März 24, 2022
Von La Presse
170 ansichten

Mira stammt aus Kiew und ist vor kurzem nach Polen geflohen. Dort lebt sie jetzt hauptsächlich. Derzeit eilt sie von Termin zu Termin in Europa, um Hilfe für Freunde in der Ukraine zu organisieren. Sie betreibt Networking und hält Vorträge über die Situation in der Ukraine. Wir treffen sie in Leipzig und interviewen sie auf Englisch. Wir bieten ihr an, den Text vor der Veröffentlichung zu prüfen. Aus Sicherheitsgründen soll der weitere Kontakt jedoch über Denis in Kiew laufen. Wir vereinbaren, dass er die Gelegenheit nutzen wird, seine Sichtweise schriftlich einzubringen.

Du bist links und kommst aus Kiew. Was hast du dort gemacht oder machst du dort, wenn gerade kein Krieg herrscht?
Mira: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich mich nicht als links definiere. Für Deutschland mag das passen, aber für die Ukraine ist der Begriff zu weit gefasst. Unter den Begriff »links« fallen Menschen mit denen ich keine Schnittmenge habe. Selbst die einmarschierenden Russen bezeichnen sich als links. Ansonsten habe ich mich in der Flüchtlingshilfe und im ABC [Anarchist Black Cross] engagiert. Ich würde mich also als Anarchistin bezeichnen.

Denis: Ich bin seit etwa 2007 Anarchist. Ich habe an mehreren anarchistischen Initiativen teilgenommen, wie der Studentengewerkschaft Direct Action, der Autonomen Arbeitergewerkschaft und dem ABC, sowie an mehreren anderen kleineren Initiativen. Jetzt gehöre ich keiner bestimmten Gruppe an, aber ich versuche, bei der Medienberichterstattung über die Veranstaltungen zu helfen.

Wie hast du den Beginn des Krieges erlebt?
Mira: Ich bin, wie meine Eltern, russischsprachig. In der Bevölkerung gibt es so viele Verbindungen zu Russland. – Ich hörte Bomben, schaltete die Nachrichten ein und war fassungslos. Von diesem Moment an war ich nicht mehr in der Lage, Gefühle zu empfinden. Das hält bis heute an. Jetzt verarbeite ich nur noch Sachinformationen. Die Prägnanteste ist, dass die Gedenkstätte Babyn Yar angegriffen wurde. Hier wurden in zwei Tagen 33.771 Juden von den Nazis hingerichtet – 33.771. 

Denis: Am 24. Februar wachte ich um 5 Uhr morgens durch das Geräusch von Explosionen auf, und der Himmel war rot erleuchtet. Das war ein Schock für mich. Am nächsten Tag näherten sich die russischen Panzer Kiew, und ich dachte, dass die Stadt zu einem Ort bösartiger Haus-zu-Haus-Kämpfe werden würde. Ich versuchte herauszufinden, wie ich in dieser Situation helfen kann und wie meine Überlebenschancen tatsächlich sind. Der russische Vormarsch wurde jedoch am Stadtrand gestoppt und in den Folgetagen stabilisierte sich die Lage. Jetzt ist Kiew das Ziel von gelegentlichem Artilleriebeschuss und Bombardierungen aus der Luft.

Die Lage ist besorgniserregend aber viel besser als in anderen Städten. So wurden beispielsweise in Charkiw, einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern, mehr als 1000 Häuser zerstört. Mariupol, eine Stadt mit 400 000 Einwohner*innen, wurde von den Russen fast gänzlich in Schutt und Asche gelegt. Gut 80 % der Häuser sind beschädigt oder zerstört. Das Gleiche haben die russische und die syrische Armee mit Aleppo gemacht. Viele Städte an der Frontlinie haben kein fließendes Wasser, keinen Strom und keine Heizung und leiden unter Lebensmittelknappheit.

Verzeih die naive Frage. Wie ist das Verhältnis zur Polizei in einem Kriegszustand?
Mira: Die Polizei hat im Internet Anleitungen für den Bau von Molotow-Cocktails veröffentlicht. Ich hoffe, das wird ihnen nach dem Krieg nicht zum Verhängnis. (Mira senkt bedächtig ihren Blick und schiebt hinterher:) Ganz im Ernst. Wir kämpfen alle ums Überleben.

Denis: Ein Teil der Polizeikräfte wurde an die Front verlegt, um mit Sturmgewehren gegen die russische Armee zu kämpfen. Einige patrouillieren noch immer durch die Stadt und überprüfen die Ausweise. Die Stadt ist voller Kontrollpunkte, an denen die Armee auch die Ausweise und die Ladung in den Autos überprüft. Die Ausgangssperre gilt von 20 Uhr abends bis 7 Uhr morgens, und niemand darf in dieser Zeit ohne Sondergenehmigung auf die Straße gehen. All dies ist ein Standardverfahren während des Kriegsrechts und wird voraussichtlich beendet sein, sobald der Krieg beendet ist. Russland hat bereits einige Polizeikräfte in die besetzten Gebiete entsendet. Dort schlagen sie auf Demonstrant*innen ein, entführen oder erschießen sie.

Wie organisieren sich die Linken/Anarchisten in Kiew im Moment?
Mira: Es gibt kleine Kampfeinheiten wie das Widerstandskomitee. Die Zivilbevölkerung ist in einer „Territorialen Verteidigung“ organisiert. Es gab lange Warteschlangen für an den Ausgabestellen für Waffen. Viele Ukrainer*innen hatten schon lange vor dem Krieg eine militärische Ausbildung. Diejenigen, die das nicht hatten, bekamen Crashkurse.

