November 18, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Peter Bierl
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 189 – MĂ€rz / April 2021

#Anthroposophie

Rassismus, Antisemitismus und Verschwörungsdenken als Grundlagen der Anthroposophie

antifa Magazin der rechte rand
Rudolf Steiner © Oliver Rautenberg

Die Anthroposophie ist ein Zweig der Naturschutz- und Umweltbewegung in Deutschland, seit ihr BegrĂŒnder Rudolf Steiner (1861-1925) beschloss, nicht nur sein Karma-Konto zu pflegen, sondern praktisch tĂ€tig zu werden. Daraus entstand die biologisch-dynamische Landwirtschaft, deren Vertreter*innen spĂ€ter mit dem Nationalsozialismus kollaborierten bis hin zu Experimenten in der KrĂ€uterplantage im Konzentrationslager Dachau. Anthroposophische Kreise um Joseph Beuys gehörten dann Ende der 1970er Jahre zu den GrĂŒndungszweigen der GrĂŒnen. Im »Collegium Humanum« in Vlotho von Werner Georg Haverbeck (1909-1999), einem Altnazi und vormaligen Pfarrer der anthroposophischen »Christengemeinschaft«, fanden dazu erste bundesweite Koordinationstreffen statt. Heute gehören Unternehmen wie Hauschka und Weleda, die GLS-Bank und demeter, der Verband der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, WaldorfkindergĂ€rten und Waldorfschulen sowie Einrichtungen fĂŒr Alte und Behinderte zur anthroposophischen Subkultur.

»MenschheitsfĂŒhrer«

Die Methode, mit der Steiner dieses Paralleluniversum begrĂŒndete, war schlicht. Er griff Reformideen auf, kombinierte sie mit seiner okkulten Weltanschauung und prĂ€sentierte das Ergebnis als Frucht seines »geistigen Schauens«. So schuf er 1924 die biodynamische Landwirtschaft, indem er Warnungen vor zerstörerischen Tendenzen der industriellen Landwirtschaft mit Obskurantismus paarte und ĂŒber »Offenbarungen des Stickstoffs« oder »geistigen Mist« aus Kuhhörnern schwadronierte. Seine Getreuen feierten ihn als »MenschheitsfĂŒhrer«, als Reinkarnation von Aristoteles und Thomas von Aquin. ZunĂ€chst leitete Steiner die deutsche Sektion der »Theosophischen Gesellschaft«, ĂŒberwarf sich aber mit der internationalen FĂŒhrung. Vor dem Ersten Weltkrieg spaltete er die Sektion ab und grĂŒndete die »Anthroposophische Gesellschaft«. Seine Lehre sampelte er aus VersatzstĂŒcken von Hinduismus und Buddhismus wie Karma und Wiedergeburt, dazu Evolutionsideen plus christliche Elemente. Daraus entstand etwa die Idee von Christus als inkarniertem Sonnengeist.

Völkischer Nationalismus

Den völkischen Nationalismus samt Antisemitismus und Rassismus saugte Steiner bereits in seiner Kindheit und Jugend in Österreich auf, als Student in Wien schrieb er fĂŒr deutschnationale Zeitungen. Aus dieser Zeit stammt sein Diktum, das Judentum habe »keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten. Wir meinen hier nicht die Formen der jĂŒdischen Religion allein, wir meinen vorzĂŒglich den Geist des Judentums, die jĂŒdische Denkweise«.
Nach seiner Wende zur Esoterik ĂŒbernahm Steiner von den Theosoph*innen die Lehre von den Wurzelrassen. Demnach treten auf diesem Planeten sieben Wurzelrassen mit je sieben Unterrassen auf, in denen sich die spirituelle Evolution des Individuums und der Menschheit ausdrĂŒckt. Spirituell hoch entwickelte Wesen inkarnieren (»verkörpern sich«) in fortgeschrittenen Rassen, entwicklungsunfĂ€hige Wesen in niederen Rassen. JĂŒdinnen und Juden inkarnieren immer wieder als JĂŒdinnen und Juden, solange sie sich weigern, Christus anzuerkennen.
In einigen Jahrtausenden wĂŒrden die Rassen verschwinden, wenn alle Wesen spirituell so weit fortgeschritten seien, dass sie aus dem Jenseits ihre Körper selber formen, prognostizierte Steiner. Diese Stelle zitieren Anthroposoph*innen gerne, wenn sie mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert werden. Nicht zu Unrecht, denn der anthroposophische Rassismus unterscheidet sich dadurch fundamental vom nazistischen Rassismus. Den Nationalsozialist*innen ging es in Theorie und Praxis immer nur um die Versklavung sogenannter minderwertiger Rassen und die Vernichtung der JĂŒdinnen und Juden. Anthroposoph*innen hingegen wollen mit ihrer Lehre alle Menschen von der Bindung an die Materie erlösen.

