Mai 12, 2022
Von InfoRiot
251 ansichten

Analyse

Die Sorben siedelten schon ab dem sechsten Jahrhundert im Osten Deutschlands, lange bevor die Deutschen sich ĂŒberhaupt als Nation definierten. Doch die Lausitz, die strukturschwache Heimat der Sorben, blutet aus: Die Bevölkerung schwindet und damit ist auch ihre Kultur in Gefahr. In dieser Serie geht es um Menschen, die sich fĂŒr den Erhalt der sorbischen Kultur engagieren.

11.05.2022, 14:3212.05.2022, 14:03

Mehr «Leben»

Bei Trachten denkt man in zuerst an und seine Volksfeste. Von den Sorben, ihren bunten Legenden, Traditionen und Kleidern haben jedoch viele noch nie etwas gehört. Obwohl sicher viele das Buch kennen, wissen die wenigsten, dass die Figur des “Krabat” – der Held im gleichnamigen Roman von Otfried Preussler – einer sorbischen Volkssage entstammt.

Dabei sind die Sorben, neben den Friesen, Sinti und Roma sowie den DĂ€nen eine der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland. Und das mit einer sehr, sehr langen Geschichte, denn sie waren schon vor den Deutschen hier. Einige Sorben sehen sich deshalb sogar selbst als indigenes Volk an.

De Trachten der Sorben sind besonders kunstvoll.

De Trachten der Sorben sind besonders kunstvoll.null / imago images

Wer sind die Sorben?

Ab etwa dem Jahr 600 n. Chr. wanderten die Sorben in das von den Germanen weitgehend verlassene Gebiet östlich von Elbe und Saale.

Heute wohnen in der Niederlausitz (Land Brandenburg) etwa 20.000 Niedersorben und in der Oberlausitz (Freistaat Sachsen) ca. 40.000 Obersorben, die sich sprachlich und auch kulturell voneinander unterscheiden.

Die Sorben sind in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt. Sie haben neben ihrer Sprache eine offiziell Flagge und Hymne. Sorben sind in aller Regel deutsche Staatsangehörige.

wikipedia

Eine Volksgruppe in Auflösung

Doch die Sorben haben ein Problem: sie verschwinden. Immer weniger Sorben sprechen noch ihre eigenen und die Bevölkerungszahl in den strukturschwachen Teilen Brandenburgs und Sachsens sinkt stetig. Im Jahr 2000 lebten in der Lausitz laut Zahlen der Ämter fĂŒr Statistik in und noch 1,38 Millionen Menschen, 2018 waren es noch knapp 1,15 Millionen.

Damit hat die Heimat der Sorben in nur zwei Jahrzehnten rund 16,7 Prozent ihrer Bevölkerung verloren. Eine Ausnahme bildet das Wachstum im Landkreis Dahme-Spreewald, das jedoch eher durch die Lage im SpeckgĂŒrtel Berlins zu erklĂ€ren ist.

Dagegen kĂ€mpfen die anderen Landkreise in der Lausitz wie Bautzen, Oberspreewald, Spree-Neiße, Elbe-Elster, Görlitz und Cottbus schon seit dem Ende der DDR mit einem Bevölkerungsschwund. In der Region gibt es nur wenige ArbeitsplĂ€tze und das Ende des Braunkohle-Abbaus 2037, der lange Zeit ein wichtiger Arbeitgeber war und die Region prĂ€gte, wird sie vermutlich weiter schwĂ€chen.

Die geographische Lage der Lausitz in Deutschland.

Die geographische Lage der Lausitz in Deutschland. IAB (2018)

Der jahrzehntelange Abbau der Kohle in der Lausitz brachte zwar Jobs, zerstörte aber gleichzeitig die und die Heimat: Durch die Förderung wurden im Laufe der Zeit an die 137 Dörfer weggebaggert und rund 2.500 umgesiedelt. Der letzte Ort, der nun weichen soll, ist das obersorbische MĂŒhlrose, dessen Bewohner bereits mitten in der Umsiedlung sind.

