Mai 25, 2021
Von Antifra
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Jus­tiz hin­ter Git­tern: Vor dem OLG Dres­den wird der mör­de­ri­sche Mes­ser­an­griff vom 4. Okto­ber 2020 verhandelt

Am ach¬≠ten und damit vor¬≠letz¬≠ten Pro¬≠zess¬≠tag gegen den Isla¬≠mis¬≠ten Abdul¬≠lah Al‚ÄĎH. hal¬≠ten die <span title="Glossary: Nebenklage" data-tooltip="Der Anklage gegen die NSU-Terroristen haben sich mehr als 70 Angeh√∂rige der Mordopfer und Gesch√§digte der Sprengstoffanschl√§ge als Nebenkl√§gerinnen und Nebenkl√§ger angeschlossen. Sie werden von ca. 50 Rechtsanw√§ltinnen und Rechtsanw√§lten vertreten. N√§here Informationen und Dokumentation aus Sicht der Nebenklage http://www.nsu-nebenklage.de

 ” class=”glossaryLink “>Anw√§l¬≠te der Neben¬≠kla¬≠ge sowie die Ver¬≠tei¬≠di¬≠gung ihre Pl√§¬≠doy¬≠ers. Bei¬≠de schlie¬≠√üen sich grund¬≠s√§tz¬≠lich den Straf¬≠for¬≠de¬≠run¬≠gen der Staats¬≠an¬≠walt¬≠schaft an. Die Neben¬≠kla¬≠ge kri¬≠ti¬≠siert die man¬≠geln¬≠de Auf¬≠kl√§¬≠rung in Bezug auf die M√∂g¬≠lich¬≠keit, dass die Tat h√§t¬≠te ver¬≠hin¬≠dert wer¬≠den k√∂n¬≠nen. Der Ver¬≠tei¬≠di¬≠ger setzt sich f√ľr eine Ver¬≠ur¬≠tei¬≠lung nach Jugend¬≠straf¬≠recht ein.

An die¬≠sem Mitt¬≠woch fin¬≠det sich daf√ľr, dass die Abschluss¬≠pl√§¬≠doy¬≠ers in die¬≠sem Pro¬≠zess gehal¬≠ten wer¬≠den, nur recht wenig Publi¬≠kum im Ober¬≠lan¬≠des¬≠ge¬≠richt in Dres¬≠den ein. Ein Kame¬≠ra¬≠mann filmt, wie Al‚ÄĎH. her¬≠ein¬≠ge¬≠f√ľhrt wird, schwenkt noch kurz auf den Vor¬≠sit¬≠zen¬≠den Rich¬≠ter, dann beginnt der ach¬≠te Pro¬≠zess¬≠tag. Die¬≠sen er√∂ff¬≠net der Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de Rich¬≠ter mit dem Hin¬≠weis an den Ange¬≠klag¬≠ten, dass die¬≠ser sich bei der Urteils¬≠ver¬≠k√ľn¬≠dung am n√§chs¬≠ten Pro¬≠zess¬≠tag zu erhe¬≠ben habe, selbst wenn er das Gericht nicht aner¬≠ken¬≠nen m√∂ge. Es han¬≠de¬≠le sich dabei um eine Fra¬≠ge des Respekts, in der T√ľr¬≠kei oder Syri¬≠en w√ľr¬≠de er dies schlie√ü¬≠lich auch tun.

