April 23, 2022
Von Revista BUNA
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Im GesprÀch mit Christian Asbach und KÀptn Rummelsnuff

Interview Martin Veith

Christian Asbach, KĂ€ptn Rummelsnuff und Bernd Butz am 20. August 2021 in Bremen. Foto: Martin Veith

Mit derber Strommusik und ausdrucksvollem Gesang ziehen seit einigen Jahren die SĂ€nger, Musiker und Komponisten Christian Asbach und KĂ€ptn Rummelsnuff durch die Lande. Bei Konzerten und bei einigen StĂŒcken werden sie dabei manchmal von weiteren Musikern und SĂ€ngern unterstĂŒtzt. Das musikalische Repertoire ist dabei so vielfĂ€ltig wie das Leben. Ernste Lieder wechseln sich mit besinnlichen und lustigen StĂŒcken ab. Beide MĂ€nner sind zudem aktive Kraftsportler und „pumpen“ mit Gewichten. Diese Leidenschaft findet sich in einigen Liedtexten wider und zeigt sich zudem in zahlreichen Videoclips. Angeregt durch ihr großartiges StĂŒck „Salutare“ wurden wir auf die Beziehung der beiden zu RumĂ€nien aufmerksam und sprachen mit ihnen ĂŒber ihre EindrĂŒcke, Erfahrungen und Beziehungen dorthin, sowie ĂŒber ihre Musik, die in der Redaktion der BUNĂ leidenschaftlich gern gehört wird.

BUNĂ: Lieber Rummelsnuff. Du bist in der DDR aufgewachsen und hast dort angefangen Musik zu machen. In einem Interview aus dem Jahr 2012 hast du berichtet, dass du im Alter von zwanzig Jahren und damit noch zu DDR-Zeiten nach RumĂ€nien gefahren bist. Da herrschte noch Nicolai Ceaușescu und fĂŒr die einheimische Bevölkerung mangelte es an vielem. Was waren deine EindrĂŒcke dort? Du hast von einem „merkwĂŒrdigen Land damals“ gesprochen. Wo warst du? Und bist du seit damals einmal wieder dort gewesen? Verfolgst du heute noch, was in RumĂ€nien geschieht?

KĂ€ptn Rummelsnuff: Wir Buben aus Großenhain und Umgebung sind in den Achtzigern soviel wie möglich verreist. RumĂ€nien stand öfter mal auf der Liste. Ein Visum war relativ einfach zu bekommen.  Zuletzt waren wir 1989 zu viert im Trabant in Oradea, wo einer der Kumpels zuvor ein ungarischrumĂ€nisches FrĂ€ulein kennengelernt hatte. Wir kamen mit reichlich Proviant an. Die Freundin des Kumpels und ihre Freunde von beiderlei NationalitĂ€t, nĂ€mlich RumĂ€nen und Ungarn, ĂŒbernahmen dann das Verticken der heißen Ware, die da war: Pfeffer, Kaugummi, Menthol Zigaretten, diverse weitere Dinge des tĂ€glichen Bedarfs. Auf den MĂ€rkten herrschte grĂ¶ĂŸter Andrang, selbst Kinder winkten mit dicken LeibĂŒndeln. Von dem Geld wurde vorzĂŒglichster Wein in großen Mengen erstanden, Weißbrot und ein paar weitere Lebensmittel. Viel von Letzterem hatte der Diktator seinem Volke und uns, seinen GĂ€sten, nicht ĂŒbrig gelassen. Aber wieviel braucht man schon, wenn man jung ist 
 Mit dem vorzĂŒglichen Wein und den Lebensmitteln fuhr dann unsere bunt gemischte Truppe aus drei NationalitĂ€ten in mindestens vier Sprachen heiter kommunizierend hinauf in die Berge. Leider hatte sich seitdem keine weitere Gelegenheit zum Besuch dieses schönen Landes ergeben.

