September 30, 2022
Von Graswurzel Revolution
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Am 19. und 20. August 2022 veranstaltete die Gruppe „Rollfender Widerstand“ zwei Aktionstage, welche der fehlenden Barrierefreiheit der Bahn galten. Zum Auftakt gab es am nicht barrierefreien Bahnhof Köln Messe/Deutz eine Demonstration, im Anschluss eine gemeinsame Zugfahrt nach Frankfurt am Main. Am zweiten Tag wurde die Fassade des ebenfalls nicht barrierefreien Bahnhofs Frankfurt West von vier Menschen, davon zwei im Rollstuhl, beklettert.

Die Gruppe Rollfender Widerstand (der Name setzt sich zusammen aus „rollen“ und „laufen“) kĂ€mpft mit direkten Aktionen gegen ableistische HĂŒrden und Strukturen im Alltag der Betroffenen. Ableismus beschreibt die Diskriminierung von Personen, welche aufgrund körperlicher und/oder geistiger Verfassung nicht in gesellschaftlichen Normen verortet werden und umgangssprachlich als „behindert“ bezeichnet werden. In mehreren Ausgaben der Graswurzelrevolution wurde das Thema bereits behandelt.

Bahnhöfe – eine Ansammlung
von Barrieren

Am Mittag des 19. August demonstrierten Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen sowie Menschen ohne EinschrÀnkungen am Bahnhof Köln Messe/Deutz. Es wurden verschiedene RedebeitrÀge gehalten und in einem Demozug durch die Bahnhofshallen auf die bestehenden Barrieren im und um den Bahnhof aufmerksam gemacht.
Konkret sind dies Treppen ohne alternative Rampen oder AufzĂŒge: Diese können von Menschen im Rollstuhl unmöglich selbst- und eigenstĂ€ndig ĂŒberwunden werden. Fehlende oder nicht durchgĂ€ngige Blindenleitsysteme, nicht ablesbare Durchsagen fĂŒr Menschen mit Hörbehinderung – all dies sind nur einige der Barrieren, vor welche sich Menschen jeden Tag gestellt sehen und deren Überwindung, wenn ĂŒberhaupt möglich, viel Zeit und Kraft in Anspruch nimmt.
Im Anschluss fuhr die Gruppe mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Frankfurt am Main.
Die erste Barriere, die sich ihnen stellte, war der Weg zum Abfahrtsgleis; dort gibt es nĂ€mlich keinen Aufzug. Mithilfe mehrerer Personen ohne Gehbehinderung und außerhalb dessen, was in Deutschland versichert ist, schafften es einige Rollstuhlfahrerinnen die Rolltreppe hoch. Ein Mensch mit schwerem E-Rollstuhl war ca. eine Stunde frĂŒher aufgebrochen, um auf anderen Wegen zum Hauptbahnhof zu gelangen und dort (wo es einen Aufzug gibt) zuzusteigen. Ein anderer Teil der Gruppe fuhr mit einer kollektiv finanzierten ICE-Fahrkarte. Die Fahrt in der ĂŒberfĂŒllten Regionalbahn mit vielen Umstiegen wĂ€re fĂŒr die beiden viel zu anstrengend gewesen. Wegen ihrer chronischen Erkrankungen können sie nicht lange sitzen und brauchen Platz zum Liegen oder können aufgrund von ImmunschwĂ€che nicht in ĂŒberfĂŒllten ZĂŒgen reisen.

Kletteraktion fĂŒr MobilitĂ€t

Am darauffolgenden Tag kletterten vier Personen an der Außenfassade des Bahnhofs Frankfurt West: zwei der Kletternden im Rollstuhl, die anderen beiden als Seilwache im Bereich der Ankerpunkte. Zwischen den RollstĂŒhlen ein Banner mit der Aufschrift „MobilitĂ€tswende fĂŒr alle!“, an einem Rollstuhl ein zweites Transparent mit der Forderung „nicht ohne uns“ und Rollstuhlsymbol, und auf einem weiteren Banner stand „MobilitĂ€t fĂŒr alle, die Stufen mĂŒssen weg“, „freie Fahrt fĂŒr alle“. Passant*innen vor dem Bahnhof staunten nicht schlecht, als sie die Menschen an der Fassade erblickten.
UnterstĂŒtzer*innen der Aktion verteilten Flyer, auf welchen nicht nur vieles ĂŒber die Thematik der fehlenden Barrierefreiheit zu lesen war, sondern auch auf die Dringlichkeit einer die Umwelt entlastenden Verkehrs- und MobilitĂ€tswende fĂŒr alle Menschen hingewiesen und diese gefordert wurde. Es kam zu regem Austausch und Diskussionen um die fehlende Barrierefreiheit der Bahn. Einige Passant*innen erzĂ€hlten von ihren eigenen Erfahrungen in Bezug auf Behinderung und Nutzung der Deutschen Bahn.

