Juni 21, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Anna Mayr: Die Elenden. Hanser Berlin, MĂŒnchen, 2020, 208 Seiten. 20,00 Euro, ISBN 978-3-446-26840-1.

Anna Mayr ist Redakteurin bei der Zeit. Sie schreibt Reportagen zu sozialen Themen und beschĂ€ftigt sich mit den politischen Agenden der großen Parteien. Anna Mayr ist außerdem das erste von fĂŒnf Kindern zweier Langzeitarbeitsloser. Sie ist eine „Aufsteigerin“, die aufgrund ihrer Leistungen wiederholt Stipendien erhielt. Eine, die ernst genommen wird, wenn sie ĂŒber das Elend von Hartz IV schreibt, weil sie selbst nicht mehr betroffen ist. Mit ihrem Buch „Die Elenden“ ist ihr ein runder und gut lesbarer Überblick ĂŒber die wirtschaftlichen und politischen Ursachen von Arbeitslosigkeit sowie deren soziale Folgen gelungen.
Als 16-JĂ€hrige bekam die Autorin erstmals einen Brief vom Jobcenter. Unter Androhung der KĂŒrzung ihrer BezĂŒge wurde sie zu einem Termin eingeladen, bei dem ĂŒber ihre zukĂŒnftige Ausbildung gesprochen werden sollte. Die MusterschĂŒlerin schrie ihre Eltern an: „Ihr seid arbeitslos, nicht ich!“ In dieser Zeit begannen viele ihrer MitschĂŒler*innen nebenher etwas Geld dazuzuverdienen. FĂŒr Partys, Kleidung, einen FĂŒhrerschein oder um fĂŒr den ersten Umzug zu sparen. FĂŒr Anna hĂ€tte sich das nicht gelohnt, da sie den grĂ¶ĂŸten Teil davon an das Jobcenter hĂ€tte abgeben mĂŒssen. Deshalb schrieb sie nur gelegentlich fĂŒr die Lokalzeitung und blieb unter der monatlichen Grenze von 100 Euro. Das Geld hĂ€tte sie gut verwenden können, aber noch bezeichnender findet Mayr, dass Kinder von Arbeitslosen nicht lernen, dass Leistung sich lohnen kann.
Doch auch wenn ihr eigenes Erleben fĂŒr Anschaulichkeit sorgt und ihre Argumentation untermauert, möchte Mayr kein Buch ĂŒber ihre Eltern schreiben. Und schon gar keine „Sozialpornografie“, in der Kleidung, Ausdruck oder Lebensstil von Arbeitslosen vorgefĂŒhrt werden. Sie macht deutlich, dass die Erwerbslosen keine einheitliche soziale Klasse sind, sondern eine Gruppe, die Langzeitarbeitslose in der zweiten Generation genauso umfasst wie ehemals Wohlhabende, alleinerziehende MĂŒtter von Kleinkindern oder Abiturient*innen in der Orientierungsphase. Sie „sind Konservative und Anarchisten, Homophobe und trans Personen, Kinder von guten und von schlechten Eltern“.
Gerade deshalb nimmt Mayr Anstoß an der medialen Darstellung von Arbeitslosigkeit. Darstellungen, die oft voller Klischees sind und denen die notwendige Empathie fehlt, um die EntmĂŒndigung hinter der vermeidlichen Faulheit zu erkennen. Dieser Blick ĂŒbersieht zudem die Schönheit, die es auch im Leben der Armen geben kann, indem er eine Kuscheltiersammlung, eine mit Wasserfarben bemalte Wand oder ein wöchentliches Fast-Food-Familienritual am bĂŒrgerlichen Geschmack misst. In Mayrs Reaktionen auf diese Darstellungen ist eine Verletzung zu erspĂŒren, die ĂŒber das Individuelle hinausgeht. TatsĂ€chlich sind „die Arbeitslosen“ eine Minderheit, deren Stimme kaum Gehör findet. Bezeichnend dafĂŒr ist, dass Mayrs Recherche zufolge in Talkshows zum Thema Arbeitslosigkeit Unternehmer*innen, Arbeitsvermittler*innen, ehemalige Hartz IV-EmpfĂ€nger*innen, Journalist*innen und zahlreiche Politiker*innen eingeladen werden – jedoch keine Arbeitslosen.
