Juli 17, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Die bereits heute existierenden Gefahren des Transhumanismus und was das Ganze mit Eugenik zu tun hat, kommen in anarchistischen Publikationen meist zu kurz — wenn sie denn ĂŒberhaupt vorhanden sind. Aus diesem Grund wollte ich ursprĂŒnglich einen besonders lehrreichen Beitrag dazu ĂŒbersetzen — nach der HĂ€lfte der Übersetzung habe ich festgestellt, dass der Beitrag hier bereits kĂŒrzlich ins Deutsche ĂŒbersetzt wurde, daher klaue ich an dieser Stelle den ĂŒberaus wichtigen Beitrag. Das Thema Transhumanismus muss endlich einen höheren Stellenwert im anarchistischen Diskurs haben.

Transhumanismus und Techno-Wissenschaften

Die transhumanistische Bewegung nahm ihren Beginn in den spĂ€ten 1980er Jahren im Silicon Valley, USA, aber wenn wir versuchen,  die UrsprĂŒnge dieser Ideologie nachzuverfolgen, finden wir uns im Jahre 1883 wieder, als der Begriff der Eugenik von Galton geprĂ€gt wurde, oder im Jahre 1957, als Huxley eine Rede hielt, in der er das Wort Transhumanismus gebrauchte, um seinen transzendenten Glauben an den Menschen zu beschreiben und wir landen bei dem kybernetischen Paradigma, das wĂ€hrend des zweiten Weltkriegs im MilitĂ€rsektor entstand. Das kybernetische Paradigma, die Wissenschaft der Kontrolle von Systemen, ob lebendig oder nicht, basiert auf dem Konzept der Information: Wenn alles, vom lebendigen bis zur anorganischen Welt, auf einen Informationsaustausch reduziert werden kann, dann fĂ€llt auch jede Barriere zwischen dem Lebendigen und Leblosen, dem Menschlichen und der Maschine und alle Unterschiede werden eliminiert. Und das Subjekt wird auf eine Ansammlung von Informationseinheiten reduziert, auf ein Programm, das dechiffriert und folglich wie eine Maschine manipuliert werden kann. Craig Venter, der GrĂŒnder von Celera Genomics, startete, nachdem er das menschliche Genom sequenziert hatte, das Minimal Genome Project. Warum sollte ein Unternehmen Zeit und Geld fĂŒr die Erforschung solch einfacher Organismen aufwenden, wenn andere bereits darum wetteifern, die Genome von Fröschen, Ratten und Schimpansen zu sequenzieren? Bereits von Beginn des Genome Projekts an war es nicht nur Venters Ziel gewesen, Gene zu entschlĂŒsseln oder ihre DNA zu verĂ€ndern, sondern sie mithilfe der synthetischen Biologie neu zu designen.

Das ultimative Ziel dieser Prozesse ist immer der Mensch, das wurde von der SingularitĂ€ts-UniversitĂ€t bei einer kĂŒrzlich abgehaltenen Konferenz zu Exponentieller Medizin klar ausgedrĂŒckt: „Wir können Embryos designen. Wir können die Gene von Menschen verĂ€ndern. Also arbeiten wir ernsthaft daran, die zukĂŒnftigen Menschen zu designen.“

Der Transhumanismus ist kein Nebeneffekt, sondern das ultimative Ziel der technologischen Entwicklung, er ist die Ideologie der AnnÀherung von Biotechnologien, Nanotechnologien, Informationswissenschaft und Neurowissenschaften.

Die transhumanistische Ideologie strebt danach, den Menschen durch Technologie dazu zu ermĂ€chtigen und dies auch in die Tat umzusetzen, seine biotechnologische Transformation zu erreichen: den Post-Menschen. Die Biologie und selbst Körper werden als EinschrĂ€nkungen und Grenzen gesehen, die ĂŒberwunden, neu definiert, modifiziert oder eliminiert werden mĂŒssen. Was vor der gewĂŒnschten biotechnologischen Transformation oder Hybridisierung mit Maschinen verĂ€ndert wird, ist das ontologische Konzept des Menschen: Wir waren niemals Menschen, wir sind schon immer Cyborgs und Hybriden gewesen. Es entsteht eine anthropotechnische Cyborg-Vorstellung, in der der Mensch undeterminiert wird und sich gemeinsam mit der Technologie selbst erschafft, als eine Unbestimmtheit, die die technische Hybridisierung ist, in der die bloße Natur des Menschen, seine biologische Existenz, technologisch ist. Eine technische Hybridisierung, die die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt zerstört, zwischen Natur und Technik, zwischen dem Lebendigem und der Maschine, so dass alles, von der Natur um uns herum bis zu unseren nackten Körpern, zu einem Artefakt wird.

Der Transhumanismus ist nicht das Luftschloss einiger verrĂŒckter Technologiefans, die zu viel Science Fiction konsumiert haben. Er ist Ausdruck der Ideen und Vorstellungswelten des Silicon Valleys, von Philosoph*innen, Wissenschaftler*innen und Forscher*innen. Natascha und Max Moore, Nick Bostrom, David Pearce, James J. Hughes, Hans Moravec, Ray Kurzweill, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, sind die GrĂŒnder*innen der weltweiten transhumanistischen Vereinigung, die heute als Humanity+ [Menschheit+] bekannt ist, und sie sind die GrĂŒnder, Förderer und GeschĂ€ftsfĂŒhrer*innen vieler Stiftungen, Institute, Start-Ups, Forschungsprojekte und Firmen von weltweiter Bedeutung und sind in den Bereichen der Forschung und Entwicklung tĂ€tig, die die Technologie-Hubs ausmachen, auf denen das transhumanistische Projekt fußt. Sie sind Berater*innen fĂŒr Bereiche wie Verteidigung, Sicherheit, Biomedizin, allesamt fĂŒhrende Sektoren der Entwicklung und Forschung und sie haben großen Einfluss auf die Art und Weise, auf die Forscher*innen und Regierungen interdisziplinĂ€re Wissenschaften entwickeln und strategische Entscheidungen treffen.

