September 5, 2021
Von SchwarzerPfeil
298 ansichten


Im letzten Monat ist inmitten der thailĂ€ndischen Demokratiebewegung eine neue radikale Arbeiter_innenfraktion aufgetaucht. Die Gruppe, die sich Thalugaz nennt, ist wesentlich mutiger, gewalttĂ€tiger und entschiedener gegen den Staat eingestellt als der Rest der bisherigen Bewegung. Gabriel Ernst gibt einen Überblick ĂŒber die aktuelle Situation in Bangkok und spricht mit einem fĂŒhrenden Koordinator von Thalugaz.

Via Freedom News

Seit einem Jahr wird Thailand von Straßenprotesten erschĂŒttert, vor allem in der Hauptstadt Bangkok. Die Bewegung wurde durch den Drei-Finger-Gruß gekennzeichnet, der drei Forderungen symbolisiert: den RĂŒcktritt des Premierministers, die Ausarbeitung einer neuen Verfassung und die Reformierung/Abschaffung der Monarchie. Die Proteste wurden grĂ¶ĂŸtenteils von UniversitĂ€tsstudent_innen oder Hochschulabsolvent_innen aus der Mittelschicht organisiert.

Der thailÀndische Staat, der von dem quasi-militÀrischen Diktator Prayut Chan-o-cha und dem König Vajiralongkorn gemeinsam regiert wird, hat den Demonstrierenden bisher keine ZugestÀndnisse gemacht und ist mit TrÀnengas, RÀumpanzern, Gummigeschossen und neuerdings auch mit scharfer Munition gewaltsam gegen sie vorgegangen.

In den letzten Wochen kam es im Bangkoker Stadtteil Din Daeng immer wieder zu gewalttĂ€tigen Protesten. Din Daeng ist ein extrem benachteiligtes Viertel der Hauptstadt, vor allem, nachdem in der letzten Welle der Covid-Pandemie ein strenger Lockdown ohne jegliche wirtschaftliche UnterstĂŒtzung durchgefĂŒhrt wurde. Seit Mitte August bekĂ€mpfen ĂŒberwiegend lokale Jugendliche aus der Arbeiter_innenklasse die Polizei mit improvisierten Waffen wie Feuerwerkskörpern, kleinen selbstgebauten Bomben, Steinschleudern und Molotowcocktails. Diese Runde der KĂ€mpfe unterscheidet sich deutlich von frĂŒheren Protesten in der thailĂ€ndischen Bewegung, denn sie sind deutlich gewalttĂ€tiger und nehmen an HĂ€ufigkeit zu.

Bis vor kurzem fanden die Proteste statt, ohne dass es eine klare Gruppe gab, die sie organisierte. Liberale Hauptakteure wie Thammasat, die lĂ€ndliche anarchistische Gruppe DaoDin und die bekennenden Marxist_innen von FreeYouth sind in der Gegend nicht vertreten. Allerdings ist eine neue Gruppe, Thalugaz, aufgetaucht, die diese lokale Bewegung reprĂ€sentiert und versucht, sie zu formalisieren. Die sozialen Medien von Thalugaz haben einen eindeutig anarchistischen/antikapitalistischen Ton und behaupten, fĂŒr die unterreprĂ€sentierte Arbeiter_innenklasse Bangkoks zu sprechen.

Wir haben mit dem Admin der Social-Medien-Seiten von Thalugaz gesprochen.

Interview

Wer bist du und was tust du?

Ich bin der Admin der Thalugaz-Social-Media-Seiten, ich bin eine Art Organisator fĂŒr Thalugaz, ein Sprecher und ein Koordinator. Ich komme auch aus der Gegend von Din Daeng. Die Demonstrierenden in Din Daeng haben viele Organisationsteams vor Ort, und wenn sie mit der Öffentlichkeit kommunizieren wollen, wenden sie sich an mich.

Was ist Thalugaz?

Es entstand, weil sich einige der Protestierenden in Bangkok, Menschen aus der Arbeiter_innenklasse, von den etablierten Protestgruppen ausgeschlossen fĂŒhlten, die immer gewaltfreie Mittel des Widerstands propagieren. Wir können nicht lĂ€nger auf die Konfrontation mit dem Staat warten, wir mĂŒssen jetzt etwas tun, das sich vom Mainstream unterscheidet. Also grĂŒndeten wir diese neue Gruppe, diese neue Bewegung, die Thalugaz heißt.

Wer steht hinter Thalugaz?

Zuerst bildeten wir Einsatzteams im Viertel Din Daeng. Die Leute sprachen miteinander und organisierten sich, und dann begann ich, die öffentliche Seite zu verwalten. Wir haben diese Seite eingerichtet, weil wir unsere Aktionen vor der Bevölkerung rechtfertigen mĂŒssen. Wir haben auch begonnen, mit anderen Menschen in der Gegend persönlich zu sprechen, denn wir brauchen ihre UnterstĂŒtzung und ihr Vertrauen, damit sie unsere Aktionen verstehen. Es ist wichtig, dass wir wissen, wie die Menschen in der Region ĂŒber uns denken und dass wir eine starke Beziehung aufrechterhalten. Die Einsatzteams schickten mir also Berichte und ich habe sie weitergegeben. Das tun wir immer noch. Aber viele Menschen in der Nachbarschaft haben schon frĂŒher mit der Regierung gekĂ€mpft und viele sind ehemalige Rothemden. Sie gehören zur Arbeiter_innenklasse und sind eng mit den Protesten verbunden.

