November 15, 2020
Von Graswurzel Revolution
282 ansichten


Die verschwörungsideologische Gruppe Querdenken69 veranstaltet eine Demonstration in Frankfurt ohne sich um die Corona-Auflagen zu scheren, wird aber von Gegendemonstrant:innen gestoppt. Ein Bericht.

Zur Demonstration hatten sich am Hauptbahnhof bis 12:30 circa 500 bis 1000 Personen versammelt, es gab Transparente und Plakate mit ĂŒberwiegend absonderlichen Aufschriften wie „Covid19 + 5G = ein Plan?“, „Eure Schubladen sind keine Rettungsboote“ oder “Politiker mĂŒssen haften”. Nazisymbole, Reichsflaggen oder Ă€hnliches habe ich nicht gesehen und eine Kompanie Ordner mit gelben Westen hastete durch die Menge mit der Aufforderung, die AbstĂ€nde einzuhalten.

Auf diesem Foto, das noch vor dem Start der Demo gemacht wurde, sieht man deutlich, dass die Polizei die Maskenpflicht nicht durchsetzt. Die Frau auf dem Lautsprecherwagen trĂ€gt keine Maske, genauso wenig wie der Demoanmelder, der Mann mit dem Mantel, der gerade mit ihr scherzt. Ein Polizist, der als „Communicator“ markiert war, erklĂ€rte mir, die Damen und Herren auf und um den Lautsprecherwagen hĂ€tten Atteste, weshalb sie von der Maskenpflicht entbunden seien. Man sieht auf dem Bild, dass die Frau gerade eine Zigarette raucht, ganz arg scheint es mit der Lungenkrankheit also nicht zu sein bei ihr.

Am linken Bildrand die per Attest maskenbefreite Raucherin im heiteren GesprĂ€ch mit dem Versammlungsleiter – Foto: Nicolai Hagedorn

Ich habe so ziemlich alle Reden, die vor dem Demostart gehalten wurden, gehört. Keine davon war im eigentlichen Sinne politisch. Merkel und ihre „709 Leute“ (womit offenbar die 709 Abgeordneten des Bundestages gemeint sind) wurden als „korrupt“ bezeichnet, die am hĂ€ufigsten skandierte Parole war „Frieden, Freiheit, Demokratie“, oder abgewandelt „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“. Die Leute forderten das mit großer Inbrunst und sehr aufgebracht, wĂ€hrend die Staatsmacht neben ihnen stand und jeden Verstoß gegen die Demoauflagen großzĂŒgig â€žĂŒbersah“, sie ohne jede EinschrĂ€nkung reden durften und niemand sie an irgendetwas hinderte, eine Frau behauptete lautstark, die Bundesrepublik sei ein Polizeistaat, die Polizisten nur BefehlsempfĂ€nger, wĂ€hrend freilich direkt neben ihr die angesprochenen regungslos zuhörten. Das lĂ€sst einen schon etwas sprachlos zurĂŒck. Hier einige  kurze EindrĂŒcke von Reden, die gehalten wurden, und die ziemlich reprĂ€sentativ sind fĂŒr alles, was zumindest ich da gesehen und gehört habe.

ï»ż

Es ist wirklich teilweise bestĂŒrzend, wie aufgebracht, aufgeregt und bewegt diese Leute ihre haltlosen und abwegigen Forderungen nach Demokratie und Freiheit vorbringen.

WĂ€hrend die “Querdenker” auf den Demostart warteten, Ă€ußerte ein Polizist gegenĂŒber mir und einem weiteren Zeugen, der Beginn der Demo verzögere sich wegen der „Idioten da vorne“,  womit die Gegendemonstrant:innen gemeint waren. Mit einer Stunde Verzögerung konnte der Demonstrationszug gegen 13:20 dann doch starten. Er bog rechts in die Karlstraße, wo er bald von oben beregnet wurde, offenbar von Anwohnern, die wenig begeistert waren von der Demonstration. Es flogen auch mit Wasser gefĂŒllte Luftballons, wie in dem Video hier zu sehen ist. Da waren sie keine 500 Meter gelaufen. Die Demonstranten reagierten entsprechend aufgebracht.

Und hier die “ÜbeltĂ€ter”- Foto: Nicolai Hagedorn

In dem Video sieht man auch den Lautsprecherwagen, der kurz darauf schon wieder gestoppt wurde. Diesmal wegen der ersten Blockade durch Gegendemonstranten. Bereits kurz vor der Ecke Karlstr. / Mainzer Landstr. war Schluss und die Demonstration wurde gestoppt.

Erst kurz vor der RĂ€umung der Blockade durch die Polizei wurde die “Querdenker”-Demonstration ca. 50 Meter an die Gegendemonstrant:innen herangefĂŒhrt, offenbar wollte die Polizei den “Querdenker:innen” zeigen, wie sie mit linken Gegendemonstrant:innen verfĂ€hrt. Hier ein Zusammenschnitt der Situation und des ersten Wasserwerfereinsatzes, der, wie man auf dem folgenden Video sieht, nicht erfolgreich war, denn die Straße wurde weiterhin blockiert. Die Demo wurde dann umgeleitet. WĂ€hrend der RĂ€umung sieht man, dass die Querdenken-Demonstrant:innen direkt hinter den Polizist:innen die RĂ€umung filmen konnten, einer ruft „Geh Playstation spielen“, warum auch immer.

