MĂ€rz 5, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Die Medizin ist heute eine der anerkanntesten und unhinterfragtesten Institutionen ĂŒberhaupt. Sie gilt als Wissenschaft des Heilens und genießt den Ruf im Dienste des Menschen zu stehen. Wer ein Haus der Medizin aufsucht, die*der verspricht sich davon die Heilung oder PrĂ€vention einer Krankheit oder Verletzung und in vielen FĂ€llen scheint die Medizin dieses Versprechen tatsĂ€chlich mehr oder weniger gut einzulösen. Doch die Medizin hat ihre Schattenseite: Gierig stiehlt sie ihr Wissen von Gemeinschaften, entlockt den Körpern von Menschen und Tieren durch brutale und skrupellose Folter die Geheimnisse des Lebens. Und ist dieses Wissen erst einmal in der Kathedrale der Medizin zusammengetragen, so wird es dort von deren Hohepriestern geizig behĂŒtet, damit es ja nicht in die HĂ€nde eines Ungeweihten falle. Denn die grĂ¶ĂŸte Angst der Medizin ist es, dass die Menschen ihre Gesundheit in die eigenen HĂ€nde nĂ€hmen. Denn dann blieben ihre Kathedralen leer.

Schon der „Eid des Hippokrates“, sozusagen der Stammvater der Medizin, schließt aus, dass Ärzt*innen ihr Wissen an Unbefugte weitergeben. Das ist zwar nichts Außergewöhnliches, immerhin wird man entsprechende Gelöbnisse fĂŒr beinahe jede Zunft finden, wenn man nur sucht, und doch wird man heute nicht viele Berufe finden, die so exklusiv sind wie der des Arztes. In vielen LĂ€ndern werden Ärzte vom Staat zugelassen, doch bevor das beispielsweise in Deutschland ĂŒberhaupt zur Debatte steht, mĂŒssen werdende Ärztinnen ein Medizinstudium absolvieren. Und dazu muss man erst einmal zugelassen werden. Die Studienplatzvergabe ist fĂŒr die Bundesrepublik zentralisiert, wer keine Bestnoten (in der Regel einen Abiturschnitt von 1,0 bis 1,1) vorweisen kann, wird abgewiesen. Im Ausland studieren und damit das strenge Auswahlverfahren umgehen, können sich nur Reiche leisten – Kinder von Ärzt*innen beispielsweise. Und nicht nur der Zugang zur Ausbildung als Ärztin bleibt den allermeisten Menschen verwehrt, auch das Wissen um Medikamente gehört zu den bestgehĂŒteten Geheimnissen. Kein Wunder. Im Jahr 2018 erwirtschafteten Pharmaunternehmen durch den Verkauf von Medikamenten weltweit rund 1,2 Billionen US-Dollar. Die Medizin „im Dienste der Menschheit“? Dass ich nicht lache!

Dabei ist eine Institution wie die Medizin, die ĂŒber fast das gesamte Heilwissen einer Zivilisation verfĂŒgt, keine Naturgegebenheit. Erst die organisierte Zerstörung des Heilwissens der Menschen vor vielen hundert Jahren ermöglichte die Entstehung eines solchen UngetĂŒms, das heute die Menschen und ihre Gesundheit im Namen des Staates/der Staaten (oder eher im Namen des Kapitals?) verwaltet. Im folgenden Artikel werde ich einige Meilensteine dieses Prozesses aufgreifen, um darzustellen, wie die Medizin als Instrument der Herrschenden zur Verwaltung ihrer Bevölkerung – ein Charakter, der heute vielleicht offener zutage tritt als jemals zuvor – entstehen konnte und wie diese Verwaltung funktioniert.

KlostergÀrten, Hexenverfolgung und Kolonisierung

SelbstverstĂ€ndlich ließen sich die autoritĂ€ren und sozial-kontrollierenden Spuren der Medizin noch ein ganzes StĂŒck weiter zurĂŒckverfolgen, etwa ins antike Griechenland und Rom, wo Ärzt*innen, die neues Wissen ĂŒber den menschlichen Körper unter anderem durch die Sezierung lebendiger Sklav*innen erlangten, vor allem der reichen Oberschicht und dem MilitĂ€r zur VerfĂŒgung standen. Aber der Fokus dieser Untersuchung soll auf der modernen Medizin liegen, die sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass sie ein Monopol auf die Kunst der Heilung erhebt und die Etablierung eben jenes Monopols begann in einer anderen, spĂ€teren Zeit.