Rassistisch und kolonialistisch

In einem Bericht in einem internen Waldorf-Rundbrief von 1997 ĂŒber die anthroposophisch orientierte Teeplantage Sekem, die hierzulande von Medien als Musterprojekt gefeiert wurde, heißt es, die Ägypter*innen lebten ganz in der »Empfindungsseelenzeit« wie fast alle Völker und Kulturen im SonnengĂŒrtel der Erde. Sie ließen sich treiben, lebten nicht zielgerichtet, deswegen sei der Autoverkehr in Kairo chaotisch und alles ĂŒberall unglaublich dreckig. Im Unterschied dazu sei es in Sekem ordentlich und sauber, es herrsche eine arbeitsame, sinnerfĂŒllte AtmosphĂ€re. Der Verfasser fĂŒhrt dies darauf zurĂŒck, dass die FĂŒhrungsstruktur einer der Empfindungsseele der Einheimischen angemessenen »pharaonischen Hierarchie« gleiche und die »meist europĂ€ischen Mitarbeiter die VerhĂ€ltnisse aus der Bewusstseinsseele heraus zielvoll fĂŒhren«. Diese Bewusstseinsseele ist nach Steiner ein höheres geistiges Wesensglied, ĂŒber das nur EuropĂ€er*innen verfĂŒgen.
Selten kommt die HerrenmenschenattitĂŒde so unverblĂŒmt zum Ausdruck, die sich hinter Ă€therischem Gutmenschentum verbirgt. Anthroposophischer Rassismus ist nicht eliminatorisch, aber paternalistisch, er konserviert die kolonialistische Ideologie seiner Entstehungszeit um 1900, als EuropĂ€er*innen bis weit hinein in die Sozialdemokratie von der »BĂŒrde des weißen Mannes« sprachen, um die Aufteilung der Welt, das PlĂŒndern, Foltern und Morden zu rechtfertigen. Es geschehe zum Wohle der »Wilden« und »Barbaren«, denen man die Segnungen der »Kulturvölker« bringe, hieß es damals.
Mit Liebe zum Detail schilderte Steiner die Eigenschaften vermeintlicher Rassen und bewertete diese. Chines*innen, Japaner*innen oder Koreaner*innen schmĂ€hte er als entwicklungsunfĂ€hig, andere Gruppen als spirituell minderwertig oder dekadent. Schwarze diffamierte er als von der Hitze der Sonne gesteuerte Triebwesen, was rassistisch-sexistischen Stereotypen entspricht. Slaw*innen wertete er als kindlich und roh ab, ihnen mĂŒssten die Deutschen erst Kultur und Zivilisation beibringen.

»Rassenlehre«

Eine Grundregel dieser evolutionĂ€r-okkulten Rassenlehre besagt, dass »Rassen« bestimmte Aufgaben haben. Ist deren Mission erfĂŒllt und ihre Zeit abgelaufen, haben diese »Rassen« keinen Wert mehr fĂŒr die weitere spirituelle Evolution. In diesem wahnhaften Schema sollten die JĂŒdinnen und Juden den Monotheismus schaffen und ein GefĂ€ĂŸ, einen Körper fĂŒr die Reinkarnation von Christus hervorbringen. Demnach wĂ€re ihre Mission mit dem Jahr Null der christlichen Zeitrechnung zu Ende gegangen. Aufgrund dieser wirren Logik gelangte Steiner zu dem Verdikt, das heutige Judentum sei erstarrt und ĂŒberlebt. WĂ€hrend Steiner die Weißen als »am Geistigen schaffende Rasse« pries, wies er den Deutschen die wichtigste Mission im Weltenlauf zu: Sie seien von höheren MĂ€chten ausersehen, die Respiritualisierung der Welt voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund behauptete Steiner, der Erste Weltkrieg sei ein geheimes Manöver angloamerikanischer, freimaurerischer, jĂŒdischer und theosophischer Kreise, die sich gegen Deutschlands Mission verschworen haben. Diese Verschwörungsideologie wurde von Renate Riemeck, einer Galionsfigur der Ostermarschbewegung, Anthroposophin und Ex-NSDAP-Mitglied, 1965 wiederholt.

