April 16, 2021
Von SchwarzerPfeil
296 ansichten


Download als eBook oder PDF:

Von Castanea Dentata

Anmerkung: Ich verwende Assoziation und Vereinigung austauschbar. Ich beziehe mich auf meine LektĂŒre der Übersetzung von Wolfi Landstreicher, „Der Einzige und sein Eigentum“.

I.

Der Ausdruck Vereinigung oder Assoziation der Egoist_innen (Union of Egoists) findet sich nur wenige Male in Max Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“, und doch wird er oft als Stirners Alternative zu den Beziehungen von Staat und BĂŒrger_in; Herr_in und Knecht; Gebieter_in und Sklav_in bezeichnet. Stirner lieferte uns weder einen Entwurf fĂŒr die Zukunft, noch ein neues System, um die sozioökonomischen und Glaubens-/Denksysteme, die er kritisierte und angriff, zu ersetzen. Ich glaube, dass diese Auslassung beabsichtigt war — Stirner ging es nicht darum, alle festen Ideen, AutoritĂ€ten und heiligen Überzeugungen zu vernichten, nur um eine neue feste Idee zu erschaffen.

Die Vereinigung ist etwas AlltĂ€glicheres, wenn nicht gar AlltĂ€gliches, aber ein unglaublich mĂ€chtiges Werkzeug fĂŒr alle Individuen. Die Vereinigung ist ein PhĂ€nomen, das wir alle im Laufe unseres Lebens erfahren und erschaffen.

Die Vereinigung wird oft als eine Art kristallisierte Struktur oder Organisation bezeichnet. Dies steht im völligen Widerspruch zu Stirners eigentlichen Schriften ĂŒber Vereinigung, Assoziation und Beziehungen zwischen Individuen in „Der Einzige und sein Eigentum“. Stirner diskutiert die Vereinigung nicht als irgendeine statische Beziehung zwischen zwei oder mehreren Individuen, sondern als gemeinsame LebensaktivitĂ€t von zwei oder mehreren eigeninteressierten Individuen. Die Assoziation ist sowohl immanent als auch vergĂ€nglich, sie wird im Moment gefĂŒhlt, gelebt und erlebt. Wenn ich und ein gute_r Freund_in uns nach einer genussvollen Nacht trennen, ist unsere Verbindung zu Ende; wenn unser rebellischer Plan erfolgreich ausgebrĂŒtet wurde und wir uns trennen, um unterzutauchen, hat unsere Assoziation aufgehört zu sein.

Die angenehmen Gedanken bleiben, die Liebe, die ich fĂŒr meine_n Geliebte_n empfinde, nachdem ich mich von ihr*ihm getrennt habe, die Aufregung und Unruhe bei dem Gedanken an unsere nĂ€chste Vereinigung — aber die Assoziation selbst ist zu einem rechtzeitigen Ende gekommen, nur die Idee oder der Gedanke der Vereinigung existiert und eine Idee oder ein Gedanke ist nicht das, womit ich in Beziehung stehe. Stattdessen beziehe ich mich auf dich als ich, und du beziehst dich auf mich als dich, in Fleisch, als leibliche und sinnliche Individuen. Wir akzeptieren in einer solchen Beziehung keine ReprĂ€sentationen, keine symbolischen Festlegungen oder Meister_innen aus Fleisch und Blut als Vermittelnde dieser Beziehung. In unserer Vereinigung miteinander sind wir wir selbst und wir bringen uns mit all unserem Eigentum ein.

Unsere Vereinigung ist eine Sache des Eigeninteresses, des Selbstgenusses und der Selbstverwirklichung.

Wir kommen fĂŒr ein gemeinsames und geteiltes Ziel zusammen, nicht weil wir durch Pflicht, Ehre, Moral oder irgendeinen anderen Grund gebunden sind, sondern weil wir beide einen gegenseitigen Nutzen in einer solchen Verbindung finden. Unsere gemeinsame AktivitĂ€t könnte alles sein: GĂ€rtnern, Wandern, Botanik, Aufstand, Fotografie, Schreiben, Kunst, Kochen, Sex, Landwirtschaft, Fischen, Jagen, eine Bank ausrauben, ein Spiel spielen, etc. Das Einzige, was zĂ€hlt, ist, dass du und ich beide unsere eigene ErfĂŒllung oder Befriedigung aus unserer Verbindung mit dem anderen bekommen.