FĂŒr Mayr steht fest, dass der Kapitalismus die Arbeitslosen braucht, um die VerfĂŒgbarkeit billiger ArbeitskrĂ€fte zu garantieren. Im RĂŒckgriff auf Marx spricht Mayr von einer „Reservearmee“, die jederzeit unter Androhung von Sanktionen eingezogen werden kann. Diese menschliche Reserve wird einerseits gebraucht, um den Unternehmen FlexibilitĂ€t zu geben und andererseits mit dem Szenario des sozialen Absturzes Druck auf die arbeitende Bevölkerung auszuĂŒben. WĂŒtend macht Mayr, dass Kinderarmut hingenommen wird, um Arbeitslosigkeit besonders unattraktiv zu machen. Dass jedes fĂŒnfte Kind in Deutschland in Armut lebt, ist ihr zufolge unter anderem durch die Hartz IV-Gesetzgebung bedingt. So wird beispielsweise das Kindergeld von den Sozialleistungen abgezogen, wĂ€hrend fĂŒr gut Verdienende keine Einkommensobergrenze fĂŒr das Kindergeld existiert. Dementsprechend erlebt Mayr es als besonders zynisch, wenn als Reaktion auf den Armutsbericht regelmĂ€ĂŸig das Kindergeld angehoben wird, welches aber viele der unter der Armutsgrenze lebenden Familien aufgrund dieser Verrechnung gar nicht erhalten.
Als Journalistin begleitet Anna Mayr immer wieder Poli-tiker*innen der SPD wĂ€hrend des Wahlkampfs und begegnete auch der ehemaligen Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf – einer der Ideengeberinnen der Agenda 2010. Spannend wie ein Krimi liest sich Mayrs Rekapitulation der Stimmungsmache gegen „Sozialschmarotzer“ in den 1990er-Jahren, des Aufstieg Gerhard Schröders, der Einflussnahme verschiedener Interessengemeinschaften und Think Tanks, wie etwa der Bertelsmann Stiftung, bis hin zum Vermittlungsausschuss 2003, in dem sich SPD und CDU auf leichte Steuersenkungen, den Verkauf der Telekom und die EinfĂŒhrung der Hartz-Gesetze einigten. Diese trafen auch die Familie der Autorin empfindlich, denn die vorherige Staffelung der BezĂŒge nach Altersgruppen wurde mit dieser Reform abgeschafft und fĂŒr den Lebensunterhalt der damals 12-jĂ€hrigen Anna standen auf einmal nur noch 207 Euro monatlich zur VerfĂŒgung.
Es lĂ€sst sich kaum kritisieren, dass das gerade mal knapp ĂŒber 200 Seiten starke Buch auf Deutschland beschrĂ€nkt ist. Dennoch wĂ€re es spannend gewesen, die ErzĂ€hlung ĂŒber die nationalen Grenzen hinaus fortzufĂŒhren und zu zeigen, wie die EuropĂ€ische Union unter deutscher FĂŒhrung die Bankenkrise zur Durchsetzung vergleichbarer Maßnahmen zulasten von Erwerbslosen im Rahmen von Sparprogrammen im SĂŒden Europas nutzte. Denn erst vor diesem Hintergrund wird die Dimension des sozialen Umbaus deutlich.
Auch wĂ€re die Einbettung in eine globale Perspektive aufschlussreich. Mayr bezieht sich mehrfach kritisch auf Kapitalismus und den freien Markt und prangert an, dass dieses System die SchwĂ€chsten zurĂŒcklĂ€sst. Zugleich lehnt sie aber „Verzicht“ ab. Konsum ist fĂŒr die Autorin ein Identifikationsfaktor, der auch Erwerbslosen zugestanden werden sollte. Dieser Ruf nach mehr Freiheit und ökonomischer Angleichung ist ĂŒberfĂ€llig. Die wahrscheinlich grĂ¶ĂŸte SchwĂ€che des Buches ist aber, dass die Autorin Aufforderungen zu einem bewussteren Konsum generell fĂŒr eine Spielerei der Privilegierten zu halten scheint. Doch solange die Produktionsbedingungen der konsumierten GĂŒter nicht hinterfragt werden, wird es immer irgendwo ein „Lumpenproletariat“ aus billigen ArbeitskrĂ€ften und eine „Reservearmee“ geben.




Quelle: Graswurzel.net