MĂ€rz 24, 2021
Von Assoziation Autonomer Umtriebe
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Update: 24.3.21 Der Staat knickt vor den Interessen des Kapitals ein, Beschluss der „Ruhetage“ zurĂŒck genommen.

Nachdem vorgestern neue Lockdown Regelungen beschlossen wurden (1) stellt sich immer mehr die Frage nach der Sinnhaftigkeit staatlicher Maßnahmen, wem sie nutzen und wem sie rein gar nichts nutzen.

Ein paar Anregungen zur Diskussion in verdammt schwierigen Zeiten.

First of all: Eine dritte Welle war absehbar. Die Lockerungen vor zwei Wochen haben die Infektionslage beschleunigt. Zum ersten Mal wurden jetzt AnsĂ€tze eines wirtschaftlichen Lockdowns beschlossen. Bisher wurde versucht inhaltlich alles auf individuelles Verhalten zu beschrĂ€nken, und das Leben an sich als Entfaltung in der Freizeit betrachtet, aber ausgeblendet, dass man frĂŒh morgens aus den beengten WohnverhĂ€ltnissen in voll besetzen Bussen und Bahnen zum unterbezahlten Arbeitsplatz ohne ausreichend Sicherheitsabstand gelangt.

Gesundheit ist eine Frage des Einkommens

WorĂŒber es nĂ€mlich keine Studien in Deutschland gibt ist ein Umstand der dadurch eindeutig nachvollziehbar ist – wer einen Scheißjob mit niedrigem Einkommen hat, hat nicht nur eine höhere Wahrscheinlichkeit an Covid-19 zu erkranken, es zeichnet sich auch ein schwererer Verlauf ab. Drastischer betroffen sind Menschen, die von Sozialhilfen leben und/oder einen Migrationshintergrund haben (2). Was es bedeutet Arbeiter*in wĂ€hrend der Corona Pandemie zu sein sollten wir uns gegenseitig selbst erzĂ€hlen und kann beispielsweise in den Lockdown Interviews (Stand Februar 2021) der Angry Workers aus London nachgelesen werden.

Kapitalismus ist keine Frage der Gesundheit

GrĂŒndonnerstag und Karsamstag sollen dieses Jahr zu „Ruhetagen“ erklĂ€rt werden, oder gleich zum ausnahmsweisen Feiertag. Wirtschaftlicher Lockdown war eine Forderung der „Zero Covid“ Kampagne (siehe dazu Solidarisch gegen Corona: Warum Zero Covid kein Lockdown von unten ist). Aber wir sprechen hier von lĂ€cherlichen zwei Tagen, zumal fĂŒr produzierende Betriebe mehrheitlich ohnehin nur der GrĂŒndonnerstag als „Ruhetag“ in Betracht kommt. Und genau dagegen laufen nun Vertreter*innen des deutschen Kapitals Sturm – wegen einem Tag, an dem kein Mehrwert geschöpft wird, kein Umsatz erwirtschaftet wird. Das ist geradezu absurd! „Dringende Produktionsprozesse werden gestoppt, ArbeitsplĂ€ne werden kurzfristig ĂŒber den Haufen geworfen“, spricht der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Kapitalverbands VDMA. Das „verursacht auch erhebliche Kosten“. Ob dies fĂŒr den Infektionsschutz dienlich sei, wenn die Industrie einen zusĂ€tzlichen Tag stillstehe, sei „nicht nachvollziehbar“ (3). Das mag durchaus zu diskutieren sein, aber dem Kapital geht es um etwas ganz anderes, da man einen Ein-Tages-Produktionsstopp als Angriff auf ihre staatlich ungern angetastete unternehmerische Freiheit betrachtet. Wohl gemerkt, es geht um einen Tag. Das deutsche Kapital braucht bloß nicht meckern, an finanzieller UnterstĂŒtzung durch den Staat hat es seit Beginn der Pandemie nicht gemangelt.