Unsere Beziehung ist eine der Gegenseitigkeit. Wir bekommen beide das, was wir uns von unserer Vereinigung wĂŒnschen, und sind somit zufrieden. Wir konsumieren, werden aber auch konsumiert. Wir werden von der Vereinigung benutzt, wĂ€hrend wir auch die Vereinigung benutzen. Die Vereinigung ist unser Werkzeug, unsere Macht, sie ist fĂŒr unsere eigenen BedĂŒrfnisse, WĂŒnsche und Zwecke geschaffen – fĂŒr unsere eigenen egoistischen Ziele. Die Vereinigung der Egoist_innen ist eine Vereinigung der Eigeninteressen, eine Vereinigung der Macht.

Wenn wir eine solche Assoziation nicht mehr als vorteilhaft fĂŒr uns empfinden, ziehen wir uns zurĂŒck und beenden die Vereinigung. Die Vereinigung existiert nur auf Geheiß unserer eigenen individuellen Macht. Wenn wir feststellen, dass wir auf die Ziele eines anderen hinarbeiten, uns nicht mehr wohlfĂŒhlen oder eine neue AktivitĂ€t wĂŒnschen, ziehen wir uns zurĂŒck und beenden die Assoziation.

Im Laufe unseres Lebens gehen wir viele Beziehungen mit Individuen ein und aus, die absichtsvoll sind, Spaß machen und auf Gegenseitigkeit beruhen. Du tust dies, ohne darĂŒber nachzudenken, hĂ€ngst mit deinen Freund_innen ab, weil sie dir GlĂŒck bringen, hast Sex, weil es fĂŒr alle Beteiligten angenehm ist, kochst eine Mahlzeit fĂŒr GĂ€ste, weil es dir Freude bereitet, deine Freund_innen zu fĂŒttern, widersetzt dich politischen AutoritĂ€ten, weil du ihre Anordnungen und Befehle ablehnst, jeden Tag kommst du in und aus Beziehungen geteilter egoistischer AktivitĂ€ten mit anderen.

II.

Wir gehen auch viele Beziehungen ein, die nicht auf IntentionalitĂ€t und Gegenseitigkeit beruhen. Solche Beziehungen sind in unserem Leben allgegenwĂ€rtig, wir werden durch verschiedene Mittel gezwungen, uns mit denen zu verbinden, die uns nicht wichtig sind, uns auf AktivitĂ€ten einzulassen, die nicht unsere eigenen sind, und an Beziehungen teilzunehmen, in denen wir nicht unsere eigene Befriedigung und ErfĂŒllung bekommen. Wir unterdrĂŒcken unsere SehnsĂŒchte, unsere WĂŒnsche und BedĂŒrfnisse und opfern sie hohlen und leeren Ideen, die mit schwerfĂ€lliger Gewalt, EinschĂŒchterung, Schuld und Scham unterstĂŒtzt werden.

Die Gesellschaft soll Macht ĂŒber das Individuum haben, wĂ€hrend das Individuum Macht ĂŒber die Vereinigung haben soll. Das Individuum ist ein Werkzeug der Gesellschaft, die Vereinigung ist ein Werkzeug des Individuums. Der Anspruch der Gesellschaft ĂŒber das Individuum ist absolut, das Individuum kann diesen Anspruch nicht beenden. Eine Assoziation ist vergĂ€nglich, endet wenn das Individuum es will. Die Gesellschaft ist eine Beziehung von Herr_in und Sklav_in, die Vereinigung ist eine Beziehung von IndividualitĂ€t und Gegenseitigkeit. Die Gesellschaft wird dir aufgezwungen, eine Assoziation ist ein bewusster Akt deiner eigenen Macht.

Warum sollten wir die faulen und stagnierenden „GĂ€rten“ der Gesellschaft fĂŒttern, wenn wir stattdessen die sĂŒĂŸen, vergĂ€nglichen BlĂŒten unserer eigenen Vereinigungen gießen könnten? Wir sollten mit jenen tatsĂ€chlich lebenden, atmenden Individuen zusammen sein, die uns Befriedigung und VergnĂŒgen bringen, indem wir uns mit AktivitĂ€ten beschĂ€ftigen, die uns alle Selbstverwirklichung bringen. Stattdessen trotten wir endlos in langweiligen und unerfĂŒllenden AktivitĂ€ten, arbeiten fĂŒr die AnhĂ€ufung von Macht und Reichtum anderer fĂŒr den grĂ¶ĂŸten Teil unseres Lebens, gezwungen, uns mit Menschen zu verbinden, an denen wir null Interesse haben und fĂŒr die wir keine Gemeinsamkeit oder AffinitĂ€t haben.