BUNĂ: Als KĂ€ptn hast du seit ein paar Jahren den Maat Christian Asbach an deiner Seite. Er ist ein großartiger SĂ€nger und bereichert deine Musik in wirklich vielfĂ€ltiger Weise. 2014 habt ihr das Gedicht des rumĂ€nischen Poeten Vasile Alecsandri „Primavară” („FrĂŒhling“) vertont. Wir haben dazu damals geschrieben: „Generationen von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern in RumĂ€nien wurden mit dessen Zeilen gefoltert und mussten die Verse auswendig lernen. Wieviel schöner ist es da, einen Teil der Verse nun in Form von Rummelsnuffs elektronischer Strommusik und gesungen von Christian Asbach zu Gehör zu bekommen“. Maat Asbach singt in einem so feinen und gefĂŒhlvollen RumĂ€nisch, dass einem das Herz erweicht. Wie seid ihr auf dieses StĂŒck gekommen? Und gibt es Überlegungen weitere rumĂ€nische Gedichte oder Verse zu vertonen?

KĂ€ptn Rummelsnuff: Der Maat schlug dem KĂ€pt’n dieses Gedicht, das er bei seinem Studium in RumĂ€nien aufgeschnappt hatte, zur Vertonung vor. Welch melodische Sprache. Sofort erblĂŒhte die Inspiration diese Sprachmelodie in eine musikalische zu verpacken. Wenig spĂ€ter entschieden wir uns auf einer Kalifornienreise spontan fĂŒr die Verfilmung dieses Liedes von Rummelsnuff, Asbach und Alecsandri, und zwar in der liebevoll geremixten Version der Florenzer Kollegen Pankow. Gern wĂŒrde der KĂ€pt’n wieder mal mit dieser Sprache „operieren“. Bittet Ihr mal den Maat um neue Lyrik? Er versteht immer noch sehr gut RumĂ€nisch.

BUNĂ: Lieber Christian Asbach; wie KĂ€ptn Rummelsnuff uns eben mitgeteilt hat, hast du in RumĂ€nien studiert. Das ist spannend. Wann und wo war das und was hast du studiert? Was waren deine EindrĂŒcke von RumĂ€nien? Und hast du das Land mal wieder besucht?

Christian Asbach: Seit 1996 hatte ich in Leipzig Kulturwissenschaften studiert, und ’98 wurde es langsam Zeit fĂŒr das obligate Auslandsjahr. Die meisten Studenten gingen nach Indien oder in die USA, mir schien RumĂ€nien viel spannender. RĂ€umlich viel nĂ€her, in der Wahrnehmung viel weiter als die â€žĂŒblichen VerdĂ€chtigen“, und durch die PrĂ€senz der finsteren DĂ€monen Dracula und Ceaușescu sowohl in der Fiktion als auch in der Historie dĂŒster umhĂŒllt. Außerdem hatte ich bei Professor Geier ein hervorragendes Seminar ĂŒber „Kulturgeschichte Ost-, Ostmittel- und SĂŒdosteuropas“ besucht, und kannte die groben historisch-politischen ZusammenhĂ€nge in der Region bis zum Schwarzen Meer.

ZunĂ€chst bin ich in den Semesterferien ohne Routen- und Zeitplan durch das Land gereist, per CFR (der Eisenbahn, Anm. BUNĂ) und Autostop. Einmal langsam von Oradea bis Constanța, und als ich dann wusste, dass ich mein Studienjahr hier gern absolvieren wollte, habe ich in Brașov drei Wochen lang in einem Monteursquartier gelebt, und tĂ€glich bei einer lokalen Romanistin die Sprache in den GrundzĂŒgen gelernt. Zum GlĂŒck bot die Uni Leipzig auch sehr solide RumĂ€nischkurse an, daher kam ich dann ein Jahr spĂ€ter sprachlich gut gerĂŒstet ins Land.

