Oktober 19, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Alexa Anders
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 188 – Januar / Februar 2021

#Buchhandel

Die »edition buchhaus loschwitz« verlegt seit 2020 BĂŒcher in einer Reihe unter dem symboltrĂ€chtigen Titel »EXIL«. In der Beschreibung heißt es: »Die Buchreihe EXIL versteht sich als Kunst der Zuflucht ebenso wie als Zuflucht der Kunst, die sich einem Klima zunehmender politischer Anfeindung ausgesetzt sieht.« Erschienen sind hier bislang die vermeintlich ausgegrenzten Autor*innen Uwe Tellkamp, Jörg Bernig und Monika Maron. Im Herbst folgten Angela Wierig, Eva Rex und Bernd Wagner.

Antifa Magazin der rechte rand
»buchhaus loschwitz« in Desden

Dieser Selbststilisierung als politisch Verfolgte, denen allein der Weg des Exils bliebe, widersprach der in Dresden geborene und in Berlin lebende Schriftsteller Ingo Schulze Anfang November in der SĂ€chsischen Zeitung unter dem Titel »Dresdner Distanzierungen«. In seinem Text legt er das Muster aus Begriffsvereinnahmung und Provokation offen, um »wieder ein StĂŒck »Normalisierung« im Umgang mit jenen (zu) schaffen, die völkisches Denken nicht nur propagieren, sondern auch darangehen, es politisch-praktisch umzusetzen.« In den Feuilletondebatten der letzten Monate um »Cancel Culture« ist Schulze eine der Stimmen, die die Zusammenarbeit zwischen »BuchHaus Loschwitz« und »Verlag Antaios« als das benennt, was sie ist: »der Versuch, diese völkische Rechte kulturell salonfĂ€hig zu machen. Man rollt ihr den roten Teppich aus. Nicht mehr und nicht weniger.« Es war nicht die erste öffentliche Kritik am eingeschlagenen Weg des Buchhauses und seiner Protagonistin. Bereits im November 2018 formulierten Paul Kaiser und Hans-Peter LĂŒhr im Elbhangkurier ihr »großes Unbehagen« angesichts Dagens »offener Solidarisierung mit dem rechten Spektrum der Gesellschaft«. Auch sie beziehen sich auf »AufgeblĂ€ttert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen«, jene Literatursendung bei YouTube, in der Susanne Dagen und Ellen Kositza seit 2018 mit einem geladenen Gast, vorzugsweise aus der »Neuen Rechten« und der »Alternative fĂŒr Deutschland« (AfD), aktuelle BĂŒcher besprechen. Mit diesem Gemeinschaftsprojekt des »BuchHauses Loschwitz« und des Schnellrodaer »Verlag Antaios« entschied Dagen sich fĂŒr ihre politische Heimat.

»Die biografische ZÀsur kam mit PEGIDA«

Susanne Dagens Entwicklung zur politischen Protagonistin der »Neuen Rechten« in Dresden ist vergleichsweise frisch und inzwischen symptomatisch fĂŒr die Stadt an der Elbe. »Die biografische ZĂ€sur kam mit PEGIDA«, lĂ€sst sie sich im StreitgesprĂ€ch mit Schulze in der SĂ€chsischen Zeitung zitieren. Und sie ist bei weitem nicht die Einzige – ob in Politik oder Kultur, in Wissenschaft oder Privatem. Das Aufkommen der »Patriotischen EuropĂ€er gegen die Islamisierung des Abendlandes« (PEDIGA) hat Debatten, die Stadtgesellschaft und biografische Entwicklungen nachhaltig verĂ€ndert. Es war ein Scheidepunkt, der in der ab 2015 folgenden Diskussion um die Aufnahme GeflĂŒchteter die politischen Wege in grundsĂ€tzlich verschiedene Richtungen leitete.

Ein zentrales Moment dieser Entwicklung war von Beginn an auch die Frage nach der Meinungsfreiheit. Und von Beginn an verwechselten die Versteher*innen und Verteidiger*innen der Rassismus und Menschenverachtung propagierenden Dresdner AuflĂ€ufe die grundgesetzlich verbriefte Meinungsfreiheit mit gesellschaftlicher Widerspruchsfreiheit. Sie imaginierten gar ein vermeintlich links-grĂŒn-liberales Politik- und Medien-Kartell. Vieler derer, die sich in den letzten fĂŒnf Jahren entsprechend positionierten, finden sich in der Liste der verlegten Autor*innen und eingeladenen DiskussionsgĂ€ste des Buchhauses in Loschwitz: von der ehemaligen GrĂŒnen Antje Hermenau ĂŒber den Ex-Professor fĂŒr Politikwissenschaften Werner Patzelt bis zum Schriftsteller Uwe Tellkamp.
Seit 2016 veranstaltet Susanne Dagen die Reihe »ZeitenBuch. Seitenweise Politik«, in der »kritische« Publizisten zu Wort kommen – also all jene, die sich sowohl in ihren Argumentationen als auch in der Wahl der Orte ihrer Auftritte und Veröffentlichungen zunehmend der »Neuen Rechten« zugewendet haben: Michael Beleites, der im IfS referierte und inzwischen fĂŒr »Sezession«, »Tumult« und »Die Kehre« schreibt. Antje Hermenau, die ehemalige GrĂŒne Landtagsabgeordnete, die sich durch ihre GesprĂ€chsbereitschaft mit der AfD hervortat und 2019 mit ihrer Streitschrift »Ansichten aus der Mitte Europas. Wie Sachsen die Welt sehen« ihre in Teilen durchaus als rassistisch zu bezeichnenden migrations- und sozialpolitischen Positionen vorlegte, garniert mit einer großen Portion Sachsen-IdentitĂ€tspflege. Auch die »IdentitĂ€ren«-Aktivistin Caroline Sommerfeld-Lethen stellte ihr im »Verlag Antaios« erschienenes Buch »Wir erziehen« vor.

antifa Magazin der rechte rand
Buch ĂŒber das “Institut fĂŒr Staatspolitik” und die Faschist*innen des 21. Jahrhunderts
erschien 2020 und ist im Buchhandel erhÀltlich.