Wenn die transhumanistische Welt sich selbst und ihre Projekte beschreibt, spricht sie von exponentiellen Wissenschaften, geschaffen um die neuesten und wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart anzugehen und eine neue Ordnung hervorzurufen. Ohne allzu sehr hinterm Berg zu halten, nutzt sie die besten Mittel, die die Technologie bereithĂ€lt fĂŒr ihre Zwecke, um eine Techno-Macht zu konzentrieren, die die Vergangenheit hinwegfegen kann, und alles abzuschaffen, was sie angesichts solcher Herausforderungen fĂŒr obsolet hĂ€lt. In diesem Kontext werden auch Menschen, wie wir sie bisher gekannt haben, zu einer nutzlosen Papillote.

Wir sollten nicht den Fehler begehen, den Transhumanismus als Tendenz einiger weniger, unbedeutender Forscher*innen zu betrachten, als Philosoph*innen, die die RealitĂ€t mit ihren TrĂ€umen verwechseln. Also wollen wir vermeiden uns auf Dinge zu konzentrieren, die bisher nicht passiert sind. Wenn wir von Nanotechnologien sprechen, sollten wir uns nicht auf das Risiko einer grauen Glibber [Gray goo]-Katastrophe konzentrieren, der unkontrollierten Vermehrung von Nanorobotern. Gleichermaßen wĂ€re es, wenn wir von Transhumanismus sprechen, ein Fehler uns auf Projekte der Kryokonservierung [Einfrierung] des Gehirns oder des Uploads des Gehirns in einen Computer zu konzentrieren: Lasst uns auf das konzentrieren, was gerade passiert. Die transhumanistische Ideologie – Grenzen ĂŒberwinden, den Menschen zu verbessern und zu ermĂ€chtigen, das Lebendige neu zu designen und zu verkĂŒnstlichen – ist keine abstrakte Spekulation. Sie nimmt die Form transgener ChimĂ€ren, MilitĂ€rdrohnen, neuer Smart-City-GerĂ€te, biomedizinischer Praxis, medizinisch gestĂŒtzter Fortpflanzung und der Genmanipulation an. Und das alles findet in Forschungszentren, bei Giganten wie Google, IBM, Microsoft, in der Agrarwirtschaft, bei pharmazeutischen und biotechnologischen Unternehmen und in den Projekten der Techno-Wissenschaft und in Forschungslaboren statt.

Die transhumanistische Ideologie durchdringt und erstreckt sich auf einen Kontext, in dem bereits ein starker Kult einer „idealen“ Gesundheit und der Spitzen-Performance herrscht. Sie ist im Begriff, sich auf einen Kontext auszudehnen, in der jede Lebensphase, von der Geburt bis zum Tode, medikamentiert wurde, von der prĂ€natalen Diagnostik bis zur regenerativen Medizin. Der transhumanistische Mensch ist ein totalitĂ€res eindimensionales biomedizinisiertes menschliches Wesen. Der Mensch wird als der Fehler betrachtet und alles muss in das Kriterium anhaltender Perfektionierung einer konstanten Anpassung an eine Maschinenwelt passen. Wo Grenzen stĂ€ndig ĂŒberwunden werden und der menschliche Körper als eine dieser Grenzen gilt. Eine techno-wissenschaftliche AnpassungsfĂ€higkeit wird zur einzigen Option werden. Wir können nun sehen, wie das kybernetische Paradigma, gemĂ€ĂŸ dem „die Umgebung, in der wir leben, immer so radikal verĂ€ndert wurde, dass wir heute gezwungen sind, uns selbst zu verĂ€ndern“ eine materielle und spektakulĂ€re Form annimmt.

Wenn wir an Exoskelette fĂŒr QuerschnittsgelĂ€hmte denken, die ebenfalls genutzt werden können, um die Leistung von Soldaten zu verbessern, können wir sehen, wie klein der Unterschied ist zwischen dem Heilen und der VerĂ€nderung des Menschen. Keine*r wĂŒrde gesunde Beine abschneiden, um sich Protesen anzulegen, die die eigene LeistungsfĂ€higkeit steigern, aber die Ideen der Implantate, der bestĂ€ndigen Zunahme von Macht, der VerĂ€nderung des Körpers setzen sich in den Vorstellungen der Menschen fest bis zu dem Punkt, an dem sie ihre SehnsĂŒchte bestimmen.

Die Entwicklung der Techno-Wissenschaften verĂ€ndert die Paradigmen des Denkens, durch die man die RealitĂ€t wahrnimmt und interpretiert, und verĂ€ndert folglich unsere Beziehung zu unserem Körper, zur RealitĂ€t um uns herum und zu unseren Handlungen. Diese Transformationen implizieren tiefgreifende und irreversible Konsequenzen fĂŒr alles Lebendige. Sie bedeuten den Körper als eine Reihe von Modulen zu betrachten, die abgenommen werden können, was ihn verĂ€nderbar macht. Nur eine Welt, die man sich auf einer Nanotechnologie-Ebene vorstellt, kann Werkzeuge herstellen, mit denen Atome bewegt werden können: Ein Tunneleffekt-Mikroskop ist kein einfaches Werkzeug, es erschafft eine Welt, in der Materie auf einer Nanotech-Ebene wahrgenommen, gemessen und schließlich modifiziert wird.  Auf die gleiche Art und Weise, auf die Biotechnologie die tiefsitzendsten Ebenen lebendiger Wesen erforscht, erforscht die Nanotechnologie die tiefliegendsten Ebenen der Strukturen der Welt, was auch einen erheblichen Wandel ihrer Bedeutung mit sich bringt. WĂ€hrend GegenstĂ€nde einst aus natĂŒrlichen Elementen mit all ihren Grenzen hergestellt wurden, erschaffen sich diese gleichen natĂŒrlichen Elemente ohne diese Grenzen neu, wenn man die Materie auf einer atomaren Ebene verĂ€ndert, und ermöglichen neue Eigenschaften. Die natĂŒrliche Welt wird folglich zu einer kĂŒnstlichen Kategorie und die molekulare Herstellung fĂŒhrt zu einer vollstĂ€ndig verĂ€nderten Vorstellung davon, was eine materielle Grenze ist, und die Nanotechnologie ermöglicht es einem in die schiere Natur der Materie vorzudringen.

