Februar 27, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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Quelle: crimethinc

Über Repression, ReprĂ€sentation und Revolte

Im Jahr der COVID-19-Pandemie gab es heftige KĂ€mpfe gegen GefĂ€ngnisse, die die ohnehin schon starke Bewegung gegen Haftanstalten und AbschiebekĂ€nste sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Mauern verstĂ€rkten. Im folgenden Bericht aus St. Louis reflektiert ein Anarchist ĂŒber die Bedeutung der Revolte vom 6. Februar im Kontext der BemĂŒhungen von vielen verschiedenen Seiten, das zu vertreten und zu bewĂ€ltigen, was man sich als Interessen der Gefangenen vorstellt.


In den frĂŒhen Morgenstunden des 6. Februar brach ein Aufstand innerhalb des GefĂ€ngnisses in der Innenstadt von St. Louis aus. Dies folgte auf zwei andere AufstĂ€nde innerhalb der letzten drei Wochen. Wir wissen nur wenig ĂŒber die ersten beiden AufstĂ€nde, außer dass Aktivist:innen und Beamt:innen der Stadt sie als â€șUnruhenâ€č beschrieben, die durch das Fehlen von COVID-19-Sicherheitsmaßnahmen und Überbelegung ausgelöst wurden. Am 6. Februar jedoch gelang den Gefangenen ein Durchbruch.

Unternehmungslustige Gefangene fanden heraus, wie man sowohl die ZellentĂŒren als auch die Sicherheitsschleusen im vierten Stockwerk aufhebeln kann. SpĂ€ter kam heraus, dass die Schlösser schon seit Monaten als fehlerhaft und leicht zu knacken galten. Nachdem sie die Wachen ĂŒberwĂ€ltigt hatten, begannen sie ein zerstörerisches Gelage – sie zerstörten das GefĂ€ngnis stundenlang, indem sie alles zerbrachen, was sie konnten, verstopften die Toiletten und ĂŒberfluteten die Böden, legten Feuer und kĂ€mpften gegen die Wachen.

Schließlich erreichten sie den Ă€ußeren Korridor, der entlang ihrer Zellen verlĂ€uft und brachen durch die Fenster des GefĂ€ngnisses, um Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Arbeiter:innen, die zu ihrer Schicht in der City Hall auf der anderen Straßenseite ankamen, sahen eine Gruppe von GefĂ€ngnisrebell:innen am offenen Fenster, die Feuer entfachten und GefĂ€ngnistrĂŒmmer aus den Fenstern warfen. Die Arbeiter:innen begannen mit dem Livestreaming; das zog mehr Menschen in die Innenstadt, die die Rebell:innen anfeuerten und gemeinsam mit ihnen vom BĂŒrgersteig aus Lieder gegen die Polizei anstimmten.

UnterstĂŒtzende vor dem GefĂ€ngnis tĂŒrmten den Schutt auf, den die Gefangenen hinausgeworfen hatten, um eine behelfsmĂ€ĂŸige Barrikade zu errichten, die die TĂŒr des GefĂ€ngnisses blockierte.

Der Direktor fĂŒr öffentliche Sicherheit der Stadt, Jimmie Edwards, behauptet, dass die Gefangenen keine Forderungen gestellt haben, sondern nur â€șChaosâ€č anrichten wollten. VerstĂ€ndnisvollere Kommentator:innen, darunter auch Aktivistengruppen, fĂŒhrten wieder einmal COVID-19 oder Überbelegung als ErklĂ€rung fĂŒr den Ausbruch an. Wieder andere behaupten, dass der Aufruhr auch dadurch verursacht wurde, dass StaatsanwĂ€lt:innen Verhaftete auf unbestimmte Zeit weggesperrt hielten, als Folge der Aussetzung von Prozessen wegen der Pandemie. Aus unserer Sicht ist es anmaßend, fĂŒr die Insassen zu sprechen. Einen nachvollziehbaren Grund fĂŒr einen Aufstand zu prĂ€sentieren – oder zu behaupten, dass er unerklĂ€rlich ist oder einfach ein Weg, um â€șChaosâ€č zu stiften – ist eine Art, auf die Politik genutzt wird, um die HandlungsfĂ€higkeit der Inhaftierten zu zu managen und klein zu reden. In solchen Situationen können die Gefangenen nie wirklich gehört werden – nicht nur wegen der eingeschrĂ€nkten Kommunikationsformen, die ihnen zur VerfĂŒgung stehen, sondern auch als Folge der Machtungleichgewichte, die jeden entstehenden Diskurs prĂ€gen.

