MĂ€rz 29, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Henriette Roland Holst (1869-1952) gehört neben Clara Wichmann und Bart de Ligt zu den bedeutenden Persönlichkeiten der niederlĂ€ndischen „GrĂŒndergeneration“ des gewaltfreien Anarchismus. Zu den AktivitĂ€ten, Diskussionen und Verbindungen dieser drei Personen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erscheint im Buchverlag Graswurzelrevolution voraussichtlich Ende Mai das Buch von Gernot Jochheim: „Antimilitarismus und Gewaltfreiheit“, in der neben vielen Entwicklungen auch die GrĂŒndung der War Resisters’ International in Bilthoven/NL von 1921 erzĂ€hlt wird, jener antimilitaristischen Internationale, die gegenwĂ€rtig ihren 100. Geburtstag feiert. Roland Holsts politischer Werdegang war geprĂ€gt durch eine frĂŒhe, noch marxistische Tolstoi-Rezeption, dann gegen Ende des Ersten Weltkriegs durch eine Kritik sozialdemokratischer Volksheer- und Milizkonzepte sowie 1918 durch die bedeutende Schrift „Die Kampfmittel der sozialen Revolution“. Es folgten eine Phase des Engagements im linkskommunistischen Milieu sowie die Mitgliedschaft in der CPH (Kommunistische Partei Hollands), aus der sie nach zunehmender Kritik 1927 austrat. Daran schloss sich eine zweite, bewusster libertĂ€r-gewaltfreie Tolstoi-Rezeption sowie die GrĂŒndung der „Vrienden van India“ (Freunde Indiens) in den 1930er-Jahren, einer frĂŒhen antikolonialen SolidaritĂ€tsgruppe fĂŒr die gandhianische Bewegung, an. Der folgende Vorabdruck stellt ihre BegrĂŒndung gewaltfreier Aktion im Sozialismus dar, die um 1930 zu voller argumentativer Reife gelangt war. (GWR-Red.)

Am 10. Februar 1930 fand in Haarlem ein Studienwochenende der Jongeren Vredes Actie (JVA, Jugendliche Friedensaktion) statt. Das Thema lautete „Gewalt und Gewaltlosigkeit im Kampf fĂŒr den Sozialismus“. Referent*innen waren der Sozialdemokrat Johan Valkhoff mit dem Thema „Marxismus, Gewalt und Klassenkampf“ und Henriette Roland Holst. Sie referierte unter dem Thema „Ist Gewalt im Kampf fĂŒr eine sozialistische Gesellschaft abzulehnen?“ Über die BeweggrĂŒnde, die zu dieser Konferenz und den Einladungen fĂŒhrten, ist heute Konkretes nicht mehr in Erfahrung zu bringen. Wie es scheint, entsprangen sie den BedĂŒrfnissen einiger maßgeblicher Mitglieder der JVA. FĂŒr Henriette Roland Holst waren diese Kontakte mehr als zufĂ€llig. Ihre politische Ansprache richtete sich zunehmend an die Jugend, weil diejenigen den Sieg davontragen wĂŒrden, die die Jugend fĂŒr sich gewinnen wĂŒrden.