Die sorbische Kultur wurde lange unterdrĂŒckt und bekĂ€mpft

Leicht hatten es die sorbischen Siedler und Siederinnen oft nicht in Deutschland. Schon das feudale und spĂ€ter das kaiserliche Deutschland ging gegen die Minderheit vor. WĂ€hrend der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde dann versucht, die Sorben einzugliedern und fĂŒr ihre Ziele zu vereinnahmen. Als dies fehlschlug, wurden 1937 alle sorbischen Vereinigungen sowie die sorbische Sprache und BrauchtĂŒmer in der Öffentlichkeit verboten.

Das sorbische Volk sollte sich assimilieren, also seine sorbische Kultur aufgeben und deutsch werden. WiderstandskĂ€mpfer wie Maria Grollmuß oder Alois Andritzki wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht.

Nach den beiden Weltkriegen wurde es nicht besser: Nun versuchte die DDR-Regierung, die Sorben fĂŒr ihre Zwecke einzuspannen. Zwar wurde das sorbische Volk 1968 in der DDR-Verfassung als nationale Minderheit anerkannt, trotzdem war die offizielle gegenĂŒber den Sorben weiter von ideologischer Bevormundung und Kontrolle geprĂ€gt.

Die Nationalflagge der Sorben in der DDR der 1950er Jahre.

Die Nationalflagge der Sorben in der DDR der 1950er Jahre.Bild: imago stock&people / United Archives

Diskriminiert werden Sorben bis heute

Ein schlechtes Ansehen haben die Sorben bei gewissen Randgruppen der auch heute noch: Zunehmend wird ĂŒber rechtsextreme Attacken gegenĂŒber Sorben berichtet – obwohl sie schon vor den Sachsen in der sĂ€chsischen Lausitz siedelten.

Der Vorsitzende des sorbischen Dachverbands Domowina, Dawid Statnik, spricht in der Wochenzeitung “Zeit” sogar von einem gezielten und “organisiertem Verbrechen”. Die TĂ€ter wĂŒrden zu ausgewĂ€hlten Veranstaltungen fahren und gezielt sorbische Jugendliche attackieren, bedrohen oder beschimpfen. Er sagt: “Seit 2014 haben die Angriffe eine andere QualitĂ€t.”

Eine reiche Kultur

Dabei erfreuen sich die Legenden und Traditionen der Lausitz weit ĂŒber ihre Grenzen hinaus großer Beliebtheit: Den Krabat kennt man wohl in ganz Deutschland. FĂŒr die jĂ€hrlichen Krabat-Festspiele ĂŒber den Waisenjungen, der Lehrling eines bösen Zaubermeisters wird, bekommt man nur schwer Karten und die fabelhaften MĂ€rchen ĂŒber gewitzte Lutken, den drachenĂ€hnlichen Plon, den Wassermann oder die Hexe Morawa, stehen Grimms MĂ€rchen in ihrem Fantasiereichtum in nichts nach.

Auch sorbische Traditionen wie das Maibaumwerfen, Hexenbrennen, Osterreiten oder das kostĂŒmierte Geisteraustreiben, genannt Zampern, werden jedes Jahr mit großer Begeisterung gefeiert – auch und gerade von Sorben die mittlerweile außerhalb der Lausitz leben und die fĂŒr diese besonderen AnlĂ€sse oft sogar extra in die Heimat reisen.

FĂŒr den Erhalt der sorbisch/wendischen Sprache und Kultur setzt sich die Domowina, der Bund Lausitzer Sorben, bereits seit 1912 als Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen ein. Die Domowina vertritt die politischen und kulturellen Interessen der etwa 60.000 Sorben beziehungsweise Wenden in Sachsen und Brandenburg.

Die Sorben sind unter anderem bekannt fĂŒr ihre kunstvoll handbemalten Ostereier.

