MĂ€rz 18, 2023
Von Lower Class Magazine
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Von Bahram Ghadimi
Übersetzung von Haydar Paramaz

Leila Hosseinzadeh ist Masterstudentin der Anthropologie. Sie hat hauptsĂ€chlich an der UniversitĂ€t, als Aktivistin der Studentenbewegung gearbeitet und ist als eine der kĂ€mpfenden und widerstĂ€ndigen Frauen im Iran bekannt. Zusammen mit einer Gruppe von studentischen Aktivist:innen wurden sie Ende der 2000er Jahre Zeugin des Scheiterns der „GrĂŒnen Bewegung“ an der UniversitĂ€t und erlebte das anschließende erstickende Klima der Gesellschaft. Sie alle waren politisch Links orientiert und in der Regel waren sie Kinder der Arbeiterklasse. Folgendes Interview mit Leila Hosseinzadeh, entstand nur wenige Tage nach ihrer bedingten Entlassung aus dem GefĂ€ngnis, unter stĂ€ndiger Bedrohung durch RegierungskrĂ€fte. Damit beabsichtigen wir einen weiteren Teil der sozialen Bewegung im Iran, mit den Worten der Aktivist:innen vor Ort, vorzustellen. (Triggerwarnung: Im Interview erzĂ€hlt Leila von ihrer Haftzeit und beschreibt Folter und sexualisierte Gewalt.)

Du hast lange Zeit politisch im universitĂ€ren Umfeld gearbeitet. Wie kam es dazu, dass Deine Arbeit diesen Bereich verließ und ein viel breiteres Spektrum an Menschen ansprach?

WĂ€hrend wir Verbindungen innerhalb von UniversitĂ€ten knĂŒpften, stellten wir fest, dass unsere Schicksalsgenossen nicht nur an UniversitĂ€ten sind; Wenn wir das Recht auf kostenlose Bildung wollen, sind wir bereits VerbĂŒndete der Lehrergewerkschaftsbewegung, wenn wir gegen Privatisierung sind, sind wir VerbĂŒndete der Arbeiterbewegung; Wenn in der UniversitĂ€t der Slogan skandiert wurde: “Student, Lehrer, Arbeiter, Einheit! Einheit!”, hatte es nicht nur eine theoretische oder ideelle Grundlage. Wir setzten eine gemeinsame Verteidigung und einen konkreten Widerstand praktisch um. Als die Regierung Mitte der 2010er Jahre den Praktikumsplan fĂŒr Hochschulabsolventen und den Kaufplan fĂŒr Lehrdienstleistungen durchfĂŒhrte, wurde diese Verbindung konkreter.

Mit diesem Plan setzte die Regierung Hochschulabsolventen ein, um die BeschĂ€ftigungs- und Gehaltssituation der ErwerbstĂ€tigen zu prekarisieren. Jetzt waren wir Studenten, Lehrer und Arbeiter in der selben Lage und stellten uns entsprechend gemeinsam auf. Die Kampagne gegen die Arbeitsausbeutung wurde von Studenten, Arbeitern, Lehrern, Journalisten, Intellektuellen und Rentnern durchgefĂŒhrt. Aufgrund des starken Drucks unserer Bewegung wurde der Praktikumsplan schließlich abgesagt.

Aber diese Kampagne und Versammlung hatte auch darĂŒber hinaus Wirkung. Die gemeinsame Teilnahme an drei Straßenprotestversammlungen fĂŒr die Freilassung eines Gewerkschaftsarbeiters, Reza Shahabi, aus dem GefĂ€ngnis zum Beispiel. Eine der letzten Nachrichten, die in der Telegram-Gruppe der Kampagne 2017 gepostet wurde, war: “Lasst uns unter dem Eingang der Teheraner UniversitĂ€t versammeln”, Wenige Minuten spĂ€ter wurde der Ort zum einzigen Sammelpunkt in SolidaritĂ€t mit dem Volksaufstand vom „Dezember 2017- Januar 2018“. Zwei grundlegende Parolen wurden dort zum ersten Mal gerufen: “Reformisten, Fundamentalisten, es ist vorbei” und “Wir wollen keinen König, wir wollen keinen Mullah, wir wollen die GrĂŒndung von RĂ€ten”. Ersterer wurde zum Hauptslogan des Aufstands. Sehr bald waren die Mainstream-Medien der Regierung und der Opposition mit dieser Frage beschĂ€ftigt, ob es wirklich „vorbei“ sei.

Diese Frage konnte man allerdings nur stellen, wenn man die soziale Situation im Iran irgnorierte.

Das es vorbei sei, war keine Vorhersage der Zukunft, sondern eine Beschreibung des damaligen Stands der iranischen Politik. Diese Parole wurde aus den Herzen jener Kraft geschrien, die jahrelang versucht hatte, die einheitliche Rolle des Staates in der politischen Ökonomie aufzuzeigen  und darlegen wollte dass der Dualismus zwischen Reformlager und konservativen nur ein ScheinverhĂ€ltnis ist. Es waren die jungen Studenten, die Anfang der 2010er Jahre, besonders mit der AmtseinfĂŒhrung von Rohanis Regierung, zusammen mit vielen anderen Menschen zu der allgemeinen Einsicht gelangt waren, dass diese Kabinette alle gleich sind.

