Juli 2, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 6 Minuten

IdentitĂ€tspolitik wird hierzulande von radikaleren Kreisen oft zu Unrecht geschmĂ€ht. Zugleich wird sie in Europa oftmals nur verkĂŒrzt rezipiert. Alicia Garza lĂ€dt uns in ihrem Buch dazu ein, einen tieferen Einblick in die Black Lives Matter-Bewegung und ein durch und durch aktivistisches Leben zu gewinnen.

zuerst veröffentlicht auf: https://www.untergrund-blÀttle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/alicia-garza-die-kraft-des-handelns-1922.html

Strukturelle Diskriminierung und UnterdrĂŒckung als Ausgangspunkt

Mit Die Kraft des Handelns publizierte die bekannte schwarze und queerfeministische Aktivistin Alicia Garza ein Werk, in welchem es weniger darum geht, die Welt besser zu verstehen, sondern zu ihrer grundlegenden VerĂ€nderung beizutragen. Bekanntheit erlangte die Autorin als MitbegrĂŒnderin der Black Lives Matter-Bewegung. Doch die Themen, ĂŒber welche sie schreibt und die Erfahrungen, von welchen sie berichtet gehen weit darĂŒber hinaus. #BlackLivesMatter, so macht sie unmissverstĂ€ndlich deutlich, war und ist weit mehr als ein hashtag, der im schlimmsten Fall von neoliberalen Unternehmen aufgegriffen wird, um PR-Arbeit zu betreiben oder von weissen BĂŒrgerkindern adaptiert wird, um sich als politisch korrekt darzustellen.

Garza gelingt es, einen persönlichen und daher gut zugĂ€nglichen ErzĂ€hlstil, mit Erfahrungswissen als auch mit zeitgenössischen Konflikten und Debatten zu verknĂŒpfen. Dabei lĂ€sst sie ihre akademische Ausbildung auf eine Weise einfliessen, die von den realen Situationen und Problemen von jenen ausgeht, welche vor allem von rassistischer und sexueller Diskriminierung und UnterdrĂŒckung betroffen sind.. Beispielsweise bleibt damit die Theorie der IntersektionalitĂ€t keine selbstbezĂŒgliche akademische Diskussion, sondern geht von dort aus, wo sie entstand: Von komplexen Erfahrungen der Ausgrenzung und Gewalt, die strukturell begriffen und im Kontext einer durch Klassengesellschaft, weisse Vorherrschaft und Patriarchat geprĂ€gten und aufrecht erhaltenen Herrschaftsordnung gesehen werden.

Persönlicher ErzÀhlstil als Zugang zu komplexen sozialen Problemlagen

Interessanterweise beginnt die Vollzeitaktivistin mit ihrer eigenen Geschichte, macht also keinen Hehl daraus, dass ihre Motivation, Gesellschaft zu verĂ€ndern, ganz ihren eigenen Erfahrungen entspringt. Dazu gehören zum einen jene der Diskriminierung in verschiedenen Dimensionen. Zum anderen jedoch auch jene emanzipatorischer sozialer KĂ€mpfe, mit welchen Erniedrigungen ĂŒberwunden werden können. AlltĂ€gliche Erfahrungen von Ohnmacht mĂŒssen keine bleiben, sondern können die Benachteiligten ebenso zu aktivem Widerstand und Selbstorganisation anleiten. Black Lives Matter stellt dabei zwar die weltweit bekannteste Ausdrucksform dar, erschöpft sich allerdings nicht in einigen Jahren des vielfĂ€ltigen Protestes gegen die zahlreichen Polizeimorde an schwarzen Menschen. Diese sind vielmehr der Gipfel der Erniedrigungen und Benachteiligungen, welche die schwarze Bevölkerung und andere Minderheiten bis heute tĂ€glich in den USA und anderen LĂ€ndern erfahren. Die Morde verdeutlichen augenscheinlich, dass schwarze Leben als weniger wert erachtet werden – was zugleich Ergebnis und Voraussetzung fĂŒr die politische und ökonomische Herrschaft bestimmter Gruppen ist, die ihre angemassten Privilegien mit Gewalt verteidigen.