Örtlich fand ich Cluj-Napoca am interessantesten, aufgrund der vielfachen Ähnlichkeiten mit Leipzig. Fachlich habe ich mich fĂŒr die neugegrĂŒndete Facultatea de Studii Europene an der Universitatea Babeș-Bolyai entschieden – ein dynamisches „start-up“ mit RĂ€umen im grandiosen GebĂ€ude der Casa Universitarilor (ĂŒber die ich als Kunsthistoriker auch eine große Materialsammlung angelegt hab). Gelebt hab ich von einem Stipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) und der rumĂ€nischen Regierung, damit gab es ein Bett im AuslĂ€nderwohnheim, und eine Cetatenie temporeana, ich war also rumĂ€nischer StaatsbĂŒrger.

Mein Forschungsfeld war die Imagologie. Selbst- und Fremdbilder im wechselseitigen Spiegel zwischen Ost- und Westeuropa, Cluj und Leipzig. Wie wird RumĂ€nien in Deutschland beschrieben, wie wird Deutschland in RumĂ€nien beschrieben, wie werden gemeinsame europĂ€ische Themen wie z.b. der geplante Euro in den jeweiligen Medien beschrieben
. Interviews mit Politikern aller Parteien und Kirchen Klausenburgs (das ist der deutsche Name von Cluj-Napoca, Anm. BUNĂ) ĂŒber RumĂ€nien, Deutschland und Europa, Individualismus, Geschlechter, Geld
.  Teilnehmende Beobachtung als Deutscher in RumĂ€nien, Notizen zu meinen eigenen Reflektionen zwischen Stereotyp, Beobachtung, Voreingenommenheit, Statistik
.

30 Kilo Dokumentation: BĂŒcher, Zeitschriften, Doktorarbeiten, Zeitungsausschnitte, weit ĂŒber 100 Seiten Notizen ĂŒber Beschreibungsmodi, Skalenfragen (Nation, was ist das, Individuum, was ist das

), 40 Stunden Interviews 
 Und wo bin ich gelandet? In den traurigen Tropen der Beobachtung, verheddert in den Schlingpflanzen von „ich“ und „du“, zivilisatorischen Imperativen und kolonialer Denkungsart, politischer OpportunitĂ€t und rosaroter VerklĂ€rung, und der Ă€rgerliche stĂ€ndige blinde Fleck des Beobachters
 icke außerstande, daraus einen Fließtext herzustellen und disparates zu linearisieren. Menschen in der vergröbernden Vergruppung von LĂ€ndern oder Stadtbevölkerungen, sozialen „Schichten“ (?!) oder politischen „Richtungen“ (?!) beschreiben? Nein danke. Ist nicht ohne grobe Verletzungen der intellektuellen Redlichkeit durchzufĂŒhren. Und wird doch stĂ€ndig gemacht. Die mathematische Analysis behandelt auch gelegentlich die Unendlichkeit der Differenzen als null; ein Reifen, durch den ich noch nicht springen konnte.

Gheorge Funar (Ein Rechtsextremer, Anm. BUNĂ) war BĂŒrgermeister, aber den Paragraphen 200 (Der Paragraph 200 verbot homosexuelle Beziehungen. Viele homosexuelle MĂ€nner mussten in die rumĂ€nischen GefĂ€ngnisse. Das Gesetz wurde erst 2001 aufgehoben, Anm. BUNĂ) habe ich knapp verpasst. Die Luft war drĂŒckend, von der verbliebenen Schwerindustrie und der Ursus-Brauerei, und von der drĂ€ngenden frage „Incotro?“ („Wohin?“), kondensiert in der Arbeit der Casa Tranzit am Someș (ein Fluß der durch Ungarn und RumĂ€nien fließt, Anm. BUNĂ). Gebeugte MĂŒtterchen am Straßenrand, 20 Radieschen feilbietend. Jugendliche mit verdĂ€chtig klebrigem HĂ€ndedruck und stark geweiteten Pupillen
 ein beeindruckender Stoizismus im Umgang mit langen Schlangen und rationierten Warmwasserzeiten
 mir schien, als wĂŒrde das eigentliche Leben nur hinter den fast ĂŒberall fast immer streng licht- und blickdicht verhĂ€ngten Fenstern stattfinden. Und wann immer ich eingeladen war, an diesem Leben teilzunehmen, gab es zunĂ€chst eine lokale Țuica, und dann die WĂ€rme und Sicherheit der heiligen Gastfreundschaft vor dem Hintergrund einer abrasiven Außenwelt. Gospodaria și Prietenia. Das wĂ€ren nach meiner EinschĂ€tzung so die GegenstĂŒcke zur deutschen PĂŒnktlichkeit und GrĂŒndlichkeit. Womit ich die Vergröberung auf ihren unrĂŒhmlichen Höhepunkt gepeitscht hĂ€tte, kli/schee/max.