Nach den Aufstandstagen im Januar 2018 schrieben einige in den sozialen Medien mir diesen Slogan zu. Das ist falsch. Die Parole kam aus dem Herzen einer kollektiven Kraft und war das Ergebnis jahrelanger kollektiver KĂ€mpfe und BemĂŒhungen. Die zweite Parole fĂŒr die GrĂŒndung der RĂ€te konnte sich leider nicht durchsetzen, da sie medial boykottiert wurde. Nichtsdestotrotz werden, wo immer es geht, RĂ€te als Machtorgane gegrĂŒndet: in Gilan, Aserbaidschan, Kurdistan, in der turkmenischen Sahara, in Fabriken, UniversitĂ€ten etc.

Wie siehst Du, angesichts des hohen Anteils von Studentinnen, die Rolle der Frau in dieser Bewegung?

Als die Studentenbewegung Fortschritte machte und wuchs, konnte sie mit Hilfe einer klaren Klassenlinie ihre objektive Schicksalsgemeinschaft mit anderen unterdrĂŒckten Gruppen besser verstehen. Von Anfang an spielten Frauen eine aktive Rolle bei der Entstehung dieser Bewegung und sie kĂ€mpften fĂŒr die Abschaffung der GeschlechterunterdrĂŒckung. Das Ergebnis dieses Kampfes war, dass in allen Stellungnahmen der Studentenbewegung Gender-Forderungen betont und Gender-UnterdrĂŒckung gesondert und mit Nachdruck dargestellt wurden. Parolen wie „MĂ€dchenwohnheim: GefĂ€ngnis!“ gehörten neben anderen Slogans zu den Parolen, die von den ersten Versammlungen der Bewegung erhoben wurden. Der Frauenwiderstand im Herzen der Studentenbewegung brachte auch konkrete Erfolge: Die Wohnheimbewohnerinnen des MĂ€dchenwohnheims der UniversitĂ€t Teheran ignorierten mit kollektiven Protestaktionen in den Jahren 2018-2019 die gesetzlichen Ein- und Ausgangszeiten

Im Mai 2018 organisierte die Studentenbewegung als Reaktion auf die GrĂŒndung einer Sittenpolizei auf dem Kampus der UniversitĂ€t Teheran eine Versammlung von 2.000 Studenten, deren Hauptslogan „Brot, Arbeit, Freiheit! Freiwillige Kleidung!“ lautete. Die Studentenbewegung schritt mit einem VerstĂ€ndnis ĂŒber die Schicksalsgenossenschaft der unterdrĂŒckten Gruppen und der Notwendigkeit ihrer Einheit voran. Am Studententag 2017 erzĂ€hlten in einer Protestversammelung unter dem Titel „Wir sind die Stimme der Geschichte“, Studenten, Arbeiter, Lehrer, Frauen und Vertriebene (wegen Wasserknappheit) ĂŒber ihre UnterdrĂŒckung und ĂŒber ihren Widerstand und riefen schließlich gemeinsam: „Wir sind die Stimme der Geschichte”. Bei der ProtestauffĂŒhrung in der Allameh-UniversitĂ€t und der UniversitĂ€t Teheran im Jahr 2019, stießen Menschen, die von Nationaler und religiöser UnterdrĂŒckung betroffen sind und Migranten dazu. Ich selbst wurde 2018 tagelang in meiner Haft verhört, um preiszugeben, wer den Text der Protestperformance am Studententag verfasst hatte.

Warum wurdest Du verhaftet?

Ich wurde im Januar 2018 wegen meiner Teilnahme an der Kundgebung am 30. Dezember 2017 am Eingangstor der UniversitĂ€t Teheran im Zusammenhang mit dem Volksaufstand verhaftet. Außer mir wurden etwa 50 weitere Studenten im Zusammenhang mit dieser Kundgebung festgenommen. Ich wurde wegen meiner gesamten TĂ€tigkeitsgeschichte bis Dezember 2017 verhört, und schließlich verurteilte mich das Gericht zu sechs Jahren Haft. In der Anklageschrift gegen mich stand, dass ich Sozialistin bin, an Kundgebungen der Studentenbewegung teilgenommen habe, an Kundgebungen fĂŒr die Freilassung des inhaftierten Arbeiters Reza Shahabi teilgenommen haben, an der GrĂŒndung einer Kampagne gegen Arbeitsausbeutung beteiligt war und an der Versammlung im Zusammenhang mit dem 2017-2018 Aufstand teilgenommen habe.

