September 7, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Unter allen Autor*innen der anarchistischen Tradition ist Gustav Landauer (1870–1919) zweifellos derjenige, bei dem wir Reflexionen finden, die am ehesten auf unsere heutigen Fragen zur PrĂ€figuration (Vorwegnahme, Vorbild, Beispiel) in der Verbindung mit einer libertĂ€r-sozialistischen Utopie antworten können. (GWR-Red.)

In einem Kontext, in dem es ihm um den Nachweis der Unmöglichkeit einer wissenschaftlichen Konzeption der Revolution geht, schlĂ€gt Gustav Landauer (in „Die Revolution“, 1907 – d. Ăœ.) etwas ironisch die Parodie einer Geschichtsphilosophie vor, in der zwischen Topien und Utopien gewechselt wird. Die Topie der „relativen StabilitĂ€t“ einer gegebenen Gesellschaft stellt sich demnach als Folge einer Revolution ein, die eine frĂŒhere Topie im Namen einer Utopie umgestĂŒrzt hat. Bereits seit Thomas Morus (1478–1535) findet man zwei Bestandteile der Utopie, nĂ€mlich den der Kritik und den eines positiven Vorschlags. Die Utopie drĂŒckt daher die Ablehnung des Bestehenden und gleichzeitig das Projekt einer neuen Sozialordnung aus. Dieses Projekt wird sich im weiteren Verlauf sowohl konkretisieren als auch in einer neuen Topie erstarren. Die Lesart der Geschichte, in die sich diese halb-ironische Darstellung der Utopie einschreibt, erinnert an die sich abwechselnden kritischen und organischen Perioden in der Geschichtsvision der Saint-Simonist*innen (Henri de Saint-Simon, 1760–1825). (1)
Es ist jedoch wenig wahrscheinlich, dass Landauer diese auf den ersten Blick zyklische Konzeption der Geschichte sehr ernst genommen hat. Möglicherweise hat er darin jedoch einen doppelten Vorteil erkannt: Einerseits bot diese Konzeption die Möglichkeit, jedes Ende der Geschichte, ja sogar jede Vorstellung eines historischen Fortschritts abzulehnen – und so dazu beizutragen, der damals sehr verbreiteten Versuchung zu widerstehen, sich einer Geschichtsteleologie hinzugeben nach dem Motto: „Die Geschichte arbeitet in unserem Sinne!“ Stattdessen solle man sich doch den Aufgaben der Gegenwart widmen.
Andererseits lag in dieser Konzeption ein permanentes Neu-Beginnen, und sie ignorierte weniger stark das Auftreten des Neuen in der Geschichte. Denn jeder utopische Ausblick war demnach bereits direkt von der „Topie“ der gegebenen sozialen Lage abhĂ€ngig, in die er eingreifen sollte. Wenn diese Interpretation richtig ist, dann diente das Konzept der Utopie Landauer dazu, die Anmaßungen einer jeden Geschichtsphilosophie, die sich als Wissenschaft begreifen will, zurĂŒckzuweisen.
Doch dadurch war Landauer nunmehr eher zu einem Denker der PrĂ€figuration [der Vorwegnahme; des Vorbild-Abgebens; des Beispielhaften – d. Ü.] geworden denn ein Theoretiker der Utopie: durch seinen Willen, die Zukunft in der Gegenwart abzubilden; durch sein Insistieren auf der Notwendigkeit, den Sozialismus (der nur der positive Name fĂŒr die Anarchie sei) hier und jetzt zu verwirklichen.