Nach dem Studienjahr 99/00 war ich nur noch einmal im Land, und zwar Sylvester 2007, als RumĂ€nien der EU beitrat. Der Moment war mir als Freund der Reisefreiheit besonders wichtig, und ich habe ihn in Bucur Obor mit meiner Freundin Maria Irod gefeiert. Die Übersetzerin von Elfriede Jelinek und Josef Winkler, und eine strenge Abweichlerin.

Letzte Woche hat sich mein lieber Lehrer und Freund Viorel Anastasoaie ins Hospiz verabschiedet. Sein Forschungsthema damals war die Kultur und Ökonomie lĂ€ndlicher WochenmĂ€rkte am Fuße der Munti Apuseni, wir hatten heitere Exkursionen. Er ist dann von Cluj weitergezogen als Menschenkundelehrer an die Sorbonne. Drum bun, prietene!

BUNĂ: Im RumĂ€nischen gibt es viele gefĂŒhlvolle Gedichte. Wie bist du auf „Primavară“ von Vasile Alecsandri gestoßen? Und gibt es vielleicht Überlegungen fĂŒr die Vertonung eines weiteren rumĂ€nischen StĂŒckes? 

Christian Asbach: KĂ€ptn Rummelsnuff hat ja selbst heitere Erinnerungen an RumĂ€nienreisen und prietenales (freundschaftliches, Anm. BUNĂ) Pumpen in Plattenbaukellern, da horchte er auf, dass ich rumĂ€nisch sprĂ€che, und bat um einen Textbeitrag.

Recht prosaisch bin ich dann ĂŒber eine Internet-Recherche auf das Gedicht „Salutare“ von Vasile Alecsandri gestoßen. Ich besitze keinerlei PoesiebĂ€nde, in keiner Sprache, timpit cum sunt (So, wie die Zeit ist/war, Anm. BUNĂ).

Die farbenfrohe Wortmalerei, die freudige Botschaft, der historische Zusammenhang mit dem Mărțișor (Mărțișor sind kleine Blumen oder Schleifen, die man zum FrĂŒhlingsbeginn gerne verschenkt und sich an die Kleidung heftet, Anm. BUNĂ) als Verbeugung vor FrĂŒhling und Geburt – außerdem ein musikalisches Versmaß. Der KĂ€ptn hat dazu eine Melodie komponiert, die meine Stimme nach oben und unten ausreizt, dem Flug der Schwalbe nicht unĂ€hnlich.

Es wĂŒrde mich sehr freuen, wenn das Lied auch außerhalb von schwarz/rot bekannt wĂŒrde in der Țara RomĂąneasca – mir war damals keine andere Vertonung findlich, und es handelt sich ja auch um ein Lied ĂŒber Freundschaft und Völkerfreundschaft. Ein weiteres Lied auf RumĂ€nisch? Was mir dazu immer wieder einfĂ€llt, ist der bitterschönste aller Buchtitel die mir bekannt sind: Ultima noapte de dragoste, ĂźntĂąia noapte de război (Die letzte Nacht der Liebe, die erste Nacht des Krieges, Anm. BUNĂ) von Camil Petrescu. Ich erinnere mich nur an die erste Szene, wo er beschreibt, wie sich Wartende in einem Hospital in ihre Einsamkeit einspinnen wie Raupen in einen Kokon, nur ohne die Hoffnung, als strahlender Schmetterling wiedergeboren zu werden. Ob man je in der Stimmung sein möchte, ein solches Lied zu schreiben?