Um das klarzustellen: das ist die neue Generation. Einige wissen nicht wirklich etwas ĂŒber die Rothemden, sie sind zu jung, einige wollen nur raus, um Spaß im Kampf gegen die Polizei zu haben, aber es sind auch Ă€ltere Leute dabei. Die Jungen lernen von den Alten.

Wie hat die lokale Bevölkerung auf die Proteste reagiert?

Um ehrlich zu sein gefÀllt es ihnen nicht, dass die Proteste in ihrer Gegend stattfinden, aber sie wissen, dass es so sein muss und respektieren es. Sie geben uns keine Schuld und verstehen, warum wir das tun.

Wie ist das Leben in Din Daeng?

Es ist ein Slum, es ist schrecklich. Wir sind unterdrĂŒckte Menschen. Die Polizei ist wie eine Mafia, unter der wir leben mĂŒssen. Sie nehmen uns alles, was wir haben, sie beherrschen uns und wir mĂŒssen ihnen absolut gehorchen. Sie sind das Hauptproblem in der Gegend. Alle hassen sie. Es ist, als wĂŒrden wir hier in einem total korrupten, von der Mafia gefĂŒhrten Polizeistaat leben.

Eure Seite hat einen eindeutig anarchistischen Ton, warum ist das so?

Um ehrlich zu sein kommt das zum großen Teil von mir. Ich habe viele anarchistische BĂŒcher gelesen. Mein Lieblingsbuch ist Gegenseitige Hilfe von Kropotkin, aber das verbindet sich mit unserer Bewegung, mit den Menschen.

Wie sind die Menschen in Din Daeng politisiert?

Vielen Menschen ist es egal wer der Premierminister ist, solange sich ihr Leben verbessert, also sind viele Menschen politisch sehr flĂŒchtig, wie Wasser, sie ziehen viel umher. Wie ich schon sagte, sind viele von ihnen ehemalige Rothemden. Viele Ă€ltere Menschen unterstĂŒtzen Thaksin, weil ihr Leben unter Thaksin oder der Thai Rak Thai (Partei) zweifellos besser war. Die meisten Menschen haben jedoch keine Zeit, ĂŒber Politik nachzudenken oder zu lesen. Sie arbeiten immer, kĂ€mpfen ums Überleben, aber sie hassen Prayut (den Premierminister) und die Polizei.

Wie knĂŒpft ihr Kontakte zur breiten Arbeiter_innenschaft in Thailand?

Es ist immer ein Kampf, denn wie ich schon sagte, haben die Leute keine Zeit, Theorie ĂŒber so etwas zu lesen. Wir versuchen unsere BeitrĂ€ge kurz und verstĂ€ndlich zu halten, damit sie sich von den Mainstream-Nachrichten unterscheiden, und das gelingt uns auch, aber natĂŒrlich ist es schwierig.

Inwiefern werdet ihr von anderen Protestgruppen nicht vertreten?

Sie sind Intellektuelle aus der Mittelschicht. Wir sind keine Intellektuellen. Wir gehören zur Arbeiter_innenklasse, da gibt es eine Kluft. Sie haben diese Vorstellung vom Kampf gegen die Polizei, dass sie warten, bis die Polizei zuerst zuschlĂ€gt und dann reagieren. Wir sind unser ganzes Leben lang von der Polizei angegriffen worden, sie haben immer zuerst zugeschlagen, sie behandeln uns wie Scheiße — das ist unsere Rechtfertigung. Die gesamte Struktur der Polizei und des Staates ist ĂŒbergriffig. Wie kannst du sagen, dass wir darauf warten mĂŒssen, dass sie uns zuerst verletzen? Sie haben uns unser ganzes Leben lang angegriffen und niemand kĂŒmmert sich darum oder hört zu. FĂŒr uns ist das die einzige Möglichkeit, uns auszudrĂŒcken und uns Gehör zu verschaffen. Wir wurden von der Gesellschaft komplett ausgegrenzt, aber die Leute mĂŒssen wissen, dass es uns gibt. FĂŒr uns ist das Klassenkampf. Es gibt keinen anderen Weg.

Jede_r ist willkommen sich uns anzuschließen. Wir sind völlig offen, aber andere Protestgruppen zögern, sich uns anzuschließen. Es ist nicht so, dass sie uns feindlich gesinnt wĂ€ren, aber sie sagen immer wieder: „Warten wir es ab.“ Ich glaube, ich weiß, warum das so ist — es ist eine Klassenthematik. Ehrlich gesagt können viele Menschen aus der Mittelschicht uns nicht verstehen, sie können sich nicht in uns hineinversetzen.

Gibt es einen Plan, wie es jetzt weitergehen soll?

Der kurzfristige Plan ist zu wachsen und uns auszudrĂŒcken, einen linken Raum fĂŒr Leute wie uns in den Protesten zu schaffen. Wir benutzen nicht die drei Finger, sondern die geballte Faust. DarĂŒber hinaus mĂŒssen wir reden, Treffen veranstalten und uns stĂ€rker organisieren. Im Moment sammeln wir Daten und fangen an, PlĂ€ne zu machen, aber es ist noch sehr frĂŒh und wir brauchen mehr UnterstĂŒtzung.

***

Weitere aktuelle Informationen und Analysen ĂŒber die thailĂ€ndische Protestbewegung findest du unter www.dindeng.com. Oder folge ihnen auf Twitter: @dindength

Folge uns!
SchwarzerPfeil
Folge uns!



Quelle: Schwarzerpfeil.de