Gefährlichkeit den Behörden bekannt

Der Neben¬≠kla¬≠ge¬≠an¬≠walt Klein geht in sei¬≠nem Pl√§¬≠doy¬≠er auf die Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve sei¬≠nes Man¬≠dan¬≠ten Oli¬≠ver L. ein, der den Anschlag √ľber¬≠lebt hat¬≠te. Der 4. Okto¬≠ber 2020 habe sein Leben f√ľr immer ver¬≠√§n¬≠dert und k√∂r¬≠per¬≠li¬≠che sowie vor allem see¬≠li¬≠sche Ver¬≠let¬≠zun¬≠gen hin¬≠ter¬≠las¬≠sen. Klein betont noch ein¬≠mal, dass L. nur durch einen ‚Äě√§u√üerst g√ľns¬≠ti¬≠gen Umstand‚Äú √ľber¬≠lebt hat. Sein Sicher¬≠heits¬≠emp¬≠fin¬≠den sei heu¬≠te emp¬≠find¬≠lich gest√∂rt und er sei nach dem Tod sei¬≠nes Lebens¬≠part¬≠ners ‚Äětief getrof¬≠fen‚Äú und ‚Äěuntr√∂st¬≠lich‚Äú. Zu sei¬≠ner sexu¬≠el¬≠len Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung habe sich Oli¬≠ver L. zun√§chst √∂ffent¬≠lich nicht √§u√üern wol¬≠len, da ihn einer¬≠seits die Trau¬≠er¬≠be¬≠w√§l¬≠ti¬≠gung besch√§f¬≠tig¬≠te. Ande¬≠rer¬≠seits habe er Sor¬≠ge gehabt, dass sich, wenn sei¬≠ne sexu¬≠el¬≠le Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung im Vor¬≠der¬≠grund steht, eine Viel¬≠zahl an Men¬≠schen nicht damit iden¬≠ti¬≠fi¬≠zie¬≠ren kann, obwohl er die Tat als eine emp¬≠fand, die jeden h√§t¬≠te tref¬≠fen k√∂n¬≠nen. Zudem habe es eine augen¬≠schein¬≠li¬≠che Tra¬≠gik, dass die Tat m√∂g¬≠li¬≠cher¬≠wei¬≠se h√§t¬≠te ver¬≠hin¬≠dert wer¬≠den k√∂n¬≠nen, denn schlie√ü¬≠lich plan¬≠te der Ange¬≠klag¬≠te w√§h¬≠rend der gesam¬≠ten Dau¬≠er sei¬≠ner Inhaf¬≠tie¬≠rung einen Anschlag. Sei¬≠ne Gef√§hr¬≠lich¬≠keit sei den Beh√∂r¬≠den bekannt gewe¬≠sen. Da die ein¬≠ge¬≠schr√§nk¬≠te Aus¬≠sa¬≠ge¬≠ge¬≠neh¬≠mi¬≠gung der LKA-Beam¬≠tin ihr bei ihrer Aus¬≠sa¬≠ge am sechs¬≠ten Pro¬≠zess¬≠tag unter¬≠sag¬≠te, detail¬≠lier¬≠ter √ľber die poli¬≠zei¬≠li¬≠chen Ma√ü¬≠nah¬≠men zu Al‚ÄĎH.s √úber¬≠wa¬≠chung nach sei¬≠ner Haft¬≠ent¬≠las¬≠sung zu spre¬≠chen, bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se ob die¬≠se den Ein¬≠satz von V‚ÄĎLeuten umfass¬≠te. F√ľr L. blei¬≠be ein Bei¬≠geschmack, da nicht alles, was mit der Tat am 4. Okto¬≠ber zusam¬≠men¬≠h√§ngt, auf¬≠ge¬≠kl√§rt wor¬≠den sei.

Die Tat sei dem Ange­klag­ten aber ohne ver­blei­ben­den Zwei­fel zuzu­schrei­ben, wes­halb er sich den For­de­run­gen der Bun­des­an­walt­schaft nach einer lebens­lan­gen Haft­stra­fe mit anschlie­ßen­der Sicher­heits­ver­wah­rung anschließe.