Mit massiven Verhaftungen nach dem Januar-Aufstand wurde die Studentenbewegung stark unter Druck gesetzt. Allein an einer UniversitĂ€t wurden Studenten zu mehr als 100 Jahren Haft verurteilt. Damals dachten wir, die Arbeit der Studentenbewegung sei beendet. Einige kritisierten die Ereignisse und sagten, man hĂ€tte eine organisierte soziale Bewegung nicht fĂŒr einen Straßenaufstand verausgaben sollen. Als ich und eine Gruppe anderer mit der gleichen Haltung dachten, dass die Arbeit erledigt war, und als wir an die langen Jahre unserer Gefangenschaft dachten, sagten wir uns, dass es sich trotzdem gelohnt hatte. Wir hatten unsere historische Pflicht, Studenten zu sein, erfĂŒllt und den unterdrĂŒckten Massen zur Seite gestanden. Einige von uns waren nicht dafĂŒr gewappnet, diesen hohen Preis zu zahlen. Die Repression war hart. Wir hĂ€tten nicht einmal gedacht, dass die UniversitĂ€t nach dieser Repression aufstehen und Widerstand leisten könnte, aber so ist es gekommen. Von MĂ€rz 2018 bis Mai 2018 organisierten mehr als 40 UniversitĂ€ten und Hochschulen machtvolle Kundgebungen und Proteste, um gegen die hohen Haftstrafen von studentischen Aktivisten zu protestieren.

In der Studentenbewegung haben wir mit leeren HĂ€nden begonnen und wir haben die Erhöhung der Sozialkosten fĂŒr zwei Jahre gestoppt, wir haben die Privatisierung der Wohnheime gestoppt, wir haben die Anzahl der kostenlosen Bildungsjahre mit unserem Widerstand etwas erhöht, aber wir haben uns im Hinterkopf immer einsam gefĂŒhlt, zumal all diese Fortschritte nicht nur unter Repression, sondern auch unter schlimmster Stigmatisierung erkĂ€mpft wurden. Dann stellten wir fest, dass wir nicht allein waren. Im Gegensatz zu dem, was viele von uns dachten, war die UniversitĂ€t nicht am Ende, sie wehrte sich und ihr Widerstand zahlte sich aus. Die Urteile der Studenten wurden gekippt und viele Urteile konnten nicht vollstreckt werden. Meine Haftstrafe wurde auf zweieinhalb Jahre reduziert.

Die Studentenbewegung ist in Abwesenheit vieler von uns, die sie begonnen hatten, bis Ende 2020 vorangeschritten und erst mit der Sicherheitsschließung der UniversitĂ€ten von Ende 2020 bis Mai 2022 konnten sie das Voranschreiten der Studentenbewegung abbremsen. Gegen den Widerstand der UniversitĂ€t wurde ihre Schließung durchgesetzt. Aber selbst die Schließung der UniversitĂ€t funktionierte am Ende nicht, und mit der Wiedereröffnung im Mai 2022 nahmen die Studenten ihre AktivitĂ€ten wieder auf und leisteten einen einzigartigen und aktiven Widerstand im Jina Aufstand.

Wurdest Du erneut festgenommen?

Ich wurde im Sommer 2019 erneut verhaftet, diesmal von den Revolutionsgarden, sie fragten nach den Protesten und Streiks der Haftpeh-Arbeiter im November 2018. Damals wurde eine Reihe von Kundgebungen an verschiedenen UniversitĂ€ten zur UnterstĂŒtzung von Haftpeh abgehalten. Der Hauptslogan war: „Wir sind die Kinder der Arbeiter, wir stehen an ihrer Seite“.  Sie verhörten mich ĂŒber marxistische Gruppen und Medien und verurteilten mich schließlich zu 5 Jahren GefĂ€ngnis. Die VorwĂŒrfe waren: abhalten einer Kundgebung zur UnterstĂŒtzung des inhaftierten Derwisch Studenten Mohammad Sharifi Moghadam. Dieses schwere Urteil erschien allen absurd, denn wir hatten lediglich fĂŒr unseren inhaftierten Freund eine Geburtstagsfeier vor der Sharif University of Technology abgehalten. Mit dieser neuen Akte schickten sie mich ins GefĂ€ngnis und vollstreckten die GefĂ€ngnisstrafe im Zusammenhang mit der Verhaftung von 2018. Im GefĂ€ngnis wurde bei mir eine unheilbare Autoimmunerkrankung diagnostiziert, zwei Monate nach Auftreten der Symptome wurde ich aus medizinischen GrĂŒnden beurlaubt. Meine Augen wurden von der Krankheit befallen und mir drohte die Erblindung. Die Rechtsmediziner bescheinigten, dass ich nicht haftfĂ€hig bin und meine Freilassung wurde beschlossen.

