April 14, 2021
Von InfoRiot
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Die von dem Bildhauer René Graetz stammende Plastik »Befreiung« von 1961 soll dieses Jahr restauriert werden. Sie steht zentral in der GedenkstÀtte Sachsenhausen.
Die von dem Bildhauer René Graetz stammende Plastik »Befreiung« von 1961 soll dieses Jahr restauriert werden. Sie steht zentral in der GedenkstÀtte Sachsenhausen.

Im Sommer 1942 stieß die Wehrmacht in den Kaukasus vor. Am 21. August hissten Soldaten auf dem 5633 Meter hohen Gipfel des Elbrus die Reichskriegsflagge. Die zeitweilige Besetzung des Nordkaukasus hatte dort fĂŒr Patienten psychiatrischer Kliniken und fĂŒr jĂŒdische Ärzte schlimme Folgen. SchĂ€tzungsweise 1700 von ihnen wurden von den Nazis ermordet. Eine Ausstellung ĂŒber die damaligen Ereignisse soll nun am 1. September in Brandenburg/Havel eröffnet werden – in der GedenkstĂ€tte fĂŒr die Opfer der faschistischen Krankenmorde. Angesichts der Corona-Pandemie ist sie als Freiluftausstellung geplant.

Über dieses Vorhaben und viele andere PlĂ€ne berichtete am Montag die Stiftung brandenburgische GedenkstĂ€tten. »Corona ist fĂŒr die Jahresplanung ein entscheidender Faktor«, sagte Direktor Axel Drecoll. Einige Termine, die im vergangenen Jahr wegen der Pandemie ausfallen mussten, sollen nun dieses Jahr nachgeholt werden. Da die Gefahr einer Ansteckung jedoch weiterhin besteht, ist das oft nur im Internet möglich.

So war die Ausstellung »BruchstĂŒcke ’45« fĂŒr den schon elf Monate zurĂŒckliegenden 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus geplant. Wegen Corona konnte sie aber nicht gezeigt werden und ist nun seit einigen Tagen online in einer 360-Grad-Variante unter www.bruchstuecke45.de zu besichtigen. Auch der 76. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Sachsenhausen und RavensbrĂŒck kann am kommenden Sonntag nicht wie ĂŒblich mit Überlebenden und ihren Angehörigen gefeiert werden. Stattdessen werden die Ansprachen von Ambra Laurenzi, der PrĂ€sidentin des Internationalen RavensbrĂŒck-Komitees, und von Dik de Boef, dem GeneralsekretĂ€r des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, um 10 Uhr und um 15.30 Uhr live im Internet ĂŒbertragen. Um 18 Uhr wird ein vorher aufgezeichnetes Konzert des Moka Efti Orchestra veröffentlicht. Das Orchester spielt unter anderem Lieder, die von den KZ-HĂ€ftlingen gesungen wurden, und StĂŒcke von Kurt Weill, der 1928 die Musik fĂŒr Bert Brechts »Dreigroschenoper« komponierte und 1933 emigrierte, als Adolf Hitler an die Macht kam.

Die Lockdowns im Jahr 2020 hatten fĂŒr die KZ-GedenkstĂ€tten gravierende Auswirkungen. FĂŒr Sachsenhausen wurden nur 145 000 Besucher gezĂ€hlt. In den Jahren zuvor waren es immer mehr als 700 000. In RavensbrĂŒck sank die Besucherzahl von 110 000 auf 32 000. »Die meisten Veranstaltungen mussten abgesagt werden«, erklĂ€rt Drecolls Stellvertreterin Andrea Genest.

Genest sieht die Krise auch als Chance. Mit den digitalen Angeboten können Menschen erreicht werden, die nicht als Besucher in die GedenkstĂ€tten kommen. Max Vogel, VolontĂ€r der Stiftung, startet im Mai einen Podcast. In 30 bis 45 Minuten langen Folgen begrĂŒĂŸt er als Gast jeweils einen Kollegen, der ĂŒber seine TĂ€tigkeit berichtet und die Biografie eines Opfers oder auch TĂ€ters vorstellt. Die erste Folge gibt es am 16. Mai. Dazu ist ein Mitarbeiter der »Euthanasie«-GedenkstĂ€tte eingeladen. Alle zwei Monate soll es eine neue Folge geben.

Brandenburgs Kulturministerin Manja SchĂŒle (SPD) bezeichnet dergleichen AktivitĂ€ten als RĂŒckeroberung des Internets, in dem die historischen Tatsachen leider oft verfĂ€lscht werden. Das rĂŒckt die Stiftung nun zunehmend gerade. Dazu dient auch die Digitalisierung von 45 NachlĂ€ssen ehemaliger HĂ€ftlinge des KZ Sachsenhausen, von 30 000 Foto-Negativen und etwa 2000 Objekten aus der Sammlung.

Kulturministerin SchĂŒle beobachtet antisemitische Hetze und die Instrumentalisierung von Naziopfern im Zusammenhang mit den Corona-EinschrĂ€nkungen. Sie sagte am Montag: »Wer ausgefallene Kindergeburtstage mit Anne Frank vergleicht, verhöhnt die Naziopfer und tötet sie ein zweites Mal.«

Stiftungsdirektor Drecoll hegt keinen Zweifel, dass Corona-Maßnahmen notwendig sind. Er verwies aber darauf, wozu das fĂŒhrt. Besucher aus aller Welt bleiben weitgehend aus. SelbststĂ€ndige, die FĂŒhrungen in den KZ-GedenkstĂ€tten anbieten, verlieren durch die Schließung der Museen eine Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch der Stiftung entgehen Einnahmen, etwa aus dem Verkauf von BĂŒchern im Besucherzentrum von Sachsenhausen. Derweil können Baumaßnahmen ungestört vonstatten gehen. Geplant sind etwa die Restaurierung der Figurengruppe des Bildhauers RenĂ© Graetz am Obelisken in Sachsenhausen und die Sanierung eines Teils der Lagermauer in RavensbrĂŒck.

www.stiftung-bg.de




Quelle: Inforiot.de