Erfahrungen der
Russischen Revolution

Dieses Datum ihres Kontaktes mit der JVA hat fĂŒr den geistigen Weg von Henriette Roland Holst insofern Bedeutung, als dass zu dieser Zeit die Herausbildung eines neuen VerstĂ€ndnisses von Sozialismus als theoretisches Problem abgeschlossen war und nun eine Phase einsetzte, in der sie sich stĂ€rker mit Fragen der Umsetzung des neuen Sozialismus auseinandersetzte. Welche Handlungsmuster, welche Aktionsformen waren dem neuen Sozialismus adĂ€quat? H. Roland Holst verfolgt bei der Antwort auf diese Fragen einen deutlichen lerntheoretischen Ansatz, den sie zunĂ€chst bei einer erneuten Kritik der Gewalt beim Aufbau des Sozialismus anlegt. Die Wirkungen von Gewalt leitet sie dabei anhand der Erfahrungen der Russischen Revolution ab, wobei sie bewusst die Fragen außer Acht lassen will, ob diese Gewaltanwendungen notwendig waren oder nicht.
„Sie (die sozialistische Bewegung, d.V.) hat zum ersten Mal in der Geschichte die Erfahrung gemacht, wie Gewalt in den HĂ€nden einer siegreichen Arbeiterklasse, systematisch und ĂŒber einen langen Zeitraum hin angewendet, wirkt, welche Wirkungen die Gewaltanwendung in den verschiedensten Hinsichten hat.“ H. Roland Holst unterscheidet drei Wirkungsebenen, die der Betroffenen, die der Anwendenden und die der breiten Massen.
Im ersten Fall erscheinen ihr die Chancen, dass Menschen, denen man mit Gewalt begegnet, sich fĂŒr neue Produktions- und Lebensformen gewinnen lassen, Ă€ußerst gering. Aus diesem Umstand erklĂ€rt sie die Verbitterung gegenĂŒber und die Entfremdung von der Revolution. Bei denen, die Gewalt anwenden, sieht sie die Gefahr des Zugzwangs, immer wieder von Neuem die Notwendigkeit von Gewaltanwendung herausstellen zu mĂŒssen und auch neue Situationen in diesem Sinne zu interpretieren. Allein die Annahme von Gewalt schrĂ€nkt die Handlungsmöglichkeiten und das Offensein fĂŒr Alternativen ein. Die Gewaltanwendung tötet schließlich nicht nur das körperliche Leben, sondern bei den Massen auch das geistige und seelische, die Voraussetzung einer jeden Revolution. Jede Anwendung von Gewalt wird zur Gewohnheit und schafft sich die Voraussetzungen ihrer Anwendung immer wieder selbst.

Weder „Hypnose der LegalitĂ€t“ noch „Hypnose der Gewalt“

Als Beispiel fĂŒr mangelndes alternatives Bewusstsein fĂŒhrt H. Roland Holst an anderer Stelle die VernachlĂ€ssigung der Massenstreikidee an. Es gibt in den 1920er-Jahren nur noch zwei Beispiele fĂŒr Massenstreiks, den Streik gegen den Kapp-Putsch 1920 und den Bergarbeiterstreik 1926 in England. Zwar gesteht sie um 1930 herum zu, dass auch die ökonomische Krise die Möglichkeiten des Massenstreiks beeintrĂ€chtigt. Aber die Hauptursache dafĂŒr, dass der Streik, wie sie in Anlehnung an Rosa Luxemburg formuliert, nicht mehr als Bewegungsform der proletarischen Revolution begriffen wird, liegt ebenso in der Hypnose der LegalitĂ€t auf Seiten der Sozialdemokratie begrĂŒndet wie in der Hypnose der Gewalt bei den Bolschewist*innen.
„Solange von den zwei großen FlĂŒgeln der Bewegung der eine mehr oder weniger befangen ist durch die parlamentarischen, gesetzlichen Kampfformen und der andere durch gewaltsame, kann man seine Kraft nicht wirklich, geistig und organisatorisch, auf den Streik in seinen verschiedenen Formen konzentrieren.“
Henriette Roland Holst gesteht zu, dass im Befreiungskampf der Arbeiterklasse gewisse Formen von Gewalt unvermeidlich sein mögen, aber diese EinschĂ€tzung könne nicht ausschlaggebend fĂŒr die Strategie sein: „Es ist viel besser anzunehmen, dass jegliche Gewalt vermieden werden kann, und darauf die Taktik einzustellen, als von vorneherein anzunehmen: In der folgenden Revolution wird in jedem Fall Gewalt gebraucht werden mĂŒssen. Denn wenn wir das annehmen, dann richten wir uns auch darauf ein, dann orientieren wir uns danach.“
Ihre Forderung begrĂŒndet sie mit einem Argument aus dem Zusammenhang der Ziel-Mittel-Relation: „Was wir uns vergegenwĂ€rtigen mĂŒssen, ist dies, dass die Zukunft durch das Heute bestimmt wird. Wie die folgende Revolution sein wird, welche Formen sie annehmen wird, welche Ergebnisse sie haben wird, das wird jetzt bestimmt und das hĂ€ngt von uns ab, von dem, was wir hier heute beschließen. Und von dem, was wir morgen tun werden.“
Aber was zukĂŒnftig getan wird, will sie nicht durch irgendwelche UmstĂ€nde bestimmt sein lassen, denn: „Die ‚UmstĂ€nde‘ können uns nicht ein Mittel aufzwingen, wenn wir es nicht gebrauchen wollen.“ Allerdings steht der Vermeidung von Gewalt insbesondere der Umstand entgegen, dass deren Anwendung viel leichter ist als gewaltlose AktivitĂ€t. In deutlicher Analogie zum Begriff der gewaltlosen AktivitĂ€t formuliert Henriette Roland Holst als neue Kampfmethode den Terminus des „sozialistischen Aktivismus“, der jenseits vom Glauben an Putsche und Gewalt, aber auch jenseits der ÜberschĂ€tzung des Parlamentarismus, des Stimmzettels und des Völkerbundes angesiedelt ist.

