Februar 15, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Juna Grossmann
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 186 – September / Oktober 2020

#Weiterdenken

Immer lauter werden in den letzten Jahren die fast schon verzweifelten Rufe, dass die Zeitzeug*innen der Shoa, des Porajmos und des Kriegs ĂŒberhaupt sterben. Die Rufe hört man auch aus GedenkstĂ€tten, die mit eben jenen Zeitzeug*innen ihre Vermittlungsarbeit machen. Doch gab es nicht Zeit genug, sich darauf vorzubereiten? Einige haben es getan. Ein Überblick zu den Alternativen, die allerdings keine Menschen ersetzen können.

Antifa Magazin der rechte rand
GedenkstÀtte Bergen-Belsen
© Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Im Zuge der Dreharbeiten zu »Schindlers Liste« entstand 1994 die vom Regisseur Steven Spielberg gegrĂŒndete Shoa Foundation, die bis heute etwa 52.000 Interviews mit Überlebenden in ihren Archiven hat. Die Überlebenden wandten sich an ihn, um ihre Geschichte zu erzĂ€hlen. Hatte sich bis dato niemand interessiert? Es war der Startschuss fĂŒr eine Welle an Interviews weltweit. Die Videointerviews zeigten, anders als Papier, auch die Menschen dazu. Heute wird an der Interviewtechnik und den Fragen von Historiker*Innen viel kritisiert. Doch wĂ€ren keine Interviews besser? Jedes Zeugnis ist wichtig. Papier allein kann nichts von GefĂŒhlen und Sichtweisen erzĂ€hlen. Zur Geschichte eines Menschen gehört auch seine Persönlichkeit. Die findet sich jedoch nicht in Akten der Nationalsozialist*innen oder auf Erfassungsfotos in den Lagern.
Die Interviews dauern zum Teil viele Stunden. Eine Geschichte ist so lang, wie sie ein Mensch erzĂ€hlt. Seit 2009 kann man diese, wie auch andere Interviews zum Beispiel mit ehemaligen NS-Zwangsarbeitenden ĂŒber die FU Berlin unter zeugendershoah.lernen-mit-interviews.de und zwangsarbeit-archiv.de abrufen. Hier gibt es auch die nötigen Unterrichtsmaterialien und gekĂŒrzte Versionen passend fĂŒr den Unterricht.

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Hier geht es zur Geschichte
75. JAHRESTAG DER BEFREIUNG VOM NATIONALSOZIALISMUS
© Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Holografische Zeitzeug*in?
Schlagzeilen machte die Shoa Foundation, die inzwischen Teil der University of Southern California ist, spĂ€testens 2012 mit ihrem Projekt »New Dimensions in Testimony«, in dem sie neue Technologien einsetzen wollte, um das Erlebnis eines realen Zeitzeug*innengesprĂ€chs nachzuempfinden. Pinchas Gutter, Überlebender des Ghettos Warschau, des Konzentrationslagers Majdanek und eines Todesmarsches, wurde zum Modellprojekt. Das Besondere war nicht etwa das vermutete 3D-Bild, sondern die Möglichkeit in Echtzeit Fragen zu stellen, die wie in einem realen GesprĂ€ch beantwortet werden wĂŒrden. Dazu werden den Überlebenden bis zu 2.000 verschiedene Fragen gestellt und von ihnen beantwortet.
Mittlerweile sind 20 dieser Interviews auf der Seite der Shoa Foundation veröffentlicht, darunter auch das Interview mit der in Deutschland sehr bekannten Anita Lasker-Wallfisch. Die Interviewsprachen sind Englisch, Russisch und mit Madame Xi, Überlebende des Nanjing-Massakers, auch Mandarin.
AusdrĂŒcklich fĂŒr Museen und Gedenkeinrichtungen gedacht, wird das Bild auf eine spezielle 2D-Wand ĂŒbertragen. Noch immer ein anderes Erlebnis als auf einem Monitor oder Leinwand. In Europa ist die zugehörige Wanderausstellung »Speaking Memories – The Last Witnesses of the Holocaust« derzeit in Schweden zu sehen.