Offensichtlich sind die Technowissenschaften und die transhumanistische Ideologie nicht neutral. Weder bloß in ihren Zielen – egal ob sie diese erreichen oder nicht – noch in ihrem Ursprung, ihrer Vorstellung das Lebendige zu verkĂŒnstlichen und neu zu erschaffen. In den Lebenswissenschaften findet nicht nur eine Katastrophe statt, wenn das Experiment erfolgreich ist;  die Katastrophe liegt bereits in der Richtung, die die Forschung eingeschlagen hat. Das Experiment findet nicht nur innerhalb der vier WĂ€nde der Labore statt, die ganze Welt ist ein Labor und die Körper selbst werden zu lebendigen Laboratorien.

Eugenik

Galton schlug eine milde Form der Eugenik vor, eine positive Eugenik, um „die Eigenschaften höherer Abstammung oder Rassen zu wĂŒrdigen und sie so zu begĂŒnstigen, dass ihre Nachkommenschaft zahlreicher werde“. Durch dieses Prinzip, das die Zootechnik leitete, bezog sich Galton auf den Menschen, indem er in Betracht zog, dass der Mensch, wie andere Tiere, gezĂ€hmt und ausgewĂ€hlt werden könne.

Lange vor Nazi-Deutschland setzten die USA zwischen 1905 und 1972 ein umfangreiches Zwangssterilisierungsprogramm von Behinderten, psychiatrischen Patient*innen, Blinden, Schwerhörigen, GefĂ€ngnisinsass*innen, Obdachlosen, jenen, die an Lepra, Syphilis und Tuberkulose litten, um. Hitler wurde von einem berĂŒhmten amerikanischen Biologen zu seinem radikalen Vernichtungsprogramm inspiriert, dem Verfechter solcher Sterilisationen.

Ein Nazi-Psychologe sollte der erste sein, der die Idee entwickelte, den Zellkern einer Eizelle zu entfernen und duch den Zellkern einer anderen Eizelle zu ersetzen und erfand so das Konzept der „Leihmutterschaft“.

Ausgehend von Programmen rassischer Sterilisation von Menschen, die als minderwertig und unrein erachtet wurden – definiert als negative Eugenik – ĂŒber die Absicht die arische Rasse zu verbessern – definiert als positive Eugenik – sind wir heute bei einer neuen „positiven“ Eugenik angelangt: Es ist nicht mehr die „Verbesserung“ einer Rasse, die fĂŒr ĂŒberlegen gehalten wird, sondern die „Verbesserung“ des einzelnen Menschen. Und um Menschen zu verbessern, mĂŒssen ihre Defekte eliminiert werden.

Das wird zwar weite Teile der Welt umfassen, aber natĂŒrlich nicht alle: Diejenigen, die an den RĂ€ndern der Welt in vergessenen Slums leben oder schlicht diejenigen, die von ökonomischem und sozialen Status ausgeschlossen sind, werden zu Untermenschen werden und folglich zu Körpern in Gnaden der MĂ€rkte oder von geopolitischen Prozessen, die die Natur ignorieren. Diese Körper dienen als Ersatzteillager oder als Massen, die von einem Land in das nĂ€chste herumgeschubst werden können, um sie zu erpressen. All diejenigen, die sich weigern, sich der Logik des fortgesetzten Wachstums an Macht mit biomedizinischen Programmen zu beugen, und diejenigen, die keine kĂŒnstliche Reproduktion nutzen, werden zu diesem Ersatzteillager an Untermenschen zĂ€hlen.

Die Vorstellung rassischer Reinheit ist heute der einer „idealen“ Gesundheit und der Herstellung des „idealen“ Kindes gewichen. Die Eugenik gibt sich somit ein neues Gesicht, aus freien StĂŒcken akzeptiert, und bezieht sich auf eine neue, sanfte Art der Macht, die nicht lĂ€nger auf Zwang basiert, weit entfernt von der Gewalt der Nazi-Eugenik. In diesem Kontext normalisiert sie sich und wird zu etwas Gewöhnlichem, wĂ€hrend die neuen Technologien der Gentechnik und ihre Anwendungen in den interdisziplinĂ€ren Wissenschaften sie effizienter und verbreiteter machen. Nicht lĂ€nger ein Teil eines Projekts der Auslöschung, zumindest momentan nicht, aber immer noch unverĂ€ndert mit dem ultimativen Ziel die menschliche Spezies auszulesen.

Eugenik ist keine dunkle Abweichung: Sie ist der Motor und die Richtung der genetischen Forschung. Es ist kein Zufall, dass das erste Projekt der Dekodierung des menschlichen Genoms Read [dt. „Lesen“] genannt wurde, das zweite aber Write [dt. „Schreiben“].

Eugenik war seit den UrsprĂŒngen der kĂŒnstlichen Reproduktionstechnologien immer an ihnen beteiligt, an ihrer zootechnischen Entwicklung und an ihrem Transfer auf den Menschen. Bereits in den 1980ern erklĂ€rte R. Edward, der Louise Brown [die erste Person, die in Folge einer In-Vitro-Fertilisation geboren wurde] zuwege gebracht hat, dass die genetische Verbesserung der menschlichen Spezies möglich und folglich legitim sei. 2018 erklĂ€rte der Britische Bioethik-Ausschuss [1], dass es zulĂ€ssig sei, die DNA eines Embryos genetisch zu verĂ€ndern (Genetische VerĂ€nderung des Erbguts) um die Eigenschaften eines zukĂŒnftigen Menschen zu beeinflussen.