B√ľrgerin der abgelehnten Gesellschaft

Auch Kle¬≠fenz, Neben¬≠kla¬≠ge¬≠an¬≠walt der Schwes¬≠ter von Tho¬≠mas L., stimmt der Bun¬≠des¬≠an¬≠walt¬≠schaft zu und spricht dann √ľber die Gr√ľn¬≠de der Schwes¬≠ter, sich dem Ver¬≠fah¬≠ren anzu¬≠schlie¬≠√üen. Sie und ihre Fami¬≠lie h√§t¬≠ten einen unvor¬≠stell¬≠ba¬≠ren Schock erlit¬≠ten, des¬≠sen Fol¬≠gen selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich anhal¬≠ten und m√∂g¬≠li¬≠cher¬≠wei¬≠se nie¬≠mals ver¬≠ge¬≠hen wer¬≠den. Sie sei jedoch nicht durch ein ‚ÄěS√ľh¬≠ne-Ver¬≠lan¬≠gen‚Äú moti¬≠viert gewe¬≠sen, son¬≠dern woll¬≠te vor allem sach¬≠lich √ľber das Ver¬≠fah¬≠ren infor¬≠miert wer¬≠den, ohne auf die √∂ffent¬≠li¬≠che Bericht¬≠erstat¬≠tung ange¬≠wie¬≠sen zu sein. Des Wei¬≠te¬≠ren sei f√ľr sie und die Fami¬≠lie die Zusi¬≠che¬≠rung, dass der T√§ter zuk√ľnf¬≠tig nicht mehr in der Lage sein wird, sei¬≠ne reli¬≠gi¬≠√∂s moti¬≠vier¬≠ten Taten umzu¬≠set¬≠zen und ande¬≠ren Men¬≠schen das¬≠sel¬≠be Leid zuzu¬≠f√ľ¬≠gen, beson¬≠ders wich¬≠tig. Zumal er gegen¬≠√ľber dem Gut¬≠ach¬≠ter Pro¬≠fes¬≠sor Ley¬≠graf bekr√§f¬≠tigt hat¬≠te, wei¬≠te¬≠re Anschl√§¬≠ge ver¬≠√ľben zu wol¬≠len. Die Jus¬≠tiz m√ľs¬≠se sicher¬≠stel¬≠len, dass das nicht mehr pas¬≠sie¬≠re. Das Gericht habe die Fra¬≠ge, ob der Anschlag h√§t¬≠te ver¬≠hin¬≠dert wer¬≠den k√∂n¬≠nen, jedoch offen¬≠ge¬≠las¬≠sen, da dar¬≠auf ver¬≠zich¬≠tet wur¬≠de, dies in der Beweis¬≠auf¬≠nah¬≠me ver¬≠tieft zu kl√§¬≠ren. Der Ange¬≠klag¬≠te habe Tho¬≠mas L. aus einer ‚Äěradi¬≠kal-isla¬≠mis¬≠ti¬≠schen Gesin¬≠nung‚Äú her¬≠aus, stell¬≠ver¬≠tre¬≠tend f√ľr alle B√ľrger:innen einer von ihm abge¬≠lehn¬≠ten Gesell¬≠schaft get√∂¬≠tet. Er sei unein¬≠ge¬≠schr√§nkt schuld¬≠f√§¬≠hig, die beson¬≠de¬≠re Schwe¬≠re der Schuld sei fest¬≠zu¬≠stel¬≠len und f√ľr die Ange¬≠h√∂¬≠ri¬≠gen L.s sei es beson¬≠ders wich¬≠tig, dass die anschlie¬≠√üen¬≠de Siche¬≠rungs¬≠ver¬≠wah¬≠rung ange¬≠ord¬≠net werde.

