November 2, 2020
Von Revolt Magazine
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Die Corona-Pandemie bringt fĂŒr uns konstant VerĂ€nderungen mit sich: Im Tages- oder im Wochentakt werden neue Bedingungen und Regeln aufgestellt. Die meisten von uns verfolgen die Entwicklungen mehr oder weniger regelmĂ€ĂŸig und versuchen, die Ereignisse und damit auch mögliche Szenarien der Krisenbearbeitung durch die Herrschenden einzuordnen und zu analysieren. Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden Überlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.


Mythos 3: Um die Krise zu ĂŒberwinden, mĂŒssen wir alle den GĂŒrtel enger schnallen. Wenn wir jetzt verzichten können, wird es uns bald wieder besser gehen.


Gerade in Krisenzeiten wird gern die Floskel „Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut“ in verschiedenen Ausformungen wiederholt. In der Corona-Pandemie wird das durch die Phrase ergĂ€nzt, wir alle wĂŒnschten uns eine baldige RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t. Diese beiden Wunschgedanken bedĂŒrfen einer grundlegenden Kritik.

Ein gutes Leben fĂŒr alle?

Was bedeutet es eigentlich, dieses „es geht uns allen gut“? Heißt es, dass wir alle einen Job haben, ein ausreichendes Einkommen und einigermaßen sichere Zukunftsaussichten? Dann ließe sich konstatieren, dass diese LebensumstĂ€nde im Kapitalismus selbst in wirtschaftlichen Konjunkturphasen bei Weitem nicht auf alle und spĂ€testens seit dem Finanzcrash von 2008 und im Zuge des neoliberalen Umbaus wohl auch insgesamt fĂŒr immer weniger Menschen zutreffen. Außerdem ignoriert diese Auffassung eines „guten Lebens“ die massive Beschneidung unserer Freiheit im und durch das Arbeitsleben: Wir mĂŒssen unsere Zeiteinteilung und gesamte Lebensplanung kapitalistischen SachzwĂ€ngen unterwerfen.

Eine freie Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung im Sinne eines guten Lebens sind kaum möglich: Viele von uns mĂŒssen Arbeiten verrichten, die sie nicht tun wollen, die sie körperlich und psychisch zermĂŒrben und krank machen. Wir lernen, uns und unsere Arbeitskraft im Berufsleben trotzdem zu selbst wie eine Ware zu verkaufen – vom BewerbungsgesprĂ€ch bis zur Profilierung vor Kolleg*innen und Chef*innen – um im Konkurrenzkampf nicht unterzugehen. WĂ€hrend der Arbeitszeit, also einem meist erheblichen Teil unserer Lebenszeit, sind wir fremdbestimmt. Unser*e Arbeitgeber*in entscheidet, welche TĂ€tigkeiten wir wann und wie auszufĂŒhren haben. Demokratische Prinzipien gibt es in der Arbeitswelt kaum und auch, wenn sich manche Unternehmen gern den Anstrich flacher Hierarchien geben, bleiben Vorgesetzte doch immer Vorgesetzte, die die Grenzen unserer Selbstbestimmung von oben festlegen und sich den tĂ€glich durch unsere Arbeit geschaffenen (Mehr.)Wert aneignen.

Der im Kapitalismus strukturell unter diesem Wert liegende Lohn, der am Ende des Monats auf unserem Konto landet, dient im Wesentlichen der Reproduktion unserer Arbeitskraft, die wir dem Unternehmen schließlich auch noch im nĂ€chsten Monat gewinnbringend verkaufen können sollen. All das sind nur einige der tĂ€glichen Zumutungen des kapitalistischen Systems fĂŒr unsere Leben. Mit anderen Worten: Im Kapitalismus geht es uns nie „gut“. Die reale Verschlechterung unserer LebensverhĂ€ltnisse, etwa durch steigende Zahlen derjenigen, die „arbeitslos“, also ohne entlohnte Arbeit sind, Kurzarbeit, steigende Lebenshaltungskosten bei gleichbleibenden Hartz4-SĂ€tzen und sinkenden Löhnen, kommt durch die Corona-Krise nun zum bestehenden Stress noch dazu. Und wenn nun in der Pandemie darauf verwiesen wird, dass es uns allen gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht, dĂŒrfen wir nicht der Illusion verfallen, das Kapital wĂŒrde irgendwelche sozialen Interessen verfolgen.