Bahnblockierer*innen in Uniform

Wie kamen die Menschen dort hoch, wie kommen sie wieder herunter, und wie lange werden sie bis dahin dort oben bleiben? Das fragten sich die herbeieilenden OrdnungshĂŒter*innen und DB-Mitarbeitenden. Obwohl der Bahnverkehr weder behindert noch die kletternden Personen durch die ZĂŒge gefĂ€hrdet wurden, entschieden sich Polizei und Deutsche Bahn, die Gleise oberhalb der Aktion in beiden Richtungen zu sperren. ZugausfĂ€lle waren die Folge.
Nach ungefĂ€hr einer Stunde am Aktionsort riefen die so genannten Helfer*innen in Uniform, vermutlich ratlos, die Kolleg*innen der Frankfurter Feuerwehr zu Hilfe. Ein Großaufgebot von Einsatzfahrzeugen reihte sich in der KurfĂŒrstenstraße auf, Feuerwehrleute in Klettergestellen beĂ€ugten fragend, aber interessiert die Aktion. Die Aktivist*innen teilten ihnen lautstark mit, dass es ihnen gut gehe und sie weder technische oder medizinische Hilfe noch eine Bergung aus ihrer luftigen Position benötigen, worauf sich die Feuerwehr auch zurĂŒckzog und im Hintergrund in Bereitschaft blieb.

MobilitÀtshindernis
Deutsche Bahn

Über ein Megafon erklĂ€rten die Menschen den Begriff „Ableismus“, ihre tĂ€glichen Erfahrungen mit der Bahn und ihre Forderungen nach Gleichbehandlung und Gleichberechtigung. Denn alle Menschen haben gemĂ€ĂŸ Grundgesetz das Recht auf Teilhabe am öffentlichen Leben, und niemand darf wegen seiner*ihrer Behinderung benachteiligt werden. Die bereits 2009 ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet Deutschland, im öffentlichen Raum einen „gleichberechtigten Zugang [
] zu Transportmitteln“ zu schaffen. Seit dem 1. Januar 2022 soll laut Personenbeförderungsgesetz (PBefG) der öffentliche Nahverkehr barrierefrei sein.
Trotzdem werden viele Menschen tĂ€glich durch existierende Barrieren von einem gleichberechtigten Zugang zu MobilitĂ€t ausgeschlossen, und die gesetzliche Umsetzung wird verschoben. Nach Angaben der Deutschen Bahn sind 21 % der Bahnhöfe nicht stufenfrei erreichbar, und Menschen im Rollstuhl mĂŒssen lange Umwege in Kauf nehmen. FernzĂŒge sind fast ausnahmslos nicht ohne fremde Hilfe zugĂ€nglich, Fahrten mit dem Rollstuhl mĂŒssen 24 Stunden vorher beim MobilitĂ€tsdienst der Deutschen Bahn angemeldet werden. Und auch dann kann die Fahrt oft nicht gewĂ€hrleistet werden.
Und barrierefrei heißt nicht nur rollstuhlzugĂ€nglich. FĂŒr andere Formen von Behinderung gibt es andere Barrieren, die nicht so offensichtlich sind und selten mitgedacht werden. Wie oben angemerkt fehlen hĂ€ufig Orientierungshilfen. Viele Menschen z. B. mit chronischen Krankheiten können nicht lange sitzen und brauchen SchlafwĂ€gen mit Liegemöglichkeiten. Eine neurodivergente Person, die auch bei der Aktion dabei war, sagt, dass sie fast nie ihre Stadt verlĂ€sst, weil Bahnfahren wegen der zu vollen ZĂŒge und damit einhergehenden ReizĂŒberflutung fĂŒr sie viel zu anstrengend ist. (Das ist besonders tragisch, weil sie wegen ihres Autismus auch nicht selber Auto fahren kann.)

Erst der Anfang 


Die Aktion dauerte zweieinhalb Stunden an. Gegen 12.30 Uhr waren alle Kletternden am Boden, doch die Aktion noch nicht ganz beendet. Eine Person aus der Seilwache wurde zur Personalienfeststellung auf die nahe gelegene Polizeiwache 13 gebracht. Die Gruppe solidarisierte sich und wartete auf die Entlassung, welche gegen 15 Uhr erfolgte. Somit konnte die Aktion fĂŒr beendet erklĂ€rt werden; zwei intensive und spektakulĂ€re Aktionstage gingen zu Ende.
Doch diese beiden Tage in Köln und Frankfurt am Main sind nur der Anfang: Es werden weitere Aktionen folgen. Darin sind sich alle Beteiligten einig.

Unsere Ideen,
um Barrieren abzubauen:
‱ MobilitĂ€tsservice: UnbĂŒrokratisch und ohne Anmeldung, verfĂŒgbar solange ZĂŒge fahren
‱ BerĂŒcksichtigung unterschiedlicher Behinderungen und EinschrĂ€nkungen bei der Infrastruktur: z. B. (rollstuhlbefahrbare) LiegewĂ€gen und RuhewĂ€gen fĂŒr neurodivergente Menschen und fĂŒr chronisch Kranke, die sich ausruhen mĂŒssen oder nicht lange sitzen können
‱ Durchsagen sowohl per Lautsprecher als auch auf der Anzeigetafel
‱ UnbĂŒrokratische EntschĂ€digung von Betroffenen bei Barrieren und Diskriminierung
‱ Schulung ĂŒber Ableismus fĂŒr alle Mitarbeitenden der Deutschen Bahn
‱ Weiterhin Maskenpflicht, da wichtig fĂŒr Menschen mit ImmunschwĂ€che
‱ Mehr als einen Wagen mit RollstuhlplĂ€tzen pro Zug
‱ Keine neuen (Fernverkehrs-)ZĂŒge mit Stufen bestellen
‱ Mehr Sitzgelegenheiten an Bahnhöfen

Forderungen fĂŒr
ÖPNV und Fernverkehr:
‱ Ausbau: Mehr Platz, mehr erreichbare Orte,
direktere Verbindungen
‱ Schneller barrierefreier Umbau
‱ Möglichst kostenfrei (z. B. 9-Euro-Ticket)




Quelle: Graswurzel.net