Wesentlich höhere Wahrscheinlichkeiten, im GefĂ€ngnis zu landen, in abgehĂ€ngten Stadtvierteln mit hohen Mieten und zerrĂŒtteter Infrastruktur zu leben, eine schlechtere Schulbildung, miserable Jobs und mangelhafte Gesundheitsversorgung sind soziale Probleme, die keineswegs nur, aber statistisch gesehen weit eher, die schwarzen Bevölkerungsgruppen betreffen. In ihrer Darstellung arbeitet Garza heraus, dass nur funktionierende Organisation, die Aktivierung von Betroffenen, kluge BĂŒndnisarbeit und strategisch angewandte Protestformen Wege sind, um aus diesem Elend emanzipatorisch heraus zu kommen. Die mĂŒhsame Basisarbeit ist es, mit welcher sich in der Regel zwar keine Anerkennung verdienen lĂ€sst, die aber zu radikalem Wandel fĂŒhrt, der viel umfassender ist, als der zumeist oberflĂ€chliche und kurzlebige Internetaktivismus.

Soziale Bewegungen und ihre Politik von unten

Garza versucht mit ihrer klaren Sprache zu ĂŒberzeugen, die nicht aus wohlklingenden Phrasen besteht, sondern aus zwei Jahrzehnten politischem Engagement gespeist wird. Dabei ist sie davon ĂŒberzeugt, dass es eine Politik von unten braucht, die mit Struktur, FĂŒhrung und Strategie einhergeht. So verortet sie auch Black Lives Matter explizit in der Tradition linker Bewegungen, die deswegen Erfolge verbuchen konnte, weil sie Wut und Verzweiflung in Engagement und Hoffnung transformieren konnte und damit viele verschiedene Menschen zusammen brachte. DarĂŒber hinaus auch, weil die Aktiven bei BLM gewillt waren, moderne Kommunikationsformen, soziale Medien und HandbĂŒcher fĂŒr politische Strategien zu nutzen. Dies klingt bei ihr etwa so:

„Um jene Art von politischer Bewegung aufzubauen, die wir brauchen, um die Dinge zu erreichen, die wir verdienen, dĂŒrfen wir keine Angst davor haben, eine Basis zu etablieren, die grösser ist, als nur die Gruppen der Leute, mit denen wir uns gerne umgeben. Bewegungen und Basisgruppen dĂŒrfen keine Cliquen von Leuten sein, die einander bereits kennen. Wir mĂŒssen weit darĂŒber hinausgehen und die Aufgabe ernst nehmen, die Unorganisierten zu organisieren – diejenigen, denen die Forderung nach und der Kampf um soziale Gerechtigkeit noch nicht in Fleisch und Blut ĂŒbergegangen ist, diejenigen, fĂŒr die alles auf dem Spiel steht und die sich wĂŒnschen, weniger isoliert und stĂ€rker mit anderen verbunden zu sein, diejenigen, die VerĂ€nderungen in ihrem eigenen Leben und dem Leben der Menschen herbeifĂŒhren wollen, die sie lieben“ (S. 295).

WidersprĂŒche emanzipatorischer sozialer Bewegungen und einige Anmerkungen

Als weisser Mann steht es mir kaum zu, ĂŒber ihre Aussagen und Positionen zu urteilen. Insbesondere, da Garza aufzeigt, wie MĂ€nner innerhalb und ausserhalb von BLM sich immer wieder als dessen FĂŒhrer inszenierten, wĂ€hrend sowohl die Arbeit beim Organisationsaufbau, in der Agitation von Nachbarschaften, als auch die Care-Arbeit zu grossen Teilen von FLINT-Personen getragen werden und wurden. Zumindest anmerken möchte ich jedoch, dass es vermutlich auch andere Perspektiven auf BLM, die strukturelle UnterdrĂŒckung der schwarzen Bevölkerung und den Herrschaftscharakter der Gegenwartsgesellschaft gibt. Und damit meine ich nicht, meine eigene, sondern jene von Betroffenen.

ZunĂ€chst betrifft dies, Garzas PlĂ€doyer fĂŒr die Beteiligung an, beziehungsweise eie Beeinflussung von politischen MandatstrĂ€ger*innen. Auch aus anarchistischer Perspektive macht es graduelle Unterschiede, welche Regierung ins Amt kommt. Dennoch kann die Frage aufgeworfen werden, ob die Energie, welche in WahlkĂ€mpfe, in die Diskussion und Verhandlung mit Politiker*innen nicht besser darin investiert wĂ€re, das zu betreiben, wovon Garza selbst geprĂ€gt ist: Den Aufbau und die StĂ€rkung der Gemeinschaften unterdrĂŒckter sozialer Gruppen. Garza bezeichnet sich selbst als Marxistin, was sie selbstverstĂ€ndlich gerne sein kann. Es gibt jedoch auch andere politische Traditionen und AnsĂ€tze – welche bei BLM sicherlich ebenso zu finden sind und deren AnhĂ€nger*innen möglicherweise das RĂŒckgrat der zumeist unsichtbaren Basisarbeit sind.

