389 ansichten


Solidarisch, hierarchiefrei, gleichberechtigt – so stellen sich die meisten von uns einen Kollektivbetrieb vor. Ein bisschen richtiges Leben im Falschen, eine Mikro-Utopie im Kapitalismus. Doch wer schon einmal nĂ€her mit Kollektivbetrieben zu tun hatte, weiß auch: Das stimmt so nicht ganz. Denn auch Betriebe, die Gleichheit und Transparenz zu ihren höchsten Zielen erklĂ€ren, erreichen diese natĂŒrlich nicht immer. Deshalb organisieren sich manche Kollektivbetriebe in der Basisgewerkschaft Freie Arbeiter:innen Union (FAU) und schließen sich in der Union Coop Föderation, kurz UCF, zusammen.

Das sind die Prinzipien der Kollektivbetriebe

Die Idee der UCF ist es, zu gewÀhrleisten, dass Kollektivbetriebe auch tatsÀchlich das sind, was sie sein wollen. NÀmlich Betriebe, die zum einen im Besitz ihrer Belegschaft, also der Kollektivist:innen sind; und in denen zum anderen alle Kollektivist:innen gleichberechtigt sind in Bezug auf Löhne und Entscheidungen.

Um das zu erreichen, hat die Union Coop sieben Prinzipien fĂŒr ihre Mitgliedsbetriebe erarbeitet: Die Betriebe sind in Belegschaftshand, basisdemokratisch organisiert, verpflichten sich zur Transparenz, zu Gleichbehandlung in der Entlohnung, sind solidarisch mit der arbeitenden Klasse, wirtschaften möglichst solidarisch und ihre Belegschaften sind mehrheitlich in der FAU organisiert.

Weniger als Ideale denn als Mindeststandards gedacht, sollen die Prinzipien den Mitgliederbetrieben Orientierung bieten und sind, soweit in der Praxis umsetzbar, Voraussetzungen fĂŒr die Mitgliedschaft.

Fine von Educat, einem Kollektiv von Bildungsreferent:innen, das seit seiner GrĂŒndung 2019 in der Union Coop organisiert ist, schĂ€tzt genau das: „Die Union Coop hilft uns perspektivisch, einen noch faireren Betrieb zu bilden, der nicht auf Selbstausbeutung basiert.“ Denn auch dafĂŒr stehen die Prinzipien der UCF: FĂŒr eine Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen.

FĂŒr ihre Mitgliederbetriebe ist die UCF aber noch mehr als ein Instrument der Selbstkontrolle, nĂ€mlich ein solidarisches Netzwerk. Die Betriebe beraten und schulen sich gegenseitig, kaufen und verkaufen Waren gesammelt und profitieren von einem gemeinsamen Auftritt in der Öffentlichkeit.

Vor allem der Austausch mit anderen Kollektivbetrieben war fĂŒr das Educat-Kollektiv ein Grund, sich der Union Coop anzuschließen, wie Fine verrĂ€t. Auch heute profitiert Educat von der UCF vor allem als eine Art Plattform, die neben der Vernetzung eine höhere Bekanntheit insgesamt ermöglicht.

Die Union Coop entwickelte sich vom Siegel zur Föderation

Die Initiative zur UCF, erinnert sich Hansi Oostinga, begann 2012 in der FAU Berlin. Hansi, der seit etwa 25 Jahren Mitglied der Berliner Gewerkschaft ist, wollte mit der Union Coop vor allem eine Antwort auf die Frage geben, was ein FAU-Kollektivbetrieb ist. Die ursprĂŒngliche Idee war es sogar, eine Art Siegel zu schaffen, um die Einhaltung bestimmter Prinzipien transparent zu machen, aber auch um einen Anreiz hierfĂŒr zu schaffen.

Als 2016 die Webseite union-coop.org online ging, war die Föderation noch auf Berlin beschrĂ€nkt, bevor nach und nach Mitgliederbetriebe aus ganz Deutschland dazukamen. Aktuell sind rund zehn Betriebe in der Union Coop organisiert, darunter die Kaffeerösterei Flying Roasters aus Berlin, das BauKo Baukollektiv aus Marburg und der Berliner Veganladen Dr. Pogo. DarĂŒber hinaus sei die Union Coop recht bekannt in der Szene der Kollektivbetriebe, schĂ€tzt Hansi. Es gebe zumindest „einen Haufen Anfragen.“

Warum konnte die UCF trotzdem bisher nicht mehr Betriebe von ihrem Konzept ĂŒberzeugen? „Vor allem Ă€ltere Betriebe haben oft wenig Lust, ihre Autonomie aufzugeben und betrachten – auch aus eigener Erfahrung – solche Vernetzungsversuche mit einer gewissen Skepsis“, erklĂ€rt Hansi die Situation. Viele können oder wollen die Prinzipien auch nicht erfĂŒllen.