In der Reproduktionsmedizin beginnt die Eugenik bei In-Vitro-Fertilisationen (IVF) und genetischer PrĂ€implantationsdiagnostik (PID), wĂ€hrend Selektion in jeder Phase des Prozesses kĂŒnstlicher Reproduktion erforderlich ist und auf verschiedenen Ebenen stattfindet: Selektion unter den Keimzellen-Spender*innen, Selektion der Spermien, der Eizellen und schließlich des Embryos. Im globalisierten Supermarkt der menschlichen Reproduktion gedeiht ein Milliarden-Dollar-Markt der Eizellen-, Spermien- und Embryoselektion. Der Preis der Eizelle variiert abhĂ€ngig von den Eigenschaften der „Spenderin“, die eigentlich eine VerkĂ€uferin ist, die von den Reproduktionsmedizin-Kliniken bezahlt wird. Kliniken, die große Eizellenbanken haben, die abrufbereit zur VerfĂŒgung stehen, bieten eine sorgfĂ€ltig ausgewĂ€hlte Bandbreite an Spenderinnen an. Eine Eizelle einer weißen UniversitĂ€tsstudentin ist natĂŒrlich mehr wert als jede andere und auf dem Reproduktionsmarkt steht alles zum Verkauf, mit einer großen Bandbreite fĂŒr jeden Geschmack. Die Fragen, die den Eizellenspenderinnen in ihren Fragebögen zu ihren persönlichen VerhĂ€ltnissen gestellt werden, reichen von wie tierlieb sie sind ĂŒber was ihre Religion ist, ob sie mit Kuscheltier schlafen und ob sie die Polizei mögen. Eigenschaften, die nichts mit der Entwicklung des Embryos zu tun haben, aber auf dem Reproduktionsmarkt steht eben alles zum Verkauf, selbst Illusionen, Erwartungen, Hoffnung und LĂŒgen.

Bevor der Embryo in die GebĂ€rmutter der zukĂŒnftigen Mutter eingesetzt wird, die sich an die Reproduktionsmedizin gewandt hat (oder in die der Mutter, die ihre GebĂ€rmutter verliehen hat), wird eine genetische PrĂ€implantationsdiagnose an einem dutzend Embryonen durchgefĂŒhrt, um den „besten“ auszuwĂ€hlen.

Genetische PrĂ€implantationsdiagnostik folgt der Logik der Eugenik in jeder Hinsicht: Wenn wir auf die sich zunehmend öffnenden nationalen Gesetze in verschiedenen europĂ€ischen LĂ€ndern blicken, können wir sehen, wie sie mit Ausnahmen begannen, um die Übertragung ernsthafter genetischer Erkrankungen zu vermeiden, mit Krankheiten, die wahrscheinlich auftreten wĂŒrden und schließlich zu solchen Ă€sthetischen Fragen fortschritten wie schielenden Augen [2].

Wir beobachten eine zunehmende Ausweitung genetischer PrĂ€implantationsdiagnostik: In Frankreich wurde die Anwendung des vorherigen Gesetzes zur Bioethik (2004) von der Feststellung einer unheilbaren Krankheit bei einem Elternteil auf die Feststellung einer schwerwiegenden Krankheit mit spĂ€tem Ausbruch bei einem direkten Vorfahren ausgedehnt, und das war ein großer Schritt. Nun wird die Legalisierung von „Reproduktionsmedizin fĂŒr alle“, wie sie vom jĂŒngsten französischen Bioethik-Gesetz  [3] festgelegt wird, nicht nur Single-Frauen und lesbischen Paaren das Recht einrĂ€umen, Gebrauch von Reproduktionsmedizin-Techniken zu machen, inklusive der In-Vitro-Fertilisation, sondern allen, die davon Gebrauch machen wollen. Dieser Schritt wird mit dem Kunststoffschlauch zur Befruchtung beginnen und mit der genetischen Selektion von Embryos enden, nachdem die kĂŒnstliche Reproduktion des Menschen auf alle ausgedehnt wurde. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass wir uns in einem medikamentierten Kontext befinden, in dem die Wartezeit fĂŒr die Definition einer Frau mit Unfruchtbarkeit von zwei Jahren auf sechs Monate gekĂŒrzt wurde, einem Kontext, in dem die Mutterschaft zunehmend verschoben wird, in dem 35- bis 37-jĂ€hrige Frauen, die Angst haben, nicht mehr in der Lage zu sein, schwanger werden zu können, sich nach der gesetzlich festgelegten Wartezeit von sechs Monaten nach kĂŒnstlicher Befruchtung umsehen. Nach nur drei Zyklen erfolgloser kĂŒnstlicher Besamung fĂŒhrt der medikalisierende Trend zu einer In-Vitro-Fertilisation mit der intrazytoplasmatischen Injektion des Spermazotoons.

In den Vereinigten Staaten können Paare, die nicht unter Fruchtbarkeitsproblemen oder der Übertragung genetischer Krankheiten leiden, in eine Reproduktionsklinik gehen, mit dem einzigen Zweck, eine In-Vitro-Fertilisation mit Selektion der Embryos durchzufĂŒhren: sie können sogar einige Eigenschaften wĂ€hlen, wie das Geschlecht und die Augenfarbe.

Die wichtige VerĂ€nderung in der französischen Gesetzgebung und ein Blick auf andere LĂ€nder veranschaulichen den globalen Trend in Richtung einer verallgemeinerten kĂŒnstlichen Reproduktion des Menschen.

Freiwillige UnterwĂŒrfigkeit

Eugenik hat nicht das Gesicht eines Diktators, sie wird nicht erzwungen, sie trÀgt das Gewandt der freien Entscheidung. Die demokratische und fortschrittliche Linke treibt sie bereits mit der Rhetorik von Prophylaxe, Gesundheit, Zugang aller zu Technologien, Freiheit, Selbstbestimmung und Anti-Diskriminierung voran. Eine demokratische und konsensbasierte Eugenik.

Gesundheitsprobleme werden als Hebel benutzt, um In-Vitro-Fertilisation und PrĂ€implantationsdiagnostik anzupreisen und sie sozial zu etablieren. TatsĂ€chlich ist es eine Art von Erpressung mögliche genetische Krankheiten des zukĂŒnftigen Kindes aufzubringen oder eine stĂ€ndig sinkende Fruchtbarkeit, besonders aufgrund von Pestiziden, Mikroplastik und elektromagnetischen Wellen.

PrĂ€implantationsdiagnostik wird als notwendig dargestellt um schwerwiegende Krankheiten zu vermeiden, wĂ€hrend sie tatsĂ€chlich die TĂŒren fĂŒr eine flĂ€chendeckende Eugenik öffnet. Von einer genetischen Selektion zur nĂ€chsten, in Richtung eines auf Bestellung hergestellten Kindes, all das hinter der Maskerade bester Intentionen versteckt. Von Paaren mit Fruchtbarkeitsproblemen zu fruchtbaren Paaren mit Problemen aufgrund von genetisch vererbbaren Krankheiten wird Reproduktionsmedizin Schritt fĂŒr Schritt ohne Grenze auf alle ausgeweitet, indem die Rhetorik der Anti-Diskriminierung gebraucht wird und natĂŒrlich jedem erlaubt wird, auf sie zuzugreifen: Das techno-industrielle System stellt sich selbst als Verfechter der Gleichheit dar.