Im November 2021, als ich mich auf einer Urlaubsreise befand, wurde ich dann erneut vom Geheimdienst in Shiraz festgenommen. Ich wurde im UntersuchungsgefĂ€ngnis des Shiraz-Geheimdienstes schwer körperlich misshandelt. Die Vernehmungsbeamten ĂŒbten viel körperlichen und seelischen Druck aus. Sie hatten mich ohne Anklage festgenommen und planten, durch die Inhalte meines Telefons und mit einem GestĂ€ndnis ein Verfahren gegen mich einzuleiten. Ich habe mich in beiden FĂ€llen dagegen gewehrt. Sie konnten das Passwort des Telefons nicht knacken und ich sagte ihnen: “Ich werde vor euch nicht einmal gestehen, dass ich atme.” Nach einem Monat psychischer und physischer Misshandlung, wegen denen meine Krankheit wieder ausgebrach, ließen sie mich aufgrund des öffentlichen Drucks gegen eine hohe Kaution frei. Zwei Monate nach meiner Entlassung erfuhr ich, dass ich eine neue Autoimmunerkrankung hatte. Die Repression ließ jedoch nicht nach, sie eröffneten ein Verfahren gegen meinen Bruder und luden ihn vor und sie belĂ€stigten meinen Vater immer und immer wieder. Im August 2022 wurde ich in Teheran vor meinem Haus gewaltsam festgenommen.

Dieses Mal weigerte ich mich am Eingang des Teheraner GeheimdienstgefĂ€ngnisses sogar, meine Personalien preiszugeben. Ich weigerte mich, verhört zu werden, und sie hielten mich rechtswidrig fĂŒnf Monate lang in Untersuchungshaft. Sie sagten, dass ich mit einer Gruppe politischer Gefangener bestrebt wĂ€re, eine ErklĂ€rung zu veröffentlichen. Sie legten mir den Text der ErklĂ€rung vor, es war eine FĂŒnf-Punkte-ErklĂ€rung, die die Prinzipien des Kampfes und einer alternativen Regierung spezifizierte. Ich sagte ihnen, wenn ein Text veröffentlicht wird und mein Name darauf steht dann lasst uns reden, aber das war nicht der Fall.

Nach fast einem Monat wurde ich ins Adel-Abad-GefĂ€ngnis in Shiraz gebracht, tatsĂ€chlich kam ich in eine Art inoffizielle Verbannung, weil Shiraz weder mein Wohnort noch meine Heimat war und auch nichts mit den Anschuldigungen in meiner neuen Akte zu tun hatte. Sie versuchten mich so viel wie möglich zu quĂ€len und zu entrechten. Seit meiner Verhaftung war es mir einen Monat lang verboten gewesen, Kontakte zu haben und als sie mir endlich erlaubten, jemanden anzurufen, entzogen sie mir das Recht, meinen Anwalt zu kontaktieren. Sie entzogen mir medizinische Behandlung und zwangen mir einen Arzt auf, bei dem ich mich gezwungen sah in einen Medikamentenstreik einzutreten. Davor war ich wegen der VerhĂ€ngung der strenger EinschrĂ€nkungen schon einmal in einen Hungerstreik getreten, diesen beendete ich als die Auflagen aufgehoben wurden. Diesmal hatte mich die Regierung dank eines Briefes meiner ehemaligen Mitgefangenen aus dem Frauentrakt des Evin-GefĂ€ngnisses, der Unterzeichnung einer Petition durch Studenten und Professoren, der Abhaltung von Protestkundgebungen an meiner FakultĂ€t und öffentlichem Protest auf Twitter nach fĂŒnf Monaten der rechtswidrigen Inhaftierung freigelassen.

Der Geheimdienst hat mich letzte Woche (3. bis 11. MĂ€rz 2023) erneut vorgeladen. Ich habe gesagt, dass eine telefonische Vorladung illegal ist. Sie sagten, dass sie kommen und mich mitnehmen wĂŒrden, noch ist nicht klar, wann sie ihre Drohung wahrmachen werden. Als ich vorĂŒbergehend im GefĂ€ngnis von Adel Abad inhaftiert war, gaben sie mir einen Bescheid ĂŒber die Vollstreckung der fĂŒnfjĂ€hrigen Haftstrafe. Sie betrachteten mich als abwesend und als flĂŒchtig, weil ich nicht zum Haftantritt erschienen war und jetzt haben sie eine Anordnung erlassen, mein Eigentum zu beschlagnahmen. Jetzt muss ich ihnen erklĂ€ren, dass ich nicht ins GefĂ€ngnis gekommen bin, um die fĂŒnfjĂ€hrige Haftstrafe zu verbĂŒĂŸen, weil ich wegen eines anderen Falls in einem anderen GefĂ€ngnis inhaftiert war und nicht von GefĂ€ngnis zu GefĂ€ngnis kommen konnte.

Wie behandelten die Regierungstruppen Dich und andere Gefangene zum Zeitpunkt der Verhaftung und spÀter in den GefÀngnissen?

Die Art und Weise der Behandlung hĂ€ngt ganz davon ab, wer welcher politischen Kraft angehört und wo man festgehalten wird und auch, wie viel in den Nachrichten ĂŒber jemanden berichtet wird. Abgesehen davon hĂ€ngt es auch mit der Zeit der Inhaftierung zusammen. Alle diese Parameter bestimmen das Ausmaß der Gewalt und des Drucks.  Die Situation außerhalb von Teheran ist sehr schlecht. Manche GefĂ€ngnisse sind viel schlimmer als andere. In Teheran sind die Haftbedingungen fĂŒr politische Gefangene besser als in anderen StĂ€dten, aber die Bedingungen sind nicht fĂŒr alle gleich und die Tatsache, dass die Bedingungen besser sind, bedeutet nicht, dass die Bedingungen gut sind. In den letzten Jahren wurden Bektash Abtin und Behnam Mahjoubi im Evin-GefĂ€ngnis getötet, indem sie keine medizinische Versorgung erhielten und ihnen die falschen Medikamente verabreicht wurden und das im Evin GefĂ€ngnis, das ĂŒber die besten Einrichtungen unter den iranischen GefĂ€ngnissen verfĂŒgt.

