrde, die 1981 im Hungerstreik sterben wĂŒrden.

Mein Vater, Pat McCotter, sprach nicht viel ĂŒber seine Zeit im GefĂ€ngnis, aber ich erinnere mich, dass er mir von den 45 Tagen erzĂ€hlte, die er im Crumlin Road-GefĂ€ngnis in Belfast im Hungerstreik war. Hungerstreiks waren eine Waffe des Widerstands, die von irisch-republikanischen Gefangenen in frĂŒheren Kampagnen eingesetzt wurde, als sie fĂŒr ihren politischen Status kĂ€mpften. Die Briten versuchten stets unseren Kampf zu kriminalisieren und wenn MĂ€nner und Frauen inhaftiert wurden, gab es verschiedene Formen des Protests – entweder durch die Weigerung GefĂ€ngnisarbeit zu leisten oder GefĂ€ngniskleidung zu tragen. Der erste Gefangene, der den höchsten Preis zahlen musste, war Thomas Ashe, der im September 1917 nach einer ZwangsernĂ€hrung starb. Seine Beerdigung in Dublin war die grĂ¶ĂŸte seit der Beerdigung von O’Donovan Rossa im August 1915 und sie war ein Wendepunkt in der Mobilisierung der Irish Volunteers und vor allem der IRB [Irish Republican Brotherhood, Anm.d.Ü.], die immer noch entschlossen waren, den Kampf zur Befreiung Irlands vom britischen Imperium fortzusetzen.

In den 1920er Jahren starben weitere MĂ€nner im Hungerstreik, einige von ihnen, wĂ€hrend sie von den Free Staters inhaftiert waren. (Michael Fitzgerald, Terence McSwiney, Joseph Murphy, Joe Witty, Dennis Barry, Andy O’Sullivan).

Mein Vater war ein Kamerad von SeĂĄn McCaughey, der mit ihm im Arbor Hill GefĂ€ngnis in Dublin inhaftiert war. Nach ihrer Freilassung meldeten sie sich bei der IRA zurĂŒck und hielten regelmĂ€ĂŸig Kontakt. Das letzte Mal trafen sie sich 1940, kurz vor der Gefangennahme meines Vaters in South Armagh. McCaughey selbst wurde 1941 gefangen genommen, nachdem der Informant Stephen Hayes, vor der IRA zu einer örtlichen Garda-Station in Ballsbridge, Dublin, geflohen war. Hayes war der Stabschef der IRA, aber einige seiner Kameraden verdĂ€chtigten ihn, ein Informant zu sein und nahmen ihn fest. Nach einigen Wochen gelang ihm die Flucht und als die als „Broy Harriers“ bekannte Spezialeinheit zu dem Haus kam, kam es zu einem Feuergefecht, bei dem mehrere MĂ€nner erschossen und festgenommen wurden. Sie kamen vor ein MilitĂ€rgericht und wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. In Portlaoise weigerten sie sich GefĂ€ngnisarbeit zu leisten oder eine Uniform zu tragen und begannen einen Blanket-Protest. McCaughey trat in einen Hunger- und Durststreik und starb im Mai 1946 nach 23 Tagen. Mein Vater erzĂ€hlte mir, dass die Moral im Crumlin Road-GefĂ€ngnis so niedrig war wie bei der Hinrichtung von Tom Williams im September 1942. Andere die in den 1940er Jahren starben, waren Tony Darcy und Jack McNeela.

Als ich Ă€lter wurde, nahm ich an vielen Demonstrationen teil, von denen einige zur UnterstĂŒtzung von Hungerstreikenden hier und in England stattfanden. Eine dieser Demonstrationen, die mich sehr beeindruckt hat, fand in Andersonstown statt, wo einige Leute auf dem Bahnsteig eine Nachstellung der ZwangsernĂ€hrung zeigten. Dies geschah als Reaktion auf die ZwangsernĂ€hrung von Gefangenen, die im Hungerstreik waren und ihre Verlegung in GefĂ€ngnisse in Irland forderten. Einer dieser Gefangenen, Michael Gaughan, starb im MĂ€rz 1974 im GefĂ€ngnis von Parkhurst. Sein Kamerad und Mitstreiter aus Mayo, Frank Stagg, starb im Februar 1976 im GefĂ€ngnis von Wakefield. SpĂ€ter im selben Jahr wurde ich in der Crumlin Road inhaftiert und lernte dort Bobby Sands, Raymond McCreesh und Joe McDonnell kennen. Im darauffolgenden Jahr nahmen wir am Blanket-Protest teil und sahen uns jeden Sonntag bei der Messe. Wie andere Generationen politischer Gefangener protestierten wir, weil wir niemals akzeptieren wollten wie Kriminelle behandelt zu werden.

Die Bedingungen waren sehr schlecht und sie sollten sich noch verschlimmern, als wir mit dem Protest gegen das Waschen begannen. Ein Ende war nicht in Sicht und es war unvermeidlich, dass der nĂ€chste Schritt ein Hungerstreik sein wĂŒrde.

Kurz vor meiner Entlassung im Juli 1979 wurden wir von der Lagerleitung aufgefordert, unser weiteres Vorgehen zu besprechen. Es war sehr schwierig fĂŒr mich, meine Meinung zu Ă€ußern, da ich wusste, dass ich entlassen werden wĂŒrde, bevor irgendeine Entscheidung der MĂ€nner in Kraft treten wĂŒrde. Deshalb habe ich mich an der Entscheidung in den Hungerstreik zu treten, nicht beteiligt, weil ich wusste, dass ich nicht dabei sein wĂŒrde.

Als ich draußen war, begann im Oktober 1980 ein Hungerstreik. Ich kannte einige der MĂ€nner, die sich daran beteiligten und jedes Mal, wenn ich an Protesten teilnahm, wurde ich gebeten, öffentlich zu sprechen, was ich jedoch nur ungern tat, da ich nicht die Aufmerksamkeit auf mich lenken wollte. Der Hungerstreik endete nach 53 Tagen und als wir die Nachricht erhielten, waren wir begeistert, weil wir glaubten, dass der Protest gelöst worden war. Doch innerhalb weniger Tage erfuhren wir, dass die britische Regierung sich nicht an eine Vereinbarung gehalten hatte.

Im darauffolgenden MĂ€rz trat Bobby Sands erneut in den Hungerstreik und leider starb er am 5. Mai. Weitere neun starben in den H-Blocks: Francis Hughes, Raymond McCreesh, Patsy O’Hara, Joe McDonnell, Martin Hurson, Kevin Lynch, Kieran Doherty, Tom McIlwee und Micky Devine. Es ist viel ĂŒber diese turbulenten Tage geschrieben worden und darĂŒber, wie sehr sie den Kampf beeinflusst haben. Zweifellos war dies eines der wichtigsten Ereignisse in unserer langen Geschichte des Kampfes gegen den britischen Imperialismus. Es fĂŒhrte dazu, dass sich viele Menschen politisch engagierten und ich wĂŒrde behaupten, dass es den Lauf der Geschichte verĂ€nderte. Der Republikanismus war so stark wie seit Generationen nicht mehr und meiner Meinung nach waren wir einer sozialistischen Republik nie so nahe gekommen.


Der Artikel ist zuerst auf Englisch in der Ausgabe #5 des sozialistischen Magazins An SprĂ©ach erschienen und wurde mit freundlicher Genehmigung der irisch-republikanischen Gruppe Lasair Dhearg ĂŒbersetzt und veröffentlicht.




Quelle: Autonomie-magazin.org