Auch wenn die jahrtausendewĂ€hrende Domestizierung die Menschen bereits zuvor von der Natur, von ihren eigenen Körpern und durch die Arbeitsteilung auch weitestgehend von der eigenen ZustĂ€ndigkeit fĂŒr ihre Gesundheit getrennt hatte, so war es auch in Europa vor allem in der armutsgeplagten Unterschicht, die keinerlei Zugang zu dem sich bereits wĂ€hrend der Antike herausgebildeten, Ă€rztlichen Spezialist*innentum und wissenschaftlichen medizinischen Wissen hatte, durchaus verbreitet, dass man sich um viele, wenn nicht alle wesentlichen Belange der eigenen Gesundheit selbst kĂŒmmerte, bzw. diese Aufgabe denjenigen Familienmitgliedern zufiel, die auch ansonsten der hĂ€uslichen, „reproduktiven“ SphĂ€re zugeteilt waren. Sprich: vor allem Frauen. Das hier zur Anwendung gebrachte Heilwissen war von Region zu Region unterschiedlich, es richtete sich nach der regionalen Flora und Fauna, sowie den jeweiligen heidnischen Überresten des spirituellen Erbes vormalig freier Gemeinschaften. Gemeinsam ist diesem Wissen jedoch vor allem, dass es obwohl es vermutlich uralt war, nahezu ausschließlich oral weitergegeben wurde. Schließlich beherrschte zu dieser Zeit auch kaum jemand die Schrift ihrer Herrscher*innen. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Heilwissens war der Gebrauch von HeilkrĂ€utern, die wenngleich sie teilweise auch gezielt in KrĂ€utergĂ€rten angebaut worden sein mögen, vor allem in der Natur gesammelt wurden.

Doch ein Schatten legte sich ĂŒber die Lande, ein Schatten, der in den nĂ€chsten Jahrhunderten auf eine sehr Ă€hnliche Art und Weise einen Großteil der Welt befallen sollte und der in Europa, ebenso wie auf dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent dem individuellen und kollektiven Heilwissen den Garaus machen wĂŒrde: die Rede ist selbstverstĂ€ndlich von der christlichen Missionierung. Kein geringerer als der Missionar Bonifazius, der sich bereits zuvor damit hervorgetan hatte, eine uralte, dem Gott Donar (Thor) geweihte Eiche neben zahlreichen weiteren heiligen BĂ€umen gefĂ€llt zu haben, um die heidnischen Glaubenskulte der germanischen StĂ€mme zu zerstören, veranlasste 743 bei der „Synode von Liftinae“ auch, dass das Sammeln von HeilkrĂ€utern durch die Kirche untersagt wurde. Zweck dieses Verbotes war wiederum, dass die „Neubekehrten von allem heidnischen Wesen fern gehalten werden und fern bleiben möchten.“ Doch auch wenn die allseits erwartete Reaktion der germanischen Gottheiten ausblieb, als sich Bonifazius an ihren BĂ€umen verging, so bedurfte es doch mehr als eines Verbots durch die Kirche, um die Menschen davon abzuhalten, sich selbst und einander zu heilen, indem sie dafĂŒr benötigte und bewĂ€hrte KrĂ€uter sammelten. Wohl um keinen allzugroßen AutoritĂ€tsverlust zu erleiden, wurden in der Folge diversen KrĂ€utern eine biblische Bedeutung angedichtet, die diese beispielsweise in Form von Marienkulten als „christlich“ legitimierten.