BUNĂ: In einem anderen Interview hast du, lieber KĂ€ptn, deine Musik einmal als „neues Arbeiterlied” bezeichnet. Du besingst Schrauber (Kfz-Mechaniker), GerĂŒstbauer, MĂŒllabfuhr, Heizer und andere Berufsgruppen. Woher kommt dieser sonst in der Musiklandschaft deutlich unterreprĂ€sentierte positive Bezug auf Menschen aus der arbeitenden Klasse, die sich bei ihrer Arbeit „schmutzig” machen?

KĂ€ptn Rummelsnuff: Er schöpft aus einer tiefen Sympathie und vielleicht auch aus dem, was ihm von seiner sozialistischen PrĂ€gung in seinen Jugendjahren geblieben ist. Im Schulunterricht der DDR stand das Erlernen von Liedern der internationalen Arbeiterklasse ganz oben auf dem Plan. Wenn man’s muß, nervt’s. Aber vieles war gut und hinterließ Spuren. Die heutigen Arbeiterlieder eines Rummelsnuff sind freilich auch gezeichnet von eigenem Erleben in der Zeit zwischen den Systemen und schießlich von heutigen Erfahrungen, gewĂŒrzt mit einer Prise Ironie und, wenn’s paßt, mit einer weiteren Prise Selbstironie.

BUNĂ: Du bist ein sehr vielfĂ€ltiger Mensch. In deiner Musik finden sich Lieder mit großem Tiefgang (Treidler, Wenn du aus dem Leben schwindest, Freier Fall, Halbstark und laut) eigenwillig-eindrĂŒckliche Cover-Versionen (Mongoloid, Daddy Cool, Göttingen), antifaschistische StĂŒcke wie „The Partisan” bis hin zu sehr lustigen Liedern wie jenen zur Bratwurstzange oder dem Harzer KĂ€se. Und die AufzĂ€hlung deiner unterschiedlichsten Stile und Lieder ist bei weitem noch nicht vollzĂ€hlig. Wie entstehen die Ideen fĂŒr Lieder? Wie komponierst und schreibst du? Kommen dir als Kraftsportler die Ideen beim Pumpen?

KĂ€ptn Rummelsnuff: O, KĂ€pt’n Rummelsnuff greift grĂŒĂŸend und dankend zur MĂŒtze. Die Entstehungsgeschichten der einzelnen Lieder sind so unterschiedlich, wie die Lieder selbst, aber wichtig ist doch, daß sie gehört werden, ankommen und Reaktionen auslösen. Daß sie verstanden werden oder in bzw. aus Situationen zu helfen in der Lage sind.

BUNĂ: Welche Musik hörst du fĂŒr dich? Ist das elektronische Musik, wie du sie machst, oder sind da auch andere Stile dabei? Welche Bands oder Interpreten haben dich geprĂ€gt und gibt es da LieblingsstĂŒcke, die du von anderen gerne hörst? Gibt es auch ein Lied aus deiner Feder, dass dir besonders viel bedeutet?

KĂ€ptn Rummelsnuff: Rummelsnuff war in seiner Jugend ein eifriger Hörer von Radiosendungen, in denen Rockmusik gespielt wurde. ZunĂ€chst genoß er hier völlig richtungslos alles oder von allem das, was er fĂŒr gut befand. Vieles wurde auf Kassetten gespeichert. Zwischendurch gab es dann mal eine Phase, in der nur noch Punk aufgedreht wurde – und was sich davon ableitete. Heute ist er wieder nĂ€her an seiner Kindheit und jegliche Art guter Musik darf stattfinden. Allerdings wohldosiert. Und möglichst das Treffende zur richtigen Zeit. Punkrock, französische Chansons, russische MilitĂ€rmĂ€rsche oder Pop von Tuxedomoon bis Dolly Parton. Und deutsche Musik mit guten Texten