Hast du dich jemals gefragt: Genieße ich wirklich, was ich in diesem Moment tue? Das soll nicht heißen, dass die Erkenntnis, dass wir keine Freude an einem Zustand oder einer AktivitĂ€t haben, uns von deren ZwĂ€ngen und Macht befreit. Wir mĂŒssen unsere eigene Macht ausĂŒben, um uns von jenen Personen, Beziehungen und AktivitĂ€ten zu befreien, die unser Leben mit Langweiligem, Banalem und Fantasielosem fĂŒllen.

Wer sollte dich genießen, wenn nicht du selbst? FĂŒr manche vielleicht eine seltsame Frage, aber eine Frage, die gestellt werden muss. Nur du fĂŒhlst und erlebst dich und dein Leben, warum sollte dein Leben fĂŒr jemand anderen sein als fĂŒr dich? Nur ich kann den Schmerz meiner Muskeln und Knochen nach einer zermĂŒrbenden 12-Stunden-Schicht spĂŒren. Nur du kannst den Stress und die Angst spĂŒren, die sich aufbaut, wenn du nicht genug Geld fĂŒr die Miete hast. Wir sollten uns nicht passiv denjenigen unterwerfen, die die Systeme der Beherrschung und Ausbeutung, die wir erleben, aufrechterhalten, reproduzieren und aufbauen, sondern stattdessen aktiv Widerstand leisten und zurĂŒckschlagen.

Was genau du in deinem tĂ€glichen Leben erlebst, ist sicherlich anders als das, was ich erlebe, aber natĂŒrlich können wir Gemeinsamkeiten, Gegenseitigkeiten und AffinitĂ€ten in unseren persönlichen Erfahrungen mit unserer Welt finden. Unsere gemeinsame Beherrschung und Ausbeutung kann lediglich der Funke fĂŒr unser gemeinsames Feuer des Widerstands sein.

III.

Unsere Welten verĂ€ndern sich und fließen vor uns, und wir können unseren WĂŒnschen, BedĂŒrfnissen und Leidenschaften folgen, wĂ€hrend sich unsere Welten und unser Leben vor uns entfalten, indem wir Vereinigungen und Assoziationen eingehen, wĂ€hrend Individuen in und aus unserer Macht kommen. Indem wir diejenigen suchen, die eine gewisse Gemeinsamkeit und AffinitĂ€t mit uns haben, können wir viel gewinnen, und indem wir uns auf eine gegenseitige und wechselseitige Weise vergnĂŒgen, teilen wir uns und unsere WĂŒnsche mit denen, die wir wĂ€hlen, um mit ihnen zusammen zu sein. Unsere AktivitĂ€ten sind nur durch unsere Vorstellungskraft, Macht und das Finden von willigen Partner_innen begrenzt.

Unsere Vereinigungen sind wie ein fließender Fluss, sie sind in stĂ€ndiger VerĂ€nderung, kommen zusammen und gehen auseinander, wachsen, ziehen sich zusammen und dehnen sich aus. Manchmal ein krĂ€ftiger, leidenschaftlicher und reißender Fluss, ein anderes Mal nur eine kleine, ruhige und sanfte Quelle. Ähnlich wie unsere Vereinigungen sind auch wir in stĂ€ndiger Bewegung, in einem Zustand stochastischer und chaotischer VerĂ€nderung, ebbend und fließend durch unser Leben.

Wir mĂŒssen nicht die langweiligen und uninteressanten, die erwarteten und unterwĂŒrfigen Rollen und Verhaltensweisen mitspielen, die von unseren Herrschenden, Meister_innen und Herr_innen von uns verlangt werden. Unser eigenes Leben ist viel zu genussvoll, als dass wir so etwas zulassen wĂŒrden. Wir haben es nicht nötig, uns an irgendwelche Codes, Gesetze und Moralvorstellungen derer zu halten, die Macht ĂŒber uns beanspruchen. Wir mĂŒssen nur unser Leben leben und uns in jedem Moment so erschaffen, wie wir es fĂŒr richtig halten und wie es unsere individuelle Macht erlaubt.

Folge uns!
Artikel und Übersetzungen von der Gruppe SchwarzerPfeil

Übersetzungen bedeuten nicht automatisch Zustimmung mit dem Inhalt.

Folge uns auf Mastodon: @schwarzerpfeil@antinetzwerk.de

SchwarzerPfeil
Folge uns!
Download als eBook oder PDF:



Quelle: Schwarzerpfeil.de