Doch die neue Strategie der Kirche sollte schließlich aufgehen. Mit Verbreitung der christlichen Glaubensdoktrin festigte sich auch die Vorstellung, dass Krankheiten von Gott auferlegt wurden und eine Heilung daher auch nur mit seiner Hilfe ĂŒberhaupt möglich sei. Das stĂ€rkte die mönchische Medizin, die sehr schnell zur einizigen anerkannten medizinischen Schule avancierte. Schon zwischen 770 bis ca. 800, nur wenige Jahrzehnte nachdem der Missionar Bonifazius versucht hatte, das KrĂ€utersammeln zu verbieten, erließ Karl der Große, der einen großen Teil seiner Macht der kirchlichen Infrastruktur verdankte, ein Gesetz (Capitulare de villis), das unter anderem den Anbau bestimmter Heilpflanzen in jedem kaiserlichen Gut vorschrieb. Der sogenannte St.-Galler-Klosterplan (819-826), der rund 16 Heilpflanzen und ihren Anbau beschreibt und das Lehrgedicht Hortulus (ca. 840), das rund 24 Heilpflanzen beschreibt, zeugen von der weiteren Institutionalisierung und gleichzeitigen Verflachung (antike Schriften fĂŒhren oft tausende, wenigstens aber mehrere hunderte Heilpflanzen auf, dagegen mĂŒssen 16 bzw. 24 Pflanzen geradezu lĂ€cherlich erscheinen) der Pflanzenheilkunde rund um Klöster. Bei den Pflanzen handelt es sich hĂ€ufig um welche, die in den hiesigen klimatischen Bedingungen nur schlecht gedeihen, was unter anderem daher kommt, dass vorrangig Pflanzen verwendet werden, die (manchmal auch nur vermeintlich) in der Bibel beschrieben sein sollen. Eine beliebte Strategie, um die Bevölkerung davon abzuhalten auch weiter wilde Heilpflanzen zu sammeln, besteht darin, ihnen das PflĂŒcken der Pflanzen in den KlostergĂ€rten zu gewĂ€hren. Auf diese Weise lĂ€sst sich gewĂ€hrleisten, dass nur die von der Kirche „zertifizierten“ Heilpflanzen verwendet werden und das „heidnische“ Heilwissen nach und nach in Vergessenheit gerĂ€t.

Nicht alle Menschen lassen sich vom klösterlichen KrĂ€utergarten ködern. Über mehrere Jahrhunderte koexistiert die klösterliche Medizin mit alternativem Heilwissen. Praktizierende dieses alten Heilwissens gelten als Hexen und Zauberer, was als „heidnische Irrlehre“ gilt und „durch Kirchenstrafen wie Bußen oder – in schweren FĂ€llen – durch Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet werden“ soll. Ab dem 13. Jahrhundert jedoch begann die Kirche und mit ihr der Staat, die beide gleichermaßen Deliquent*innen verschiedener AusprĂ€gungen fĂŒrchteten, zum vernichtenden Schlag gegen Hexen und andere Deliquent*innen auszuholen. Freilich geht es dabei lĂ€ngst nicht nur darum, nicht-christliches Heilwissen zu vernichten. Die Inquisition richtet sich gegen Homosexuelle, JĂŒd*innen, Ketzer*innen jeder Art, aufstĂ€ndische Elemente und sonstige Feind*innen der Ordnung. Im fĂŒr die Deutsche Inquisition besonders bedeutenden, 1486 veröffentlichten Hexenhammer werden unter anderem Abtreibungen und libidosteigernde, sowie -senkende Verabreichungen als gĂ€ngige und zu ahndende Verbrechen von Hexen beschrieben.

Nicht zufĂ€llig fĂ€llt die Vernichtung des nicht-christlichen Heilwissens in Europa in die gleiche Epoche, in der auch die moderne Wissenschaft und ihre Medizin entsteht. Franzis Bacon, einer der GrĂŒndervĂ€ter der modernen Wissenschaft, soll etwa in den Verfahrensweisen der Inquisition das Vorbild gefunden haben, der „Hexe Natur“ ihre Geheimnisse abzupressen. Übrigens war Francis Bacon als Generalstaatsanwalt unter König Jakob I. durchaus auch unmittelbar in den einen oder anderen Hexenprozess verwickelt gewesen.

