Oktober 28, 2021
Von Anika - Anarchismus In Karlsruhe
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Aktuell sorgt die „ExpoStation“ fĂŒr viel Aufmerksam auf dem GelĂ€nde des Areal C, welches sich inzwischen lediglich durch seine Baustellen auszeichnet. Rund 90 GraffitikĂŒnstler*innen zeigen ihre Bilder an den AußenwĂ€nden der GebĂ€ude. Finanziert u.a. durch die GEM-Ingenieursgesellschaft, die das GelĂ€nde neu bebauen möchte.

Was die GEM mit Kunst und Kultur zu tun hat? Genau genommen Nichts. Außer, dass durch ihrer Investitionen auf dem Areal C und rund um die Gablonzer Straße mehrere hundert KĂŒnstler*innen und vor Allem Musiker*innen ihre RĂ€ume verloren haben. Dies sorgte im FrĂŒhjahr fĂŒr einige Aufregung in der Stadt Karlsruhe und fĂŒhrte dazu, dass sich selbst der Gemeinderat dazu gezwungen sah seine UnterstĂŒtzung auszusprechen. Mehr als 15 Jahre wurde dem Themenfeld mit leeren Versprechungen und Aussitzen begegnet.

Und jetzt Alles gut?

Nach all den Jahren, in denen den verschiedensten Initiativen und Vereinen Steine in den Weg gelegt wurden ein Erfolg, oder zumindest eine Beruhigungspille. Mehrere GemeinderĂ€t*innen haben deutlich gemacht, dass die Zustimmung zum neuen Kulturprojekt in der Schauenburgstraße unumgĂ€nglich war.

Dass die GEM mit der Vertreibung vieler Kulturprojekte in die Negativschlagzeilen gekommen ist, wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. Dies zeigt ein kurzfristiges Krisentreffen, welches von höchster Stelle des Investors anberaumt wurde und einer möglichen „Eskalation“ entgegen wirken sollte. Jetzt die Finanzierung der „ExpoStation“ und nebenbei ist man sich mit der Stadt ĂŒbereingekommen, dass in der Gablonzerstraße eine ca. 3000 mÂČ große FlĂ€che fĂŒr Kultur bei der Neuentwicklung berĂŒcksichtigt werden soll. Finanziert mit Hilfe der Stadt!
Das, wofĂŒr Kunst- und Kulturinitiativen weit ĂŒber ein Jahrzehnt kĂ€mpfen mussten, ist in Bezug auf einen Investor gerade eine Nebenbeiverhandlung wert. Und das, wo die GEM mit dem Verkauf und der Vermietung neu gebauter Wohnungen mehr als genug Geld verdienen wird. Dabei war Yvette Melchien von der SPD vor kurzem noch der Meinung, dass diese Investoren doch als MĂ€zene fĂŒr Kunst- und Kulturprojekte einspringen sollten. 850 Euro der mÂČ, oder rund 2000€ Monatsmiete fĂŒr eine 100 mÂČ Wohnung in der Kussmaulstraße, auf dem Areal C und rund um die Gablonzer Straße. Ein Hoch auf den dringend benötigten Wohnraum, den sich die, die ihn am nötigsten haben, nicht leisten können. Und trotzdem muss die Stadt einspringen.

Die Karlsruher BĂŒrgermeister hingegen zeigen, dass ihnen an einer Änderung dieser Politik nicht gelegen ist. Man sollte den „bösen Kapitalisten“ doch dankbar sein fĂŒr vorĂŒbergehend gĂŒnstige Mieten meinte Herr Mentrup im Gemeinderat.
„Es hat hier keine Vertreibung gegeben“, meint SozialbĂŒrgermeister Martin Lenz in Hinblick auf das Areal C.
In der Öffentlichkeit kursiert die Darstellung, dass die Stadt und allen voran die GEM allen unter die Arme gegriffen hĂ€tten, um eine neue Bleibe zu finden.

Wir mĂŒssen dieser Darstellung entschieden widersprechen! Wir waren in den letzten Wochen und Monaten regelmĂ€ĂŸig in den „Entwicklungsgebieten“ unterwegs und haben uns die Entwicklungen angeschaut und mit den Menschen gesprochen.
Die meisten Gewerbetreibende vom Areal C haben tatsĂ€chlich eine Alternative gefunden. UnterstĂŒtzung haben sie dabei höchstens durch ein solidarisches Umfeld bekommen. Einige mĂŒssen in Zukunft ihre ZĂŒgel enger schnallen. Neben bezahlbarem Wohnraum ist es fĂŒr kleine Gewerbe ebenfalls schwierig geeignete und bezahlbare RĂ€ume und FlĂ€chen zu finden.
Gleichwohl ist mit der Entstehung eines neuen Kunst- und Kulturzentrums der Bedarf lange nicht abgedeckt. Auch dieser Umstand ist der Stadt Karlsruhe bekannt.