Zwei Elemente des
„Sozialistischen Aktivismus“

Der sozialistische Aktivismus hat zwei Elemente, das des Ă€ußeren Kampfes und das der gesellschaftlichen Umgestaltung im engeren Sinn. (
) In Zeiten stĂ€rkerer gesellschaftlicher Bewegungen, im Falle von Gefahren fĂŒr die Bevölkerung, wenn Rechte und Freiheiten eingeschrĂ€nkt zu werden drohen, sind andere Aktionen anzuwenden: „Der Boykott, der Streik, das Errichten neuer Organe, die sich den alten entgegenstellen, wie ArbeiterrĂ€te.“
Ihre These, die Sache des Sozialismus könne nur gewinnen, wenn sie vom Glanz des Ziels durchzogen sei, fundiert sie dann mit der EinfĂŒhrung der Idee des formgebenden Sozialismus, was – in neuerem Vokabular – Rolleninnovation, das Entwickeln gesellschaftlicher Einrichtungen mit sozialistischem Zuschnitt, meint. H. Roland Holst umschreibt den Begriff als den Weg der sozialistischen Lebensbildung, als das AusfĂŒllen des Lebens im sozialistischen Sinn und nennt als beispielhafte Aktionen das Errichten von Konsumgenossenschaften, von Gemeinschaftseinrichtungen, von Bildungseinrichtungen und neuen Formen der Erziehung. Formgebender Sozialismus heißt Transformation des Lebensstils.
Mit der Idee des sozialistischen Aktivismus von H. Roland Holst treffen wir auf ein erstes Konzept einer gewaltlosen sozialistischen GesellschaftsverĂ€nderung. Aufschlussreich erscheint schließlich noch die Bibliographie, die sie dem Vortrag anfĂŒgt. Neben ihren eigenen Schriften verweist sie auf Leo Tolstoi, auf Gustav Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ (1911), auf Leonhard Ragaz‘ „Sozialismus und Gewalt“ (1916/17), auf J. Ramsay McDonalds „Parliament and Revolution“ (1919), auf Clara Meyer-Wichmanns „Mens en Maatschappij“ („Mensch und Gesellschaft“, 1922), auf das Buch „Die sittliche Idee des Klassenkampfes“ (1926) von Eduard Heimann, auf Hendrik de Mans „De Psychologie van het Socialisme“ (1927), auf den von Franz Kobler im Auftrag der War Resisters’ International (WRI) herausgegebenen Sammelband „Gewalt und Gewaltlosigkeit. Handbuch des aktiven Pazifismus“ (1928), auf Gandhis Autobiographie „My experiments with truth“ (1927/29), auf Paul Tillichs 1930 erschienenes Buch „Religiöse Verwirklichung“ und schließlich auf Arthur Feilers „Das Experiment des Bolschewismus“ aus dem Jahre 1930.
Zwei MissverstĂ€ndnissen im Zusammenhang mit der gewaltlosen GesellschaftsverĂ€nderung tritt H. Roland Holst in der Folgezeit immer wieder entgegen. Zum einen der Auffassung, Gewaltlosigkeit sei eine passive Haltung, sowie der damit verbundenen Meinung, Gewaltlosigkeit sei eine Besonderheit des asiatischen Kulturkreises. Sie tut das in sehr differenzierender Weise, wie ihr Vorwort zu einem 1931 erschienenen Buch von Raghu Vira, „Uit de praktijk der geweldloosheid“ („Von der Praxis der Gewaltlosigkeit“) zeigt. Hier diskutiert sie die Frage nach der Bedeutung der Kampfesweise des zivilen Ungehorsams in Indien fĂŒr den sozialistischen Kampf in Europa. Im zivilen Ungehorsam sieht sie einen möglichen Bestandteil des Kampfes fĂŒr die neue sozialistische Gesellschaft, den sie hier noch einmal charakterisiert: „Nötig ist ein allgemeiner Widerstand der arbeitenden Massen (Arbeiter, Bauern, neuer Mittelstand) gegen den imperialistischen Kapitalismus (Geld-, ‹Kolonial-, Großindustrie-, Trans-‹portkapital). Ein scharfer unversöhnlicher Widerstand ist notwendig; eine angreifende, keine verteidigende AktivitĂ€t – so wie sie die Sozialdemokratie verkörpert. Eine nichtgewalttĂ€tige AktivitĂ€t – keine gewaltsame wie bei den Kommunisten. Auch eine aufbauende, nicht nur eine zerstörende, wie der Generalstreik der Syndikalisten. Eine AktivitĂ€t, die sich ihrer Mittel aus der SphĂ€re des sozialistischen Endziels bedient.“