Nicht unmittelbar zeitlich synchron, aber sowohl von der Art und Weise des Verlaufs her, als auch zumindest synchron zur letzten Phase der Vernichtung des nicht-christlichen Heilwissens in Europa, findet auch außerhalb Europas eine gigantische Vernichtung von indigenem Heilwissen statt. Ihre Antriebsmotoren: der europĂ€ische Kolonialismus und die christliche Missionierung. Genozide, Verschleppung und Versklavung, Vertreibung aus ihren ursprĂŒnglichen Territorien, kulturelle Auslöschung und Internierung in Lagern, in denen spĂ€ter unter anderem tödliche und erniedrigende medizinische Experimente zur Entwicklung von Impfstoffen und SeuchenbekĂ€mpfungsstrategien durchgefĂŒhrt werden werden, tragen ebenso ihren Teil dazu bei, wie die Ă€ußerlich weniger gewalttĂ€tige Bekehrung zum christlichen Glauben mit „Buch und Schwert“, in deren Rahmen jegliche SpiritualitĂ€t indigener Kulturen und damit auch das damit hĂ€ufig verbundene Heilwissen beinahe noch nachhaltiger zerstört wurde. Auf dem sĂŒdamerikanischen Kontinent gelten Praktizierende indigener Heilmethoden als Ketzer*innen. Die katholischen Konquistadoren beschreiben spirituelle Rituale, die Teil dieser Methoden sind, als gespenstisch und gotteslĂ€sterlich und verbrennen die Praktizierenden nach dem Vorbild der Inquisitoren in ihrer Heimat auf dem Scheiterhaufen. Der atlantische Sklav*innenhandel, in dessen Rahmen heutigen SchĂ€tzungen zufolge rund 12 Millionen Menschen gefangen genommen, verschleppt und vor allem in Nordamerika versklavt wurden, verursacht zudem zahlreiche Seuchen (weil indigende Bevölkerung, sowie Sklav*innen Erregern ausgesetzt sind, mit denen sie bisher nicht in Kontakt gekommen sind und zudem auf engstem Raum und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zusammengepfercht sind), in denen nur die autoritĂ€re und die Menschen zu verwaltenden EntitĂ€ten reduzierende, europĂ€ische Medizin ihre Wirkung erweisen kann und so ihre scheinbare Überlegenheit gegenĂŒber indigenem Heilwissen unter Beweis stellt.

Lazarette, PesthÀuser, IrrenhÀuser, ArbeitshÀuser und KrankenhÀuser

Bis heute machen sogenannte KrankenhĂ€user einen wesentlichen Teil der medizinischen „Versorgung“ hierzulande aus. Aber in welchem Kontext ist es ĂŒberhaupt eine besonders kluge Idee, alle Kranken an einen einzigen Ort zu bringen? Diese fixe Idee konnte sich nur vor dem Hintergrund eines Expert*innenstandes an Mediziner*innen und dem zunehmenden Anspruch der Verwaltung von Kranken etablieren. Dabei scheint mir der Strang der Entstehung des modernen Krankenhauses zunĂ€chst unabhĂ€ngig von der zuvor beschriebenen Zerstörung des individuellen und kollektiven Heilwissens betrachtenswert, auch wenn diese beiden Entwicklungen schließlich miteinander verwoben sein werden.

Valetudinarien und Leprosorien sind die wohl frĂŒhesten Formen dessen, was heute als Krankenhaus bekannt ist. Leprosorien, SiechenhĂ€user, spĂ€ter PesthĂ€user, dienten unverhohlen der Verwaltung Kranker, die als AussĂ€tzige galten und dort zum Schutze der ĂŒbrigen Bevölkerung bis zu ihrem Tod oder in Ausnahmen ihrer Genesung verwaltet wurden. Auch wenn diese Anstalten wohl viel Ă€lter sind und beispielsweise im Chinesischen Kaiserreich um 300 v. Chr. existierten, wĂ€hrend das Judentum mit seinen Reinheitsgesetzen ebenfalls die Absonderung von AussĂ€tzigen kennt (allerdings wohl ohne diese in Anstalten zu verwalten), werde ich vor allem auf die Entwicklung dieser Anstalten im christianisierten Europa, vor allem auf französischem und deutschem Territorium zurĂŒckkommen. Zuvor jedoch lohnt es sich einen Blick auf die römischen Valetudinarien zu werfen, die unter Kaiser Augustus (um das Jahr 0) Verbreitung fanden. Um das Jahr 14 errichtete das römische MilitĂ€r in mehreren Garnisonen der umkĂ€mpften germanischen Grenze sogenannte Valetudinarien, Lazarette, in denen verletzte und wohl auch erkrankte Soldaten mit dem Ziel behandelt wurden, wieder kampffĂ€hig gemacht zu werden. Den militĂ€risch bewĂ€hrten Anstalten folgten bald auch zivile Valetudinarien, bezeichnenderweise jedoch nicht fĂŒr römische StaatsbĂŒrger*innen (um die Armen sorgte sich keiner, die Reichen ließen sich lieber in ihren eigenen GemĂ€chern versorgen), sondern vor allem fĂŒr die Sklav*innen von Gutsherr*innen und die Dienerschaft (oft ebenfalls Sklav*innen) reicher Adliger. Sie dienten also dazu, die Arbeitskraft des teuer erworbenen „Personals“ zu erhalten. Die in diesen zivilen Valetudinarien arbeitenden Ärzte waren meist selbst medizinisch gebildete Sklav*innen, sogenannte „servi medici“.