Antisemitismus

Marie von Sivers, Steiners zweite Ehefrau, glaubte an eine jĂŒdisch-bolschewistische Weltverschwörung. Der GrĂŒnder der Christengemeinschaft »Erzoberlenker«, Friedrich Rittelmeyer, verdammte Internationalismus und Pazifismus als abstrakte und blutlose Produkte des jĂŒdischen Geistes. Er verlangte wie die nationalsozialistischen deutschen Christen eine »Reinigung« des Christentums vom »semitischen Wesenscharakter« und predigte ein »germanisches Christentum«, das seinen »semitischen Wesenscharakter« abstreift. Der Anthroposoph Karl König, BegrĂŒnder der Camphill-Bewegung, behauptete 1965, der Holocaust sei ein karmischer Ausgleich fĂŒr den Gottesmord, den die JĂŒdinnen und Juden begangen hĂ€tten. In vielen Waldorfschulen fĂŒhren SchĂŒler*innen sogenannte Oberuferer Weihnachtsspiele auf, die Steiner bearbeitet hatte. Im Dreikönigsspiel treten drei Juden auf, Kaiphas, Pilatus und Jonas, hohe Priester, die König Herodes die Geburt des Kindes in Bethlehem deuten, woraufhin dieser den biblischen Knabenmord anordnet. Den Regieanweisungen Steiners zufolge werden die Juden stereotyp, servil und schmeichlerisch dargestellt.

Anti-AufklÀrung

Gegen AufklĂ€rung sind Anthroposoph*innen immun: »Daß es verschiedene konstitutionelle Merkmale einerseits zwischen den Rassen gibt, andererseits dann aber auch innerhalb der einzelnen Rassen, lehrt die schlichte Anschauung«, schrieb der WaldorffunktionĂ€r Stefan Leber 1993 in einem Standardwerk der WaldorfpĂ€dagogik. Er verwies »auf die Leiblichkeit und die darin eingebundenen seelischen Eigenschaften« und meint, es gebe »vom evolutiven Gesichtspunkt Merkmale, die einem frĂŒheren oder spĂ€teren Entwicklungsstadium angehören; in dieser Hinsicht gibt es dann auch eine Wertigkeit von höher oder niedriger, von fortgeschritten und zurĂŒckgeblieben«.
In einer BroschĂŒre der anthroposophischen Zeitschrift »Info 3« hieß es 2007: »Grundlage ihres WeltverstĂ€ndnisses ist die Vorstellung einer immerwĂ€hrenden Höherentwicklung.« Darum sei Anthro­posophie nach Steiner eine »evolutionĂ€re SpiritualitĂ€t«, das bedeute, »dass es ein Vorne, eine Mitte und ein Hinten gibt, ein Oben und Unten, fortschrittliche und rĂŒckstĂ€ndige ZustĂ€nde«. Alle diese ZustĂ€nde hĂ€tten ihren eigenen Wert: »Sie sind jeweils Bedingung fĂŒr den nĂ€chsten Zustand.« Entwicklung bedeute nicht nur, »dass die Menschheit vom Einfachen und Grundlegenden zum Speziellen und Bedeutsamen fortschreitet. Es bedeutet auch, dass viele der Entwicklungsstadien gleichzeitig existieren können. Nicht die ganze Menschheit und alle Menschen entwickeln sich im Gleichschritt«.
In der »Stuttgarter ErklĂ€rung Waldorfschulen gegen Diskriminierung« von 2007 wird unterstellt, Anthroposophie als »Grundlage der WaldorfpĂ€dagogik richtet sich gegen jede Form des Rassismus und Nationalismus«. In Steiners Gesamtwerk fĂ€nden sich »vereinzelte Formulierungen«, die »nach dem heutigen VerstĂ€ndnis nicht dieser Grundrichtung entsprechen und diskriminierend wirken«. Dieser »Persilschein« zielt darauf ab, Steiner als Kind seiner Zeit darzustellen, was peinlich ist fĂŒr einen Hellseher. Die Ausrede ist aber vor allem irrefĂŒhrend: Denn es gab damals schon klĂŒgere Köpfe als diesen Scharlatan, etwa den Anthropologen Franz Boas oder Rosa Luxemburg, die solchen menschenfeindlichen Ansichten widersprachen.




Quelle: Der-rechte-rand.de