Das liegt gar nicht in seiner Logik. Im Gegenteil: Der Kapitalismus und darin das Kapital profitiert zum Beispiel von einer gewissen Zahl an Erwerbslosen, die in relativer Verelendung leben und die schon Marx als „industrielle Reservearmee“ bezeichnete. Sie dienen – wie auch Hierarchisierungen von Arbeiter*innen auf dem globalen Markt (bei der Ausbeutung von migrantischen Arbeiter*innen zum Beispiel) – zugleich als abschreckendes Beispiel („Seht, wie schlecht es euch erginge, wenn ihr nicht fĂŒgsam der fĂŒr euch vorgesehenen Arbeit nachgeht!“), der LohndrĂŒckerei und als tatsĂ€chliche RĂŒcklage von Arbeitskraft, auf die in Zeiten des Aufschwungs zurĂŒckgegriffen werden kann. Sozialstaatliche Zuwendungen erfĂŒllen dabei die Funktion, die potenziellen ArbeitskrĂ€fte in einem einigermaßen tauglichen Zustand zu halten, damit sie bei Bedarf verwertbar sind. Eine hohe BeschĂ€ftigungsquote und ein steigender Lebensstandard sind allenfalls Nebenprodukte der Kapitalverwertung, auf die keinerlei Verlass ist.

Die NormalitĂ€t heißt Verwertung

Krisen stellen unsere sicher geglaubten Erwartungen fĂŒr die Zukunft infrage. In so einer Situation ist nachvollziehbar, dass der Wunsch nach mehr Vorherseh- und Planbarkeit des Lebens aufkommt. Der Kapitalismus bietet uns, ganz einfach indem er seiner ihm innewohnenden Verwertungslogik folgt und uns durch immer neue Unwetter oder einfach durch den tĂ€glichen Nieselregen peitscht, diese Sicherheit aber so oder so nicht. „Das Einzige, das in diesen ökonomischen StĂŒrmen gewiss ist, ist die Ungewissheit“ (Heinrich 2018: 175). Zu welcher Art NormalitĂ€t sollten wir also zurĂŒckwollen? Wenn Politiker*innen davon sprechen, dass wir alle uns eine „RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t“ wĂŒnschen, meinen sie vor allem, dass die infolge der Krise verschlechterten Kapitalverwertungsmöglichkeiten wieder verbessert werden sollen. FĂŒr den Staat ist das wichtig, weil er vom Kapital abhĂ€ngig ist. Staatliche Strukturen, Investitionen und Institutionen werden durch Steuergelder finanziert, welche die Unternehmen vom Reichtum, den die LohnabhĂ€ngigen fĂŒr sie erarbeiten, abfĂŒhren. Staat und Kapital stehen in einer Wechselbeziehung. Insbesondere in der aktuellen Gesundheitskrise muss der Staat Leben und Gesundheit der Arbeiter*innen, die Wertbasis der kapitalistischen Demokratie, schĂŒtzen. Aber nur insofern es dem kapitalistischen Gesamtinteresse dient.

Die Ausrichtung der Politik an kapitalistischen Interessen statt an hehren Prinzipien zeigt sich nur allzu deutlich daran, dass die Arbeitsbedingungen in großen Betrieben, zum Beispiel in der Fleischindustrie, als Infektionstreiber von der Politik ausgeklammert werden und aus der medialen Öffentlichkeit weitgehend verschwunden sind. Die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens hat Vorrang – koste es, was es wolle. Corona-EinschrĂ€nkungen werden – in der zweiten Welle noch massiver – fast ausnahmslos in den privaten, sozialen und kulturellen Bereich verlegt. Die Jugend, die als Masse durchweg egoistischer Party-Monster inszeniert wird, ist der willkommene SĂŒndenbock, um diese Politik zu rechtfertigen. Dabei wird auf valide Belege fĂŒr diese homogene Darstellung ebenso gern verzichtet wie auf den Hinweis, dass durchaus auch Ă€ltere Menschen trotz Pandemie Feiern veranstalten und so weiter.

Abseits des Privaten hingegen sollen wir uns in volle Bahnen quetschen, uns acht Stunden lang neben unsere Kolleg*innen an den Schreibtisch setzen, mit Dutzenden von ihnen am Fließband stehen oder unsere Tage in schlecht gelĂŒfteten Klassenzimmern verbringen (der Kapitalismus braucht gebildete kommende Generationen). Trotz exponentiell steigender Fallzahlen durften wir unser Geld abends noch ĂŒber viele Wochen hinweg im Restaurant lassen – auch die Gastronomie ist eine wichtige Branche, was die aktuellen Debatten und Proteste um die weitgehenden Schließungen nochmal deutlich machen – uns aber bitte nicht im Park treffen. Neben der erschwerten Kontrollierbarkeit von Abstandsregeln sind derlei FreizeitaktivitĂ€ten auch einfach wirtschaftlich schlecht verwertbar und erscheinen daher aus der Perspektive der Politik am ehesten verzichtbar. Nachweislich hilft eine Reduktion der Kontakte, Infektionsketten zu unterbrechen und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Eben dieser Argumentation folgend ist es nicht nachvollziehbar, dass das fĂŒr die Kontakte im Arbeitsalltag nicht gelten soll. Es ist mehr als offensichtlich, dass es nicht um uns, unsere BedĂŒrfnisse und unsere Leben geht, sondern unsere Gesundheit nĂŒchtern gegen Kapitalinteressen abgewogen wird.