Von der PrÀfiguration
zum Beginnen

In der Gegenwart zu handeln, das bedeutet fĂŒr Landauer nicht, sich im Hinblick auf ein hypothetisches revolutionĂ€res Ereignis zu organisieren, sondern das bedeutet anzufangen, sich klar darĂŒber zu werden, was man sich wĂŒnscht. Ausgehend von dieser Perspektive wird die Nutzung bestimmter Begriffe bei Landauer plausibel, die eine starke prĂ€figurative Bedeutung besitzen. Am auffĂ€lligsten ist dabei der Begriff des „Vorbilds“. Hier ist zu bemerken, dass der Begriff des Vorbilds in Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ (1911) nicht direkt vorkommt, aber in drei Texten, die dessen Niederschrift umrahmen. Sie behandeln konkrete „Initiativen“ – als „Siedlungen“ bezeichnet –, die Landauer in seinem „Sozialistischen Bund“ zu föderieren gedachte, wofĂŒr wiederum der „Aufruf zum Sozialismus“ so etwas wie eine Art Manifest sein sollte.
Im elften Artikel von „Die zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes“ in der Version von 1908 schreibt er:
„Diese Siedlungen sollen nur Vorbilder der Gerechtigkeit und der freudigen Arbeit sein: nicht Mittel zur Erreichung des Ziels.“ (2) Es muss hier unterstrichen werden, dass sich Landauer gegen eine instrumentelle Logik ausspricht, welche diese Initiative nur auf ein simples, mehr oder weniger gleichgĂŒltiges Mittel fĂŒr das zu verfolgende Ziel reduziert.
Zwei Jahre spĂ€ter, 1910, heißt es in „Das dritte Flugblatt: Die Siedlung“:
„Sind solche Siedlungen erst aus der gewaltigen Macht vereinigter BedĂŒrfnisse geschaffen worden, ist das Freudeleben des Wirtschaftens in neu vom Geiste belebten Gemeinden erst da, dann wird es nicht mehr die Hoffnung in der Ferne sein, was die Massen erfĂŒllt, sondern der Neid auf das, was sie greifbar um sich sehen: an allen Enden, in allen Gegenden sozialistischer AnfĂ€nge, Vorbilder der Kultur.“ (3)
Was sich hier ausdrĂŒckt, das ist zugleich die Notwendigkeit, die BedĂŒrfnisse als Ausgangspunkt zu nehmen (und die entsprechende wirtschaftliche Organisierung, die sie befriedigt), sowie die Weigerung, sich auf „entfernte Hoffnungen“ zu verlassen – eine Anspielung auf die simple Erlösungsprophetie [klassenlose Gesellschaft – d. Ăœ.], die der Marxismus in jener Epoche propagierte. Dagegen betonte Landauer die unmittelbaren WĂŒnsche und die dafĂŒr greifbaren Objekte. Die PrĂ€figuration ist nicht etwa ein simples Bild der kĂŒnftigen Gesellschaft, sondern sie besteht darin, die WĂŒnsche gegenwĂ€rtig zu halten und mindestens die Bewegung fĂŒr ihre Verwirklichung in Gang zu bringen. Die „Vorbilder“ sind deshalb nicht irgendwelche Utopist*innen, die sich damit zufriedengeben, ein radikales Woanders in schillernden Farben auszumalen, sondern sie sind, genau genommen, Initi-ator*innen.
Und dann schrieb Landauer noch in seiner „Zweiten Fassung“ von „Die zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes“ im Jahr 1912 (Artikel 7):
„Damit die große UmwĂ€lzung in den BodenbesitzverhĂ€ltnissen komme, mĂŒssen die arbeitenden Menschen erst auf Grund der Einrichtungen des Gemeingeistes, der das sozialistische Kapital ist, so viel von sozialistischer Wirklichkeit schaffen und vorbildlich zeigen, wie ihnen jeweils nach Maßgabe ihrer Zahl und Energie möglich ist.“ (4)
Dieser Passage ist ebenfalls zu entnehmen, dass es hier nicht um bildliche Darstellung, um eine Art Ästhetik, also um den Sozialismus als punktuelle Umsetzung geht. Um hier an die wohlbekannte Kritik von Murray Bookchin gegen prĂ€figurative Versuche zu erinnern: Es geht hier nicht um so genannte „Lifestyle“-, BohĂšme- oder Dandy-Konzepte des anarchistischen Lebens oder um eine simple anarchistische „Pose“, sondern um eine umfassende und ernsthafte Strategie, die sich gegen den damaligen Attentismus (Tendenz des Abwartens im Marxismus, bis objektive Faktoren/Bedingungen fĂŒr die Revolution erreicht sind, anstatt sie mit dem subjektiven Faktor oder Willen aktiv herbeizufĂŒhren – d. Ü.) der Sozialist*innen richtete, das heißt also: um eine wahre Politik der PrĂ€figuration.