Das Verdienst des Syndikalismus

Den Syndikalist*innen billigt sie an anderer Stelle ĂŒbrigens zu, dass sie mit der Idee des Generalstreiks, der westlichen Form des Non-Kooperations-Gedankens, zum ersten Mal die Perspektive des revolutionĂ€ren Kampfes von der blutigen Gewalt gelöst hatten, wobei sie, was zulĂ€ssig erscheint, den Einfluss von Georges Sorel recht niedrig ansetzt. Die Gleichsetzung von gewaltlosem mit passivem Widerstand rĂŒhrt nach Meinung von H. Roland Holst von der typisch westlichen Geisteshaltung her, Tatkraft mit AggressivitĂ€t zu identifizieren. (
) Durch den zivilen Ungehorsam in Indien sieht H. Roland Holst ihre Auffassung bestĂ€tigt, dass die wirksame gesellschaftliche Kraft die Idee ist, von der die Taktik als Folge abgeleitet wird. Ihr VerstĂ€ndnis von gesellschaftlichen kausalen Mechanismen belegt sie an diesem Beispiel erneut. KausalitĂ€t ist nicht eine absolute, sondern eine „sich beziehende Kategorie“, insoweit nĂ€mlich „alle Teile eines sozialpsychologischen Ganzen in einem VerhĂ€ltnis von wiederkehrenden funktionalen AbhĂ€ngigkeiten stehen“. So wirkt auch die „Kampfesweise ebenso auf das Prinzip (
) wie das Prinzip auf die Kampfesweise“.
Den praktischen Ansatz fĂŒr die neue Kampfesweise sieht sie in Europa in der Kriegsdienstverweigerung begrĂŒndet, die theoretisch mittlerweile weiterentwickelt werde zur Arbeitsverweigerung.
„Sie könnte sich sowohl gegen die Ausbeutung in ihren verschiedenen Formen richten wie gegen die UnterdrĂŒckung der Gedanken, gegen Kolonialpolitik und Kriegsgefahr.“
Der umfassende Anspruch von H. Roland Holst zeigt sich hier durch die wirklichen VerhĂ€ltnisse reduziert auf das AnknĂŒpfen an die gegebenen antimilitaristischen Traditionen. Das erscheint nicht zufĂ€llig. Das antimilitaristische Lager wurde seit dem Beginn der 1930er-Jahre sinnfĂ€llig zu der alleinigen wirklichen oppositionellen Kraft gegen Imperialismus, Militarismus und Faschismus, die selbstverstĂ€ndlich vielfĂ€ltig aufeinander bezogen waren. FĂŒr die hollĂ€ndische Sozialistin wurde es zum Ziel, den Kampf um die Umbildung der Gesellschaft im sozialistischen Sinn zu verbinden mit dem Kampf um den Frieden. All jene Aktionsformen, die Henriette Roland Holst 1930 in ihrem Konzept sozialistischer Gesellschaftstransformation aufzeigt, sind fĂŒr sie wenige Jahre spĂ€ter die angemessenen Mittel im Kampf gegen den Faschismus. Insbesondere von einer sinnvollen Kombination von Streiks, Arbeitsverweigerung und Boykott verspricht sie sich eine erfolgreiche Abwehr faschistischer Tendenzen. Aber nicht nur das. Diese Aktionsmittel seien auch geeignet in der Auseinandersetzung mit reaktionĂ€ren Regierungen und fremden MĂ€chten, die ein Land ĂŒberwĂ€ltigen.




Quelle: Graswurzel.net