Januar 4, 2023
Von Emrawi
97 ansichten

Im Wissen, dass feministische Kämpfe (gegen patriarchale Gewalt) nicht erst mit den Mobilisierungen von Claim the Space begannen, sondern im Zusammenhang mit langjährigen Prozessen der Auseinandersetzung stehen, wollten einige Aktivist*innen auch mehr über die Geschichte bisheriger feministischer Praxisformen gegen und Diskussionsprozesse über Femi(ni)zide erfahren. Um die aktuellen Proteste in die bisherige Geschichte feministischer Kämpfe einordnen und Verbindungslinien zeichnen zu können, haben wir uns daher auf die Suche nach Feminist*innen gemacht, die sich schon etwas länger für das Thema interessieren, sich in den letzten Jahrzehnten an Protesten gegen patriarchale Gewalt und Femi(ni)zide im deutschsprachigen Raum engagiert haben und bereit waren, uns davon zu erzählen. Erfreulicherweise konnten wir für diese Serie zehn Feminist*innen für Interviews zum Thema gewinnen. Dafür hatten wir einerseits uns bekannte Personen angefragt, andere wiederum meldeten sich auf einen von uns über Emaillisten verbreiteten Aufruf. Zu unseren Interviewpartner*innen zählten Andrea Brem (Wiener Frauenhäuser), Bettina Zehetner (Frauen beraten Frauen), Maria Rösslhumer (Autonome österreichische Frauenhäuser), Irmtraut Karlsson (Mitbegründerin des 1. Frauenhauses in Wien), Nurcan (Avesta – kurdische Frauen, Frauensolidarität Europa), Ursula Häusler (Wir wollen uns lebend Berlin), Polly und Berta (autonome Aktivist*innen), die lange Zeit in FrauenLesben Kontexten aktiv waren sowie Marta und Susana von Alerta Feminista, die sich zuvor auch bei Ni Una Menos Austria engagiert hatten. Sie geben dabei spannende Einblicke in Aktionismus und Proteste auf der Straße, institutionelle Kämpfe sowie Herausforderungen und Ausblicke auf feministische Praxen. Die Geschichte der Kämpfe gegen patriarchale Gewalt ist enorm vielfältig, so bilden diese Interviews nur spezifische Erfahrungen und Perspektiven ab. Sie sind als Aufruf zu verstehen, diverse Erzählungen hörbar zu machen und sie als Teil der eigenen Geschichte immer wieder zu erinnern.

Die Interviews wurden einerseits für einen kurzen Abschnitt des vom Autor*innenkollektiv Biwi Kefempom verfassten Buchs „Femi(ni)zide. Kollektiv patriarchale Gewalt bekämpfen“, das im März 2023 im Verbrecher Verlag erscheint, herangezogen sowie andererseits für eine dreiteilige Podcast-Serie, die auf dem freien Radiosender Radio Orange Ende 2022 ausgestrahlt wird. Da in beiden Formaten nur kurze Passagen der Interviews veröffentlicht werden können, wollten wir ergänzend längere Ausschnitte auf der CTS Homepage einem möglichst breiten Publikum zugänglich machen. In diesem Sinne wünschen wir allen viel Spaß beim Lesen und Hören!

Der erste Teil des Podcasts widmet sich der Frage, welche bisherigen feministischen Protestformen gegen patriarchale Gewalt allgemein und Femi(ni)zide im Besonderen es in der Vergangenheit bereits gegeben hat.

Dabei erinnern sich die Interviewpartner*innen in den Gesprächen an eine breite Fülle von Aktionen und Aktionsformen, die von Aktionismus für bessere Gesetze und Schutzmaßnahmen über Straßentheater bis hin zu einer autonom organisierten Frauenpatrouille reichten. Eine wichtige Rolle spielen zudem bis heute internationale Bezüge auf feministische Kämpfe an anderen Orten der Welt sowie damit verbundene solidarische Praxen. Zahlreiche politische Verbesserungen wurden auch in Österreich von feministischen Bewegungen erkämpft und so stellen auch Proteste auf der Straße, wie mehrere Interviewpartner*innen betonen, nach wie vor einen wichtigen Ort der Auseinandersetzung dar.

Im zweiten Teil der Podcastreihe „Die Spitze des Eisbergs. Bewegungsgeschichte gegen Patriarchat und Feminizide“ widmen wir uns den institutionellen Kämpfen von Feminist*innen und den Errungenschaften feministischer Bewegungen auf der Straße.

Im Mittelpunkt stehen dabei frühe Aktionen gegen Femizide sowie Thematisierungen von Femiziden, die damals als ‘Frauenmorde’ noch stark zweigeschlechtlich fokussiert waren. In den Interviews thematisieren unsere Gesprächspartner*innen vor allem die Errungenschaften der feministischen Bewegung auf der Straße damals wie heute, aber auch die Notwendigkeit und Schwierigkeiten, die eigene Praxis, insbesondere im Bezug auf den Schutz von Frauen, Lesben, inter, non-binary, trans und agender Personen in einen staatlich geförderten, institutionellen Rahmen zu übersetzen. Auch der Umgang mit der Aufspaltung in einen institutionellen und einen Feminismus als Basisbewegung begleitet die Erzählungen der Interviewten.

Im dritten und letzten Teils der Podcastreihe „Die Spitze des Eisbergs. Bewegungsgeschichte gegen Patriarchat und Feminizide“ sprechen wir mit unseren Interviewpartner*innen über die Herausforderungen, die Thematisierungen von Femi(ni)ziden begleiten.

Dabei geht es einerseits um die Gestaltung vom Gedenken an die Ermordeten und die Begleitung der Betroffenen von patriarchaler Gewalt, andererseits um politische Strategien, gegen patriarchale Gewalt vorzugehen und Femizide künftig zu verhindern. Trotz andauernder Kritik an der medialen Berichterstattung über Femizide, betonten beispielsweise mehrere Interviewpartner*innen die Bedeutung der Medien, um bestimmte Anliegen zu transportieren und Aufmerksamkeit zu erlangen. Zahlreiche Interviewpartner*innen unterstreichen zudem die Bedeutung von Vernetzung zwischen unterschiedlichen Feminist*innen, Gruppen und Kämpfen und die solidarische Praxis untereinander.

nachzuhören:

https://o94.at/programm/sendereihen/die-spitze-des-eisbergs

https://de.cba.fro.at/593076

https://www.a-radio.net/ anarchistisches Radio Wien

nachzulesen:

https://claimthespace.blackblogs.org/2022/11/25/die-frauenpatrouille-ist-sehr-gut-gelaufen-zwei-autonome-feministinnen-ueber-selbst-organisierte-schutzkonzepte-internationale-vernetzungen-und-vergangene-sowie-heutige/




Quelle: Emrawi.org