Autorin: Juna Grossmann
irgendwie jĂŒdisch

BerĂŒhrungsĂ€ngste und Kritik
Warum findet man diese Interviews nicht in deutschen GedenkstÀtten und Museen?
Erinnere ich mich an die ersten ProjektprĂ€sentationen in Deutschland, war da vor allem eines: Skepsis. Ob es weiter diese Bedenken sind oder die Sprachen der Interviews, die eben nicht ĂŒbersetzt wurden, mag jeder Ort fĂŒr sich selbst entscheiden. Klar ist, »Speaking Memories« ist ein Versuch, ein GesprĂ€chserlebnis zu erhalten, das es so nicht mehr geben wird. Ein Versuch, der deutlich besser ist, als eine fast selbstmitleidartige Larmoyanz darĂŒber, dass man bald keine Zeitzeug*innen mehr einladen könne.
Vorbehalte gegenĂŒber vermeintlich neuer Technik war auch in der GedenkstĂ€tte Bergen-Belsen zu beobachten, als die Idee des Enkels eines dort verstorbenen HĂ€ftlings umgesetzt wurde. Paul Verschure stellte bei seinem Besuch fest, dass es kaum noch Spuren der ehemaligen GebĂ€ude gibt. Erst als er 2012 die Idee, das Lager virtuell zu rekonstruieren und so sichtbar zu machen, vor Überlebenden prĂ€sentierte und sich diese angetan zeigten, schien die Skepsis zu weichen. »Skeptischer war eher die zweite Generation. Die Überlebenden selbst sehen darin eine Möglichkeit, auch dann noch die Geschichte des Lagers zu erzĂ€hlen, wenn sie es selbst nicht mehr können«, sagte Stephanie Billib von der GedenkstĂ€tte Bergen-Belsen in einem Interview mit der Deutschen Welle.
Kritik ist daran zu ĂŒben, dass es versĂ€umt wurde, den Orten, die in Kontakt mit den Überlebenden standen und stehen, den nicht nur ideellen, sondern vor allem auch den finanziellen und fachlichen Auftrag zu geben, die Erinnerungen der Menschen mindestens auf Film festzuhalten. Oft wurden diese Gelegenheit aus finanziellen GrĂŒnden nicht wahrgenommen. Nicht alle Überlebenden leben in Deutschland. Reisen waren vonnöten, Teams vor Ort, gute verlĂ€ssliche Dolmetscher*innen. Das sprengt leicht das Budget eines Gedenkortes.
Auch außerhalb des Angebots der FU Berlin gibt es Datenbanken mit Zeitzeug*inneninterviews, doch scheint hier eher ein System der Konkurrenz als der Zusammenarbeit zu existieren. Wie anders ist zu erklĂ€ren, dass Nutzer*innen sich durch diverse Suchergebnisse klicken mĂŒssen – meist nur nach Anmeldung, die mehr oder weniger lange dauert –, um das fĂŒr sie passende Angebot zu finden? Es gibt keine zentrale Datenbank, die alle in Deutschland verfĂŒgbaren Angebote bĂŒndelt oder wenigstens auf andere Angebote verweist. Nicht nur fĂŒr Laien kann das Frust bedeuten.

Alternativen zu Videos
Gibt es noch weitere Möglichkeiten der Arbeit, wenn die Menschen gegangen sind und man keine Videos nutzen will oder kann?
Vor einigen Jahren haben GedenkstĂ€tten damit begonnen, mit den nĂ€chsten Generationen zu arbeiten – oft aus dem Wunsch der zweiten und dritten Generation entstanden, weiter in Kontakt mit den Gedenkorten zu bleiben. Kinder erzĂ€hlen die Geschichte ihrer Eltern. Der Aspekt der »Zweiten Generation«, also wie die Kinder der Opfer damit leben und welche Folgen es fĂŒr sie und ihr Leben hat, scheint in Deutschland außerhalb der Communities keine Rolle zu spielen. Zwar sieht man in den letzten Jahren mehr Hinwendung zum Thema »Kriegskinder«, doch liegt der Fokus hier eher auf den Kindern der nationalsozialistischen Gesellschaft. Die Geschichten der Opferkinder und -enkel werden ĂŒbersehen. Das Projekt AMCHA Deutschland, das in Israel und Deutschland psychosoziale Betreuung von Überlebenden der Shoa und inzwischen auch ihrer Angehörigen anbietet, versucht mit seinen Bildungsangeboten und der Wanderausstellung »Leben nach dem Überleben« den Fokus zu erweitern – ein Aspekt, der zukĂŒnftig in die Aus- und Fortbildung von Mitarbeiter*innen in GedenkstĂ€tten und Museen Einzug halten sollte.

Und nun?
Wer darf die Geschichten erzĂ€hlen? Wer hat das fachliche und inhaltliche Wissen? Vereine wie Zweitzeugen e. V. versuchen, einen anderen Weg fĂŒr Schulen zu finden und erzĂ€hlen selbst die Geschichten der zuvor durch sie interviewten Überlebenden. Nicht allen gefĂ€llt dieser Versuch. Vielleicht ist es an der Zeit, dass es zur institutionalisierten Bildungsarbeit gehört, selbst in Schulen zu gehen, statt zu erwarten, dass die Schulen zu ihr kommen. Die Zeitzeug*innen sterben. Wir hatten 75 Jahre Zeit, ihr Wissen und ihre Erinnerung festzuhalten. Wir haben es oft genug versĂ€umt, aufgeschoben und als nicht nötig erachtet – sie waren ja da. Das ist nun vorbei. Alles Jammern hilft nicht. Andere Wege sind zu finden und sie sind da. Deutschland, das sich rĂŒhmt, die beste Erinnerungsarbeit zu machen, gar Erinnerungsweltmeister zu sein, hĂ€tte etwas mehr Mut zu anderen innovativen und auch experimentellen Formaten gutgetan, statt im immer selben vermeintlich erprobten System fest zu verharren. Angesichts des mittlerweile wieder offen zur Schau getragenen Hasses sollten wir uns fragen, ob unsere Erinnerungsarbeit tatsĂ€chlich so gelungen ist, wie wir gern glauben.




Quelle: Der-rechte-rand.de