„Das ‚Recht ein Kind zu bekommen‘ fĂŒr Menschen mit biologischer Unfruchtbarkeit oder aufgrund der chemischen und industriellen Vergiftung der Umwelt, fĂŒr Single-Frauen oder gleichgeschlechtliche Paare wird heute als ein Vorwand gebraucht, die kĂŒnstliche Reproduktion zu generalisieren und dient den PlĂ€nen und Prozessen von eugenischen und transhumanistischen Wissenschaftler*innen, indem es zur neuen Norm wird.“ [4]

Es gibt eine Mutter, die ihren Uterus verleiht, eine genetische Mutter, die ihre Eizellen verkauft und eine Kunden-Mutter: Die Grenzen des Konzepts der Mutter werden ausgeweitet, um es undefinierbar und folglich absolut bedeutungslos zu machen. Wenn alle MĂŒtter sein können, dann ist es niemand mehr.

Mit der „vorsĂ€tzlichen Mutter“, den „vorsĂ€tzlichen Eltern“, dem „Elternschaftsplan“ und der „AbsichtserklĂ€rung“ hat der Mensch keine Herkunft, er wird auf die eugenische Vereinigung von Eizelle und Spermium reduziert, aus dem narrzistischen und selbstsĂŒchtigen Wunsch nach einem Kind zu jedem Preis eines Konsumenten, der es in manchen LĂ€ndern bereits auf Bestellung nach seinem Geschmack produzieren lassen und durch die Auswahl bestimmter Eigenschaften programmieren kann.

Die Linke und ein großer Teil der LGBT*QIAAP-Bewegung haben die Werte des Bio-Marktes, in dem alles, inklusive des Körpers, eine Ware ist, ĂŒbernommen und sie unterstĂŒtzen Leihmutterschaft und Reproduktionsmedizin mit der Rhetorik der Freiheit und Selbstbestimmung. Allerdings ist die kĂŒnstliche Reproduktion des Menschen nicht wirklich Gleichheit fĂŒr Minderheiten. Was sie eigentlich ist, ist die Unterwerfung aller unter das techno-wissenschaftliche System und „Reproduktionsmedizin fĂŒr alle“ ist kein Slogan der Emanzipation, es ist die Zukunft zu der wir verdammt sein mögen. Reproduktive Freiheit kann uns nicht durch Laboratorien gebracht werden. Wie jedes Wesen, das in diesen RĂ€umen entworfen und neu-designed wurde, ist was immer dabei herauskommt etwas anderes. Wir werden geboren, nicht hergestellt und wir werden von Frauen geboren.

Reproduktionsmedizin: Der Pfad des Transhumanismus

KĂŒnstliche Reproduktion basiert darauf den reproduktiven Prozess herunterzubrechen und in Abschnitte zu zerlegen. Diese Fragmentierung beinhaltet die Eizelle einer Frau zu nehmen und sie einer anderen einzusetzen, als ob sie etwas Austauschbares wĂ€re, und dabei einen Teil des Reproduktionsprozesses, der nicht lĂ€nger im Körper der Frau stattfindet, sondern auf einem ObjekttrĂ€ger und in einem Reagenzglas, in die HĂ€nde der Techniker*innen zu legen. Der Augenblick der Befruchtung wird zu einem technischen Vorgang in einem Laboratorium und „Reproduktion wird zur Produktion des Lebendigen, inklusive all der Instrumentalisierung, die das mit sich bringt“. [5] In der Logik der kĂŒnstlichen Reproduktion werden MĂ€nner und Frauen zu bloßen Lieferant*innen von Keimzellen reduziert, die ausgewĂ€hlt, manipuliert und ersetzt werden können. Ebenso wie der Mann und die Frau ersetzt und folglich eliminiert werden können, wenn wir an die Erforschung kĂŒnstlicher GebĂ€rmuttern denken. Der Embryo wird zu einem „Produkt“ und ein „Produkt“ kann jeder Art von Experiment unterzogen werden und muss so gut wie irgendwie möglich, defektfrei sein.

Reproduktionsmedizin ist das trojanische Pferd des Transhumanismus, weil sie die Möglichkeit kĂŒnstlicher Reproduktion fĂŒr alle eröffnet und die logische Konsequenz dessen die bestĂ€ndige Verbesserung des „Produkts“ sein wird.

Transhumanistische Projekte begannen in Forschungszentren zu Tierklonung, mit dem Ziel die natĂŒrliche Evolution mit einer kĂŒnstlichen Evolution zu ersetzen. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Menschen sind Menschen von Geburt an zur Ware geworden, einem Produkt der Körperschaft des Lebens und der Gentechnik, bloß zu einer eugenischen Montage und einem genetischen Code, der modifiziert und redesigned werden kann.

Bisher gibt es keine genetisch modifizierten Kinder, aber in China wurde die Schwelle der verĂ€nderten Babys ĂŒberschritten und es gibt kein ZurĂŒck, nachdem eine solche Grenze ĂŒberschritten wurde. In der Zwischenzeit wird die Idee verbreitet, dass es vorzuziehen wĂ€re, die Reproduktion den Techniker*innen und der Technologie zu ĂŒberlassen, dass die zukĂŒnftige Tochter eine besser genetische Ausstattung bekommen solle, als sie von ihren Keimzellenspender*innen bekommen könnte.

Bereits im Jahr 2016, als eine Gruppe schwedischer Forscher*innen des Karolinska-Instituts in Stockholm das Genom gesunder menschlicher Embryos modifiziert haben, verkĂŒndeten Teile der Forschungsarbeit, dass der Zweck der Modifikation die „Verhinderung der Vererbbarkeit einer bestimmten genetischen Krankheit [sei]. SpĂ€ter kann man noch weiter gehen. [
] Es gibt keinen Grund das abzulehnen. Die Technik der ErbgutverĂ€nderung ist nicht an sich unmoralisch, tatsĂ€chlich besitzt sie das Potenzial eine alternative Strategie fĂŒr Eltern zu werden, um eine grĂ¶ĂŸere Bandbreite an Zielen zu erreichen“.