Machen RegimekrÀfte einen Unterschied im Umgang mit politischen Gefangenen und Gefangenen, denen keine politische AktivitÀt vorgeworfen wird?

Ja. Abgesehen von den Festgenommenen aus Massenprotesten, bei denen die SicherheitskrĂ€fte keine Gewaltanwendung scheuen, ist in anderen FĂ€llen die systematische Gewalt der Polizei gegen nichtpolitische HĂ€ftlinge, insbesondere bei Mord- und Drogendelikten, weitaus höher als bei politischen Gefangenen. Das gilt jedoch nicht fĂŒr politische Gefangene von marginalisierten Völkern wie Kurden, Arabern und Belutschen sowie einige andere politische Gefangene, gegen die sehr schwere Anklagen erhoben werden. Wir haben politische HĂ€ftlinge, die des Attentats oder der Sabotage angeklagt sind und deren Folterniveau unvergleichlich ist. HĂ€ftlinge, denen Mitgliedschaft in politischen Organisationen vorgeworfen wird erleben in der Regel sehr lange Phasen der Isolationshaft und des Drucks. Auch in HaftfĂ€llen, die in das Spannungsfeld zweier Geheimdienstbehörden geraten, wie z.B. bei Umweltaktivisten, ist das Ausmaß des Drucks und die Dauer der Inhaftierung in der Sicherheitshaftanstalt sehr sehr hoch.

Diejenigen, die wegen unpolitischen Anschuldigungen festgenommen werden, erfahren jedoch ein höheres Maß an systematischer Gewalt als diejenigen, die als Aktivisten auf ziviler Ebene und mit medialer Berichterstattung festgenommen werden, insbesondere wenn es keine Straßenproteste gibt.

Gibt es einen Unterschied in der Repression gegenĂŒber mĂ€nnlichen, weiblichen & transgender Gefangenen ?

Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass der Vernehmungsdruck auf weibliche Inhaftierte um ein Vielfaches gestiegen ist. In den jĂŒngsten AufstĂ€nden waren viele Frauen sogar sexueller BelĂ€stigung und Übergriffen ausgesetzt. Abgesehen davon wurden viele Frauen beschimpft oder mit moralischen Argumenten stark unter Druck gesetzt. Ich weiß nichts ĂŒber die Bedingungen von Transgender-HĂ€ftlingen, aber ich vermute, sie werden einer grĂ¶ĂŸeren Gewaltanwendung ausgesetzt sein als mĂ€nnliche HĂ€ftlinge. Das Problem ist nicht, dass MĂ€nner nicht Gewalt und Druck ausgesetzt sind, sie werden sogar hĂ€ufiger geschlagen und körperlich angegriffen. Aber DemĂŒtigung, Druck und schlechte Behandlung von Frauen haben stark zugenommen.

Hatten die politischen Gefangenen Kontakt zu denen, die nicht politischer AktivitÀt beschuldigt wurden? Haben sie sich gegenseitig beeinflusst?

Es hĂ€ngt davon ab, in welchem GefĂ€ngnis man inhaftiert ist und ob es in diesem GefĂ€ngnis politische Gefangene gibt oder nicht. In den GefĂ€ngnissen, in denen es eine politische Abteilung gibt, wird versucht, die Interaktionen zwischen politischen Gefangenen und nichtpolitischen Gefangenen so weit wie möglich zu minimieren. Es gibt ein Gesetz zur Trennung von Straftaten, das in einigen GefĂ€ngnissen streng umgesetzt wird, aber wo immer es eine Möglichkeit fĂŒr Kontakt gibt, sofern es ein gesunder Kontakt ist, kommt es definitiv zu nachhaltigen gegenseitigen Auswirkungen. GefĂ€ngnisbeamte versuchen, politische Gefangene vor nichtpolitischen Gefangenen schlecht aussehen zu lassen. Einerseits versuchen sie, indem sie politischen Gefangenen wenige Privilegien einrĂ€umen, ihren Protestgeist zu kontrollieren, andererseits tĂ€uschen sie mit diesen Privilegien vor den Augen nichtpolitischer Gefangener Ungleichheit vor. Auf der Grundlage dieser Ungleichheit versuchen sie, politische Gefangene als „Herren“ darzustellen, die nichts ĂŒber den Schmerz sozialer Gefangener wĂŒssten. Dies ist ein allgemeiner Mechanismus, sie verwenden auch spezifischere Mechanismen. Als sie mich zum Beispiel in die Gemeinschaftszelle der Drogendelikt-Gefangenen schicken wollten, warnten sie die Gefangenen durch den Vertreter des Raums, dass ich psychologische Probleme hĂ€tte und verrĂŒckt sei. Deshalb sollten sie mich meiden. Die anderen HĂ€ftlinge hatten zufĂ€llig die Neuigkeiten, die es ĂŒber mich gab, von ihren Familienangehörigen gehört. Das ĂŒberzeugte sie, dass ich nicht verrĂŒckt war und sie mit mir befreundet sein können.