Was bedeutet die „Ruhetag“ Regelung nun eigentlich fĂŒr uns LohnabhĂ€ngige? Rein gesetzlich kann Arbeiter*innen, die an einem Ruhetag arbeiten mĂŒssen, ein Ausgleichstag innerhalb von 8 Wochen gewĂ€hrt werden. Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich Betriebe Schlupflöcher suchen oder VerbĂ€nde gar dagegen klagen. Wenn du im Supermarkt, am Steuer eines Busses, im Krankenhaus usw. arbeitest, hast Du so oder so schlechte Karten. Du wirst arbeiten mĂŒssen. Du bist dann mit ziemlicher Sicherheit weiblich und/oder hast einen Migrationshintergrund. Was uns mit Verweis auf oben erwĂ€hnte Risiken einer Infektion wieder zum Ursprung fĂŒhrt: das deutsche Kapital kam bisher mit ein paar Beulen durch die Corona Krise, es werden nur Verzögerungen der sogenannten „wirtschaftlichen Erholung“ prognostiziert (4).

FĂŒr uns hat Lohnarbeit nichts mit Erholung zu tun und unserer wirtschaftlichen Situation hilft es insofern, dass das Geld bis zum Ende des Monats reichen muss. Hier sind wir wieder an einem Punkt angelangt, der vor einem Jahr unsere Überlegungen zu den Auswirkungen der Corona Pandemie auf unsere politische Praxis und unseren Anspruch die RealitĂ€t des Kapitalismus revolutionĂ€r umzuwĂ€lzen, prĂ€gte.

Es ging und geht um: SelbstermÀchtigung von unten

TatsĂ€chlich war im MĂ€rz und v.a. im April 2020 eine deutliche Anzahl an globalen betrieblichen KĂ€mpfen zu verzeichnen, in denen Menschen direkt fĂŒr ihre kollektiven Interessen spontan gestreikt und gegen Infektionsgefahren am Arbeitsplatz protestiert haben. Auch in Dachau gab es das. Die Arbeiter*innen des Dachauer Klinikums haben in Statements, Kundgebungen in der Stadt und im Betrieb ihre Interessen und ihre Kritik am Helios Konzern, dem die Klinik gehört, mehr als deutlich gemacht. Auch wenn es gerade weniger Akte des Widerstands am Arbeitsplatz gibt, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. In Italien haben ganz aktuell landesweit alle Amazon Arbeiter*innen gestreikt. Gerade Amazon ist einer der grĂ¶ĂŸten Nutznießer der Corona Pandemie und berĂŒhmt berĂŒchtigt fĂŒr beschissene Arbeitsbedingungen. Es gibt KĂ€mpfe, wir mĂŒssen sie nur suchen, sehen, verbreiten und uns ĂŒber unsere Möglichkeiten austauschen. Denn die Reaktion darauf ist gewaltig. Zuletzt wurde am 10.3.21 ein Streik von Arbeiter*innen der Textilfabrik Texprint in Prato von der italienischen Polizei angegriffen (was auch auch in einem Video dokumentiert ist).

Ein Netz der SolidaritÀt spannen

KĂ€mpfen ist möglich, kĂ€mpfen ist immer möglich, kĂ€mpfen ist immer besser als die Dinge ĂŒber sich ergehen zu lassen. Es geht immer um etwas besseres fĂŒr alle! KontaktbeschrĂ€nkungen nerven, aber es macht einen gemeinsamen Austausch untereinander nicht unmöglich. Wir können uns gegenseitig unterstĂŒtzen, ob in der Nachbarschaft, in Stadtteilen, in der Arbeit, in der Schule. Das fĂ€ngt im Kleinen an und kann sich im GrĂ¶ĂŸeren wiederfinden.

Lest, diskutiert in euren Crews und Freundeskreisen, zieht fĂŒr euch die SchlĂŒsse.

(1) https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-gipfel-oeffentliches-leben-soll-ueber-ostern-runtergefahren-werden-a-90bfa506-9c7a-4444-bcf5-7a6159b4e1ae

(2) https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2021/Corona-Hoeheres-Risiko-fuer-Arme,corona6980.html

(3) https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/corona-lockdown-ueber-ostern-was-bedeutet-das-fuer-arbeitnehmer-17259296.html

(4) https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/bip-konjunktur-prognose-wirtschaftsweise-sachverstaendigenrat-101.html




Quelle: Aaud.noblogs.org