November 16, 2021
Von Contraste
277 ansichten


Plakate sind Medien fĂŒr den öffentlichen Raum, »spezielle Medien fĂŒr Meinungen und Botschaften und in Zeiten gelĂ€ufiger, in denen besonders gestritten wird«, notiert Martin Stankowski in der EinfĂŒhrung zur Ausstellung »AnSchlĂ€ge. FĂŒnf Jahrzehnte politische Plakate in Köln«. Ein Besuch.

Wolfgang Hippe, Köln

Ein Plakat ist »kostenlos zu lesen und erreicht viele. Es ist einfach herzustellen und meinungsstark«. Und es kann problemlos an »BauzĂ€unen, HĂ€userwĂ€nden, BahnunterfĂŒhrungen oder LitfaßsĂ€ulen« platziert werden, auch wenn das Ankleben da und dort eine Verfolgung wegen »SachbeschĂ€digung« nach sich ziehen könnte (und kann). Das ist die einfache Version. Vor Gericht gestritten wurde und wird auch schon mal ĂŒber die plakative Botschaft, was mit zusĂ€tzlicher PublizitĂ€t verbunden ist. Aktuelle Beispiele dafĂŒr gibt es zuhauf.

Eine in der Ausstellung weiter prĂ€sente (historische) Variante des Plakats ist die »Wandzeitung«, mit der etwa FlugblĂ€tter in großem Format reproduziert und verklebt wurden. Daneben haben auch andere Medien fĂŒr die damals so genannte »Gegenöffentlichkeit« im Sinne der Initiativen gesorgt: das »Kölner Volksblatt« (Start: 1973) oder das Videomagazin »Kölner Wochenschau« (Start: 1976 als »erstes politisches Videoformat der Bundesrepublik«). Aus dem Redaktionsarchiv des Volksblattes entstand schließlich das KölnArchiv, das Materialien der politischen und sozialen Bewegungen der Stadt zusammenfĂŒhrte und aus dessen Bestand als Basis die Ausstellung entwickelt wurde.

Titelseite des Kölner VolksBlatts vom Januar 1976. Das Blatt wurde von den vielen BĂŒrger­
initiativen monatlich als Blatt »von unten« herausgegeben, um darĂŒber zu informieren, was
in der damaligen Presselandschaft nicht zu finden war. Die alternative Zeitung erschien von
1974 bis Ende der 90er Jahre. Montage: Gernot Huber

Eines der ĂŒbergreifenden Themen ist die Gestaltung der Plakate selbst, Fragen der Typografie, der prĂ€zise Umgang mit wenig Text und der Einsatz von Fotos. Im »Volksblatt« waren »Fotoseiten« Teil des redaktionellen Konzepts, eben weil »Fotos und Bilder immer ein zentrales Medium der öffentlichen Kommunikation« seien, so Stankowski. Volksblatt, Wochenschau und Plakatproduktion waren personell eng verbunden, Zentrum dabei der alternative DruckBetrieb in Köln-Niehl.

Visualisierte Geschichte

In den 1970er Jahren galt Köln als ein Hotspot der »Alternativbewegung« mit einer Vielzahl von Initiativen, die sich in Sachen Gegenöffentlichkeit (»Enteignet Springer«), Stadtteil­arbeit, Hausbesetzungen und dem Kampf gegen Obdachlosigkeit engagierten, die ZustĂ€nde in der Psychiatrie kritisierten oder in der Frauenbewegung, dem Kampf gegen Krieg fĂŒr Frieden, dem Einsatz fĂŒr einen »kritischen Katholizismus« oder in der Ökologie-Bewegung aktiv waren.

Die Ausstellung gliedert sich entsprechend. Neben der Vorstellung der Macher (Druckbetrieb, Zeitung, Grafiker, Fotografen) werden in zwölf Abteilungen die einschlĂ€gigen Themen prĂ€sentiert – unsentimental und treffsicher. Mit dem Slogan »Es geht ums Geld und nicht ums Leben« wird etwa das Thema Abtreibung aufgenommen: der Ȥ 218« wird auf einer GeldmĂŒnze vorgestellt: »Geld fĂŒr Ärzte. Arbeitskraft fĂŒr Unternehmer. Futter fĂŒr Kanonen.« Geld regnet es auch im wahrsten Sinne des Wortes bei den »GeldAnschlĂ€gen«. In hoher Auflage wurden verschiedene imitierte »1.000 DM«-Scheine gedruckt und etwa als »Muelheimer Sanierungsgeld« ausgegeben.