Schreiben FolterĂŒberlebende Berichte ĂŒber die Aktionen des Regimes? Wenn nicht, hĂ€ltst Du es fĂŒr notwendig, diese Zeugnisse aufzuzeichnen?

Einige schreiben und dennoch erzĂ€hlen viele von denen, die Folter und Druck erlitten haben, aufgrund des Drucks der Polizei nichts. Andererseits finde ich es wichtig, wie man Druck- und Foltererfahrungen erzĂ€hlt. Seit vielen Jahren ist im Narrativ ĂŒber die Folter, die Skandalisierung des Staates hegemonial. NatĂŒrlich sollten die Folterer mit jeder ErzĂ€hlung entlarvt werden, aber wenn der dominierende Diskurs in der ErzĂ€hlung nur diese Skandalisierung ist, werden andere Aspekte der ErzĂ€hlung vernachlĂ€ssigt oder mit der Zeit unwichtig. Eine festgenommene gefolterte Person wird zum reinen “Opfer”, die Fortsetzung dieses Ansatzes fĂŒhrt zum Verlust ihrer revolutionĂ€ren politischen Bedeutung. Der Skandal stĂ¶ĂŸt an dem Punkt an seine Grenzen, wenn es dem Staat nicht mehr um die Aufrechterhaltung der LegitimitĂ€t geht und dieses Feld bereits verlassen hat.

In einer solchen Situation ist vielleicht wichtiger als Dokumentationen, den Zugang zur ErzĂ€hlung zu Ă€ndern: Das ErzĂ€hlen von Folter und Druck sollte Möglichkeiten und Strategien des Widerstands aufzeigen. Wir mĂŒssen das Narrativ der KĂ€mpfer aufbauen, die Druck, Folter und Misshandlungen ausgesetzt waren und trotz intensivsten Leidens standgehalten haben, damit wir den Mut und die Bereitschaft in uns selbst stĂ€rken, die nötig sind, um Folter und UnterdrĂŒckung zu eliminieren. Wir sollten uns mit der Eskalation der Wut ĂŒber das Verbrechen und der StĂ€rke unserer Hoffnung und unseren Mutes beschĂ€ftigen. Dann sind wir in der Lage, die Folterer zu beschĂ€men, wĂ€hrend wir uns ermĂ€chtigt fĂŒhlen, sie zu vernichten. Wir mĂŒssen unseren Schmerz und unser Leid, dass uns die UnterdrĂŒcker aufgezwungen haben, teilen, um weiter voranzukommen, weiterzumachen und mutiger zu sein, nicht wegen der Hoffnung auf Rache oder der Angst vor dem Monster des Folterers. Wir mĂŒssen von Folter und Misshandlungen erzĂ€hlen, damit wir das Foltersystem als etwas besiegbares begreifen.

Kannst Du uns etwas ĂŒber die SolidaritĂ€t und den Widerstand politischer Gefangener erzĂ€hlen, im GefĂ€ngnis oder nach ihrer Entlassung?

Ich denke, dass ein Grund fĂŒr die Freilassung politischer Aktivisten wĂ€hrend einer Generalamnestie darin besteht, dass der Sicherheitsapparat leider besser und frĂŒher als die Aktivisten selbst, ihre Potenziale und Möglichkeiten erkennt. Der Prozess, der seit Anfang dieses Jahres stattfindet und bei dem die meisten politischen Aktivisten bereits vor Beginn des Jina-Aufstands auf unterschiedliche Weise ins GefĂ€ngnis kamen, schuf Potenziale im GefĂ€ngnis. Im Laufe der Zeit wurden diese Potentiale sichtbarer. KĂŒrzlich haben wir gesehen, wie Gefangene kollektive SolidaritĂ€tsbotschaften aneinander sendeten und aus verschiedenen politischen Spektren zusammenkamen, um sich gegenseitig zu verteidigen. Diese SolidaritĂ€tsbekundungen zwischen verschiedenen GefĂ€ngnissen könnten und sollten meiner Meinung nach eine grĂ¶ĂŸere und radikalere Ebene annehmen. Es war möglich, dass die SolidaritĂ€t allmĂ€hlich und mit dem Fortschritt der GesprĂ€che in den GefĂ€ngnissen ĂŒbergehen wĂŒrde in die Thematisierung strategischer Punkte. Ich glaube, dass die Regierung diese Gefahr frĂŒher als die politischen Gefangenen selbst erkannt hat und deshalb der Freilassung der politischen Gefangenen zugestimmt hat.