Die Sorben sind unter anderem bekannt fĂŒr ihre kunstvoll handbemalten Ostereier.Bild: iStockphoto / Mark Poltermann

Der Wunsch nach politischer Selbstbestimmung

Sogar ein “sorbisches Parlament” gibt es, wie sich das Serbski Sejm nennt. Dieses hat sich 2018 gebildet, um die Interessen der Sorben und Wenden in Sachsen und Brandenburg innerhalb des deutschen Staats zu vertreten und zu stĂ€rken. Die demokratisch gewĂ€hlte Vertretung strebt nach langer Zeit der historischen UnterdrĂŒckung das Ziel einer Selbstverwaltung der inneren Angelegenheiten des sorbischen/wendischen Volkes an.

Die Unterzeichnung des ILO-Vertrags fĂŒr den Schutz der Rechte von indigenen Völkern ist ein erster wichtiger Schritt fĂŒr das Recht der Sorben auf Selbstbestimmung in Bereichen wie Ressourcen und Umwelt, Bildung, politische Teilhabe und Selbstverwaltung. Denn das Serbski Sejm sieht auch die Sorben als indigenes Volk an. Somit könnte der vom Bundestag ratifizierte Vertrag ab dem 23. Juni dieses Jahres auch fĂŒr sie gelten und ihnen somit mehr Rechte fĂŒr Autonomie und Mitbestimmung gewĂ€hren.

Um Sorbe zu sein braucht aber niemand eine besondere Abstammung oder einen Pass: Denn die Offenheit des sorbischen/wendischen Volkes hat ein ganz besonderes Merkmal. So heißt es auf der Website des Serbski Sejm, der sorbischen Volksvertretung: “Sorbin/Wendin und Sorbe/Wende kann jeder werden, nur durch das Bekenntnis.” Eine bestimmte Abstammung ist keine zwingende Voraussetzung.

Das Osterreiten ist ein feierlicher Brauch in der Lausitz.

Das Osterreiten ist ein feierlicher Brauch in der Lausitz.Bild: iStockphoto / Mark Poltermann

Dabei will das sorbische Volk niemanden ausgrenzen. Auf der Website der Serbski Sejm heißt es weiter:

“Separatismus und Nationalismus mit den ĂŒblichen Mitteln der Nationenbildung – der Ausmerzung und Vertreibung konkurrierender Ethnien – sind ihnen fremd. Ihr Heimatland, schlicht ‘Siedlungsgebiet’ genannt, besitzt keine nationale Grenze; es umfasst lediglich die Gemeindegebiete der sorbischen/wendischen Kommunen.”

Es hört sich so an, als ob wir in Zeiten zunehmender Nationalisierung und Radikalisierung etwas von den Sorben lernen könnten. Die FĂ€higkeit zu Widerstand, Beharrlichkeit und Gemeinschaftssinn vielleicht. Dass ein jeder, der sich Zugehörig fĂŒhlt, auch zugehörig sein darf. Dass wir den Begriff “Heimat” nicht von rechten KrĂ€ften instrumentalisieren und uns damit stehlen lassen sollten. Oder auch einfach nur, jedem seinen Platz zum zu lassen.

In den nĂ€chsten BeitrĂ€gen der watson-Serie “Wer kennt die Sorben” tauchen wir tiefer ein in die LebensrealitĂ€t der Menschen und zeigen euch den Kampf einer Minderheit um Selbstbestimmung und Kulturerhalt.

Coole MĂŒtter sind die, denen man gar nicht anmerkt, dass sie Kinder haben – so suggeriert es die Gesellschaft oft. Sie hören ihren Freundinnen genauso aufmerksam zu, arbeiten genauso hart und sehen so sexy aus wie frĂŒher. Ein Ideal, das unmöglich zu erreichen ist, denn: Ein Kind zu bekommen Ă€ndert nicht nur den gesamten Alltag radikal, sondern oft auch die Person selbst. “MuttertĂ€t” nennen Natalia Lamotte und Sarah Galan dieses PhĂ€nomen, in Anlehnung an die Entwicklungsphase der PubertĂ€t.




Quelle: Inforiot.de