Breiten Raum nimmt die Dokumentation der AktivitĂ€ten der Sozialistischen Selbsthilfe Köln (SSK) und der Sozialistischen Selbsthilfe (Köln-) MĂŒlheim SSM ein. »Kaum eine Initiative, kaum ein Projekt in Köln hat eine so reiche Geschichte« wie diese Gruppen: »Die Aktionen von SSK/SSM wurden immer und von Anfang an öffentlich erklĂ€rt, begrĂŒndet, es wurde um UnterstĂŒtzung gebeten und im Clinch mit Behörden, Polizei, Hausbesitzern oder Gerichten wurde ĂŒber die Forderungen und Strategien informiert. Plakate wurden zum zentralen Medium«, so dass ĂŒber die Jahre ein »GesamtausstoĂŸÂ« von mehr als 300 verschiedenen Plakaten erreicht wurde – so im Ausstellungskatalog nachzulesen. Die Plakate spiegeln die AktivitĂ€ten und Kampagnen gegen Heimerziehung und Psychi­­­­atrie, gegen Obdachlosigkeit und Wohnungsnot. Zum Kampf gegen LeerstĂ€nde und Abrisse gehörten auch die »Aufdeckung von Spekulation, Kritik an Banken und Versicherungen, die daran beteiligt waren«.

Plakate waren dabei fĂŒr die Herstellung von Öffentlichkeit von zentraler Bedeutung. Sie informierten direkt vor Ort und funktionierten fast wie die »Sozialen Medien« heute: »Oft wurden sie ĂŒber Nacht hergestellt und schon im Morgengrauen geklebt.«

Fotos dokumentierten dazu die Aktion, etwa als SSK/SSM die Stadt Köln ĂŒber leerstehenden Wohnraum informierte und die Stadt wegen »fehlendem Personal« nicht reagierte. In einem besetzten Haus wurde sofort ein »BeschwerdebĂŒro« zur UnterstĂŒtzung der Verwaltung eingerichtet.

Ein Hauch von Satire umwehte 1976 auch die Kampagne gegen den Bau des Museums Ludwig neben dem Dom – nicht wegen der Kunst, sondern wegen der Kosten. Man bot dem Stadtrat dazu eine eigene »Kunstschenkung« an und eröffnete als Alternative das »Neue Museum Ludwig« in einer leerstehenden Schule.

Aber auch Positives wurde sofort vermeldet, etwa, als man nach 13 Jahren Besetzung einen Mietvertrag mit der Stadt, der EigentĂŒmerin des GebĂ€udes, abschließen konnte.

Kunst, Symbolik, Agitprop

Wenn denn »die Straße« oder »der öffentliche Raum« NĂ€hrboden und WirkungsstĂ€tte des politischen Plakates ist und es »aus diesem Paradies« nicht vertrieben werden darf, wie Louis F. Peters als »Sammler der politischen Plakatkunst im Umfeld des Pariser Mai ÂŽ68« im Ausstellungskatalog vermerkt, bleibt die Frage, was die QualitĂ€t von Plakaten in heutigen digitalen Zeiten ausmacht. Ohne Zweifel ist der analoge Raum auch heute noch von Bedeutung. Bilder oder Plakate können Aufmerksamkeit erringen und dabei auf Informationen hinweisen, vielleicht Denkprozesse anstoßen, mehr noch: »Hier geht es nicht nur um bloße AufklĂ€rung und Meinungsvermittlung, und es muss ĂŒberzeugt und mitgerissen werden«, so Peters. Dazu gehört eine gewisse spielerische KreativitĂ€t ebenso wie eine gewisse Distanz zu kommerziellen Angeboten. Gefragt ist ein »Ideenschmuggel«, denn, so wiederum Martin Stankowski im Katalog zusammenfassend: »Das Medium ist nicht die Botschaft, sondern fĂŒgt sich der Botschaft, der Absicht und dem Nutzer.« Es gilt also, genau hinzusehen.

Die Ausstellung »AnSchlÀge. 5 Jahrzehnte politische Plakate in Köln« ist vom 31. Oktober bis 24. November 2021 jeweils mittwochs und freitags von 17 bis 19 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Ort: KunstrÀume Horbach, Wormser Str. 23, 50677 Köln

Der Katalog zur Ausstellung: Jochen und Martin Stankowski »AnschlÀge. Plakate aus 5 Jahrzehnten« ist im Verlag der Buchhandlung Walther König in Köln erschienen.


Titelbild: Der Klebetrupp des Kölner-SSK macht öffentlich: Das neu geplante »Museum Ludwig« kostet Millionen DM, wÀhrend das Soziale darniederliegt. Foto: Gernot Huber




Quelle: Contraste.org