Juni 22, 2021
Von SchwarzerPfeil
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News aus der ZAD von Notre-Dames-des-Landes

Ein Leuchtturm um das Ende der Welt abzuwenden

Auf den Feldern von Notre-Dames-des-Landes, im Westen Frankreichs, steht ein ungehorsamer Leuchtturm. Er wurde weit vom Meer entfernt errichtet, genau dort, wo der Kontrollturm eines neuen internationalen Flughafens gebaut werden sollte. Dieser kurze 17-minĂŒtige Film dokumentiert seinen Bau durch eine zerlumpte Crew — darunter desertierte Architekt_innen, ein ehemaliges Obdachlosenkind, Kunstaktivist_innen, ein_e Keramiker_in, ein paar Bauern*BĂ€uerinnen und ein genialer Schweißer, dessen Tagesjob der Bau der grĂ¶ĂŸten Kreuzfahrtschiffe der Welt in Frankreichs grĂ¶ĂŸter Werft war.

Die Bewegung reagierte mit einer Reihe von Aktionen, die von 60.000 Menschen, die auf einer Autobahn tanzten, bis zu 40.000 Menschen reichten, die in einem als Demonstration getarnten Ritual StĂ€be und Stöcke mitbrachten und in den Boden steckten und versprachen, zurĂŒckzukehren, um sie zu holen, falls die Regierung zur RĂ€umung kĂ€me. Im Herbst, gerade als der Staat mit seinen Bulldozern kommen sollte, begann der Bau eines großen Fuck-Off-Finger an die Behörden. An der Stelle, an der der Kontrollturm des Flughafens geplant war, in La RolandiĂšre, begann ein 20 Meter hoher, voll funktionsfĂ€higer Leuchtturm Gestalt anzunehmen.

Wir ließen uns von rebellischen TĂŒrmen quer durch die Zeit inspirieren. Vladimir Tatlins nie gebaute Vision aus dem Jahr 1919 eines 400 Meter hohen, spiralförmigen Monuments fĂŒr die kommunistische Internationale weckte Ambitionen.

Eine Nachbildung von Tatlins Turm, als ob er 1919 in St. Petersburg gebaut worden wÀre.

Wir zogen HartnÀckigkeit aus der 60 Meter hohen vertikalen Metallbarrikade, die 1972 in Narita von BÀuer_innen, Student_innen und Aktivist_innen errichtet wurde, um die startenden Flugzeuge des heftig umkÀmpften internationalen Flughafens von Tokio zu blockieren.

Der von der Sanrizuka-Shibayama Union to Oppose the Airport errichtete Turm gegen den New Tokyo International Airport, der am 6. Mai 1977 am sĂŒdlichen Ende der Startbahn gewaltsam entfernt wurde

Von Dolly, einem 30 Meter hohen, verrĂŒckten Durcheinander aus gestohlenen GerĂŒsten mit einem Techno-Soundsystem an der Spitze, das aus einer Reihe von 45 HĂ€usern ragte, die 1994 gegen den Bau der M11 Link Road in East London besetzt wurden, haben wir uns etwas Wagemut angeeignet.

Der Turm Dolly, benannt nach den 93 Jahre alten widerstĂ€ndigen Bewohner_innen der Claremont Road, einer der Straßen, die fĂŒr die M11 zerstört werden sollten

Als Archetyp der Hoffnung und des Zufluchtsortes sind LeuchttĂŒrme uralte Werkzeuge zur Lebenssicherung und eine Form von Gemeingut: ihr Licht wird jedem Schiff frei gegeben, um sicher durch die Nacht zu navigieren. Wellen und Wind trotzend, sich zwischen Himmel und Erde ausbreitend, tauchen LeuchttĂŒrme aus der Dunkelheit auf, gerade wenn du denkst, dass du verloren bist und dich nach Hause sehnst. Unser Leuchtturm wurde aus einem gefĂ€llten Strommast gefertigt, den uns ein Bauer geschenkt hat. Er ist mit einer schiffsĂ€hnlichen Gangway an die Bibliothek gebunden, als Anspielung auf die mythische Stadt Alexandria, dem Sammelbecken von Seefahrer_innen, HĂ€ndler_innen und Alchemist_innen, mit ihrer großen Bibliothek und dem Leuchtturm. Als kombiniertes Symbol des Vertrauens und Werkzeug des Widerstands wurde er zur neuen, höheren Antenne des Piratensenders, und auf seiner Spitze befand sich eine Sirene, die von einem Mobiltelefon aus gesteuert werden konnte, um im Falle einer RĂ€umung ausgelöst zu werden. Und wenn die Bullen kommen wĂŒrden, so sperrten wir uns an der Metallstruktur fest, so dass es fĂŒr sie schwierig wird, uns zu erreichen.

Die Historikerin Kristin Ross bezeichnete den Leuchtturm der Zad als einen Akt des „Kommunalen Luxus“. „Kommunaler Luxus“ ist ein Ausdruck, der aus dem Manifest der radikalen KĂŒnstler_innenvereinigung der Pariser Kommune von 1872 stammt, die vorschlug, dass Luxus nicht die private AnhĂ€ufung von Dingen ist, sondern das AufblĂŒhen von Schönheit in allen gemeinsamen RĂ€umen. Wie die Geografin ElisĂ©e Reclus schrieb, „wenn die Maler_innen und Bildhauer_innen frei wĂ€ren, hĂ€tten sie es nicht nötig, sich in Salons einzuschließen.“

Wie so vieles auf der Zad wurde auch dieses Vorhaben durch solidarische Taten in jeder Form und GrĂ¶ĂŸe ermöglicht. Kleine Wunder, die uns immer wieder an die etymologische Wurzel des Wortes Wunder erinnerten, nĂ€mlich „eine Tat, die einen zum LĂ€cheln bringt“. Vom Geschenk des Mastes bis zum Teilen von Werkzeugen und FĂ€higkeiten, von der unerwarteten Spende eines Blitzableiters bis zur ĂŒberraschenden Lieferung einer perfekt dimensionierten Gangway, sind diese materiellen RealitĂ€ten Teil einer lebendigen „Kultur der Rebellion“. Nicht jede Person ist in der Lage, ein_e „Frontline“-Aktivist_in zu sein. Die meisten Menschen sind psychologisch nicht dafĂŒr geeignet oder haben LebensumstĂ€nde, die ihre FĂ€higkeit, Risiken einzugehen, wie z.B. verhaftet zu werden, reduzieren. Dennoch kann jede_r Teil des Aufbaus einer Kultur der Rebellion sein, einer Reihe von Werten, die eine radikale politische Transformation umarmen, ermutigen und fördern. Es geht darum zu lernen, nicht mehr „auf Nummer sicher“ zu gehen, sondern zu erkennen, was man von wo auch immer man ist, mit seinen FĂ€higkeiten tun kann, um all jene zu unterstĂŒtzen, die aktiv Widerstand leisten.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de