Auch wenn die Medizingeschichte diese Valetudinarien lieber nicht in Verbindung mit der Entstehung „öffentlicher“ KrankenhĂ€user im christianisierten Europa bringen möchte, wird diese KontinuitĂ€t jedoch schon daran offenbar, dass spĂ€tere Klöster ganz verschiedene Einrichtungen unterhielten, die der Unterbringung von Kranken und Pilgern dienten: Das „Hospitale pauperum“ fĂŒr Arme, das „Hospitium“, ein GĂ€stehaus fĂŒr reiche Pilger und das „Infirmarium“, den Krankensaal fĂŒr die Mönche selbst. Diese Einteilung ist nicht nur ein Beweis fĂŒr die Klassenmedizin dieser Zeit, sie setzt sich auch in der weiteren Entwicklung fort: SiechenhĂ€user außerhalb der Klöster und StĂ€dte dienten ab dem 6. Jahrhundert der Verwaltung von als ansteckend geltenden Kranken. Besondere Anstaltskleidung, sowie das Tragen von Schellen, Lazarusklappern und Hörnern bekamen die dort Inhaftierten von der Kirche ebenso verordnet, wie die spĂ€teren Insass*innen der PesthĂ€user vollstĂ€ndig abseits der ĂŒbrigen Bevölkerung inhaftiert wurden.

Um 1700 entstehen in Frankreich und Deutschland die ersten IrrenhĂ€user, die unter anderem dazu dienen sollen, die weniger arbeitsbegeisterte Bevölkerung zu disziplinieren. Gerade auf dem deutschen Territorium treten diese Anstalten als Toll- und ZuchthĂ€user besonders hĂ€ufig in Kombination mit GefĂ€ngnissen auf. Einmal erbaut, wechselten die Internierungsanstalten der Pest- und IrrenhĂ€user hĂ€ufig ihren Zweck. Die ursprĂŒnglich im Jahre 1709 errichtete CharitĂ© Berlin wurde etwa als Pesthaus angelegt, diente dann aber zunĂ€chst als Spinnhaus (eine Strafanstalt fĂŒr Frauen, die verarmt waren, bettelten oder sich prostituierten und die dort als Spinnerinnen zwangsarbeiten mussten), zur Verwaltung von Armen und als Garnisonslazarett. Zahlreiche Krankenhausbauten weisen bis heute mehr Ähnlichkeiten mit KnĂ€sten auf als mit irgendetwas anderem. Das ist kein Zufall. Und wĂ€hrend heute die GittertĂŒren der Zellen, pardon Patientenzimmer, bis auf einige Ausnahmen durch reizarme, klinisch-weiße TĂŒren ersetzt wurden, kann zumindest ich mich beim Besuch in einer solchen Anstalt  noch immer nicht des kalten Schauers, der mir dabei den RĂŒcken hinunterlĂ€uft, erwehren.

