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234 SchiffbrĂŒchige befinden sich zu diesem Zeitpunkt an Bord. Laut UN ertranken 2262 Menschen 2018 im Mittelmeer, 2017 sind es sogar 3139 Menschen gewesen. Europa schottet sich energisch ab. Soweit nur die offiziellen Zahlen. An den abgelegenen Außengrenzen der EU lĂ€sst sich das Elend Schutzsuchender einfacher ausblenden. Die EuropĂ€er*innen wollen es nicht sehen. Sie könnten es, wenn sie denn wollen wĂŒrden. Aufmerksamkeit erhielten Menschen auf der Flucht in den Monaten zuvor eigentlich nur, wenn sie der ungezĂŒgelte Volkszorn traf. TĂ€glich brannten seit 2015 in Deutschland UnterkĂŒnfte Schutzsuchender. In Italien regiert wĂ€hrenddessen eine rechte Koalition aus rechtspopulistischer „FĂŒnf-Sterne-Bewegung“ unter FĂŒhrung von Guiseppe Conte und der rechtsradikalen Lega Nord, angefĂŒhrt vom Innenminister Matteo Salvini. Lega-Nord-Chef Salvini, gerade einige Wochen im Amt, fĂ€hrt einen harten, erbarmungslosen Kurs, um den man in Berlin, stillschweigend, nicht traurig ist.

Die inhumane Politik empört europaweit, zunehmend treibt es solidarische Menschen zu Protesten auf die Straße, in Deutschland sind es Zehntausende. Forderungen sind „sichere Fluchtwege, eine menschenwĂŒrdige Aufnahme von Vertriebenen und eine Entkriminalisierung der Seenotrettung“, die SeebrĂŒcke entsteht. Freiburg erklĂ€rt sich als erste Stadt zum „sicheren Hafen“. Im Sommer 2019 grĂŒnden 13 StĂ€dte die Initiative „Sichere HĂ€fen“. Im November 2020 schließlich sind es bereits 206 StĂ€dte. „Sichere HĂ€fen fordern im Namen ihrer BĂŒrger*innen die Entkriminalisierung der Seenotrettung und neue staatliche Rettungsmissionen. Sie heißen GeflĂŒchtete in ihrer Mitte willkommen – und sind bereit, mehr Menschen aufzunehmen, als sie mĂŒssten. Gemeinsam bilden die Sicheren HĂ€fen eine starke Gegenstimme zur Abschottungspolitik der Bundesregierung – laut, unbequem und medienwirksam“, schreibt die SeebrĂŒcke und ruft weiterhin StĂ€dte und Kommunen auf, sich dem anzuschließen. Mit ThĂŒringen und Berlin haben BundeslĂ€nder sich dem Aufruf angeschlossen und Schutzsuchende aus griechischen NotunterkĂŒnften aufgenommen.

80 Millionen Menschen befanden sich 2019 auf der Flucht, so viele wie nie zuvor, als dann zu Beginn dieses Jahres die Coronavirus-Pandemie ausbrach und begann, um den Erdball zu toben. Aufgrund der Infektionsgefahr waren die Aktivist*innen gezwungen, neue Protest- und Aktionsformen zu entwickeln. #leavenoonebehind wurde geboren: Es wurden Banner aufgehĂ€ngt, Papierschiffchen und andere BlickfĂ€nger in den orangenen Signalfarben der Kampagne in den öffentlichen Raum platziert. Bundesweit gab es quasi tĂ€glich Protestaktionen, online dokumentiert, versehen mit dem Hashtag der noch immer laufenden Kampagne. Auf unzumutbare ZustĂ€nde in den Lagern wie Moria möchte die Kampagne #leavenoonebehind hinweisen. Zwar wurde Moria nach dem Brand in der Nacht zum 8. September vollstĂ€ndig abgerissen, doch das neue, ersatzweise errichtete Lager Kara Tepe, Moria 2 genannt, ist Berichten zufolge ebenso unertrĂ€glich, wenn nicht gar noch schlimmer. Mindestens 10.000 Menschen leben laut UN dort. Es gibt nicht ausreichend zu Essen, zu weinge Toiletten und keine Duschen, die Menschen mĂŒssen zwischen MĂŒll leben. Die Ärzte ohne Grenzen berichten von Kranken, denen eine dringend benötigte medizinische Behandlung nicht gewĂ€hrt wird. Das Corona-Virus grassiert ungebremst. Die Zelte sind nicht winterfest, bei Regen stĂ€ndig ĂŒberflutet. ErschĂŒtternde ZustĂ€nde. Die EU ignoriert das Problem, bei ausbleibendem öffentlichen Interesse kommt es nachweislich zu Pushback-Aktionen der Frontex-Grenzpolizei. 11.000 Schutzsuchende wurden seit Januar wieder nach Libyen zurĂŒckgebracht.

Vor Lybien sind diese Woche 74 Menschen ertrunken, dieses Jahr starben bisher mindestens 900 Menschen bei dem Versuch, Europa ĂŒber das Mittelmeer zu erreichen. Sollten die dĂŒsteren Prognosen recht behalten und wir am Anbeginn einer neuen Weltwirtschaftskrise stehen, ist der SeebrĂŒcke ein langer Atem zu wĂŒnschen. Und die Bewegung wĂ€chst: In Norddeutschland haben sich in diesen Tagen Aktivist*innen von United4Rescue, einem BĂŒndnispartner der SeebrĂŒcke, an die Arbeit gemacht, die Sea-Eye 4 zum Seenotrettungsschiff umzubauen.

Beitragsbild: SEEBRÜCKE Schafft Sichere HĂ€fen!, Nick Jaussi, 2018, (CC BY 2.0)




Quelle: Direkteaktion.org