Kurzer Weg ins Paradies

F√ľr die Ver¬≠tei¬≠di¬≠gung ver¬≠deut¬≠lich¬≠te Rechts¬≠an¬≠walt Hol¬≠lstein zun√§chst, dass der Ange¬≠klag¬≠te selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich mit einer H√∂chst¬≠stra¬≠fe zu rech¬≠nen habe, da er die T√∂tung eines ‚Äěwild¬≠frem¬≠den Men¬≠schen‚Äú ein¬≠ge¬≠r√§umt habe und wei¬≠ter¬≠hin Leben gef√§hr¬≠de. Den¬≠noch m√∂ch¬≠te Hol¬≠lstein beto¬≠nen, dass die Tat sich von ande¬≠ren ter¬≠ro¬≠ris¬≠ti¬≠schen Anschl√§¬≠gen wie bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se in Niz¬≠za und Paris unter¬≠schei¬≠de: Sein Man¬≠dant sei in kei¬≠ne IS-Struk¬≠tur ein¬≠ge¬≠bet¬≠tet gewe¬≠sen und auch nicht vom IS aus¬≠ge¬≠bil¬≠det wor¬≠den. Er habe allei¬≠ne und zu sei¬≠nem Vor¬≠teil ‚Äď den ‚Äěkur¬≠zen Weg ins Para¬≠dies‚Äú zu neh¬≠men ‚Äď gehan¬≠delt. Man habe es daher mit einem Ein¬≠zel¬≠t√§¬≠ter zu tun, der sei¬≠nem Gott bewei¬≠sen woll¬≠te, dass er des Para¬≠die¬≠ses w√ľr¬≠dig sei und Angst vor dem H√∂l¬≠len¬≠feu¬≠er im Jen¬≠seits gehabt habe. Selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich r√ľcke dies die Tat f√ľr die Betrof¬≠fe¬≠nen nicht in ein ande¬≠res Licht, den¬≠noch k√∂n¬≠ne er Ley¬≠graf nicht zustim¬≠men, son¬≠dern man m√ľs¬≠se in jenem Fall das Jugend¬≠straf¬≠recht auf¬≠grund des Erzie¬≠hungs¬≠ge¬≠dan¬≠kens anwen¬≠den. Al‚ÄĎH. habe die Zeit sei¬≠ner Nach¬≠rei¬≠fe in staat¬≠li¬≠cher Obhut ver¬≠bracht, deren Dera¬≠di¬≠ka¬≠li¬≠sie¬≠rungs¬≠ma√ü¬≠nah¬≠men nicht gut umge¬≠setzt wor¬≠den sei¬≠en. So m√ľs¬≠se er fest¬≠stel¬≠len, dass schluss¬≠end¬≠lich dem Dol¬≠met¬≠scher die Ver¬≠ant¬≠wor¬≠tung f√ľr die reli¬≠gi√∂¬≠se Dis¬≠kus¬≠si¬≠on √ľber¬≠tra¬≠gen wur¬≠de. Au√üer¬≠dem sei sein Man¬≠dant ent¬≠ge¬≠gen eines Erzie¬≠hungs¬≠ge¬≠dan¬≠kens sie¬≠ben Mona¬≠te iso¬≠liert wor¬≠den und habe sich so aus sich selbst her¬≠aus radi¬≠ka¬≠li¬≠siert. Sein Hass auf die Gesell¬≠schaft ent¬≠spre¬≠che eher einem jugend¬≠li¬≠chen ‚ÄěTrotz¬≠ge¬≠dan¬≠ken‚Äú. Dass er den Mord gegen¬≠√ľber Ley¬≠graf detail¬≠liert beschrie¬≠ben hat¬≠te, sei daher auch dar¬≠auf zur√ľck¬≠zu¬≠f√ľh¬≠ren, dass er sein gesam¬≠tes Den¬≠ken und Han¬≠deln nicht durch¬≠schaue, son¬≠dern sich ledig¬≠lich etwas von der See¬≠le reden woll¬≠te. End¬≠lich h√§t¬≠te er einen √§lte¬≠ren Mann vor sich gehabt, den er akzep¬≠tier¬≠te. Mit einer jun¬≠gen Frau w√§re die¬≠ses Gespr√§ch sicher nicht zustan¬≠de gekom¬≠men ‚Äď er sei in Haft jedoch vor¬≠nehm¬≠lich von (jun¬≠gen) Frau¬≠en betreut wor¬≠den, was Hol¬≠lstein zu dem Fazit ver¬≠an¬≠lasst, dass man viel mehr h√§t¬≠te tun k√∂n¬≠nen. In der Gesamt¬≠schau bean¬≠tra¬≠ge er das glei¬≠che recht¬≠li¬≠che Urteil wie die Bun¬≠des¬≠an¬≠walt¬≠schaft, man m√ľs¬≠se aller¬≠dings das Jugend¬≠straf¬≠recht anwen¬≠den, um neu anzu¬≠set¬≠zen, bes¬≠ser zu arbei¬≠ten und dadurch ‚Äěbes¬≠se¬≠re Ergeb¬≠nis¬≠se‚Äú zu erzielen.

Am Ende des Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠ta¬≠ges d√ľr¬≠fe sich nun noch der Ange¬≠klag¬≠te √§u√üern, so der Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de Rich¬≠ter. Akus¬≠tisch nur schwer ver¬≠st√§nd¬≠lich √ľber¬≠setzt der Dol¬≠met¬≠scher ohne Mikro¬≠fon, dass dem Ange¬≠klag¬≠ten egal sei, was das Gericht sage, da er sich nur vor Gott und des¬≠sen Urteil ver¬≠ant¬≠wor¬≠ten m√ľsse.

Die Urteils¬≠ver¬≠k√ľn¬≠dung folgt am 21. Mai 2021 um 10 Uhr.




Quelle: Antifra.blog.rosalux.de