Zweitens wird hoffentlich auch innerhalb von BLM kontrovers diskutiert, was FĂŒhrung ist und wie sie aussehen mĂŒsste. Der anarchistische Reflex, jegliche FĂŒhrung pauschal abzulehnen, umgeht die Frage, anstatt, dass mit ihm eigenstĂ€ndige Antworten gewagt werden wĂŒrden. Gleichzeitig kann bei der LektĂŒre von Die Kraft des Handelns der Verdacht aufkommen, dass Garza und ihr Ă€hnlich gesinnte Aktivist*innen bereits an einer Gegen-Elite bauen – und damit den Weg der Graswurzelpolitik verlassen.

Dies zeigt sich unter anderem in ihrer Diskussion darum, wie Entscheidungen innerhalb sozialer Bewegungen legitimerweise gefĂ€llt werden können, wie viel Autonomie einzelne Gruppen darin beanspruchen können und wer sich auf welche Weise auf ein Label wie BLM beziehen kann. Der hashtag den Garza prĂ€gte, ist dabei nicht die soziale Bewegung an sich, wie sie selbst heraus stellt. Sicherlich stellt es ein Problem dar, wenn das Label von Selbstdarsteller*innen und politischen Karrierist*innen aufgegriffen und teilweise bis zur Unkenntlichkeit verwĂ€ssert wird. Schwierig wird es hingegen, wenn die Politik-Profis wie Garza beanspruchen, welcher Aktionsformen BLM-Aktivist*innen sich bedienen „dĂŒrfen“ – und welche nicht in ihrem Sinne wĂ€ren. Und dies auch, wenn wir davon ausgehen können, dass dies mit bester Absicht und Leidenschaft geschieht.

Dies fĂŒhrt zu einem dritten Punkt, den auch Garza formuliert: Die Verwendung von Marken, Slogans und sozialen Medien. Emanzipatorische soziale Bewegungen können nur erfolgreich sein, wenn sie sich der Kommunikations- und Ausdrucksformen bedienen, welche von ihrer Zeit geprĂ€gt sind. Wer viele Menschen erreichen und auch in der realen Welt organisieren möchte, kommt nicht umhin, sich der Möglichkeiten des Internets zu bedienen und komplexe Sachverhalte auf verstĂ€ndliche Weise herunter zu brechen.

Zu dem Grad jedoch, zu welchem eine bestimmte Vorstellung von „Erfolg“ gesetzt und alle AktivitĂ€ten an diesem ausgerichtet werden, besteht die Gefahr, im Aktivismus selbst neoliberale Selbstdarstellung, Leistungsideologie und ausgeprĂ€gte „flache Hierarchien“ (welche aber umso stĂ€rker der eigentlichen FĂŒhrung dienen) zu reproduzieren. Die Autorin behandelt diese WidersprĂŒche selbst. Demnach bleibt zu hoffen, dass sie es nicht als Rechtfertigung tut, sondern sie sich in ihrem klaren RealitĂ€tssinn fĂŒr Verdichtung der HerrschaftsverhĂ€ltnisse in gesellschaftlichen Institutionen nicht blenden lĂ€sst.

Insofern wird das Buch jedoch seinem Titel gerecht, da es Denkanstösse vermittelt, wie emanzipatorische soziale Bewegungen langfristig siegen und die Gesellschaftsordnung grundlegenden verĂ€ndern können. Dies hat etwas sehr US-Amerikanisches, sodass der obligatorische Appell an die AnsprĂŒche der unverwirklichten Demokratie und das bessere Amerika auf den letzten Seiten des Buches nicht fehlen. Mit einem anarchistischen Hintergrund wirkt dies Ă€usserst befremdlich, auch innerhalb der radikaleren FlĂŒgel US-amerikanischer sozialer Bewegungen.

Gleichwohl können radikalere Strömungen vom Anspruch, die Herrschaftsordnung zielgerichtet zu konfrontieren, durchaus einige Inspiration ziehen. Garzas Buch lĂ€dt dazu ein, sich ĂŒber Black Lives Matter und seine HintergrĂŒnde zu informieren, vom Werdegang einer ĂŒberzeugten und akribischen Aktivistin zu erfahren und emanzipatorische soziale Bewegungen im 21. Jahrhundert von ihrem Erfolg her zu denken. Dazu gilt es zugleich mit weisser Vorherrschaft, Klassengesellschaft und Patriarchat zu brechen und andere Beziehungen an ihrer Stelle zu etablieren.

Jonathan Eibisch




Quelle: Paradox-a.de