Durch Absonderung zur
Gemeinschaft:
Versuch und Scheitern

Diese Strategie besteht zunĂ€chst darin, gegen die ausschließliche Schwerpunktsetzung auf industrielle Arbeit die vordringliche Bedeutung des Bodenbesitzes und der Landwirtschaft zu betonen – die Garanten jeder Autonomie und Ökonomie, die sich auf die BedĂŒrfnisse grĂŒndet. Die Strategie zĂ€hlt des Weiteren auf das so genannte „Kapital“ der Sozialist*innen, das heißt den Geist der Föderation, der sich an der Quelle neuer Institutionen findet. Und schließlich wirkt sie durch eine Dynamik des Beispielgebens und der Ausbreitung. Die hierbei zugrunde gelegte Logik ist die der Separation oder der Absonderung [vom kapitalistischen Bestehenden – d. Ü.] – wir wissen, dass Landauer der Autor der bekannten BroschĂŒre mit dem Titel „Durch Absonderung zur Gemeinschaft“ (1901) war. (5)
Dies bedeutet, dass solche Versuche im Herzen der kapitalistischen Wirklichkeit Zellen der sozialistischen Wirklichkeit hervorbringen, die gleichzeitig AusgangstĂŒren aus der Welt der kapitalistischen Produktion sind. Am Ende von „Aufruf zum Sozialismus“ meint Landauer, dass es darum gehe, „das Beispiel der Vorausgehenden“ (6) zu geben – und auch im Begriff „Vorbild“ gibt es ja diese Bedeutung der ExemplaritĂ€t. Aber sie bedeutet keinesfalls, dass die von Landauer vorgeschlagenen sozialistischen Initiativen einfach nur knechtisch imitiert werden sollen. Ganz im Gegenteil: Zur OriginalitĂ€t von Landauers Denken gehört auch das unvermeidliche Scheitern solcher Initiativen – das nicht gefĂŒrchtet werden darf, sondern dem Nachdenken dienen soll, wie die nĂ€chsten Versuche verbessert werden können. In einer Passage greift er dabei direkt die Marxist*innen seiner Zeit an:
„Aber der Marxismus ist der Philister, und darum verweist er immer voller Hohn und Triumph auf FehlschlĂ€ge und vergebliche Versuche und hat solche kindische Angst vor den Niederlagen. Gegen nichts trĂ€gt er mehr Verachtung zur Schau, als gegen das, was er Experimente oder gescheiterte GrĂŒndungen nennt.“ (7)
Eine Bewegung zu initiieren, bedeutet selbstverstĂ€ndlich, sich auch einem möglichen Scheitern auszusetzen. Landauer fĂŒrchtete sich nicht davor, seinen Worten Taten folgen zu lassen – und hat mehr als nur einen Fehlschlag erlebt. Beim „Vorbild“ geht es also keineswegs um ein starres Modell, das andere nur kopieren oder nachĂ€ffen sollen. In der PrĂ€figuration ist nicht das faktisch Konstruierte beispielgebend, sondern die Dimension der freiwilligen Initiative, die vom sozialistischen und libertĂ€ren Geist belebt und befeuert wird.

Von der PrÀfiguration
zur Revolution

Dieses Festhalten an der prĂ€figurativen Aktion beinhaltet fĂŒr Landauer jedoch nicht eine Absage an die Revolution. Noch einmal: Er verhöhnt im „Aufruf fĂŒr den Sozialismus“ die Marxist*innen:
„Einer der schlimmsten IrrtĂŒmer der Marxisten (
) ist die Meinung, auf dem Wege ĂŒber RevolutionĂ€re könne man zur Revolution kommen, wĂ€hrend man umgekehrt nur auf dem Wege der Revolution zu RevolutionĂ€ren kommt. Ein paar Jahrzehnte lang Reinkulturen von RevolutionĂ€ren schaffen, vermehren und beisammen halten wollen, um sie fĂŒr den Fall der Revolution doch einmal sicher in der rechten Zahl zu haben, ist ein echt deutscher, kindisch pedantischer und schulmeisterlicher Einfall. Um die RevolutionĂ€re braucht man nicht bange zu sein; sie entstehen wirklich in einer Art Urzeugung – wenn nĂ€mlich die Revolution kommt. Damit die Revolution, ein gestaltendes Neues, aber kommt, mĂŒssen die neuen Bedingungen geschaffen werden.“ (8)
(
) So ist es zum Beispiel schwer, die spanische Revolution zu verstehen, die Schaffung von Agrarkommunen und die Übernahme von Industriebetrieben durch die anarchistische und syndikalistische Bewegung, ohne die Jahrzehnte dauernde prĂ€figurative Vorbereitung in Betracht zu ziehen, die ihnen vorausging. (
)




Quelle: Graswurzel.net