„Deine Gesundheit gehört nicht dir!“ und der kranke Mensch als defektes Teil der Maschine

Dienten die verschiedenen Abarten von KrankenhĂ€usern bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vor allem der gesellschaftlichen Absonderung von Armen, Ansteckenden, „VerrrĂŒckten“, Arbeitsverweigerern, Verbrecher*innen und sonstigen fĂŒr die „Volksgesundheit“ (dieser Begriff stammt allerdings aus einer spĂ€teren Epoche) schĂ€dlichen Elementen, so fielen im 20. Jahrhundert die Mauern zunehmend und die Gitter vor den Fenstern verschwanden. Aber wer den Mauern des Krankenhauses entkam, die*der musste nun zunehmend feststellen, dass die ganze Welt zu einem Krankenhaus geworden war. Auch wenn man den Nationalsozialismus keine reine „Ärztebewegung“ nennen sollte [1], so erfuhren die autoritĂ€ren Lehren der Medizin ganz besonders in dieser Epoche einen enormen Bedeutungszuwachs. Der Begiff „Volksgesundheit“ wird zwar in der Medizingeschichte ebenfalls nicht mehr vorrangig mit dem Begriff „Gesundheit“ in Verbindung gebracht, aber das sollte keineswegs darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass darunter im Brustton der Überzeugung und mithilfe einer erst angesichts des Holocausts als pseudowissenschaftlich gebrandmarkten Methodik durchaus genau das verstanden wurde. „Rassenhygiene“ und „Erbgesundheit“ war nicht bloß ein nationalsozialistischer wissenschaftlicher Wahnsinn, weltweit grĂŒndeten sich eugenische Institutionen, die hohes Ansehen genossen. Besonders Zwangssterilisierungsprogramme wurden in zahlreichen Gebieten weltweit in dieser Zeit und selbst nach dem Ende des Nationalsozialismus gesetzlich verankert und durchgefĂŒhrt. Die Opfer: indigene Bevölkerungen, rassifizierte Menschen und Behinderte. Die eigene Gesundheit wird dabei auf zahlreichen Ebenen entpersonalisiert. Nationalsozialistische Propaganda mahnt zur „AbhĂ€rtung“ und betrachtet Infektion als eine SchwĂ€che des Infizierten, eine mit der der*die Infizierte der Volksgemeinschaft, dem „Volkskörper“ schaden wĂŒrde.

Das Individuum als Teil des „Volkskörpers“, das kranke Individuum als Gefahr fĂŒr die „Volksgesundheit“, es erinnert an eine sich dieser Tage noch verstĂ€rkten Haltung. Wobei das Individuum heute nicht einmal mehr krank zu sein braucht, um als Gefahr fĂŒr die nun „öffentliche Gesundheit“ zu gelten. Aber dies soll nun kein zynischer Erguss werden, sondern eine ernstgemeinte Analyse. Es sind freilich völlig unterschiedliche Argumentationsweisen, die sich nur in ihrer Auswirkung zu Ă€hneln scheinen [2]. Und doch drĂ€ngt sich einem – ganz im Sinne des des Organischen beraubten, mechanistischen Weltbildes – hier der Vergleich mit einer anderen Methaphorik auf: Ist in einer solchen Betrachtung der kranke Mensch nicht gleich einem defekten Teil der Maschinerie des Kapitalismus und der Zivilisation? Einem Teil, das entweder repariert oder ausgetauscht werden muss, um die Maschine am Laufen zu halten?

Dienten die frĂŒhen VorlĂ€ufer des Krankenhauses noch dazu, „Kranke“ unterschiedlicher AusprĂ€gungen zu kontrollieren und zu verwalten, so ist es heute der Geist des Krankenhauses, der in den Köpfen der Menschen spukt und sie zu ihrem Beitrag zur „Volksgesundheit“ drĂ€ngt. Ein Geist, der auf die ein oder andere Art und Weise schon frĂŒher spukte und dabei einige der grausamsten, genozidalen VernichtungsfeldzĂŒge wissenschaftlich-medizinisch legitimierte.