Neue Betriebe haben hingegen in der Aufbauphase hĂ€ufig wenig Zeit und Kapital. Dies fĂŒhrt dazu, dass sie sich nicht wirklich ĂŒber den Betrieb hinaus engagieren können und selbst oft unter Bedingungen arbeiten, die mit den Prinzipien der UCF nicht zusammengehen.

Es gab ein Startkapital der anderen Art

Dabei kann die Union Coop gerade in der GrĂŒndungsphase eine große Hilfe sein, wie Robin, Sandra und Till vom ACS Copy Service erfahren haben. Das Copyshop-Kollektiv hat sich Anfang 2021 in Bonn gegrĂŒndet und ist der jĂŒngste Zuwachs der Union Coop Föderation. „Ohne die Union Coop wĂ€re die GrĂŒndung, glaube ich, ganz anders gelaufen“, meint Robin.

FĂŒr die drei war von Anfang an klar, dass sie ihren Betrieb kollektiv verwalten wollen – aber nicht, wie das rechtlich ĂŒberhaupt funktioniert. Deshalb war vor allem die Frage nach der Gesellschaftsform zentral. Hier sowie bei weiteren bĂŒrokratischen Baustellen – etwa Versicherungen, VertrĂ€ge oder das Betriebsstatut – konnten die anderen Union Coop-Betriebe weiterhelfen oder vermitteln.

Auch aus finanzieller Sicht war die Mitgliedschaft schon im GrĂŒndungsprozess hilfreich. Denn mit der Föderation als Back-Up konnten die drei Neu-Kollektivist:innen Vertrauen bei privaten Kreditgebern schaffen. So war klar, dass sie es mit der Selbstbezeichnung Kollektivbetrieb ernst meinen, was einigen Geldgebern sehr wichtig war. FĂŒr ACS ist die Mitgliedschaft „wie eine Absicherung, dass der Betrieb wirklich kollektiv gefĂŒhrt wird.“

FAU und Union Coop arbeiten zusammen

Geht es um die Absicherung, kommt die Basisgewerkschaft FAU wieder ins Spiel. Bei der Aufnahme eines neuen Betriebs wendet sich dieser an das örtliche Syndikat – im Falle von ACS die FAU Bonn –, das die Aufnahme bestĂ€tigt.

Dabei können die Betriebe als Organisation aus rechtlichen GrĂŒnden kein Mitglied in der Gewerkschaft sein, die einzelnen Mitarbeiter:nnen hingegen schon. Um die gewerkschaftliche Organisation, einer der Grundgedanken der Union Coop, zu gewĂ€hrleisten, besagt ein Prinzip der Föderation, dass mindestens 50 Prozent der Belegschaft Mitglied der FAU sein muss.*

Zudem ist ein Sekretariat in der UCF fĂŒr den Austausch mit der FAU zustĂ€ndig. Doch trotz der Zusammenarbeit ist die Union Coop weder eine offizielle Sektion der Gewerkschaft, noch wendet sie sich ausschließlich an FAU-Mitglieder. Sie profitiert aber vom Netzwerk der FAU und teilt nicht zuletzt auch deren ideelle Wertevorstellungen und Ziele.

Durch die Kooperation mit der FAU ist die Union Coop wenigstens in Deutschland einzigartig: Sie vereint die Kollektivwirtschaft mit der gewerkschaftlichen Organisation – und veranschaulicht diese Zweigleisigkeit im besten Sinne auch im Namen: Union fĂŒr Gewerkschaft, Coop fĂŒr Kooperative.

„Zeit heißt nun mal Geld“

Neben dem FAU-Sekretariat gibt es ein Kassen- und ein Koordinierungs-Mandat, alle ehrenamtlich und von den Mitarbeiter:innen der Betriebe besetzt. Zudem trifft sich monatlich der Föderationsrat mit jeweils einem:r Delegierten pro Betrieb; jÀhrlich findet das Föderationstreffen mit allen Mitgliedern statt.