Direkt nach der RÀumung ergab sich folgende Situation, das einzige Mal, wo ein Polizist versuchte, die Maskenpflicht durchzusetzen, es ist wirklich eine herzerwÀrmende Szene. Er sagt dem Polizisten, in seiner Sporttasche sei das Attest. Als er sie öffnen soll, warnt er ihn, darin sei auch ein Messer, was auch immer er damit auf der Demo und mitten in der Gegendemo wollte. Stutzig macht das den Polizisten aber nicht.

ï»ż

Kurz darauf wurde klar, dass die Polizei die Straße nicht gerĂ€umt bekommt, zumal jetzt auch viele Teilnehmer der angemeldeten Gegendemos hinzukamen. Dementsprechend wurde der Querdenker-Demozug ĂŒber den Francoise-Mitterand-Platz und dann in die Niddastraße Richtung Weserstraße weitergeleitet. An der Ecke Niddastr./Weserstr. kam es dann zur zweiten RĂ€umung, die ich ebenfalls dokumentieren konnte. Hier waren es schon deutlich mehr Blockierer, wie man sieht.

ï»ż

Bei dieser zweiten RĂ€umung kam es zu einigen FĂ€llen ĂŒbertriebener Polizeigewalt, unter anderem dieser brutale Tritt gegen eine Gegendemonstrantin. Triggerwarnung hier wegen Gewalt gegen Menschen.

BrutalerTritt from WWTD on Vimeo.

Damit war die Kreuzung frei, kurz darauf, kaum 500 Meter weiter,  wurde aber bereits die nĂ€chste Blockade errichtet, diesmal mit Barrikade.

Die Querdenken-Demo wurde daraufhin, drei Stunden nach ihrem Beginn, aufgelöst, es war schlicht unmöglich, als Demonstrationszug das Bahnhofsviertel zu verlassen.

Die Teilnehmer versuchten dann ĂŒber die Taunusstraße in die Innenstadt zu gelangen, wurden aber am Taunustor bereits von der nĂ€chsten Blockade empfangen, wie man hier sieht.

Auch am Taunustor kein Durchkommen – Foto: Nicolai Hagedorn

Gegen 15:45 verliefen sich beide Versammlungen langsam.

SpĂ€ter kam es noch zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen Gegendemonstranten und Polizei, laut Augenzeugen erneut mit gewalttĂ€tigen Übergriffen durch den Repressionsapparat.

Schließlich konnten sich auf dem Goetheplatz, dem eigentlichen Kundgebungsort, noch ca. 500 Querdenker-Demonstranten versammeln. Da die angemeldete Zeit fĂŒr die Demonstration aber abgelaufen war, erklĂ€rte die Polizei die Versammlung fĂŒr beendet. Da sich die Demonstrationsteilnehmer allerdings nicht von dem Platz entfernen wollten, wurde der Platz schließlich gegen 16:50 Uhr von der Polizei gerĂ€umt. Dabei kam erneut der Wasserwerfer zum Einsatz, wie man auf dem Video sieht.

Fazit: Die Polizei hĂ€tte jede Möglichkeit gehabt, die Versammlung wegen massiver VerstĂ¶ĂŸe gegen die Auflagen frĂŒhzeitig zu stoppen oder sie gar nicht erst loslaufen lassen. Stattdessen ignorierte sie die VerstĂ¶ĂŸe großzĂŒgig.

Obwohl der Demonstrationszug der Querdenker die Auflagen weitgehend missachtete, hatte er in der Polizei einen beflissenen Partner. Bei der ersten Blockade auf der Mainzer Landstraße hieß es vom Lautsprecherwagen, man mĂŒsse kurz anhalten wegen illegaler Aktionen „der Antifa“. Und in schier grenzenloser Zuversicht auf die UnterstĂŒtzung durch die Staatsmacht: „Die Polizei arbeitet jetzt.“

Und das tat sie wie ĂŒblich, rĂ€umte zweimal die antifaschistischen Blockaden mit Wasserwerfern und körperlicher Gewalt ab.

Dennoch konnte der Querdenker-Demozug nicht einmal das Bahnhofsviertel verlassen.

Die Querdenker-Demo, das muss man ihr zugutehalten, war im Grunde keine politische Demonstration, eher eine Art Auflauf seltsamer und sehr verspĂ€teter Hippies. Alle hatten irgendwelche Verschwörungstheorien zu bieten.Mehr als diesen Unsinn zu blockieren und zu verhindern, dass diese Leute andere anstiften, das Virus mutwillig zu verbreiten, kann dem nicht entgegengesetzt werden. Die IrrationalitĂ€t der seltsam larmoyant vorgebrachten Beschwerden dieser AuflĂ€ufe macht jede politische Auseinandersetzung damit im Grunde unmöglich und mir taten diese Leute zwischenzeitlich fast ein bisschen leid, weil viele von ihnen mit traurigen und aufrichtig betroffenen Gesichtern durch die Stadt stapften, Liebe und Freiheit forderten, in voller Überzeugung gegen eine eingebildete Diktatur protestierten und dadurch einen recht schönen Herbstsamstag verpassten.

rhdr



Quelle: Graswurzel.net