Oktober 4, 2021
Von End Of Road
400 ansichten


Am 3. Oktober 1991 verĂŒbten Rechtsextremisten in Bremen einen Brandanschlag auf eine Asyleinrichtung und töten damit beinah mehrere Asylsuchende. Einer der TĂ€ter wird spĂ€ter als Nazihooligan und SĂ€nger der rechtsextremen Band „KC“ bekannt.

kopiert von butenunbinnen.de

https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/brandanschlag-asylbewerberheim-fluechtlinge-bremen-100.html

In der Nacht zum 3. Oktober 1991 zĂŒnden Jugendliche ein Asylbewerberheim an. Damals leugnen sie AuslĂ€nderhass. Heute ist einer von ihnen bekannter Rechtsextremist.

Scheiben klirren, drei Molotow-Cocktails fliegen durchs Fenster. Sekunden spÀter lodern die Flammen. Das Acht-Bett-Zimmer brennt lichterloh. Drei dunkel gekleidete Personen mit Motorradhelmen fliehen in die Nacht.

So beschreiben Zeugen spĂ€ter den Anschlag in der Nacht zum 3. Oktober 1991, dem Tag der Deutschen Einheit. Das Ziel der TĂ€ter: das Asylbewerberheim in der Schwachhauser Heerstraße 110 in Bremen.

Durch Zufall waren nicht alle Asylbewerber zu Hause, heißt es spĂ€ter in der Presse. Und durch Zufall stand auch das Zimmer leer, in dem die BrandsĂ€tze detonierten. Trotzdem mĂŒssen drei MĂ€nner um ihr Leben bangen, denn wĂ€hrend 14 MĂ€nner ins Freie fliehen können, werden drei von den Flammen eingeschlossen.

„Sie waren bereit, uns zu töten“

Die Feuerwehr rettet sie schließlich rechtzeitig. Zwei Personen werden verletzt. Ein Wunder, dass alle lebend rausgekommen sind, heißt es im Bericht von buten un binnen vor 30 Jahren. Die Hitze im GebĂ€ude sei so stark gewesen, dass das Plastik der SicherungskĂ€sten schmolz. Wer die BrandsĂ€tze warf, hĂ€tte damit rechnen mĂŒssen, dass Menschen sterben.

    Wir waren alle im Bett, als einige Weiße kamen und das GebĂ€ude ansteckten. Das kann man sich doch nicht vorstellen, sie waren doch tatsĂ€chlich bereit, uns alle zu töten.
    FlĂŒchtling aus Gambia 1991 im GesprĂ€ch mit buten un binnen

Es gibt an diesem Tag in Ost- und Westdeutschland noch 16 weitere Angriffe auf AuslĂ€nder. In Bremen ist es der erste Brandanschlag auf Asylbewerber. Wenige Tage zuvor hatte es in der sĂ€chsischen Stadt Hoyerswerda mehrere rassistisch motivierte Übergriffe, unter anderem auch einen Anschlag auf ein FlĂŒchtlingswohnheim, gegeben. Hunderte gingen auf Migranten los, ebenso viele jubelten ihnen zu. Die AnschlĂ€ge in Hoyerswerda werden spĂ€ter im Prozess gegen die Bremer TĂ€ter zur Sprache kommen.

Von Gang-Mitglied verraten

Wenig spĂ€ter nimmt die Polizei fĂŒnf junge MĂ€nner fest, drei landen vor Gericht. Sie sind erst 17 und 18 Jahre alt. Zwei von ihnen stammen aus Bremen, einer aus Westfalen. Zwei wachsen in Akademikerfamilien auf, einer von ihnen ist Gymnasiast. Verraten hatte sie ein Mitglied ihrer Gang. Die Jugendlichen gehören zur „Penny-Crew“. Sie heißen so, weil sie sich regelmĂ€ĂŸig auf dem GelĂ€nde eines Penny-Supermarktes treffen. Hier hatten sie auch ihren Plan geschmiedet. Die BrandsĂ€tze hatten sie am Abend vor der Tat auf einem Spielplatz in der NĂ€he gebaut.

Mehrere weitere Mitglieder der Clique hatten von dem geplanten Anschlag gewusst. Gegen mindestens fĂŒnf Mitwisser laufen spĂ€ter gesonderte Strafverfahren, weil sie den geplanten Anschlag nicht der Polizei gemeldet hatten.