Ein fundamentaler Schritt in diese Richtung war die ErklĂ€rung des britischen Bioethik-Ausschusses [6] von 2018, in der er erklĂ€rte, dass „der Einsatz von vererbbaren Interventionen der GenverĂ€nderung ethisch völlig vertretbar [sei]“.

Die Botschaft ist eindeutig: Es gibt keinen gĂŒltigen ethischen Grund, um in einer nicht allzu fernen Zukunft die Hypothese auszuschließen, dass der genetische Code des Menschen verĂ€ndert werden darf. Der Weg dorthin ist nur allzu offensichtlich: Freie Fahrt fĂŒr die Forschung, grĂŒnes Licht von den verschiedenen Bioethik- und Sicherheits-AusschĂŒssen und -Körperschaften, Legalisierung dessen und Anwendung am Menschen. Der Schritt hin zum Menschen war von außen betrachtet offensichtlich von dem Moment an, als sie Dolly folterten.

Experimentelles zootechnisches Labor

Mit der neuen CRISPR/CAS-9-Gentechnik-Technologie wurden Genkorrekturen – GenverĂ€nderung – möglich. Diese Technologie wurde entwickelt, um GemĂŒse, Haus- und Labortiere zu verĂ€ndern, fĂŒr Gentherapien mit besonderem Augenmerk auf die mögliche Verwendung zur Modifizierung der menschlichen Keimbahn.

Es ist kein Zufall, dass genau der Forscher, der in Frankreich die Geburt des ersten Reagenzglasbabys zuwege gebracht hatte, vorher im Bereich der Zootechnik arbeitete, um die Milchproduktion von KĂŒhen zu erhöhen. Die Geschichte der Zootechnik sollte uns etwas lehren. Techniken der kĂŒnstlichen Befruchtung, hormonelle Manipulationen des Ovulationszyklus, Embryo-Verfahren, Kryokonservierung von Embryonen und Spermien wurden entwickelt um die Tiere im Hinblick auf ihr Wachstum und die Experimentierung mit ihnen tauglich zu machen, um sicherzustellen, dass sie bestimmte Eigenschaften besitzen. Eugenische Technologien setzten dann den Prozess fort, Tiere in Werkzeuge der Produktion zu verwandeln, in Produkte, in Testobjekte: der tierische Körper wurde zu einem austauschbaren Modell der Spezies. Zootechnik, „eine wahrhaft angewandte Wissenschaft, die darauf abzielt ‚einkommen-produzierende‘ Tiere fĂŒr das moderne Massenproduktionssystem zu erzeugen“ [7] wurde zu einem massiven Laborversuch und die wichtigsten Errungenschaften der Transgenetik und des Klonens stammen daher.

Die Propaganda der GenverÀnderung hat bereits begonnen

Da man bereits dank besserer Selektion einen Embryo aussuchen kann und andere Eigenschaften wie Geschlecht oder Augenfarbe wĂ€hlen kann, warum sollte man, wenn es möglich wĂ€re, diese herzustellen, nicht auch Gene hinzufĂŒgen, um ihn zu „verbessern“? Und warum sollte man nicht allen erlauben, davon Gebrauch zu machen? Es wĂ€re doch diskriminierend, wenn es nur den TrĂ€ger*innen genetischer Krankheiten erlaubt wĂ€re, den Embryo auszuwĂ€hlen oder ihn sogar genetisch zu verĂ€ndern! Ausgehend von der Reproduktionsmedizin fĂŒr alle, entstĂŒnde der Ruf nach genetischer Modifikation fĂŒr alle! FĂŒr die Gleichheit der Gesunden und der Kranken, der Homosexuellen und Heterosexuellen, von Frauen und MĂ€nnern! Und unter dem Vorwand der Diskriminierung wĂŒrde jede*r, die*der die genetische VerĂ€nderung von Embryonen – sowie Leihmutterschaft und Reproduktionsmedizin – kritisiert beschuldigt werden, ReaktionĂ€r*in zu sein.

Welches Kriterium wird bestimmen, welche Krankheit oder welche angebliche Krankheit zu den FĂ€llen gehört, fĂŒr die genetische Modifikationen festgelegt sind? Wie weit wird das medikalisierte Spektrum reichen, das Launen oder bloße Störungen betrachtet, als wĂ€ren sie Krankheiten, denen pharmazeutische und genetische Beachtung geschenkt werden mĂŒsse? Es wird mit schwerwiegenden Pathologien anfangen, aber diese Technologien lassen viel mehr zu, werden sie auf diese beschrĂ€nkt bleiben? Die Propaganda mit ihrer Rhetorik der Diskriminierung und Gleichheit wird die Tore fĂŒr Genmanipulationen fĂŒr Alle öffnen. Was das Thema der Genetik mit Eingriffen in die Keimlinie angeht, wo wird die Grenze zwischen therapeutischer Genetik und „Verbesserungen“ gezogen werden? Zuerst wird diese Grenze das finanzielle Vermögen sein: „Verbesserungen“ erhalten diejenigen, die sie sich leisten können, aber das wird nicht zu einem biologischen Klassenkampf fĂŒhren – diese Technologien werden schnell verfĂŒgbar werden. Die Frage wird nicht lĂ€nger der Unterschied zwischen Therapie und Verbesserung des menschlichen Genoms sein, da die Verbesserung etwas gegebenes sein wird. Wenn eine zunehmende Anzahl an Menschen sich auf Reproduktionsmedizin und spĂ€ter genetischen VerĂ€nderungen einlĂ€sst, wird es schwer, wenn nicht unmöglich sein, sich ihrer zu verweigern: Der soziale Druck wird zu stark sein.

