Oktober 3, 2022
Von Contraste
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»Wieso tun sie das?« fragt mich Said*. Mit »sie« meint er die kroatische Grenzpolizei. Es ist das erste Mal, dass mir diese Frage gestellt wird und in den folgenden Wochen werde ich sie noch häufiger hören. Ein Erfahrungsbericht von der bosnisch-kroatischen Grenze.

Paulina, Freiburg

Ich bin in der bosnischen Grenzstadt Velika Kladuša, wir sitzen in einem verlassenen, baufälligen Haus ohne Fenster. Mir gegenüber sind Ayla*, Said*, Nadim* und Saahel*, eine Gruppe junger Menschen aus Afghanistan, zwischen 15 und 19 Jahre alt. Sie berichten gerade von ihrem jüngsten Versuch die bosnisch-kroatische Grenze zu passieren, bei dem sie von der kroatischen Polizei aufgegriffen und gewaltsam zurück nach Bosnien-Herzegowina gepushbacked wurden. Ich höre zu und dokumentiere den Bericht für einen »Violence Report« für das Border Violence Monitoring Network (BVMN). Die Mitglieder des BVMN haben seit 2017 mehr als 1.600 Fälle von Menschenrechtsverletzungen durch Grenzpolizei an der EU-Außengrenze dokumentiert. Diese Reports sind online einsehbar und zeugen von massiven Körperverletzungen bis hin zu Folter durch die Grenzbehörden.

Kroatien bemüht sich seit 2015 um einen Beitritt in den Schengenraum der EU. Im Juni 2022 hat nun der EU-Rat einen Beitritts-Entwurf für Kroatien vorgelegt. Dieser sieht vor, dass die Grenzkontrollen zu den EU-Staaten Slowenien und Ungarn im Jahr 2023 aufgehoben werden sollen. Zuvor wurde im Rahmen der Evaluierung vom EU-Parlament das brutale Vorgehen der kroatischen Grenzpolizei bei Pushbacks kritisiert. Als Konsequenz änderte Kroatien in der letzten Zeit das Vorgehen bei Pushbacks und die offensichtliche und nachweisbare Gewaltanwendung nahm ab, während vermehrt von psychischer Gewalt und Demütigungen berichtet wurde.

An verschiedenen Grenzgebieten in Bosnien-Herzegowina versuchen eine handvoll unabhängiger Graswurzel-Organisationen die Menschenrechtsverletzungen vor Ort zu erfassen und zu dokumentieren. Neben den Violence Reports leisten die Gruppen in Velika Kladuša Infrastrukturarbeit und unterstützen Menschen im Transit in die EU mit Lebensmitteln, Kleidung und medizinischer Erstversorgung. Eine dieser Gruppen ist Blindspots e.V., entstanden aus einer Initiative der Kunst- und Kulturszene in Berlin und Leipzig. Blindspots will die ungesehenen Orte an der EU-Außengrenze aufzeigen und vertritt den Grundsatz von Bewegungsfreiheit für alle und sichere Fluchtwege sowie das Recht eines jeden Menschen auf humane Lebensumstände, medizinische Versorgung und Asyl. In Velika Kladuša setzen Freiwillige diese Grundsätze um, indem sie die Menschen auf der Flucht und im Transit Wasser und Brennholz bereitstellen, deren baufälligen Behausungen mit Duschen, Toiletten und Öfen ausstatten und Öffentlichkeitsarbeit leisten.

Zurück zu Said und seinen Freund*innen. Wir sehen uns in den nächsten Tagen häufiger, denn jeder erfolglose Versuch die EU-Grenze zu passieren kostet Zeit, Energie und Geld. Die 15-jährige Ayla, das einzige Mädchen in der Gruppe, erzählt, dass sie alle in die EU möchten, um zur Schule gehen zu können. Gerade für Frauen und Mädchen ist die aktuelle Situation in Afghanistan katastrophal und die unsichere Lage als Asylgrund in Deutschland anerkannt. Trotzdem erschwert die deutsche Regierung die Flucht, da keine sicheren Fluchtkorridore existieren. Stattdessen unterstützt das Innenministerium den kroatischen Grenzschutz mit sogenannter »Ausbildungs- und Ausstattungshilfe«.

Gefahren birgt die Reise für alle, die sich auf den Weg machen, doch besonders gefährdet sind vulnerable Gruppen wie Frauen, Jugendliche und Kinder. Laut einer niederländischen Studie erleben 63 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen auf der Flucht physische Gewalt, 20 Prozent werden sexuell misshandelt. Zusammen mit weiteren traumatischen Erfahrungen vor, während und nach der Flucht weist mehr als die Hälfte der asylsuchenden Minderjährigen in Deutschland psychologische Belastungssymptome auf. Die Zahlen sind erdrückend und ich frage mich, was Ayla, Said, Nadim und Saahel bereits durchlebt haben und was ihnen noch bevor steht – gerade mit Blick auf die zermürbende Bürokratie des deutschen Asylverfahrens.

Die Frage nach dem Warum taucht immer wieder auf, lässt sich aber nicht beantworten. Es bleibt nur das eigene Unverständnis und die Betroffenheit angesichts der rücksichtslosen EU-Grenzpolitik. Die Missachtung der Menschenrechte ist hier an den Außengrenzen alltägliche Praxis.

Blindspots e.V. arbeitet unabhängig von staatlicher Finanzierung, daher ist finanzielle Unterstützung notwendig.

* Zum Schutz der Personen wurden alle Namen geändert.

Titelbild: Ein Schild im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet: »Ich fordere die Europäische Union auf, nach Bosnien zu kommen, und Menschlichkeit zu lernen.« Foto: Maximilian Gödecke

Links:
https://blindspots.support
https://borderviolence.eu




Quelle: Contraste.org