Februar 17, 2021
Von Paradox-A
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Die früheste deutschsprachige, mir bekannte wissenschaftliche Abhandlung über den Anarchismus findet sich 1895 im Buch von Ernst Viktor Zenkers Der Anarchismus. Kritische Geschichte der anarchistischen Theorie (Jena: Fischer-Verlag). Zenker trat dazu in Kontakt mit Elisée Reclus, welcher ihm viel Erfolg bei seinem Vorhaben einer wissenschaftlichen Beschreibung des Anarchismus machte, jedoch zugleich Zweifel an diesem Vorhaben äußerte, denn „man begreift nicht, was man nicht liebt“. Sprich, eine wissenschaftliche Betrachtung des Anarchismus muss notwendiger unzulänglich sein – wie der bekannte Geograph Reclus festhielt. Zenker sieht diese Herausforderung ebenso und schreibt im Vorwort: Die „Anarchisten werden mir daher die Eignung, über ihre Sache zu schreiben, einfach absprechen und mein Buch abscheulich reactionär nennen, die Socialisten werden mich allzu manchesterlich, die Liberalen allzu tolerant gegen die socialistischen Störenfriede finden; die Reactionären endlich werden mich selbst für einen verkappten Anarchisten erklären“ (Ebd.: S. VIII).

All dies möchte Zenker nicht sein, sondern sich einem Gegenstand widmen, den er offenkundig verstehen möchte, anstatt dem Vorurteil des politischen Diskurses und dem in der Presse erzeugten Feindbilds des Anarchismus zu folgen. Licht ins Dunkel zu bringen, erweise sich jedoch vor allem deswegen als schwierig, weil die Schriften der Anarchist*innen selbst ja ebenso wenig wie die Hetz-Artikel über sie als sachlich und „neutral“ angesehen werden könnten. Zenker: „Nachdem die ganz aussergewöhnliche Gefährlichkeit der anarchistischen Lehren für die erdrückende Mehrheit der Menschen wie ein Dogma feststeht, ist es wohl nicht erst nötig, sich über das Wesen derselben zu informieren, um ein entschiedenes Urteil, welches oft ein entscheidendes sein soll, fällen zu können. Deshalb haben auch, mit einigen sehr spärlichen Ausnahmen fast Alle die bisher über und wider den Anarchismus schrieben, wohl nie eine anarchistische Schrift auch nur flüchtig gelesen, sondern sich mit gewissen traditionellen Schlagworten beschieden“ (S. VI). Zenker betrachtet im Folgenden insbesondere die Theorien Proudhons, Stirners, Bakunins und Kropotkins, zieht aber auch Querverbindungen zu einigen anderen Personen und scheint sich bewusst zu sein, dass der Anarchismus nicht vorrangig eine Theorie, sondern eine soziale Bewegung ist.

Ein weiterer Band, ist Karl Diehls Über Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus (Jena: Fischer-Verlag), ein Band seiner Vorlesungen, der erstmals 1905 erschienen ist. Da 1923 die fünfte Ausgabe herausgebracht wurde, ist anzunehmen, dass Diehls Beschreibungen weite Verbreitung fanden und auch als seriös angesehen wurden. Die beiden Vorlesungen über Anarchismus, denen sich der Professor der Nationalökonomie widmet, sind deswegen bedeutsam und interessant, weil er sich als einer der ganz wenigen Professoren interessiert mit dem Anarchismus beschäftigte und dessen Seriosität retten möchte. Dies tut er jedoch durch eine Unterscheidung zwischen angeblich destruktiven Chaoten („Propaganda der Tat“) auf der einen und ernstzunehmenden Sozialreformern (Anarchismus als „sozialphilosophisches System“ auf der anderen Seite. Interessant ist, dass Diehl den Anarchismus nicht etwa als radikalen Flügel des Sozialismus, sondern als ganz eigene Strömung ansieht, in welcher Gemeinschaftsleben ohne „Rechtszwang“ für möglich gehalten werde. Er unterscheidet individualistischen und kommunistischen Anarchismus, wobei der religiöse (Tolstoi) und kollektivistische (Bakunin) Anarchismus Sub-Strömungen von ersteren wären. Bakunin und Kropotkin sieht er dabei schon in der Nähe der ‚Propaganda der Tat‘ und macht somit deutlich, dass er von revolutionären Phantasien wenig hält.