Ein sozialer Konsens und eine soziale Akzeptanz sind fĂŒr alle Entwicklungen der techno-wissenschaften notwendig. Konsens wird stets durch Versprechen, SehnsĂŒchte, Ängste, Gesundheitsrisiken und Sicherheit erzeugt. Diese Propaganda hat bereits begonnen: Der transhumanistische Forscher Giuseppe Testa beschreibt in einer Vorlesung zu GenverĂ€nderungen die grĂ¶ĂŸte Studie zur Architektur der menschlichen Intelligenz, in der 78.000 Individuen miteinander verglichen wurden und in der den Forschern zufolge zwischen 30 bis 40 verschiedene Gene als zur Intelligenz beitragend identifiziert wurden: „Sagen sie, dass diejenigen, die diese besitzen cleverer wĂ€ren? Nein, aber sie könnten etwas beitragen. Wir machen so viele Dinge und wir lassen unsere Kinder so viele Dinge machen, ohne dass wir uns darĂŒber im Klaren wĂ€ren, was wir da tun; es ist eine Chance, sie sind Optionen auf dem Spieltisch, sollten wir auch diese Karte ausspielen? Vielleicht kann man alle vierzig dieser Varianten verĂ€ndern, wenn man fĂŒnftausend Euro mehr ausgibt; garantiert dir das, dass das Kind intelligenter sein wird? Nein, aber selbst wenn du das Kind auf eine Eliteschule schickst hast du keine Garantie dafĂŒr und wenn du reich bist, kannst du vielleicht beides tun.“

Metamorphose

Es findet ein Wandel statt, der so tiefgreifend ist, dass er den Charakter einer Metamorphose hat. Metamorphose ist etwas grundverschiedenes zu einem Wandel. WÀhrend eines Wandels Àndern sich einige Dinge, andere jedoch bleiben gleich, wÀhrend eine Metamorphose eine totale und radikale Transformation ist, die alles betrifft, was den Menschen und alles lebendige ausmacht. Diese Metamorphose wird unumkehrbar sein, wenn sie erst einmal abgeschlossen ist.

Was passiert ist eine anthropologische Metamorphose des Menschen. In der Maschinenwelt, die errichtet wird, wird das Individuum zunehmend angepasst sein – ein Maschinen-Mensch in einer Maschinen-Welt. Das techno-wissenschaftliche System macht einen Menschen erforderlich, der so anpassbar und formbar wie nur möglich ist: Deshalb ist es sein Ziel IdentitĂ€t, Werte, Referenzpunkte, Erinnerungen an die Vergangenheit, solide Bande der Gemeinschaft und Familie zu zerstören. Ein neutrales Individuum fĂŒr ein neues anthropologisches Modell, ein Individuum ohne IdentitĂ€t, Erinnerung, Werte, SolidaritĂ€tsbande zwischen Gemeinschaft und familiĂ€re SolidaritĂ€tsbande ist ein leeres, fragiles Individuum ohne jede Aussicht, ohne Vergangenheit und Zukunft, nur ein ewiges PrĂ€sens, das leicht mit SehnsĂŒchten und BedĂŒrfnissen gefĂŒllt werden kann, die perfekt mit dem Bio-Markt und dem Transhumanismus ĂŒbereinstimmen.

Ein nie endender Drang nach Selbstperfektionierung, nach neuen Leistungen jedweder Art, der niemals ausgeht oder endet: Neue BedĂŒrfnisse werden unablĂ€ssig geschaffen und Produkte oder Prozesse mit denen sie befriedigt werden können werden immer zur VerfĂŒgung gestellt werden. Wenn der Körper selbst zu einer Ware wird, verĂ€ndert sich alles, weil der Fetisch einer gewĂ€hlten Freiheit sich in etwas vorausgewĂ€hltes verwandelt, alles beginnt mit dem Individuum, das seinen neuen KĂ€fig der Ausbeutung und Selbstausbeutung erbauen kann. Die Leistungslogik basiert nicht auf Pflicht und Auferlegung, sondern auf Selbstzwang, der besser funktioniert als Zwang von außen und auf der Macht des Individuums, das zu seinem eigenen Unternehmer wird.

Der Körper selbst, in seiner materiellen RealitÀt, wird fluide, unterschiedslos, protetisch, porös, grenzenlos, formbar und unendlich manipulierbar. Sich selbst von seinem Körper zu befreien ist die Krönung des Transhumanismus.

Lasst uns stattdessen eindeutig die Linie bewahren, die das organische von dem anorganischen trennt, elektronische Schaltkreise von Nervensystemen, das Leben vom Tod, die Natur vom KĂŒnstlichen. Das Leben kann nicht hergestellt werden, Craig Venters kĂŒnstliche Bakterien wurden nicht aus Nichts hergestellt. Das lebendige wird geboren, entflieht, pocht, schlĂŒpft, bewegt sich und wird niemals vollstĂ€ndig kontrollierbar sein. Das Leben und folglich auch Körper, der Körper, reprĂ€sentiert das Hinderniss fĂŒr die absolute Herrschaft der Technologie. Lasst uns mit der UnverfĂŒgbarkeit von Körpern und des Lebendigen beginnen.

Die Zeit zu kÀmpfen ist jetzt

Wenn die irreversiblen Katastrophen genverĂ€nderter Kinder in Erscheinung treten, werden wir dann in der Lage sein, sie als das zu erkennen, was sie reprĂ€sentieren? Es wird nicht nur Tragödien hinischtlich der Gesundheit von Individuen geben, sondern wahrhafte Katastrophen, die die Gesellschaft als Ganzes treffen werden, weil sie die Welt um uns herum verĂ€ndern werden. Wenn die Menschen dem techno-wissenschaftlichen System nicht nur die Verwaltung ihrer Gesundheit gewĂ€hren werden, sondern auch die totale Verwaltung jedes ihrer Lebensbereiche, ihrer Körper und ihrer Fortpflanzung, dann wird es schwer sein, eine Kritik zu ĂŒben, die nicht als verrĂŒckt betrachtet werden wird, weil wir dann das bekĂ€mpfen werden, was als normal begriffen und gelebt werden wird. Von dem Moment an, in dem techno-wissenschaftliche Entwicklung möglich wird, wird eine Praktik akzeptabel, schlicht weil sie machbar ist: Was zuvor undenkbar und inakzeptabel war, wird zum Normal.