Denis: Einige der anarchistischen und antifaschistischen Aktivisten schlossen sich den Territorialverteidigungskräften an um gegen die russische Aggression zu kämpfen. Nicht nur aus der Ukraine, sondern auch aus Weißrussland, dessen Regierung ein Verbündeter Putins ist. Die Menschen sind extrem gegen diesen Krieg und sabotieren sogar die weißrussische Eisenbahn, um den Fluss von Munition und Treibstoff für die russische Armee zu verhindern. Andere Menschen haben sich der Freiwilligenbewegung angeschlossen, die den Flüchtlingen hilft und nach Schutzwesten, medizinischer Ausrüstung und anderen wertvollen Dingen für unsere Genossi*innen sucht.

Wie nimmst du die Solidarität aus Europa wahr?
Mira: Es gibt viel Solidarität aus der Zivilgesellschaft. Auf staatlicher Ebene fühlen wir uns im Stich gelassen. Es reicht nicht aus, die Häuser gelb/blau zu beleuchten. Die NATO hätte zum ersten Mal die Möglichkeit, etwas Gutes zu tun – und zu intervenieren.

Denis: Ich bin allen Menschen in Europa dankbar, die sich um die Flüchtlinge kümmern und Geld für ihre Bedürfnisse spenden. Ich weiß, dass einige Leute die Heuchelei kritisieren – Flüchtlinge aus Asien und Afrika werden nicht so herzlich empfangen. Ich hoffe jedoch, dass diese herzliche Aufnahme als Beispiel dafür dienen wird, wie die Flüchtlinge im Falle künftiger Krisen behandelt werden sollten.

Wir sind auch all den Menschen dankbar, die für die Widerstandsbewegung gespendet haben. Etwa 20 000 Menschen haben sich freiwillig gemeldet um in der Ukraine zu kämpfen. Nicht nur aus Europa und Nordamerika, sondern auch aus Asien. Wir beobachten also das Entstehen einer Art demokratischer, intranationaler Brigaden, was ein interessantes Phänomen ist. Früher waren die internationalen Brigaden eher linksorientiert.

Viele ukrainische Ultras und Hooligans, die vorher verfeindet waren, kämpfen seit Sommer 2014 gemeinsam. Gibt es jetzt auch eine Art Waffenstillstand zwischen Rechten und Linken/Anarchisten?
Mira: Wir haben das Problem mit militanten Nationalisten auf dem Radar und werden uns nach dem Krieg darum kümmern. Nazis sind in der Ukraine kein Problem. Anders als in Deutschland haben sie es bei uns nicht in die Parlamente geschafft. Im Moment kämpfen wir ums Überleben.

Denis: Alle Fußball-Hooligans haben 2014 beschlossen, den Waffenstillstand auszurufen, „bis der Krieg im Donbas vorbei ist“. Das war kein Waffenstillstand zwischen links und rechts, sondern ein Waffenstillstand zwischen allen Fußball-Hooligans. Unabhängig davon, ob sie sich wegen der Politik oder aus anderen Gründen mochten oder hassten. Die rechtsextremen politischen Gruppen griffen weiterhin gelegentlich Veranstaltungen von Linken/Feministen/LGBTQ+ an.

Allerdings wurden die rechtsextremen Politiker 2019 aus dem Parlament abgewählt, und es blieb fast ausschließlich zentristisch oder rechtszentristisch. Innenminister Arsen Awakow, der die rechtsextremen Gruppen nutzte um Einfluss zu gewinnen, hatte vor einem halben Jahr seinen Posten verloren. Es gab also einige Aussichten auf eine bessere Zukunft, da die Rechtsextremen schnell an Einfluss verloren.

Jetzt wird fast nicht mehr über politische Themen aus der Vorkriegszeit gesprochen, alle konzentrieren sich auf den Widerstand gegen die russische Armee. Trotz des wachsenden Hasses auf die Russen wegen ihrer Kriegsverbrechen wird in den ukrainischen Medien stets daran erinnert, dass die Ukraine für die Demokratie und gegen die russische Diktatur kämpft. Die meisten Ukrainer bezeichnen die russischen Soldaten als „Faschisten“.

Wie war es auf dem Maidan?
Mira: Ich wollte nicht dorthin gehen. Für mich war das zu viel Nazi-Folklore. Jetzt ist es etwas anderes.

Denis: Der Maidan hatte seine Schattenseiten, denn die rechtsextremen Gruppen waren während der Proteste sehr einflussreich. In den Medien wurde er oft als politische Entscheidung pro Westen und pro Russland dargestellt. Der Maidan war jedoch auch ein Protest gegen die Brutalität der Polizei. In den Jahren 2012-2013 gab es eine Reihe großer Skandale bei der Polizei. Es war auch ein Protest gegen die Korruption der Regierung. Der ehemalige Präsident Janukowitsch hatte Milliarden aus dem Staatshaushalt auf seine eigenen Bankkonten gestohlen.

Trotz aller Kontroversen hat der Maidan dazu geführt, dass die Ukraine nicht zu einem autoritären Land geworden ist – etwa wie Weißrussland, Russland oder die meisten zentralasiatischen Republiken. 

/MS
Foto: Denis »Russische Bombardierung von Kiew, in der Nähe des Holocaust-Mahnmals Babyn Yar« (Quelle unbekannt)




Quelle: La-presse.org