Juni 21, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Am 23.05. ging das 36. DOK.fest München zu Ende – natürlich online. 131 Filme aus 43 Ländern waren auf dem mittlerweile größten deutschen Dokumentarfilmfestival zu sehen. Der internationale Hauptpreis ging an die tschechische Regisseurin Helena Treštíková für ihr Langzeitportrait „Anny“.

Vor einem Jahr war das DOK.fest München eines der ersten Filmfestivals überhaupt, das komplett online stattfand. Dieses Jahr hatten die Verantwortlichen lange auf eine duale Festivaledition mit regulären Kinovorstellungen und Streams gehofft – vergeblich. Echtes Festivalfeeling konnte sich also erneut nicht einstellen, die „digitale Leinwand“ hat aber andere Vorteile: 50 Prozent mehr Publikum als in den Jahren vor der Pandemie.
Das starke Programm ließ trotz der großen Menge an Filmen einen Fokus auf emanzipatorische Themen erkennen. So stellte beispielsweise die Schwerpunktreihe „DOK.focus Empowerment“ sechs Geschichten aktivistischer Selbstermächtigung in den Mittelpunkt. Eine davon erzählt der Film „Writing With Fire“ von Sushmit Ghosh und Rintu Thomas. Der Film zeigt die Produktion der einzigen von Dalit-Frauen herausgegebenen Zeitung Indiens, die Kämpfe der Frauen gegen die patriarchalen Strukturen des indischen Zeitungswesens und ihre gesellschaftliche Ächtung im Kontext des offiziell schon seit 1949 abgeschafften Kastenwesens – ein eindrucksvolles Dokument und ein Lehrstück über die Kraft von Social Media in politischen Kämpfen.
Ebenfalls in dieser Reihe lief „The Case You“. Der Film der erst 25-jährigen Alison Kuhn wurde mit dem Student Award ausgezeichnet. Fünf Schauspielerinnen reenacten auf einer Theaterbühne Erfahrungen sexualisierter und körperlicher Gewalt, die sie während eines Castings erfahren haben, an dem sie Jahre zuvor unabhängig voneinander teilgenommen hatten. Sehr nachvollziehbar stellt der Film die gezielte Manipulation der damals am Anfang ihrer Karriere stehenden Schauspielerinnen nach: Sie werden zunächst z. B. durch uneindeutige Anweisungen verunsichert, um sie dann in Situationen zu werfen, die sie nicht kontrollieren können. Dass die Kamera in der Nachstellung gelegentlich die Täterperspektive einnimmt, ist wohl ein handwerklicher Fehler, ansonsten ist der Film nämlich sehr nah an der Perspektive seiner Protagonistinnen – gerade das macht ihn sehenswert.
Auch außerhalb der „Em-powerment“-Reihe waren empowernde und emanzipatorische Filme zu sehen. „Zuhurs Töchter“ von Laurentia Genske und Robin Humboldt begleitet zwei mit ihrer Familie aus Syrien geflohene trans* Frauen zu Ärzt:innenbesuchen und durch die Hormontherapie. Im Zentrum der Erzählung steht aber der Alltag zu Hause und eine der großen Stärken des Films besteht darin, neben der wunderbar trotzigen Selbstverständlichkeit, mit der Lohan und Samar mit ihrer Genderidentität umgehen, auch das Leid der Eltern, insbesondere der Mutter Zuhur, in den Blick zu nehmen, die es einfach nicht fertigbringt, ihre Töchter als solche zu akzeptieren. Der Film gewann den Preis für den besten deutschsprachigen Film.
Frank Müller, Guevara Namer und Antonia Kilian gewannen den Produktionspreis für ihre Arbeit an „The Other Side Of The River“. Für ihre Vorstellung eines demokratischen und selbstbestimmten Lebens kämpft die 19-Jährige Hala in Rojava als Polizistin der Asayiş nicht zuletzt gegen ihre eigene Familie. Antonia Kilian, die auch die Regisseurin des Films ist, lebte ein Jahr im Norden Syriens und führte dort Videoworkshops mit Frauen durch, bis sie auf ihre Protagonistin traf. Die unsicheren Produktionsbedingungen, ihre Zusammenarbeit mit Aktivist:innen und Filmemacher:innen aus Rojava und ihr Einsatz für deren faire Bezahlung gaben den Ausschlag für die Jury.
Die große Gewinnerin des Festivals ist Helena Treštíková. Das DOK.fest widmete ihr bereits die diesjährige Hommage und zeigte neun ausgewählte Filme. Den internationalen Hauptpreis gewann dann ihr intimes Langzeitportrait der Toilettenfrau, Sexarbeiterin und Laientheatermacherin Anny, die Treštíková und ihr Team 16 Jahre lang immer wieder mit der Kamera durch ihren Prager Alltag begleiteten. Unaufdringlich, aber sehr nah folgt die Kamera Anny zwischen ihrem 46. und 62. Lebensjahr, die Zeit vergeht wie nebenbei, keine harten Brüche kennzeichnen die Zeitsprünge: 16 Jahre, organisch verdichtet in etwas über einer Stunde Film, großes Kino.
Wie schon im letzten Jahr wurde auch 2021 das DOK.fest München um eine Woche verlängert – dauerte also drei statt zwei Wochen. Während alle 131 Filme an allen Festivaltagen und zu jeder Zeit online verfügbar waren, gab es am Abschlusswochenende doch noch die Möglichkeit, den Gewinnerfilm des Publikumspreises „He’s My Brother“ in verschiedenen Münchener Kinos zu sehen.




Quelle: Graswurzel.net