Seit Jahren fordern die Menschen von der Regierung die Schließung des anderen GefĂ€ngnisses der Stadt, dem Workhouse. Das Workhouse war auch schon Schauplatz vieler Demonstrationen, darunter eine, die 2017 den Zaun durchbrach. Letzten Sommer stimmte die Stadtregierung ĂŒberraschenderweise zu, das Workhouse bis Dezember 2020 zu schließen. Zu diesem Zeitpunkt war das Workhouse ziemlich entvölkert, was dazu beigetragen hat, dass die Argumente fĂŒr eine Schließung nicht mehr stichhaltig waren. Aber wenn man sich anschaut, wie die Stadtregierung die Schließung umsetzen wĂŒrde, ist es klar, dass es kaum einen Unterschied in der Erfahrung der Eingeschlossenen machen wĂŒrde. Die Stadtregierung schlug vor, die im Workhouse verbliebenen Gefangenen in das Downtown-GefĂ€ngnis zu verlegen, was von den Organisationen der Community bis zu einem gewissen Grad akzeptiert wurde. Die Stadtregierung schlug auch vor, die Gefangenen in GefĂ€ngnisse in anderen StĂ€dten zu schicken, einige bis zu vier Stunden entfernt, obwohl dies Gerichtsverfahren und Familien, die ihre Lieben besuchen wollen, behindern wĂŒrde.

Der Dezember 2020 ist lĂ€ngst vorbei und das Workhouse ist immer noch geöffnet. Jetzt benutzt die Stadt diesen Aufstand als Rechtfertigung, um es offen zu halten. Es scheint, dass die Regierung nie die Absicht hatte, das Workhouse zu schließen und nur Ausreden sucht, um es nicht zu tun. Nach der Revolte wurden Dutzende Gefangenen aus dem GefĂ€ngnis in der Innenstadt in das Workhouse verlegt. Gleichzeitig nutzen aktivistische Organisationen die Ereignisse vom 6. Februar als Munition fĂŒr ihre Kampagne zur Schließung des Workhouse.

Ein UnterstĂŒtzer vor dem GefĂ€ngnis, der ein Shirt trĂ€gt, das von den Rebell:innen im Inneren raus geworfen wurde.

Es sieht so aus, als wĂŒrde das Workhouse nicht so bald geschlossen werden. Selbst wenn es geschlossen wird, werden der Kapitalismus und die verschiedenen komplementĂ€ren und konkurrierenden RegierungsmĂ€chte, die die Bedingungen fĂŒr â€șKriminalitĂ€tâ€č schaffen und definieren, was sie ausmacht, weiter bestehen, zusammen mit ihren Strategien, die Ergebnisse zu verwalten. All dieses Definieren und Verwalten tendiert dazu, sich entlang von Klassen- und Racelinien abzuspielen, aber das bedeutet nicht, dass es notwendigerweise eine Art von impliziter SolidaritĂ€t innerhalb dieser Klassifizierungen gibt, die von Natur aus gegen dieses Definieren und Verwalten ist. Außerhalb der Blase des Aktivismus fĂŒr soziale Gerechtigkeit gibt es Druck von verschiedenen großmĂ€uligen Gruppen in St. Louis mehr â€șRecht und Ordnungâ€č durchzusetzen, vor allem als Reaktion auf den dramatischen Anstieg der Zahl der Morde in den letzten paar Jahren. Einige fordern Überwachungsflugzeuge, um uns vom Himmel aus zu ĂŒberwachen; andere haben die Nationalgarde angefleht, in ihre Nachbarschaften zu kommen, um die tĂ€glichen Schießereien zu stoppen. Die wunderbare und schreckliche Dynamik des Lebens in einer gesetzlosen Stadt und die verschiedenen Definitionen dessen, was Sicherheit ausmacht, sind hier alle im Spiel. Der Appell an die Regierung, die Dinge zu verbessern, hat die Situation nur noch verschĂ€rft.