Auf der Liste derer, die in den letzten 15 Jahren im »KulturHaus« gelesen und diskutiert haben finden sich Publizist*innen, Herausgeber*innen und Akteur*innen aus dem neu-rechten Milieu. Doch bei weitem nicht nur. Sie spiegelt einerseits die Verankerung und Bedeutung des »BuchHauses« in der Dresdner Literatur- und Intellektuellenszene wider, andererseits aber auch die zunehmende Entwicklung nach rechts seit 2015. Denn die Dichte der klar zu verortenden GĂ€ste hat vor allem in den letzten fĂŒnf Jahre deutlich zugenommen.

DĂŒnkel und Habitus als Antrieb

Erster Höhepunkt dieses eingeschlagenen Weges war die »Charta 2017« – ein Begriff der bewusst den Bezug zum Protest von BĂŒrgerrechtler*innen in der Tschechoslowakei herstellt. Mit dem offenen Brief stellten sich die Initiator*innen, neben Susanne Dagen und Michael Bormann auch Uwe Tellkamp oder Vera Lengsfeld, demonstrativ vor den »Verlag Antaios«. In Reaktion auf die Ereignisse auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprachen die Initiator*innen von »unter dem Begriff der Toleranz (gelebter) Intoleranz« und warnten davor, »wie zum scheinbaren Schutz der Demokratie die Meinungsfreiheit ausgehöhlt« werde. Im vom Börsenverein im Vorfeld der Buchmesse verschickten Newsletter »Zum Umgang mit rechten Verlagen« entdeckten sie einen »Gesinnungskorridor« und mahnten, dass «unsere Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt« wĂ€re.

Dass es vor allem auch ehemalige DDR-BĂŒrgerrechtler*innen sind, die sich in der Rolle der KĂ€mpfer*innen fĂŒr Meinungsfreiheit gefallen, ist dabei kein Zufall. Wie ein roter Faden ziehen sich der Widerstandshabitus, die Opferstilisierung und die DDR-Vergleiche durch die Verlautbarungen des sich in Loschwitz zusammengefundenen Kreises. Gepaart mit einem bildungsbĂŒrgerlichen DĂŒnkel, der dem Selbstbild des Elbhangs so eigen ist und den Uwe Tellkamp in tausend Seiten seines Romans »Der Turm« goss.

»Ich bin nicht berĂŒhmt, ich bin berĂŒchtigt«, stellt Dagen im Interview mit der SĂ€chsischen Zeitung fest. »Ich habe mich aus der WĂ€rme der Gruppe entfernt. Das ist eine Erfahrung, fĂŒr die ich dankbar bin, die ich aber nicht jedem empfehlen möchte.« Dabei befindet sie sich trotz aller Selbststilisierung als Opfer der »Gesinnungsdiktatur« inmitten der WĂ€rme eines konservativen Umfelds, das keineswegs eine Minderheit im traditionsbewussten Elbflorenz darstellt – in einer Stadt, in der der Diebstahl von Kronjuwelen einem »Anschlag auf die kulturelle IdentitĂ€t der Sachsen« gleichkommt. Und dieses konservative BĂŒrgertum handelt seine Grenzen aus.
Susanne Dagen hat diese Grenze mehrfach ĂŒberschritten. 2019 vollzog sie den Schritt zur Politikerin, wie sie selbst im Interview mit Deutschlandfunk kundtat, und trat zur Dresdner Stadtratswahl fĂŒr die »Freien WĂ€hler« an – in ihrem Wahlkreis gemeinsam mit PEGIDA-MitbegrĂŒnder Rene Jahn. Als »Traumpaar« gaben sie dem Magazin »COMPACT« ein Interview und lĂ€chelten von Wahlplakaten am rechts-elbigen Hang. Um fĂŒr die »Freien WĂ€hler« antreten zu können, gab Dagen ihren Sitz im Kuratorium der AfD-nahen »Desiderius-Erasmus-Stiftung e. V.«, den sie seit 2018 innehatte, wieder ab. Seither sitzt sie zusammen mit Jens Genschmar, Frank Hannig (s. derrechterand Nr. 185) und Torsten Nitzsche im Dresdner Stadtrat und bildet die Fraktion der »Freien WĂ€hler«. Dass sie nicht fĂŒr die AfD kandidierte, lag weniger an inhaltlichen GegensĂ€tzen. Es ist ihr Selbstbild als verbindendes Scharnier. Sie wolle mit den »Freien WĂ€hlern« »das bĂŒrgerliche Lager stĂ€rken und eine BrĂŒcke bauen zwischen CDU und AfD«.

Sowohl in ihrer politischen wie auch kulturellen Arbeit will sie »die Dinge aus der Grauzone holen«. Und genau das ist das Problem. Sie breitet die Arme fĂŒr Rassismus, Antisemitismus sowie völkische Politik aus und propagiert diese Positionen inzwischen selbst – niemals ohne den Verweis auf ihr unermĂŒdliches AnkĂ€mpfen gegen die EinschrĂ€nkung der Meinungsfreiheit. Dabei sind sie es selbst, die jeden Gedanken von PluralitĂ€t, Gleichheit und LiberalitĂ€t verabscheuen.




Quelle: Der-rechte-rand.de