Ein drittes bedeutendes Werk zur Beschreibung des Anarchismus ist Paul Eltzbachers Der Anarchismus (Berlin: J. Guttentag) von 1905. Das Buch schien internationale Aufmerksamkeit erhalten zu haben, jedenfalls ist es in digitalisierten US-amerikanischen Bibliotheken ebenso zu finden, wie sich die anarcho-syndikalistischen Denker van der Walt und Schmitt (Hamburg 2013) daran abarbeiten. Auch Christian Cornelissen (Lich 2015) bezieht sich auf diese prägende Darstellung des Anarchismus. Dies ist ein Indikator dafür, das wissenschaftliche Abhandlungen um die Wende vom 19. zum 20. Jh. dazu beitrugen, ein Verständnis für anarchistisches Denken und anarchistische Bewegungen zu schaffen, welches in beide Richtungen wirkt: In jene der Öffentlichkeit, welcher sonst nur aufgebauschte Klischees von Konservativen und Sozialdemokraten serviert bekommen. Ebenso aber in Richtung der anarchistischen Szene selbst, welche in ihrer dritten Generation, auf Reflexionen angewiesen ist, um sich neu zu verorten und weiterentwickeln zu können.

Eltzbacher geht es ebenfalls um eine sachliche Beschreibung des Anarchismus, welcher er sehr holzschnittartig nachgeht. Er schreibt: „Das Ziel der Untersuchung muss nach dem Gesagten darin bestehen, erstens den Begriff der Gattung zu bestimmen, die durch die gemeinsamen Eigenschaften derjenigen Lehren gebildet wird, welche der grösste Teil der gegenwärtig mit dem Anarchismus wissenschaftlich beschäftigenden Menschen als anarchistische Lehren anerkennt; zweitens die Begriffe der Arten dieser Gattung, die dadurch gebildet werden, dass zu jenen gemeinsamen Eigenschaften irgendwelche Besonderheiten hinzutreten“ (Eltzbacher: 11). Nach einem starren Schema geht er die Punkte „Allgemeines“, „Grundlage“, „Recht“, „Staat“, „Eigentum“, „Verwirklichung“, bei Godwin, Proudhon, Stirner, Bakunin, Kropotkin, Tucker und Tolstoi durch, um Gemeinsamkeit und Unterschiede herauszuarbeiten. Dabei bezieht er sich ausschließlich auf deren Schriften. So plakativ diese Herangehensweise wirkt, bin ich mir dennoch sicher, dass sie auf das Selbstverständnis späterer Anarchist*innen zurückwirkte.

Eine Unterscheidung verschiedener Strömungen und die Definition von Grundbegriffen gibt Sinn, wenn man sich organisieren und Gesellschaft verändern möchte. Wichtig hierbei ist allerdings, sich bewusst zu machen, dass die Realität deutlich komplexer ist, also die Strömungen sich permanent vermischen, andere Gruppen sich auch (teilweise) nach anarchistischen Vorstellungen organisieren und orientieren (auch wenn sie dies nicht so bezeichnen) und Einzelne oder Gruppen nicht in den Positionen aufgehen, welche sie nach außen propagieren oder die ihnen zugeschrieben werden. Daher ist es logisch, dass Insider-Schriften wie Max Nettlaus Geschichte der Anarchie (1925) ein deutlich differenzierteres Bild zeichnen, weil sie mit verschiedenen Aktiven bekannt und in Debatten involviert sind, wie auch verschiedenartige Publikationen, vor allem Zeitungen, kennen und über sie verfügen. „Neutralität“ kann und soll damit natürlich nicht behauptet werden. Die gibt es aber auch nicht.




Quelle: Paradox-a.de