Angeklagte leugnen AuslÀnderhass

Die Staatsanwaltschaft klagt auf versuchten Mord. Als Motiv vermutet sie AuslĂ€nderfeindlichkeit. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit gestehen schließlich alle drei Angeklagten. Hass gegen AuslĂ€nder leugnen sie allerdings. Sie geben an, ihre Tat habe Drogendealern gegolten. Denen hĂ€tten sie einen Denkzettel verpassen wollen. Töten wollten sie niemanden, sagen die jungen MĂ€nner. TatsĂ€chlich hat es im Sommer 1991 Demonstrationen vor der in den Medien als „Dealervilla“ bezeichneten FlĂŒchtlingsunterkunft gegeben.

Im Prozess werden aber immer wieder rechte Tendenzen deutlich: Bei den Angeklagten werden unter anderem nationalsozialistische Inhalte wie Musiktexte und Plakate gefunden. Bei einem der Angeklagten finden die Ermittler zudem eine Pistole, zwei Schlagstöcke und einen Schlagring. Der Verdacht steht im Raum, dass dieser Angeklagte am 20. April in Bielefeld auf einen Anhalter geschossen haben soll. Der 20. April ist Hitlers Geburtstag. Der Angeklagte leugnet die Tat.

Weitere Mitglieder der Gruppe sind bereits durch Angriffe auf AuslĂ€nder aufgefallen. Einer der Mitwisser der Tat vom 3. Oktober war unter anderem Kandidat der „Nationalistischen Front“ bei der vorangegangenen BĂŒrgerschaftswahl. Die Angeklagten bestreiten aber weiterhin eine rechte Gesinnung.

Staatsanwaltschaft lÀsst Mordvorwurf fallen

Der Bericht der Jugendgerichtshilfe kommt den Angeklagten damals zugute. Sie beschreibt die Angeklagten als sensibel, aufgeschlossen, kooperativ und introvertiert und schließt politische Motive aus.

Die Staatsanwaltschaft lĂ€sst schließlich den Anklagevorwurf des versuchten Mordes fallen. Ein Tötungsvorsatz sei nicht nachzuweisen. Sie fordert wegen schwerer Brandstiftung und Verstoßes gegen das Waffenrecht zwei Jahre Jugendstrafe, die auf BewĂ€hrung ausgesetzt werden soll. Die drei Verteidiger fordern eine Jugendstrafe von einem Jahr ohne BewĂ€hrungsauflagen.

Das Urteil

Die drei Angeklagten werden wegen schwerer Brandstiftung und Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, die zur BewĂ€hrung ausgesetzt wird. Die BewĂ€hrungszeit betrĂ€gt zweieinhalb Jahre. An den Wochenenden mĂŒssen sie 20 Stunden gemeinnĂŒtzige Arbeit leisten.

Dass sie aus rechtsextremistischer Gesinnung handelten, konnte die Staatsanwaltschaft nicht beweisen. Das Gericht erkennt bei den Jugendlichen aber „AuslĂ€nderfeindlichkeit“ und „nationalistische Tendenzen“, heißt es im Urteil.

Mehrere Ă€ußere UmstĂ€nde entlasten die Jugendlichen laut Gericht: das gesellschaftliche Klima zur damaligen Zeit, die Demo gegen Drogendealer vor der Asylbewerberunterkunft im Sommer zuvor, der Rechtsruck bei der Bremer Wahl und der geduldete AuslĂ€nderhass in Hoyerswerda wenige Tage vor der Tat.

Heute als Rechtsextremist auf der BĂŒhne

Das milde Urteil sorgte damals fĂŒr Empörung und neue Schlagzeilen. Damit hatte das Gericht gerechnet. Schon in der UrteilsbegrĂŒndung sagte der Richter: „Wir sind uns klar, dass die Öffentlichkeit kein VerstĂ€ndnis fĂŒr die Strafe auf BewĂ€hrung haben wird.“ Der erzieherische Aspekt stehe im Jugendrecht im Vordergrund, nicht Strafe und Abschreckung. Man kaufe den Jugendlichen ab, dass sie die Tat bereuen und sich „von ihrem alten Weg gelöst haben“.

Dass sich zumindest nicht alle von ihrem alten Weg gelöst haben, ist heute, 30 Jahre spÀter, klar: Einer der TÀter von damals ist seit vielen Jahren nicht nur in Bremen als Rechtsextremist bekannt.

Quelle: butenunbinnen.de




Quelle: Endofroad.blackblogs.org