November 10, 2021
Von Paradox-A
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zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blaettle.ch

In der ersten JahreshĂ€lfte erschien in der Reihe theorie.org ein EinfĂŒhrungsbuch zum RĂ€tekommunismus des Journalisten Felix Klopotek. Der Autor macht durch seine umfangreiche und zugleich prĂ€zise Darstellung deutlich, dass er einer der besten zeitgenössischen Kenner der rĂ€tekommunistischen Strömung ist. Im Folgenden möchte ich lediglich einige persönliche und spontane Gedanken zum Gegenstand Ă€ußern, da die Besprechung wenig zum Inhalt des gelungenen Buches selbst beizutragen hat.

Die rĂ€tekommunistischen Ideen finden immer wieder Anklang bei klugen, sozial-revolutionĂ€r gesinnten Menschen, die sich auf das marxistische Denken als einer „Kritik im Handgemenge“ beziehen und es praktisch anwenden wollen. Insofern besteht eine starke Parallele zum anarchistischen Syndikalismus. Daher ist es kein Zufall, dass sich beide Strömungen in fĂŒr den deutschsprachigen Raum so wichtigen Ereignissen wie dem Ruhraufstand, der sich im MĂ€rz 1920 gegen den Kapp-Putsch richtete, wie auch in den MĂ€rzkĂ€mpfen in Mitteldeutschland 1921 und in der KAPD trafen.

Diese Abspaltung der KPD ĂŒbertraf diese 1921 an Mitgliedern, spaltete sich dann bis Mitte der 1920er Jahre immer weiter auf. Mit ihr ging der RĂ€tekommunismus als organisierte sozial-revolutionĂ€re Strömung zugrunde. Dennoch wurden Elemente von ihm, wie etwa den Fokus auf organisierten und aktivierten Arbeiter*innen als handelnden Subjekten der Geschichte, von anderen Strömungen wie dem Operaismus ĂŒbernommen.

Der Unterschied zum Anarch@-Syndikalismus bestand freilich darin, dass mit der Form der RĂ€te-Strukturen (wie sie erstmalig in der russischen Revolution von 1905 entwickelt wurden), ein Modell bestand, welches ĂŒber den unprĂ€zisen Bezugspunkt der Kommune, eine zeitgemĂ€sse politische Organisation der Gesellschaft vorstellbar machte. Über die kleinen Kreise von anarch@-kommunistischen Gruppierungen, wie etwa die Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD), hinaus wurden somit einige Jahre lang Konzepte fĂŒr ein libertĂ€rer-sozialistisches Gesellschaftsmodell verbreitet und diskutiert.

Der Anarchismus formierte sich als sozialistische Strömung nicht etwa in unbegrĂŒndeter, prinzipieller Ablehnung des Staates, sondern aufgrund einer bestimmten Kritik an der Politik, der Vorstellung von Gesellschaftstransformation und dem Festhalten an den Organisationsprinzipien von Autonomie, Föderalismus, DezentralitĂ€t, Freiwilligkeit und HorizontalitĂ€t.

Weiterhin wird mit ihm die ethische Dimension des Sozialismus, der Wert der IndividualitĂ€t betont und die Ansicht vertreten, dass Staat und Kapitalismus (und daran anschließend weitere HerrschaftsverhĂ€ltnisse) unmittelbar miteinander verknĂŒpft sind und parallel zueinander abzuschaffen sind. Die Abwendung vom (verstaatlichten) politischen Terrain, wird zugunsten anderer Bezugspunkte möglich, namentlich des Individuums, des Sozialen, der Gesellschaft, der Ökonomie und der Gemeinschaft.

Auch wenn es dafĂŒr aus sozial-revolutionĂ€rer Sicht plausible GrĂŒnde gibt, entsteht damit eine Leerstelle in Bezug auf Politik. Wenn diese vernachlĂ€ssigt oder regelrecht ignoriert wird, Ă€ndert sich erstens nichts am Herrschaftscharakter von Politik, tendieren anarchistische Praktiken, Aktions- und Organisationsformen zweitens zu Selbstzwecken. Drittens lĂ€sst dadurch keine glaubwĂŒrdige und ĂŒberzeugende Vision fĂŒr ein alternatives Gesellschaftsmodell entwickeln.

Mit dieser ist freilich kein fertiger utopischer Plan gemeint, den es zu erfĂŒllen gĂ€lte, sondern eine vermittelbare Konzeption, wie sich Menschen unter gegenwĂ€rtigen Bedingungen organisieren und wie sie handeln können, um die Grundlagen ihres Zusammenlebens zu verĂ€ndern. Dazu also dient die RĂ€teidee, welche analog zu den Syndikaten, gleichzeitig als Kampforganisationen und Keimzellen der libertĂ€r-sozialistischen Gesellschaft verstanden werden können. RĂ€te bewegen sich dabei allerdings wie alle ernsthaften Versuche, Parallelorganisationen zu schaffen, im Widerspruch in-gegen-und-jenseits des politischen Feldes zu handeln.

Sich vorhandener politischer Strukturen, Handlungs- und Denkweisen zu bedienen um sie gleichzeitig zu transformieren und sie in andere Formen zu ĂŒberfĂŒhren, ist die hochgradig komplexe und widersprĂŒchliche Aufgabe, welche die soziale von der politischen Revolution unterscheidet. Denn die neuen Formen können nun einmal nicht vorab ausgemalt, sondern nur angedeutet werden, wĂ€hrend es zugleich konkrete Beispiele braucht, wie sie funktionieren, damit sich Menschen von ihnen ĂŒberzeugen lassen. AnhĂ€nger*innen des RĂ€tekommunismus machen es sich nicht einfach, wenn sie sich dieser Herausforderungen theoretisch und praktisch stellen und in WidersprĂŒchen handeln, ohne diese lediglich zu reflektieren.

In seinem EinfĂŒhrungsband verweigert sich Klopotek jedenfalls konsequent einem Trend der Zeit. Und zwar jenem, zeitgenössische Ereignisse wie etwa die Platzbesetzungsbewegungen ab 2011 oder den sogenannten Arabischen FrĂŒhling ab 2013 als AufhĂ€nger fĂŒr die Darstellung der Relevanz rĂ€tekommunistischer Ideen zu nehmen. DarĂŒber hinaus gibt der Autor fĂŒr die Laien auch keine Handreichung, wie die rĂ€tekommunistischen Gedanken unter gegenwĂ€rtigen Bedingungen weiterzudenken wĂ€ren. Im Sinne einer getreuen Abbildung der Geschichte und der Betonung von historischem Bewusstsein ist dies verstĂ€ndlich und gut.

Dennoch halte ich es fĂŒr sinnvoll, diese AnknĂŒpfungspunkte zu suchen und herzustellen, denn immerhin werden rĂ€tekommunistische Überlegungen nicht nur als „Ideen“, sondern verbunden mit bestimmten Praktiken gelebt und weitergegeben. Klopotek hingegen erwartet, dass Interessierte sich auf Geschichte und Theorie des RĂ€tekommunismus tiefer gehend einlassen, statt oberflĂ€chliche Gedanken zu ihm zu reproduzieren. Wer an den darauf aufbauenden Überlegungen folgen und der daraus hervorgehenden Perspektive interessiert ist, kann vom Autor beispielsweise in der konkret lesen.

Jonathan Eibisch




Quelle: Paradox-a.de