Das techno-wissenschaftliche Paradigma erfordert die Möglichkeit der Ersetzung oder kĂŒnstlichen Neuerschaffung des Rohmaterials, das das System aus unseren Körpern gewinnt, aus den Körpern anderer Tiere und von ganzen natĂŒrlichen Ökosystemen, das es die ganze Zeit benötigt. Eine Nachbildung, um mit der Begrenztheit und der Zerstörung des Lebendigen fertig zu werden. Allerdings impliziert die synthetische Ära nicht nur ein radikales Neudesign der Welt um uns herum, sie bedeutet auch ein dramatisches Neudesign von uns selbst. Der Mensch ist der ultimative Zweck des kybernetischen und transhumanistischen Projekts.

Der kommodifizierte Mensch wird zur menschlichen Ware. Der Mensch im Zeitalter seiner technologischen Reproduzierbarkeit wird als Ware geboren, die bereits von der Lebens- und Gentech-Industrie hergestellt wird. Er ist nicht lÀnger kommodifizierbar, weil er bereits von Geburt an, eine Ware ist.

Um eine Gegenhaltung zu entwickeln mĂŒssen wir zuerst eine Ware erkennen; aber wie sollen wir das zun, wie sollen wir eine technologische Invasion von Körpern bemerken, eine genetische Manipulation, wenn diese das Leben bereits von seinen ersten Augenblicken an ausmachen? Eine neue Norm wird das zur NormalitĂ€t machen, was vom Leben am weitesten entfernt ist, von seinen Unbestimmtheiten, Grenzen, von seinem Unerwarteten.

Wenn wir in einer Maschinenwelt geboren werden, wenn die Natur nachgeahmt und technisiert wird, wird selbst die notwendige Basis fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Möglichkeit einer anderen Welt verloren gegangen sein. Der Transhumanist Bostrom sagt: „Zu den wichtigsten möglichen Entwicklungen gehören die, die uns in die Lage versetzen unsere Biologie direkt mit technologischen Mitteln zu verĂ€ndern. Solche Interventionen können uns grundlegender beeintrĂ€chtigen, als die VerĂ€nderung von Vorstellungen, Angewohnheiten, der Kultur und der Bildung.“ [8]

Wenn wir wollen, dass unsere Handlungen die Gegenwart beeinflussen, mĂŒssen wir PrioritĂ€ten setzen, tief in uns den Drang verspĂŒren zu handeln. Aber um zu handeln brauchen wir ein sorgfĂ€ltiges und klares VerstĂ€ndnis der RealitĂ€t um uns herum. Wir mĂŒssen die VerĂ€nderungen, die um uns herum geschehen verstehen, um einen flĂŒchtigen Blick auf die Richtung zu erhasschen, in die sich die Macht bewegt, bevor sie vollstĂ€ndig abgeschlossen sind. Wir mĂŒssen uns fragen, wohin sich diese Richtungen verdichten und worauf sie abzielen. Eine Analyse der Gegenwart mit einem Auge auf die Zukunft gerichtet, die nĂ€her und nĂ€her rĂŒckt, ist essentiell, wenn wir den Pfad verstehen wollen, den wir einschlagen mĂŒssen. Wenn wir uns nicht jetzt gegen das System wenden, auf seinem eigenen Terrain, werden wir bald plötzlich erwachen, wenn wir der harten RealitĂ€t einer Zukunft ins Auge blicken, von der wir gedacht hatten, dass sie noch in weiter Ferne liege, die aber tatsĂ€chlich zur Gegenwart geworden ist. Die Zeit, zu beginnen diese Prozesse zu bekĂ€mpfen ist jetzt.

MĂ€rz 2020

Resistenze al nanomondo

www.resistenzealnanomondo.org


[1] Nuffield Council on Bioethics, im Dokument Genome editing and human reproduction: social and ethical issues, http://nuffieldbioethics.org/wp-content/uploads/Genome-editing-and-human-reproduction-short-guide-website.pdf

[2] 2007 erlaubte die Britische Behörde fĂŒr ART den Zugriff auf PrĂ€implantationsdiagnostik, um die Geburt von schielĂ€ugigen Kindern zu verhindern.

[3] Guerini Silvia, Considerazioni intorno alla nuova legge francese di bioetica, https://www.resistenzealnanomondo.org/necrotecnologie/biotecnologie/considerazioni-intorno-alla-nuova-legge-francese-di-bioetica-e-aperta-la-strada-alla-riproduzione-artificiale-dellumano-contro-leugenetica-e-lantropocidio-riaffermiamo-con-forza-lindisponib-2/,
PiĂšces et main d’Ɠuvre, Alertez les bĂ©bĂ©s ! Objections aux progrĂšs de l’eugĂ©nisme et de l’artificialisation de l’espĂšce humaine, http://www.piecesetmaindoeuvre.com/spip.php?page=resume&id_article=1191

[4] Against eugenics and anthropocide. AN APPEAL TO ABOLISH ANY ARTIFICIAL REPRODUCTION OF THE HUMAN BEING, https://www.resistenzealnanomondo.org/necrotecnologie/against-eugenics-and-anthropocide-an-appeal-to-abolish-any-artificial-reproduction-of-the-human-being-2/; http://www.piecesetmaindoeuvre.com/spip.php?page=resume&id_article=1200

[5] Collins Françoise, La fabrication des humains, PersĂ©e, 1987

[6] Nuffield Council on Bioethics, im Dokument Genome editing and human reproduction: social and ethical issues, http://nuffieldbioethics.org/wp-content/uploads/Genome-editing-and-human-reproduction-short-guide-website.pdf

[7] Pivetti Cristiana, Dall’addomesticamento alla manipolazione e riproduzione dei corpi animali,in Meccanici i miei occhi, nati in laboratorio, dall’utero in affitto alla manipolazione genetica, Ortica edizioni, 2019.

[8] N. Bostrom, The Future of Humanity, in New Waves in Philosophy of Technology, ed. J.B. Olsen & E. Selinger, http://www.nickbostrom.com/papers/future.pdf


[Übersetzung aus dem Englischen: The Artificial Reproduction of the Human: the Road of Transhumanismvon Resistenze al nanomondo in 325 #12]

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Quelle: Schwarzerpfeil.de