Von Gesundheitsregistern bis zur ImpfmĂŒcke

Der derzeitige Gesundheitstotalitarismus kann meines Erachtens nur vor dem Hintergrund verstanden werden, dass es niemals universelles Anliegen der Medizin war, dem Individuum durch Heilangebote zu helfen. WĂ€hrend die Heilung der Wohlhabenden durchaus immer eines der Anliegen der Medizin gewesen sein mag, war jedoch vor allem das Anliegen, Arbeitskraft verfĂŒgbar zu halten, Anliegen von flĂ€chendeckender Medizin. Das heißt nicht, dass die Medizin nicht in der Lage und möglicherweise sogar willens wĂ€re, mir – hier in Zentraleuropa auch trotz der Tatsache, dass ich Arbeit um jeden Preis vermeide, als kriminell und asozial gelte und auch sonst nicht gerade dem Ideal der Gesellschaft entspreche – zu helfen, wenn ich etwa ein gebrochenes Bein habe. Vielmehr bedeutet das, dass der Preis fĂŒr diese Hilfe immer darin liegt, dass anderswo auf der Welt – oder auch in GefĂ€ngnissen, Psychiatrien, usw. hierzulande – medizinische Experimente an anderen Menschen vollfĂŒhrt werden, Menschen aus einer Laune irgendwelcher Philanthrop*innen heraus zwangsgeimpft werden und dabei möglicherweise als „in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung Verstorbene“ in die Statistiken eingehen und die gesamte arme Bevölkerung der Welt auf die eine oder andere Art und Weise mithilfe der Medizin als Arbeitskraft-Ressource verwaltet wird.

Der bisher in westlichen LĂ€ndern im Hinblick auf direkte körperliche Eingriffe zur Anwendung gekommene Ansatz, mit wenigen Ausnahmen (Zwangspsychiatrisierung, Zwangssterilisierungen, Zwangsmedikationen, usw.) auf die Freiwilligkeit der Patient*innen zu setzen (wer nicht zum Arzt geht, tut das halt nicht) scheint dabei zunehmend zu bröckeln. Was ein neokoloniales BĂŒndnis aus Philanthrop*innen, Pharmaindustrie, WHO und Staaten in den vergangenen Jahrzehnten durch medizinische Studien, Impfprogramme, die sowohl zwangsweise, als auch ohne genĂŒgende AufklĂ€rung durchgefĂŒhrt wurden und Programme zur elektronischen Erfassung von Gesundheitsdaten in sogenannten „EntwicklungslĂ€ndern“ getestet hat, scheint nun erprobt genug, um auch in den Zentren der Macht auf die verarmte Bevölkerung losgelassen zu werden. Die derzeitige Diskussion um Gesundheitsregister, in denen entsprechende Daten zentral erfasst und fĂŒr Behörden jederzeit abrufbar gespeichert sind, die Diskussion um Privilegien fĂŒr Geimpfte, die Stigmatisierung derer, die sich nicht impfen lassen wollen, sie alle sprechen fĂŒr sich. Unterdessen geben vorsichtig an die Öffentlichkeit dringende Forschungsprojekte Aufschluss darĂŒber, welche TotalitĂ€t dieser Gesundheitswahn mittlerweile auch in Wissenschaftskreisen angenommen hat: Es ist ja lĂ€ngst kein Geheimnis mehr, dass Virolog*innen dazu neigen, die Menschen einzusperren, zu ĂŒberwachen und zu kontrollieren. Aber dass mancherorts daran geforscht wird, Impfungen mithilfe genmanipulierter MĂŒcken zu verabreichen, die, einmal freigelassen, unkontrollierbar alle impfen, die sie vor ihren RĂŒssel bekommen, das macht die erschreckenden Ausmaße dieses Wahnsinns der Medizin vielleicht bewusster als vieles andere.

FĂŒr mich steht fest: Eine Institution wie die Medizin vermag mir nichts anzubieten, was gegen ihre Zerstörung spricht. Ich kann auf Expert*innen verzichten, die mir Heilung im Austausch fĂŒr meine Verwaltung und Kontrolle im Dienste der Herrschenden anbieten, wĂ€hrend sie anderswo foltern und morden. Und ganz besonders kann ich darauf verzichten, selbst gefoltert und ermordet zu werden.


[1] Dessen ungeachtet wurden die meisten ParteibĂŒcher der NSDAP an Ärzt*innen ausgestellt.

[2] Und auch die bringe ich hier vor allem zur Sprache, um eine gewisse scheinheilige, hyperkritische, die „Verschwörung“ und den Geschichtsrevisionismus“ allzeit witternde Leser*innenschaft zu provozieren.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org