Diejenigen, die unter den schlimmsten Belastungen und Leiden zusammengelebt haben, sollten sich nach der Freiheit logischerweise nicht einfach verlassen. Aus diesem Grund bringt das GefĂ€ngnis mit all seinen Leiden, NĂ€he und Sympathie und schafft neue Bindungen. Das heißt, es schafft neue Möglichkeiten auch in der Freiheit. Ich spreche hier vom GefĂ€ngnis nach 2018, einem GefĂ€ngnis voller junger Menschen, offen und gesprĂ€chsbereit, insbesondere in den FrauengefĂ€ngnissen, wo Sympathien fĂŒr die aktuellen Probleme des GefĂ€ngnisses oft die Barriere frĂŒherer Distanzen durchbrechen können. Um ehrlich zu sein, selbst wenn ich frei bin, kann ich nicht umhin, mir Sorgen um Niloufar Bayani oder Mahosh Zabet zu machen. Viele von uns bleiben nach der Haft befreundet und sprechen ĂŒber politisches Handeln. Diese einfachen Dinge bergen Möglichkeiten. Möglichkeiten, die viele von uns nicht sehen wollen. Ich spreche von der Möglichkeit, andere KrĂ€fte zu sehen und zu berĂŒcksichtigen und neuen Aktivismus zu schaffen, einen Dialog zwischen KrĂ€ften zu fĂŒhren, die nicht vereint sind, sich aber in einigen Bereichen gegenseitig unterstĂŒtzen können. Das ist die Möglichkeit, die das GefĂ€ngnis innerhalb und außerhalb seiner selbst fĂŒr die SolidaritĂ€t unterschiedlicher Aktivisten schafft.

Wie wirkt sich Deiner Meinung nach die Patenschaft durch Parlamentarier und westliche StaatsmĂ€nner auf die Lage der Gefangenen des jĂŒngsten Aufstands und die Abschaffung der Todesstrafe aus?

In meinem Fall habe ich der Diskussion um eine Patenschaft nicht zugestimmt, weil fĂŒr mich keine unmittelbare Lebensgefahr besteht. Gleichzeitig wollte jemand aus dem Bundestag netterweise meine Patenschaft ĂŒbernehmen. FĂŒr mich blieb die Frage ĂŒber das VerhĂ€ltnis zwischen diesen Vertretern und der deutschen Regierung, welche Repressionsinstrumente an die iranische Regierung verkauft, unbeantwortet. Insbesondere, da es hier auch um die SPD geht. Ich kenne mich nicht mit der aktuellen deutschen Innenpolitik aus, aber eine junge Studentin im Iran vergisst nie, dass die deutsche Revolution 1919 von der sozialdemokratischen Regierung unterdrĂŒckt wurde und das unter der Herrschaft der SPD Luxemburg und Liebknecht ermordet wurden. Dies war ein wichtiger historischer Moment fĂŒr das Schicksal des Sozialismus in der Welt. Ich habe die informierten Leute gefragt, und sie sagten, die deutsche Sozialdemokratie sei heute nicht kritischer und linker als damals. FĂŒr mich ist das der Grund fĂŒr meine Ablehnung einer Patenschaft. Ich denke bei FĂ€llen, wo das Leben in Gefahr ist, sollte man bestehende Möglichkeiten nutzen.

Beim jĂŒngsten Massenaufstand im Iran gab es sehr viele Verhaftungen und Folter. Haben sich in einer solchen Situation die Haftbedingungen fĂŒr politische Gefangene geĂ€ndert?

Sowohl fĂŒr die Regierung als auch fĂŒr die Gefangenen sind die Bedingungen schwieriger geworden. Die Regierung kĂ€mpft jeden Tag mehr mit der Haushaltskrise, und die Befriedigung des unersĂ€ttlichen Hungers der Wirtschafts- und MilitĂ€rmafia verschlingt einen immer grĂ¶ĂŸeren Teil des Budgets. Die Proteste werden breiter und die UnterdrĂŒckungsinfrastruktur in vielen StĂ€dten reicht nicht aus. Dadurch werden die Bedingungen fĂŒr die Inhaftierten noch unmenschlicher. Die Bevölkerungsdichte nimmt zu, die HaftplĂ€tze sind gering und sie verwenden ungeeignete Orte, um die HĂ€ftlinge festzuhalten, diese sind mit Nahrungsmangel konfrontiert und so weiter. Dies war einer der GrĂŒnde fĂŒr die Freilassung der Gefangenen, zumal ich denke, dass die Regierung neue Proteste kommen sah und mit dieser Vielzahl an Gefangenen mit einer ernsten Krise konfrontiert werden wĂŒrde. DarĂŒber hinaus bringt das Festhalten von Demonstranten unter solchen Bedingungen das Risiko von Ausschreitungen innerhalb des GefĂ€ngnisses mit sich.

Was hat Dich ermutigt und Dir Kraft gegeben, auch im GefÀngnis Widerstand zu leisten?