Es rettet uns kein höh’res Wesen


Ziel der aktuellen Politik ist nicht, das Leid, das der Kapitalismus fĂŒr die meisten Menschen bedeutet, zu mindern, sondern es so rasch wie möglich auf den PrĂ€-Corona-Stand zu bringen. Die alltĂ€gliche Missachtung unserer körperlichen und psychischen Gesundheit ist fĂŒr uns außerhalb der VerschĂ€rfungen in der Corona-Krise weniger fĂŒhlbar und damit auch „normal“ geworden. Nur deshalb ist es leicht, uns vorzugaukeln, zu diesem Zustand zurĂŒckzukehren sei wĂŒnschenswert. Im Moment lassen sich damit sogar WĂ€hler*innenstimmen gewinnen. Genaugenommen wird versucht, auf dieser Grundlage die LohnabhĂ€ngigen die Krise austragen zu lassen. Real- und Nominallöhne sinken, wĂ€hrend die Vermögen der Superreichen – wie in fast jeder Krise – weiter wachsen; große Konzerne werden aufwĂ€ndig gerettet, wĂ€hrend kleine Betriebe, KleinselbststĂ€ndige und Kollektive in die Röhre schauen.

Die Profiteure einer Krise sind selten die Arbeiter*innen. Der Kapitalismus ist in seinem Wesen krisenhaft: Betrachtet man die materiellen VerhĂ€ltnisse, die er schafft und stetig reproduziert, ist seine „Rettung“ fĂŒr den grĂ¶ĂŸten Teil der Menschen keineswegs erstrebenswert. Warum sollten wir diese neuerliche Krise der kapitalistischen Warenwirtschaft ausbaden, beeintrĂ€chtigt sie doch unsere Leben jeden Tag?! Parolen wie „Capitalism is the crisis“ oder „The virus is capitalism” haben deshalb aktuell zu Recht Hochkonjunktur, weil sie auf diesen Umstand verweisen. Bei entsprechendem politischen Willen gĂ€be es weitaus bessere Möglichkeiten, die Krise finanziell abzufedern: zum Beispiel Vermögens- und Erbschaftssteuern, stark progressive Einkommenssteuer oder Enteignungen. Stattdessen werden zum Beispiel durch die Senkung der Mehrwertsteuer in erster Linie weiter diejenigen bevorteilt, die ohnehin schon ĂŒber komfortablere finanzielle Möglichkeiten verfĂŒgen. Was bringt es uns, beim Kauf eines Neuwagens soundso viel sparen zu können, wenn wir ihn uns eh nicht leisten können? Abgesehen davon, dass es den Unternehmen ĂŒberlassen ist, ob sie die Steuersenkung ĂŒberhaupt weitergeben oder sich selbst noch mehr bereichern. „Wir sitzen alle im selben Boot“ trifft also nur insofern zu, als das „wir“ nicht die Herrschenden und die Beherrschten, die Kapitalist*innen und die LohnabhĂ€ngigen zusammen meint, sondern nur uns, die wir weitestgehend vom Reichtum der kapitalistische Warenwirtschaft ausgeschlossen sind.

Die Krise gemeinsam zu schultern, kann nicht heißen, dass wir uns noch mehr vom Mund abzusparen mĂŒssen. Vielmehr heißt es, gemeinsame soziale Proteste gegen die Belastungen, die auf uns abgewĂ€lzt werden, zu organisieren, uns in ArbeitskĂ€mpfen nicht gegeneinander ausspielen zu lassen und die Reichen und Kapitalist*innen zur Kasse zu bitten. Wenn jemand den GĂŒrtel enger schnallen muss, dann sie! Diese Form der Politik wird uns nicht von oben geschenkt, wir mĂŒssen sie von unten erkĂ€mpfen. Auch in Zeiten von Corona.


WeiterfĂŒhrende Literatur:

Heinrich, Michael (2018): Kritik der politischen Ökonomie: eine EinfĂŒhrung in „Das Kapital“ von Karl Marx. Reihe Theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag.




Quelle: Revoltmag.org