Man hat so viel kennengelernt in so einem mittellangen Leben, es ist schier unmöglich, da von allem Beeindruckenden etwas zu nennen
 Einzelne LieblingsstĂŒcke zu benennen ist auch schwierig, sie sind das ja immer nur fĂŒr eine gewisse Zeit, bis man sie sich ĂŒberhört und dann finden sich wieder neue. Wenn man selber Musik erschafft, ist man dann auch wieder froh, mal die Musik der Natur oder auch die einer lĂ€rmenden Straße ohne zusĂ€tzliche Untermalung zu genießen. Und welche eigenen Werke hĂ€lt der Schreiber fĂŒr besonders gelungen? In der Öffentlichkeit fĂŒhrt KĂ€pt’n Rummelsnuff am liebsten jene auf, die auch die meiste Resonanz bekommen und bekamen. Und vielleicht sind das wirklich auch die Besseren. Das sind ĂŒberwiegend StĂŒcke, die auch in reduziertem Gewand gut funktionieren, z.B. nur mit Akkordeonbegleitung. Salzig schmeckt der Wind, Halt durch, TrĂ€gt die Woge dein Boot, gehören dazu. Die Bratwurstzange ist ein StĂŒck, das auch der Bearbeitung und AuffĂŒhrung von Blaskapellen standhĂ€lt. Salutare und Crystal Ball (Vida da vidro) erblĂŒhen durch des Maates stimmliches Zutun. Beginne ein Konzert mit: Der KĂ€pt’n nimmt dich mit – und du hast die Zuhörer auf deiner Seite. Das sind jetzt mal ein paar mehr als eines.

BUNĂ: Am 30. Juli 2021 erschien dein neues Album „Äquatortaufe“. Es versammelt 16 StĂŒcke mit gewohnt eigenwilligen Kompositionen und einer Vielfalt an Themen. In „Berlinverbot“ beziehst du Stellung gegen die VerdrĂ€ngung der Menschen durch die finanzstarken Heuschrecken. Du singst: „Habt acht, sonst geht Berlin verloren, an SchwĂ€tzer, Blender, Investoren, die den letzten Blick zur Spree verbauen.“ Du bist eng mit Berlin verbunden. Siehst du noch die Möglichkeit diese Entwicklung aufzuhalten und umzukehren?

KĂ€ptn Rummelsnuff: Vielleicht kehrt sich alles eines Tages selber um. So kann es ja nicht weitergehen. Wohin wollen wir noch bauen – wieviel Bebauungsdichte ist noch ertrĂ€glich? In der NĂ€he von Berlin wurde gerade massiv Wald abgeholzt, um dort elektrische Fahrzeuge zu bauen. Was ist der Sinn von vermeintlich umweltfreundlichen Technologien, wenn dafĂŒr die Umwelt zerstört wird. Der Drang nach immer mehr Wachstum ist das Problem.

BUNĂ: Drei Berufsgruppen finden sich auf dem neuen Album besungen. Die „Feuerwehr“, der „Landmann“ und die „MĂŒllabfuhr“. Zu letzterem StĂŒck findet sich auf Youtube auch ein Video. Besonders eingĂ€ngig finde ich den Landmann. Mit diesem und dem Lied „Interkosmos“ erinnerst du an die DDR. Einmal an die LPGs und an den – im Westen noch immer wenig bekannten – Kosmonauten Sigmund JĂ€hn. Wenn du perspektivisch denkst: Findest du heute noch eine sozialistische Gesellschaft erstrebenswert? Und wenn ja, welchen Grundprinzipien sollte sie verbunden sein?

KĂ€ptn Rummelsnuff: Schlicht gesagt: Gut wĂ€re es, den entfesselten Kapitalismus unter Kontrolle zu halten und wenn notwendig, auszubremsen. Momentan hat man den Eindruck, daß die Parteien und Konzerne in trauter Gemeinschaftsarbeit machen, was sie wollen.

BUNĂ: Vielen Dank fĂŒr dieses GesprĂ€ch

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #9




Quelle: Revistabuna.wordpress.com