Vieles hat mich am Laufen gehalten. Als ich 2019 im GefĂ€ngnis war, ging ich in Gedanken Schritt fĂŒr Schritt zum logischen Ende von allem. Oft habe ich mir folgende Fragen gestellt: Wie weit will ich noch weitermachen und wozu? Ich suchte in meinem Kopf und das ausschlaggebendste Bild, das meine Frage beantwortete, war das Bild meiner Eltern. Diejenigen, die mir stĂ€ndig und jedes Mal sagten, ich solle wegen ihnen aufhören mit meinem Aktivismus, ich solle abbrechen und aussteigen. Sie waren mein Hauptgrund, zu ĂŒberleben und weiterzumachen. Mein Vater hatte gearbeitet, seit er sechs Jahre alt war, er hatte die Schule wegen der Arbeit versĂ€umt. Aber nicht nur wegen der Arbeit. Sein Vater hatte ihn zur Einschulung mitgenommen, der Schulleiter hatte Geld verlangt, das sein Vater nicht zahlen konnte und er hat deswegen die Schule versĂ€umt. SpĂ€ter lernte er von seinem Vorarbeiter lesen und schreiben und noch spĂ€ter nahm er an AbendschulprĂŒfungen teil. Er hat immer gesagt, dass er bereit ist, alles zu geben, damit wir studieren können und er war wirklich bereit und ist es noch heute, wo er fĂŒnfundachtzig Jahre alt wird.

Meine Mutter hat wie mein Vater ihr ganzes Leben lang gearbeitet, nicht nur im Haushalt, sondern seit ihrer Kindheit Teppiche geknĂŒpft. Sie hat Teppiche geknĂŒpft, bis die Nerven in ihren HĂ€nden geschĂ€digt wurden, sie RĂŒckenleiden bekam, ihre Augen schwĂ€cher wurden und sie an Lungenproblemen erkrankte. Auch sie hat es versĂ€umt, zur Schule zu gehen, denn sie wurde sehr schnell verheiratet und hat ihr ganzes Leben lang dafĂŒr gearbeitet, dass sich unser Leben Ă€ndert. Nein! Ich mag es wirklich nicht, dass die Welt so weitergeht, wo manche Menschen die einfachsten Gaben des Lebens und der Gesellschaft verpassen und ihr ganzes Leben lang arbeiten. Als ich an meine Eltern dachte, wollte ich kĂ€mpfen, bis ich sterbe. Und auch wenn wir nicht gewinnen, bin ich froh, dass ich fĂŒr eine gerechtere Welt gekĂ€mpft habe.

In Adel Abad brauchte es keine Vorstellungskraft und Bilder, denn die Not der Frauen stand vor meinen Augen. Ich war unter den Drogengefangenen, und vor meinen Augen waren die Sehnsucht nach Schule, die Arbeitslosigkeit, die Kinderehe, die Nöte der Alleinerziehung. Ich war mitten in der Hölle, gegen die ich kĂ€mpfte. Viele Male, besonders wenn mich das Leiden meiner Schwestern im GefĂ€ngnis wĂŒtend machte, dankte ich in meinem Herzen der Regierung dafĂŒr, dass sie mich hergeschickt hatte, um Zeuge jener Hölle zu werden, die sie fĂŒr das Leben der Menschen geschaffen hat. Einmal sah ich eine Frau in Adel Abad, die minderjĂ€hrig verheiratet worden war (wie die meisten inhaftierten Frauen in Adel Abad), ihr Mann hatte sie jahrelang vergewaltigt und sie durfte sich nicht scheiden lassen. Wenn ich „Vergewaltigung“ sage, ist das keine Metapher, ich ĂŒbertreibe nicht, ich verwende dieses Wort nicht symbolisch. Im Laufe der Jahre hatte ihr Mann kein einziges Mal Vaginalsex mit ihr, er hatte sie mit Gewalt zu Analsex gezwungen. Um die Geschichte zusammenzufassen: Sie war wegen des Verbrechens der erzwungenen Scheidung zu 25 Jahren Haft verurteilt worden. Ja, wegen des Verbrechens der erzwungenen Scheidung, weil sie ihren Ehemann als Geisel genommen und einen Mullah entfĂŒhrt hatte, damit er das Scheidungsurteil erlĂ€sst. Ihr Komplize wurde hingerichtet.

Dies ist eine der traurigsten Geschichten von Frauen im Adel-Abad-GefĂ€ngnis. Sag mir, warum wir  nicht bis zum Tod kĂ€mpfen sollten? Was wollen wir außer einer menschlicheren Situation, außer einer gerechten Situation, in der die politische und wirtschaftliche Struktur und der Staat die Menschen nicht zu Wölfen machen? Unsere HĂ€nde sind leer, wir haben nichts außer unseren mĂŒden und leidenden Körpern. Was haben wir zu verlieren? Unsere Leben? Ist sich irgendjemand dieses elenden Lebens sicher genug, um sich zurĂŒckziehen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass meine Wut, mein Glaube und mein Kampfgeist gewachsen sind, als ich meine Schwestern in Adelabad sah.

#Titelbild: eigenes Archiv.




Quelle: Lowerclassmag.com