Genauso wie in den Kollektiven, ist die Struktur der UCF föderalistisch und basisdemokratisch. Das Problem dabei: „Es fehlt immer an Ressourcen, an Zeit und an Leuten, die was machen“, erklĂ€rt Hansi, der aktuell fĂŒr die Koordinierung zustĂ€ndig ist.

Deshalb arbeitet die UCF an Konzepten, um zumindest die Arbeit der Sekretariate zukĂŒnftig bezahlen zu können. Der Idee von Basisdemokratie stehen die bezahlten Posten dabei nicht entgegen, die Betriebe „arbeiten ja auch nicht ehrenamtlich“ und die Vernetzung bringt ihnen schließlich einen wirtschaftlichen Vorteil, findet Hansi.

Fine vom Educat Kollektiv sieht das Ă€hnlich. Es sei vor allem die zeitliche Belastung, die die Mitgliedschaft manchmal erschwert – und im Betrieb „heißt Zeit nun mal Geld.“

Von Patenschaften, Fonds und Recyclingpapier

Deshalb wĂŒnscht sich Fine auch neue Kollektive, die der UCF beitreten und Aufgaben ĂŒbernehmen. Denn die Liste an Ideen fĂŒr sinnvolle Projekte ist lang: Gemeinsames Marketing wie etwa auf Messen; Kollektiv-Patenschaften fĂŒr noch bessere Betreuung neuer Betriebe; oder auch Fonds, die den Betrieben durch finanziell schwierige Phasen helfen.

Einen großen Schritt in Richtung solidarische Ökonomie – das langfristige Ziel, das wohl alle Kollektivbetriebe eint – wĂŒrde die Union Coop mit interner Wirtschaft, also gegenseitigen AuftrĂ€gen und Kooperationen, machen. Im Kleinen wird das bereits umgesetzt, wenn etwa den Druck fĂŒr eine FAU-BroschĂŒre der ACS Copy Service erledigt. Die GenossInnen aus Bonn denken aber noch weiter, zum Beispiel an einen UCF-Betrieb, der Recyclingpapier herstellt und den Copyshop direkt beliefert – „Das wĂ€re mega geil!“, malt sich Robin aus.

Ein Ansatz fĂŒr solidarisches Wirtschaften ist auch der Webshop, den die UCF nach viel Vorbereitung mittlerweile betreibt. Darin finden sich neben Merchandising sowohl Produkte der Mitgliederbetriebe – zum Beispiel Kaffee der Flying Roasters – als auch befreundeter Initiativen aus Deutschland oder dem Ausland. Etwa die Reinigungsmittel von Vio.Me aus Griechenland oder den Tee von Scop Ti aus Frankreich, beides von der Belegschaft ĂŒbernommene Betriebe, findet man im Shop.

Beim Vertrieb der Produkte schließt sich ĂŒbrigens der Kreis, den ĂŒbernimmt nĂ€mlich der Kollektivbetrieb Dr. Pogo. Auch das Projekt Kollektivbörse wird – noch im kleinen Rahmen – bereits umgesetzt. Hier können die Betriebe und (angehende) Kollektivist:nnen einander finden oder Gesuche und Angebote von RĂ€umlichkeiten veröffentlichen.

Die Union Coop ist Teil einer Bewegung

Und wenn all diese Projekte mal umgesetzt sind, hat die Union Coop dann ihr Ziel erreicht? Nein, stellt Hansi entschlossen fest. Es sei gar nicht ihr Ansatz, dass jede:r einen Kollektivbetrieb grĂŒndet. Die UCF sieht sich vielmehr als Teil einer breiteren Bewegung.

Das langfristige Ziel, eine solidarische Wirtschaft, könne nur das Ergebnis von Zusammenarbeit sein und hier sei auch die Übernahme von Großbetrieben ein wichtiger Schritt – fĂŒr den es dann wiederum eine basisdemokratische Gewerkschaft wie die FAU braucht.

*Wobei aktuell darĂŒber diskutiert wird, diese Voraussetzung etwas zu entschĂ€rfen und auch FAU-Betriebsgruppen oder andere Basisgewerkschaften geltend zu machen.

union coop // föderation
GrĂŒntaler Straße 24
13357 Berlin
Mail: contact (at) union-coop (dot) org
Tel: +49 (0) 30 28 700 808
union-coop.org




Quelle: Direkteaktion.org