Zumindest der RĂŒckbau des Skaterplatzes des Jugendzentrums NCO hat es in die Öffentlichkeit geschafft. FĂ€lschlicherweise wird der NCO als stadtteilorientierter Jugendclub bezeichnet. Mit Angeboten wie Parcours, Konzerten und eben einem Skaterplatz wurde dieser Jugendclub von jungen Menschen aus der ganzen Stadt besucht. Genau diese Angebote, die dieses Jugendzentrum so besonders machten, werden in Zukunft dort nicht mehr stattfinden. Dem Investor und dem vorgesehenen Klientel sind die Bedingungen und allem voran der LĂ€rm nicht zumutbar. Eine Initiative von Skater*innen fordert zumindest einen Ausweichort, da die Anzahl an SkaterplĂ€tzen in Karlsruhe dem Bedarf nicht annĂ€hernd gerecht werden.
Die Initiative ist absolut zu unterstĂŒtzen und gleichzeitig auch in einem Kontext zu sehen, der zeigt, dass öffentliche PlĂ€tze in Karlsruhe seit Jahren zunehmend, zumindest fĂŒr bestimmte Menschen, unzugĂ€nglich gemacht werden.

Ein viel grĂ¶ĂŸeres Problem ist die Außendarstellung, dass alles dafĂŒr getan wird, um den verdrĂ€ngten Menschen eine Alternative zu bieten.
In einem GebĂ€ude in der Delawarestraße leben noch immer Menschen, die zum 31.10.2021 ausziehen mĂŒssen, jedoch keine neue Wohnunterkunft haben.
Das Haus ist von der Firma Zammitz angemietet und an die dort Wohnenden untervermietet. Die MietvertrĂ€ge wurden fĂŒr drei Jahre ausgestellt und die Bewohner*innen nicht rechtzeitig ĂŒber den bevorstehenden Auszug informiert. Erst auf Initiative aus der Nachbarschaft ist dieser Umstand Mitte September an die Bewohner*innen herangetragen worden. Die GEM wusste zu diesem Zeitpunkt darĂŒber Bescheid. Seit diesem Zeitpunkt wird in den Wohnungen wöchentlich der Strom abgeschaltet.
Wer den Wohnungsmarkt in Karlsruhe kennt, weiß, dass es annĂ€hernd unmöglich ist in dieser kurzen Zeit eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Dank der UnterstĂŒtzung einiger solidarischer Menschen, konnten fĂŒr viele trotzdem Alternativen geschaffen werden. Ein paar der Bewohner*innen haben Stand 27.10.2021 keine neue Wohnung gefunden. Auch dieser Umstand ist der GEM bekannt. SpĂ€testens seit dem 18. Oktober, an dem ein Bewohner bei der GEM nach einer möglichen Ausweichunterkunft nachfragte. Die Antwort lautete, dass die GEM keine Wohnungen zu vergeben hĂ€tte. Dies ist falsch. Die GEM verkauft und vermietet Wohnungen. Richtig ist der Umstand, dass sie ihre Immobilien zu Preisen vermieten möchte, die viele Menschen nicht bezahlen können. Solche angeblichen Alternativen gab es mehrere von Seiten der GEM.

Mit diesem Text machen wir erneut auf die Politik der VerdrĂ€ngung in Karlsruhe aufmerksam. Die Ideen, dass Investoren, die in erster Linie Geld verdienen möchten, sozialvertrĂ€glichen Wohnraum schaffen ist genauso abwegig, wie die Idee, dass sie freiwillig nötige ZuschĂŒsse fĂŒr FreirĂ€ume abgeben.
Der Umstand der VerdrĂ€ngung ist allgegenwĂ€rtig und die Behauptung des SozialbĂŒrgermeisters, diese wĂŒrde nicht stattfinden, ein Hohn fĂŒr alle Betroffenen.
WĂ€hrend die „ExpoStation“ fĂŒr die einen ein Ort der Bewunderung ist, wirkt sie fĂŒr die Betroffenen wie ein Schlag ins Gesicht. Die Blicke der Umherwandelnden kennen weder Scham noch Respekt.

Was bleibt ist die Tatsache, dass auch eine scheinbar progressive Mehrheit im Gemeinderat den Ausverkauf der Stadt weiter voran treibt und auf die, die es sich nicht leisten können, so wenig einen Blick hat, wie auf die, deren Zukunft sie gestalten wollen.

Der Widerstand gegen diese Entwicklungen bleibt den Bewohner*innen, die sich selbstbestimmt Nischen schaffen, sich gegenseitig unterstĂŒtzen und ihren Unmut ĂŒberall dort hin tragen, wo Ausgrenzung, soziale Spaltung und Vertreibung voran getrieben wird.



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Quelle: Anika.noblogs.org