Am Ende verfehlt dieses Klassifizieren und Verwalten und Kontrollieren immer seinen Zweck. Das ist die Ursache fĂŒr die Konflikte, die immer wieder durch die dĂŒnne Fassade der Ordnung brechen, wie die Gefangenen, die durch die Fenster des GefĂ€ngnisses brachen. Jeden Tag kommen Politiker:innen mit neuen Lösungen fĂŒr die Probleme, die durch das von ihnen aufrechterhaltene System geschaffen werden – und jeden Tag scheitern ihre Lösungen. Jeden Tag engagieren sich Menschen in persönlichen und kollektiven Gesten gegen den Status Quo, und diese AusbrĂŒche passen nicht einfach in eine politisierte Beschreibung, warum Menschen tun, was sie tun. Die meisten dieser Explosionen bleiben ungesehen und werden nicht beachtet, aber manchmal gibt es eine Explosion – wie die am 6. Februar – die nicht verheimlicht werden kann, und die Menschen beeilen sich, sie in eine Art von erholsamer ErzĂ€hlung zu integrieren.

Revolte ist keine Agenda, die es zu vertreten gilt, sondern eine HandlungsfÀhigkeit, die es zu erweitern gilt. SolidaritÀt mit den Rebell:innen im GefÀngnis von St. Louis.


Das folgende Gedicht stammt von einem Anarchisten aus St. Louis, der die Revolte von der Straße aus miterlebt hat.


ich hĂ€tte nie gedacht, dass ich die ausgebrochenen Fenster eines GefĂ€ngnisses sehen wĂŒrde
ein kaltes, verrottetes — wie sie alle —
wo du in einer Zelle 40 tief gestapelt bist
oder in einer Zelle eingesperrt bist und schimmelige Sandwiches isst
um die MĂŒlltĂŒte mit Saftkartons kĂ€mpfst, die die WĂ€rter in deine Zelle werfen

das direkt gegenĂŒber dem Rathaus liegt
wo sie das Gesetz und die Ordnung des tÀglichen Elends machen
das eine neben dem GerichtsgebÀude
wo sie ĂŒber das Elend urteilen
das, was â€șJustizzentrumâ€č genannt wird
oder mit den Worten eines Mitgefangenen
den ich vor Jahren kurz in einer ĂŒberfĂŒllten Zelle traf
Amerika

Ich hĂ€tte nie gedacht, dass ich Gefangene sehen wĂŒrde, die ihre maskierten Köpfe
aus den zerbrochenen Fenstern stecken
zusammen singen, sprichwörtlich BEFREI MICH schreien
auf alle Arten von Wegen
Signalfeuer setzen, die wir unten sehen können,
sie werfen Knastteile, die sie von innen zerlegt haben, nach draußen
TĂŒrgriffe, Ramen-Nudeln, Sandwiches, SeifenstĂŒcke, Federn, unbequeme PlastikstĂŒhle, Metallteile, klebrige Matratzen, Besen, Kissen, BettwĂ€sche, Spiegel

ich hÀtte nie gedacht, dass
wir jubeln wĂŒrden
schreien nach mehr
mehr!
ich hĂ€tte nie gedacht, dass wir in der Lage sein wĂŒrden, frei zu kommunizieren
durch zerbrochene Fenster
anstelle von unzerbrechlichem Plexiglas

ich hĂ€tte nie gedacht, dass ich ausgeworfene Knastkomponenten sehen wĂŒrde, die von
einem alten Mann in der Menge
getrieben von einer Sturheit
wĂŒtend ĂŒber seine vergangenen Erfahrungen im GefĂ€ngnis nachdenkend
er bindet alle Federn und andere Metallteile an die Griffe des GefĂ€ngniseingangs und stapelt den Rest der Artefakte vor den TĂŒren
die Wachen zu verhöhnen, die ihn anschreien zu STOPPEN

ich hĂ€tte nie gedacht, dass ich mal Leute sehen wĂŒrde die eingesperrt sind
ihre GefÀngnisuniformen ausziehen
und sie rausschmeißen
ich hĂ€tte nie gedacht, dass ich sie geschĂ€ndet sehen wĂŒrde
ein machtloser Stoff
sich der Schwerkraft unterwirft
und den Boden fĂŒr uns erreicht, um sie zu bergen
als Souvenirs


Übersetzung von SchwarzerPfeil

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Quelle: Abc-wien.net